{"id":155405,"date":"2026-05-13T03:58:21","date_gmt":"2026-05-13T03:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/155405\/"},"modified":"2026-05-13T03:58:21","modified_gmt":"2026-05-13T03:58:21","slug":"lateinamerika-zwischen-trump-und-china-lateinamerika-als-partner-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/155405\/","title":{"rendered":"Lateinamerika: Zwischen Trump und China: Lateinamerika als Partner Europas"},"content":{"rendered":"<p>Trumps Au\u00dfenpolitik ver\u00e4ndert nicht nur das transatlantische Verh\u00e4ltnis. Sie zwingt Europa auch dazu, die Zusammenarbeit mit den L\u00e4ndern Lateinamerikas zu verst\u00e4rken. Denn wie der kanadische Premierminister Mark Carney in seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine vertiefte Kooperation der Mittelm\u00e4chte treffend formulierte: \u201eWenn wir nicht am Tisch sitzen, dann stehen wir auf der Speisekarte.\u201c Das gilt f\u00fcr europ\u00e4ische Nato-Partner ebenso wie f\u00fcr die L\u00e4nder des von Trump wie der \u201eUS-Hinterhof\u201c behandelten Kontinents. Es ist h\u00f6chste Zeit, dass Europa seine Allianzen mit diesem Kontinent der Mittelm\u00e4chte (Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile, Kolumbien) intensiviert.<\/p>\n<p>Europa und die Staaten Lateinamerikas, die ihren Kurs in schwierigem Fahrwasser zwischen den Polen USA und China finden m\u00fcssen, sollten dabei verst\u00e4rkt auf das Potenzial f\u00fcr eine strategische Partnerschaft zwischen beiden Regionen setzen. Beide Seiten eint das Interesse an strategischer Autonomie, an multilateraler Kooperation und an einer internationalen Ordnung, die nicht allein von Gro\u00dfmachtkonkurrenz gepr\u00e4gt wird. Dass eine solche Partnerschaft auf gesellschaftliche Resonanz sto\u00dfen k\u00f6nnte, zeigen die Umfragedaten des <a href=\"https:\/\/amlatradar.org\/en\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">AMLAT-Radar <\/a>aus der Region. Drei f\u00fcr die Gestaltung unserer Beziehungen zu Lateinamerika relevante Erkenntnisse lassen sich daraus ziehen:<\/p>\n<p>Erstens w\u00e4chst in Lateinamerika das Bed\u00fcrfnis nach Alternativen zu den USA als internationalem Partner. Keine globale F\u00fchrungsfigur generiert mehr Misstrauen auf dem Kontinent als Pr\u00e4sident Trump. Sowohl die Auswirkungen seiner Au\u00dfenpolitik als auch die bilaterale Kooperation werden extrem negativ bewertet \u2013 was angesichts seiner Bullying-Methoden, von Wahlbeeinflussung bis hin zu v\u00f6lkerrechtswidrigen Milit\u00e4raktionen, nicht verwundert. J\u00fcngst enth\u00fcllte das spanische Portal Canal Red\u00a0mit dem Skandal \u201e<a href=\"https:\/\/hondurasgate.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Hondurasgate<\/a>\u201c, dass ein ultrarechtes Netzwerk Desinformationskampagnen zur Destabilisierung der progressiven Regierungen in Kolumbien und Mexiko plane, unter anderem mit finanzieller Unterst\u00fctzung des argentinischen Pr\u00e4sidenten Milei. Die \u00fcberraschende Freilassung des ehemaligen honduranischen Pr\u00e4sidenten Hernandez aus der Haft in den USA ist nur ein Puzzleteil einer Strategie, die die Souver\u00e4nit\u00e4t der L\u00e4nder des Kontinents bedroht.<\/p>\n<p>Zweitens existiert in Lateinamerika wenig Interesse an einer neuen globalen Blockbildung. Zwar sieht knapp die H\u00e4lfte der Befragten ihr Land unter Druck, sich zwischen den USA und China entscheiden zu m\u00fcssen. Gleichzeitig hat die Wahrung strategischer Autonomie hohe Priorit\u00e4t. Entsprechend werden China, den USA und Europa eher komplement\u00e4re Rollen zugeschrieben. Besonders bemerkenswert ist dabei Chinas Ansehensgewinn. Seit der letzten Umfrage hat nur Peking seine Position verbessert \u2013 nicht nur bei Technologie, Handel und Infrastruktur, sondern zunehmend auch in Kultur und Bildung. China hat die USA inzwischen sogar als bevorzugtes Entwicklungsmodell abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Europa