{"id":1555,"date":"2026-02-19T23:31:22","date_gmt":"2026-02-19T23:31:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/1555\/"},"modified":"2026-02-19T23:31:22","modified_gmt":"2026-02-19T23:31:22","slug":"komponist-gyoergy-kurtag-ist-hundert-jahre-alt-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/1555\/","title":{"rendered":"Komponist Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1g ist hundert Jahre alt \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1g ist der letzte \u00dcberlebende der gro\u00dfen Komponistengeneration um <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/luigi-nono\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Luigi Nono<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/pierre-boulez\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pierre Boulez<\/a> und Gy\u00f6rgy <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/ligeti\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ligeti<\/a>, er mustert seine Besucher mit einem stechenden Blick, der sofort verr\u00e4t, dass da nicht irgendein 100-J\u00e4hriger in seinem Lieblingssessel sitzt. In der Bachtrack-Statistik f\u00fcr 2025 war er in der Top Ten der meistgespielten lebenden Komponisten, nach all den Jubil\u00e4umskonzerten zu seinem Hundertsten wird er heuer wohl auch die Top Drei st\u00fcrmen. Neben ihm liegt eine offene Haydn-Partitur, wegen seines schlechten Geh\u00f6rs muss er Musik mittlerweile lesen. Als er zu erz\u00e4hlen anf\u00e4ngt, redet er langsam, aber klar. Im Kopf ist er voll da, in seiner kleinen, modern eingerichteten Wohnung im Budapest Music Center.<\/p>\n<p>Kurt\u00e1g gilt seit Jahrzehnten als einer der wichtigsten Zeitgenossen der Musikszene. Stars wie Sir <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/andras-schiff\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Andr\u00e1s Schiff<\/a>, Mitsuko Uchida oder <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/igor-levit\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Igor Levit<\/a> schw\u00f6ren auf seine Klavierminiaturen, seine erste Oper \u201eFin de Partie\u201c wurde 2018 in der Mail\u00e4nder Scala uraufgef\u00fchrt und seitdem auch in Wien, Berlin und Paris gefeiert. Eine beeindruckende Karriere \u2013 hinter der sich allerdings jahrelange Schaffenskrisen und Schreibblockaden verbergen. Auf der Suche nach deren Ursprung landen wir zun\u00e4chst in Frankreich: \u201e1957 war das einzige Jahr meines Lebens, als ich geraucht habe. Ich lebte damals in Paris und a\u00df so viel, dass ich danach 20 Kilo abnehmen musste.\u201c<\/p>\n<p>1957 steckte Kurt\u00e1g also schon in einer Krise. Dabei war er endlich im Westen und nahm Unterricht bei Darius Milhaud und <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/olivier-messiaen\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Olivier Messiaen<\/a>. \u201eMilhauds Musik war mir zu d\u00fcnnfl\u00fcssig, als Mensch war er aber unglaublich sympathisch. Messiaens Analysen von Strawinsky, Debussy und Mozart fand ich gro\u00dfartig.\u201c Geschichten \u00fcber die beiden muss man ihm aber entlocken, er erz\u00e4hlt lieber \u00fcber seine Begegnung mit der Psychologin Marianne Stein: \u201eF\u00fcr mich war sie im R\u00fcckblick viel wichtiger.\u201c Die Therapie bei ihr war so einschneidend, dass Kurt\u00e1g sein Leben immer noch in davor und danach unterteilt. \u201eSie schaffte es rein \u00fcber Gespr\u00e4che, dass ich nach fast zwei Jahren wieder zu komponieren begann.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Die von den Sowjets blutig niedergeschlagene Ungarische Revolution von 1956 war offensichtlich ein Ausl\u00f6ser seiner Schaffenskrise: \u201eDamals ist meine ganze Welt zusammengebrochen. Bis dahin waren die Russen f\u00fcr mich Befreier, ich wusste nicht, dass auch sie Konzentrationslager betrieben.