{"id":158564,"date":"2026-05-14T19:17:07","date_gmt":"2026-05-14T19:17:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/158564\/"},"modified":"2026-05-14T19:17:07","modified_gmt":"2026-05-14T19:17:07","slug":"udo-lindenberg-die-gen-z-entdeckt-einen-alten-udo-song-von-1976-und-will-ihn-dafuer-canceln-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/158564\/","title":{"rendered":"Udo Lindenberg: Die Gen Z entdeckt einen alten Udo-Song von 1976 \u2013 und will ihn daf\u00fcr canceln"},"content":{"rendered":"<p>Kulturkampf um Udo Lindenberg: Kurz vor seinem 80. Geburtstag entdeckt eine junge Generation alte Songtexte des S\u00e4ngers. Die sollen mehr als nur problematisch sein. Doch was hat es mit den omin\u00f6sen Songs wirklich auf sich?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Er hatte wirklich lange darauf hingearbeitet. Schon zu Beginn seiner Karriere, die damals noch gar keine Karriere war, hatte er sich vorgenommen, den B\u00fcrgern in der DDR eine, nein, seine Stimme zu geben. Und er wollte f\u00fcr sie spielen. Aber das war gar nicht so leicht. Wieder und wieder wurden seine Tourpl\u00e4ne von der DDR-Obrigkeit abgeschmettert. Jetzt aber stand <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus181839204\/Udo-Lindenberg-Ich-war-ein-paar-Tage-vorm-Tod.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus181839204\/Udo-Lindenberg-Ich-war-ein-paar-Tage-vorm-Tod.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Udo Lindenberg<\/a> wirklich ganz kurz davor, sein gro\u00dfes Ziel zu erreichen. Eine gro\u00dfe Tour sollte ihn durch den Osten f\u00fchren, und das hier, am 25.\u00a0Oktober 1983, war die Generalprobe. Im Palast der Republik herrschte k\u00fcnstlich erzeugte Disziplin.<\/p>\n<p>Die 4.500 Pl\u00e4tze im gro\u00dfen Saal des DDR-Machtzentrums waren komplett mit linientreuen, handverlesenen FDJ-Mitgliedern besetzt. Auf der B\u00fchne stand Udo Lindenberg in seinem klassischen Udo-Lindenberg-Outfit: Lederjacke, Sonnenbrille, die Haltung zwischen Coolness und Kampfansage. Es war sein erster Auftritt im Osten, live \u00fcbertragen im DDR\u2011Rundfunk. Vermarktet als \u201eFriedenskonzert\u201c, erwartete die SED-F\u00fchrung eine reine Propagandaveranstaltung gegen westliche R\u00fcstungspl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Die DDR-F\u00fchrung gegen sich<\/p>\n<p>Doch Udo Lindenberg w\u00e4re nicht Udo Lindenberg, h\u00e4tte er nicht spontan mit dem staatlichen Drehbuch gebrochen. Er ging an den B\u00fchnenrand, blickte ins sterile Publikum und sprach ins Mikrofon: \u201eWeg mit dem Raketenschrott in der Bundesrepublik und in der DDR!\u201c In dieser Nacht entschied die DDR-F\u00fchrung im Stillen, dass Lindenberg im Osten keine Zukunft haben darf. Die bereits vertraglich vereinbarte Tournee f\u00fcr das Jahr 1984 wurde kurz darauf per Federstrich gestrichen. Es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass Udo Lindenberg das, was man heute weitl\u00e4ufig als sogenannte Cancel Culture kennt, erfahren sollte.<\/p>\n<p>Einmal forderte die Stiftung Humboldt Forum zum Beispiel, den Song \u201eSonderzug nach Pankow\u201c \u2013 der als Reaktion auf die DDR-Zensur geschrieben wurde \u2013 ebenfalls zu zensieren oder zumindest abzu\u00e4ndern, da im Song das Wort \u201eIndianer\u201c vorkommt. Die Debatte wurde aber schnell als das, was sie im Kern auch war, abgetan: als Absurdit\u00e4t.<\/p>\n<p>Heute, kurz vor seinem 80. Geburtstag, sieht Lindenberg sich ein weiteres Mal mit Cancel-Vorw\u00fcrfen konfrontiert. Dieses Mal sind es allerdings keine Funktion\u00e4re. Dieses Mal ist es die Generation Z, die alte Songtexte des S\u00e4ngers entdeckt und in sozialen Netzwerken anprangert. Konkret geht es etwa um den Song \u201eLolita\u201c auf dem Album \u201eGustav\u201c, erschienen 1991. Dort hei\u00dft es etwa: \u201eEr war an der Schwelle zum Blausein \/ und sie war an der Schwelle zum Frausein\u201c und weiter: \u201eIch war so um die 40 \/ und sie war 15 \/ wir wollten uns zusammentun \/ ja, wo ist\u2019n da das Problem? \/ Wir beide ziemlich jung \/ und f\u00fchl\u2019n uns gut dabei.