wird als f\u00fchrende Kraft gesehen bei der Verteidigung der Menschenrechte, humanit\u00e4rer Hilfe, Umwelt- und Klimaschutz sowie bei der Friedenssicherung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Europa muss der Ansehensgewinn Chinas kein Problem sein: Die Daten des AMLAT-Radars legen \u2013 drittens \u2013 f\u00fcr Europa eine sehr relevante komplement\u00e4re Rolle nahe. Gerade bei den Themen, die weit oben auf der lateinamerikanischen Sorgenliste rangieren, wird Europa weiterhin als f\u00fchrende Kraft gesehen: bei der Verteidigung der Menschenrechte, humanit\u00e4rer Hilfe, Umwelt- und Klimaschutz sowie bei der Friedenssicherung. Die Kompetenzzuschreibung in diesen Bereichen ist in den letzten vier Jahren zwar verblasst. Zudem verliert Europa deutlich an Attraktivit\u00e4t als Integrations- und Entwicklungsmodell, die bilaterale Kooperation wird kritischer bewertet und Europas strategische Autonomie von den USA weniger stark eingesch\u00e4tzt als noch vor vier Jahren \u2013 all das ist ein Weckruf, aktiv zu werden. Dennoch bleibt Europa insbesondere beim Klima- und Umweltschutz sowie im Kampf gegen Armut und Ungleichheit ein bevorzugter Partner. Genau darin liegt Europas strategische Chance.<\/p>\n<p>Statt Lateinamerikas Beziehungen zu China aus einer Logik des alten Blockdenkens heraus reflexhaft zu problematisieren, sollten Deutschland und Europa sich vor diesem Hintergrund fragen, wie sie als Partner wieder an Attraktivit\u00e4t gewinnen k\u00f6nnten. An Kooperationsbereitschaft und -erwartungen mangelt es in Lateinamerika gegen\u00fcber Europa nicht \u2013 speziell entlang einer progressiven Agenda. Vier Themen dr\u00e4ngen sich auf:<\/p>\n<p>Erstens die Klima- und Umweltpolitik. Der Kontinent hat f\u00fcr das globale Klima aufgrund der gro\u00dfen Fl\u00e4chen von Prim\u00e4rwald und der gro\u00dfen Biodiversit\u00e4t eine enorme Bedeutung. In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder Koalitionen aus kooperationswilligen L\u00e4ndern zum Umwelt- und Klimaschutz zusammengetan, wobei europ\u00e4ische und lateinamerikanische L\u00e4nder eine Pionierrolle einnahmen: Vor kurzem kamen in Kolumbien 60 L\u00e4nder zur ersten <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/wirtschaft-und-oekologie\/artikel\/aufbruch-in-santa-marta-9020\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Konferenz Transitioning away from Fossil Fuels<\/a>\u00a0zusammen, um den Ausstieg aus fossilen Energien voranzutreiben. Gastgeber waren Kolumbien und die Niederlande.<\/p>\n<p>Zweitens Handel und Investitionen: F\u00fcr Europa steht derzeit vor allem die Absicherung von Lieferketten und Exportm\u00e4rkten im Vordergrund. Hintergrund sind die eigene Wirtschaftskrise und die kriegsbedingten Verwerfungen des Welthandels. In Lateinamerika w\u00fcnscht man sich allerdings von Europa keinen neuen Extraktivismus, der meist verw\u00fcstete Landschaften hinterl\u00e4sst und kaum Entwicklungseffekte hat. Gefragt sind vielmehr Investitionen und Handelsbeziehungen, die so gestaltet sind, dass sie zur materiellen Verbesserung der eigenen Lebensumst\u00e4nde beitragen. Die Interessenkongruenz in Zeiten des US-amerikanischen Zollkriegs hatte bereits Anfang Mai zur vorl\u00e4ufigen Inkraftsetzung des <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/themen\/wirtschaft-finanzen-oekologie-soziales\/eu-mercosur-abkommen-eine-strategische-analyse-aus-der-perspektive-des-mercosur\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">EU-Mercosur-Handelsabkommens<\/a>\u00a0gef\u00fchrt. Hier \u2013 wie auch bei anderen Handelsabkommen \u2013 gilt es dementsprechend, nun bei der Umsetzung auf die sozialen, die wirtschaftlichen und auf die Umwelteffekte zu achten.