\u201c Kurt\u00e1gs Freund und Kollege Gy\u00f6rgy Ligeti verlie\u00df mit der Emigrationswelle nach der Revolution das Land und wurde im Westen schon in den 60-er Jahren weltber\u00fchmt. Kurt\u00e1g blieb in der Heimat, fast aber w\u00e4re es anders gekommen: \u201eEigentlich wollten wir mit Ligeti gemeinsam in den Westen. Hier k\u00f6nne man nicht mehr komponieren, meinte er. Ich musste davor aber mit meiner Frau unseren Sohn abholen, den wir nach dem Ausbruch der K\u00e4mpfe au\u00dferhalb der Stadt in Sicherheit gebracht hatten. Wegen einer Explosion konnte unser Zug dann lange nicht zur\u00fcck nach Budapest fahren, sodass die Ligetis ohne uns abfuhren. Wir sa\u00dfen schon im n\u00e4chsten Zug Richtung Westen, aber die Schwiegermutter Ligetis holte uns mit der Information ein, dass die Grenze geschlossen war.\u201c<\/p>\n<p>Kurt\u00e1g gab den Traum von der Emigration nicht auf, 1957 wurde ihm mit seiner Frau ein Aufenthalt in Paris offiziell genehmigt. Sie fuhr nach wenigen Wochen aus Paris zur\u00fcck, um Gy\u00f6rgy Junior zu holen. \u201eMan lie\u00df sie fast ein halbes Jahr glauben, dass auch er ausreisen d\u00fcrfe, bis ihr am Ende jemand aus dem Ministerium mitteilte: Mit dem Kind werden wir Sie das Land nie verlassen lassen.\u201c<\/p>\n<p>Von seiner Schaffenskrise in Paris springt Kurt\u00e1g pl\u00f6tzlich zum Zweiten Weltkrieg \u2013 offensichtlich eine weitere pr\u00e4gende Station in seiner von Traumata gepr\u00e4gten Jugend. Im n\u00f6rdlichen Teil Siebenb\u00fcrgens ermordeten die Nazis und ihre ungarischen Helfer fast alle J\u00fcdinnen und Juden. Kurt\u00e1g \u00fcberlebte Krieg und Holocaust in Timi\u0219oara; die Stadt geh\u00f6rte bis zum Ersten Weltkrieg ebenfalls zu Ungarn, blieb aber auch nach 1940 bei Rum\u00e4nien. Dort war die Lage weniger lebensgef\u00e4hrlich, au\u00dferdem konnte er sich mit seiner j\u00fcdischen Familie im letzten Moment protestantisch taufen lassen. \u201eIch konfirmierte zweimal, erst j\u00fcdisch, dann protestantisch. Ich wollte zu meinem Wort stehen und hatte deshalb jahrelang vor, Theologie zu studieren.\u201c W\u00e4hrend er bei den Piaristen lernte, gelangte er \u00fcber Freunde in den antifaschistischen Untergrund. \u201eKonkret habe ich nur einmal im Widerstand mitgeholfen, ich spielte den Liebhaber einer K\u00e4mpferin, die dabei Flugbl\u00e4tter verteilte. Piaristen und Antifaschismus, eine nette Mischung, oder?\u201c<\/p>\n<p>Auch nach dem Einmarsch der Russen behielt er seinen Sinn f\u00fcr ungew\u00f6hnliche Kombinationen: \u201eIch wurde auf Bitten des Bischofs von Timi\u0219oara Kantor, gleichzeitig schrieb ich f\u00fcr eine kommunistische Zeitung.\u201c<\/p>\n<p>Eigentlich wollte er aber so schnell wie m\u00f6glich nach Budapest, um bei B\u00e9la <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/bartok\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" atom=\"\" komponist=\"\" gy=\"\" kurt=\"\" ist=\"\" hundert=\"\" jahre=\"\" alt=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bart\u00f3k<\/a> zu studieren. Er \u00fcberquerte die Grenze illegal, \u201ein einen Zug, der f\u00fcr Schmiergeld nicht kontrolliert wurde\u201c. Bei der Aufnahmepr\u00fcfung erwarteten ihn schwarze Flaggen: Bart\u00f3k war noch im Exil in den USA gestorben. Er verlor damit sein Vorbild, traf daf\u00fcr bei der Pr\u00fcfung den drei Jahre \u00e4lteren Ligeti. \u201eAls ich seine Kompositionen sah, wusste ich, dass er kein Student, sondern ein fertiger Komponist war.\u201c Die beiden jungen Gy\u00f6rgys teilten ihre j\u00fcdische Herkunft, die Kindheit in Rum\u00e4nien, die Liebe zu Bart\u00f3k, sie wurden lebenslange Freunde.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste pr\u00e4gende Begegnung war die mit seiner sp\u00e4teren Frau M\u00e1rta bei ihrem Klavierlehrer, den er noch aus Rum\u00e4nien kannte. \u201eIhr Lehrer meinte zu ihr, ich sei ein begabter Pianist.\u201c Kurt\u00e1g mimt \u00fcberraschend authentisch eine zutiefst skeptische junge Frau: \u201eEr? Dieser Idiot ein begabter Pianist?\u201c Die Erinnerung bringt ihn zum ersten Mal im Gespr\u00e4ch zum Lachen. \u201eIch sollte etwas spielen, nach zwei Minuten aus Liszts ,Marchant sur les flots\u2019 entschied sie sich, mich zu heiraten, meinte sie sp\u00e4ter.