\u201c  Oder um den Song \u201eNina\u201c von 1976. \u201eEs ist besser, Nina, wenn du jetzt gehst \/ Denn du bist erst vierzehn.\u201c<\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n schwierig, d\u00fcnnes Eis. Und dennoch nicht der Skandal, den man daraus machen m\u00f6chte. Denn der Song ist genau das: ein Song. Kunst bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Gerade Lindenberg hat seine Songs immer wieder als Milieustudien geschrieben, als \u00fcberzeichnete Momentaufnahmen kaputter Figuren, schiefer Typen, n\u00e4chtlicher Existenzen zwischen Sehnsucht, Gr\u00f6\u00dfenwahn und moralischer Verwahrlosung. Rockmusik verstand sich in jener Tradition, die Lindenberg kennengelernt hatte, bewusst als Gegenentwurf zur b\u00fcrgerlichen Ordnung der Nachkriegsgesellschaft. Die Grenz\u00fcberschreitung war also kein Unfall, sondern Teil der \u00e4sthetischen Idee.<\/p>\n<p>Mehr Sensibilit\u00e4t, weniger Kunstverst\u00e4ndnis<\/p>\n<p>Gerade die amerikanische Rockmusik, an der sich Lindenberg musikalisch und erz\u00e4hlerisch immer orientierte, lebte von diesem Impuls. Figuren tranken zu viel, nahmen Drogen, hatten destruktive Beziehungen, scheiterten grandios oder bewegten sich moralisch permanent im Graubereich. K\u00fcnstler arbeiteten ganz bewusst mit Tabubr\u00fcchen, Ambivalenzen und verst\u00f6renden Perspektiven. Nicht, weil sie p\u00e4dagogische Vorbilder sein wollten. Pop wurde damals als Kunstform begriffen, die gesellschaftliche Normen herausfordern, verschieben und manchmal auch schockieren sollte. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich darf man einen Song wie \u201eLolita\u201c heute irritierend finden. Und ja, es ist auch tats\u00e4chlich gut, dass eine junge Generation eine solche instinktive Sensibilit\u00e4t besitzt. Zahlreiche Skandale der vergangenen Jahre zeigen, dass es besser ist, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig hinzuschauen und Menschen mit Macht immer wieder zu hinterfragen. Aber zwischen Irritation und moralischer Ausl\u00f6schung liegt ein Unterschied. Wer anf\u00e4ngt, jahrzehntealte Kunstwerke ausschlie\u00dflich nach den moralischen Echtzeitstandards sozialer Netzwerke zu bewerten, landet schnell bei einer Kultur, die nicht mehr verstehen, sondern nur noch aburteilen will.<\/p>\n<p>Leider zeigt die Debatte auch ein <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus236477879\/Buecher-als-Gefahr-Triggerwarnungen-sind-Lektionen-in-Selbstgerechtigkeit.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus236477879\/Buecher-als-Gefahr-Triggerwarnungen-sind-Lektionen-in-Selbstgerechtigkeit.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">spie\u00dfb\u00fcrgerliches Verst\u00e4ndnis von Kunst<\/a>. Schon im Deutschunterricht lernt man, dass lyrisches Ich und Autor nicht dasselbe sind. Sonst w\u00e4re das so, als w\u00fcrde man Arnold Schwarzenegger vorwerfen, er habe als Terminator zu viele Menschen get\u00f6tet oder zumindest die Ermordung von Menschen verharmlost. Besonders bei Lindenberg wirkt diese Debatte deshalb auch etwas paradox. Denn ausgerechnet jener K\u00fcnstler, der einst von echten autorit\u00e4ren Strukturen mundtot gemacht werden sollte, wird heute erneut mit Forderungen nach kultureller S\u00e4uberung konfrontiert \u2013 nur eben unter anderen Vorzeichen. Damals kamen die Einw\u00e4nde von Funktion\u00e4ren in grauen Anz\u00fcgen. Heute kommen sie als emp\u00f6rte TikTok-Clips.<\/p>\n<p>Zwischen K\u00fcnstler und Kunst, zwischen strafbarem Verhalten, tats\u00e4chlicher Verherrlichung und der k\u00fcnstlerischen Darstellung moralischer Grenzbereiche muss unterschieden werden. Wer diese Unterschiede nicht mehr machen will, verengt Kunst am Ende auf p\u00e4dagogisch einwandfreie Botschaften. Und das w\u00e4re vermutlich das genaue Gegenteil von dem, wof\u00fcr Udo Lindenberg immer stand. Und auch weiterhin stehen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kulturkampf um Udo Lindenberg: Kurz vor seinem 80. Geburtstag entdeckt eine junge Generation alte Songtexte des S\u00e4ngers. 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