<\/p>\n<p>Drittens teilt Lateinamerika mit uns ein gro\u00dfes Interesse an der Verteidigung und Vertiefung der Demokratie. Einer der Hauptbeweggr\u00fcnde f\u00fcr die progressiven Regierungschefs Lateinamerikas, sich 2024 in der Allianz Democracia Siempre\u00a0zusammenzuschlie\u00dfen, war die Sorge um die Aush\u00f6hlung der Demokratie durch Desinformationskampagnen. Der Gefahren der Dominanz der US-amerikanischen Tech-Konzerne sind sie sich bewusst. Brasilien wagte es gar, Musks Plattform X abzuschalten, als sich diese nicht an die brasilianische Rechtsprechung hielt. Eine tats\u00e4chliche digitale Souver\u00e4nit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit durch den Aufbau eigener digitaler Infrastruktur \u2013 Hardware wie Software \u2013 ist jedoch noch in weiter Ferne. Dies k\u00f6nnte ein wichtiges Thema f\u00fcr die Kooperation sein: Alternativen zu entwickeln, die sich den Akkumulationsmechanismen und der Herrschaft von Monopolkonzernen entziehen. Als weitere zentrale demokratiezersetzende Bedrohung werden in Lateinamerika der Drogenhandel und das organisierte Verbrechen gesehen \u2013 auch hier sind Erwartungen mit Europa verbunden.<\/p>\n<p>Eng verbunden mit der Demokratiekrise ist der vierte Kooperationsbereich: F\u00fcr den Abbau der Ungleichheit schaut Lateinamerika ebenfalls nach Europa. Dabei geht es um die Bek\u00e4mpfung von Armut und gesellschaftlicher Ungleichheit, aber eben auch um die internationale Dimension. Verst\u00e4ndigungen \u00fcber die Besteuerung von digitalen Dienstleistungen, \u00fcber Strategien gegen die extreme Konzentration von Reichtum und konkret das Vorantreiben der globalen Mindeststeuer sollten Teil dieser gemeinsamen Agenda sein. Der Kampf gegen Steueroasen und Geldw\u00e4sche sowie die Umgestaltung internationaler Finanzsysteme und ein Schuldenerlass sollten ebenfalls neuen Impetus erhalten.<\/p>\n<p>Europa und Lateinamerika verbindet das Interesse, auch in einer polarisierten Welt politische Handlungsf\u00e4higkeit zu bewahren.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine solche Agenda g\u00e4be es eine sehr fruchtbare Grundlage kultureller N\u00e4he sowie geteilter Werte und Einstellungen. Die Umfrage offenbart in Lateinamerika unver\u00e4ndert breite Unterst\u00fctzung f\u00fcr Demokratie, Menschenrechte, Kooperation und Frieden. Auf Regierungsebene ist das Interesse an einer progressiven Agenda aktuell freilich gemischt: W\u00e4hrend die Staatsoberh\u00e4upter Brasiliens, Mexikos und Kolumbiens den weltweiten Schulterschluss mit Progressiven suchen, haben andere \u2013 wie Argentiniens libert\u00e4rer Pr\u00e4sident Milei \u2013 Trump Gefolgschaft geschworen. Der au\u00dfenpolitische Kurs kann sich in den L\u00e4ndern Lateinamerikas jedoch mit einem Regierungswechsel schlagartig \u00e4ndern, wie 2022 in Brasilien und nun Anfang diesen Jahres in Chile zu sehen war. Im Interesse der Nachhaltigkeit sollten Deutschland und Europa die Zusammenarbeit daher nicht nur mit den Regierungen, sondern auch auf gesellschaftlichen Ebenen f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Die Gelegenheit f\u00fcr Europa, seine Sichtbarkeit in Lateinamerika zu erh\u00f6hen, ist derzeit g\u00fcnstig. Denn viele L\u00e4nder der Region suchen bewusst nach Alternativen und sehen Europa trotz verblassenden Ansehens weiterhin als wichtigen Partner f\u00fcr Demokratie, soziale Gerechtigkeit sowie Klima- und Umweltpolitik. Genau darin liegt die strategische Chance f\u00fcr beide Seiten: Europa und Lateinamerika verbindet das Interesse, auch in einer polarisierten Welt politische Handlungsf\u00e4higkeit zu bewahren. Mit Blick auf die eigene Bedeutung auf der globalen B\u00fchne ist man in Lateinamerika selbstbewusst \u2013 und zuversichtlich: In f\u00fcnf Jahren sieht man sich zwar weiterhin deutlich hinter den USA und China, aber in etwa auf Augenh\u00f6he mit Europa. Mittelm\u00e4chte eben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Trumps Au\u00dfenpolitik ver\u00e4ndert nicht nur das transatlantische Verh\u00e4ltnis. 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