\u201c M\u00e1rta gab f\u00fcr ihn ihre vielversprechende Karriere als Pianistin auf und wurde seine wichtigste Ersth\u00f6rerin und Kritikerin. Ihre gemeinsamen Auftritte genie\u00dfen mittlerweile Legendenstatus, auf\u00a0YouTube\u00a0hat ein Video mit den Beiden eine halbe Million Views. Wie sie da mit \u00fcberkreuzten H\u00e4nden seine zarten Bach-Bearbeitungen spielen, scheinen sie fast zu einer Person zu verschmelzen.\u00a0<\/p>\n<p>Nach der erzwungenen R\u00fcckkehr aus Paris unterrichtete Kurt\u00e1g Klavier und komponierte nur nebenbei, bis ihn sein Chef \u00fcberzeugte, sich aufs Komponieren zu konzentrieren. \u201eIch unterrichtete Zolt\u00e1n Kocsis und Andr\u00e1s Schiff, h\u00e4tte sie aber haupts\u00e4chlich auf Wettbewerbe vorbereiten sollen. Ich \u00fcbergab sie dann an Ferenc Rados, der Stars aus ihnen machte. Stattdessen fing ich an, in Vollzeit zu komponieren, motiviert von meinem Chef in der Akademie, Andr\u00e1s Mih\u00e1ly. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass Mih\u00e1ly der Cousin von Marianne Stein war. Ein seltsamer Zufall, ich verdanke beiden Cousins sehr viel.\u201c<\/p>\n<p>Langfristig konnte auch die Therapie in Paris seine Schreibblockaden nicht beenden, immer wieder konnte er wochenlang nicht schreiben. \u201eIch war dann wie gel\u00e4hmt.\u201c War es eine Depression? \u201eJa, das kann schon sein.\u201c Eine zweite Marianne Stein traf er nicht, die sp\u00e4teren Blockaden l\u00f6ste er durchs Zeichnen. \u201eDas ging mit dem Rauchen in Paris los. Ich begann mit Zigarettenst\u00fcmmeln und Streichh\u00f6lzern Formen auf dem Boden auszulegen. Irgendwann konnte ich das Putzen nicht mehr weiter aufschieben, also zeichnete ich die Formen ab. Und dann blieb ich beim Zeichnen. Dabei musste ich in der Schule zweimal eine Nachpr\u00fcfung in Zeichnen machen.\u201c So fand er zu seiner Musiksprache: \u201eIch fand in meinen Zeichnungen die Formen, die ich dann komponierte. Das waren keine akademischen Zeichnungen, ich hielt den Stift so (er zeigt seine geballte Faust) und gab krampfhaft Signale ab.\u201c\u00a0\u201eVerdichtetes Atom\u201c\u00a0nennt er diese extreme Komprimierung, f\u00fcr die seine meist kurzen, dichten St\u00fccke bekannt sind.<\/p>\n<p>Auch mit knapp 100 arbeitet er noch flei\u00dfig: \u201eAm Vormittag komponiere ich, am Nachmittag schlafe ich, mache so aus dem Abend einen zweiten Arbeitstag.\u201c So entstand seine zweite Oper \u201eDie Stechardin\u201c, die beim Minifestival zu seinem 100. Geburtstag am 20. Februar in Budapest uraufgef\u00fchrt wird. Das Libretto ist von Christoph Hein. \u201eEs geht um\u2026\u201c Eine lange, schwere Pause folgt, dann sagt Kurt\u00e1g mit leiser, gebrochener Stimme: \u201eIch lebe schon sechs Jahre ohne M\u00e1rta. Auch mein Librettist Christoph Hein verlor seine Frau, wir versuchen, diesen Verlust zu verarbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Nach M\u00e1rtas Tod war er besonders lang gel\u00e4hmt, bevor er wieder zu schreiben begann. Nach der Frage, wie er diese letzte Blockade \u00fcberwunden hat, schweigt er lang. \u201eDas wei\u00df ich eigentlich gar nicht\u201c, antwortet er schlie\u00dflich leise und schweigt weiter. \u201eEs ist immer noch schwer. Ich war 72 Jahre mit M\u00e1rta und warte nur noch darauf, dass wir endlich wieder zusammen sind.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1g ist der letzte \u00dcberlebende der gro\u00dfen Komponistengeneration um Luigi Nono, Pierre Boulez und Gy\u00f6rgy Ligeti, er&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1556,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[46,42,147,1423,44,148],"class_list":{"0":"post-1555","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-entertainment","11":"tag-interview","12":"tag-oesterreich","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1555"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1555\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}