{"id":170481,"date":"2026-05-21T04:45:16","date_gmt":"2026-05-21T04:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/170481\/"},"modified":"2026-05-21T04:45:16","modified_gmt":"2026-05-21T04:45:16","slug":"statt-elektrolyse-hier-stroemt-weisser-wasserstoff-tonnenweise-aus-dem-boden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/170481\/","title":{"rendered":"Statt Elektrolyse: Hier str\u00f6mt wei\u00dfer Wasserstoff tonnenweise aus dem Boden"},"content":{"rendered":"<p>Forschende messen seit \u00fcber einem Jahrzehnt, wie viel Wasserstoff aus dem Gestein einer Mine entweicht. Die Antwort \u00fcberrascht \u2013 und k\u00f6nnte f\u00fcr den gesamten Wasserstoffhochlauf relevant sein.<\/p>\n<p>        <img width=\"1200\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Measuring_hydrogen_from_the_Canadian_Shield_1-e1779190549491-1200x600.jpg\" class=\"single__post-image wp-post-image\" alt=\"Forscherin misst in Mine\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"  \/><\/p>\n<p>Forschende des Teams um Barbara Sherwood Lollar erfassen in einer aktiven Mine bei Timmins (Ontario), wie viel Wasserstoff aus dem umgebenden Gesteinen entweicht. <\/p>\n<p class=\"wp-caption-source\">Foto: Barbara Sherwood Lollar<\/p>\n<p>                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/f047e5df37614e49a69f5c8c0f84f991.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"\" class=\"vg-wort-pixel\" style=\"position: absolute;\" loading=\"eager\" data-no-lazy=\"1\" data-skip-lazy=\"1\"\/><\/p>\n<p>In einer Mine bei Timmins in der kanadischen Provinz Ontario haben Forschende \u00fcber rund ein Jahrzehnt vermessen, wie viel Wasserstoff aus dem Felsgestein entweicht. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen und liefern belastbare Daten zu einer Energiequelle, die Stoff f\u00fcr viele Spekulationen bietet: den <a href=\"https:\/\/www.ingenieur.de\/technik\/fachbereiche\/energie\/volltreffer-beim-ersten-versuch-geologen-entdecken-weissen-wasserstoff\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wei\u00dfen Wasserstoff<\/a>.<\/p>\n<p>Deutschland investiert Milliarden in Elektrolyseure und Importabkommen, hat diese Wasserstoffvariante aber kaum im Blick. Dabei verspricht sie deutlich niedrigere F\u00f6rderkosten als gr\u00fcner Wasserstoff \u2013 und direkt an der deutschen Grenze, im franz\u00f6sischen Lothringen, wird das gr\u00f6\u00dfte bekannte Vorkommen der Welt vermutet.<\/p>\n<p>Was die Forscher gemessen haben<\/p>\n<p>Die Studie unter Federf\u00fchrung von Barbara Sherwood Lollar (Universit\u00e4t Toronto) und Oliver Warr (Universit\u00e4t Ottawa) basiert auf Messungen in einer aktiven Mine. \u00dcber mehrere Jahre erfasste das Team, wie viel Wasserstoff dort aus dem pr\u00e4kambrischen Gestein entweicht. Im Durchschnitt sind es nach Angaben der Forschenden 0,008 t pro Bohrloch und Jahr. Das entspricht 8 kg, dem Gewicht einer durchschnittlichen Autobatterie. Diese F\u00f6rderrate beobachtete das Team \u00fcber mindestens zehn Jahre nahezu konstant.<\/p>\n<p>Hochgerechnet auf die rund 15.000 Bohrl\u00f6cher der gesamten Mine ergibt das laut Studie einen j\u00e4hrlichen Austritt von mehr als 140 t Wasserstoff. Das entspricht nach Angaben der University of Toronto rund 4,7 Mio. kWh Energie; wobei es sich um den Brennwert des Wasserstoffs handelt, nicht um nutzbaren Strom. Rein rechnerisch lie\u00dfe sich damit der Jahresbedarf von rund 400 Haushalten decken.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"2560\" height=\"1920\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Gas_exsolving_from_groundwater_1-scaled.jpg\" alt=\"Gasbl\u00e4schen in Wassers\u00e4ule\" class=\"wp-image-58871\"\/>In einem Versuch der Forschenden gast Wasserstoff aus dem Grundwasser aus (sichtbar als aufsteigende Bl\u00e4schen in der Wassers\u00e4ule). Foto: Barbara Sherwood Lollar<br \/>\nWas die Messung anders macht<\/p>\n<p>Dass im Canadian Shield nat\u00fcrlicher Wasserstoff entsteht, wei\u00df man seit den 1990er Jahren \u2013 Sherwood Lollar selbst forscht seit \u00fcber drei Jahrzehnten zur Geochemie der dortigen Tiefenw\u00e4sser. Die jetzt erschienene Studie macht aber erstmals plausibel, dass die F\u00f6rderraten keine Momentaufnahmen sind, sondern \u00fcber Jahre hinweg stabil bleiben.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Daten zeigen, dass eine bisher ungenutzte heimische Energiequelle direkt aus dem Gestein unter unseren F\u00fc\u00dfen erschlossen werden k\u00f6nnte\u201c, l\u00e4sst sich Sherwood Lollar in der Pressemitteilung ihrer Universit\u00e4t zitieren. Co-Autor Oliver Warr verweist darauf, dass die wasserstoffproduzierenden Gesteine geologisch identisch seien mit jenen, in denen Kanada Nickel, Kupfer und Diamanten abbaue, aber auch kritische Mineralien wie Lithium, Helium, Chrom und Kobalt.<\/p>\n<p>Wei\u00dfer Wasserstoff str\u00f6mt auch anderswo aus dem Boden<\/p>\n<p>Damit kn\u00fcpft die Studie an eine Arbeit aus dem Jahr 2024 an: Eine franz\u00f6sische Forschergruppe um Laurent Truche hatte in der albanischen Bulqiz\u00eb-Chrommine \u00fcber sechs Jahre Wasserstoff-Austritte dokumentiert; das Gas besa\u00df dort eine Reinheit von 84 %, zudem waren es mindestens 200 Tonnen j\u00e4hrlich. Anders als Bulqiz\u00eb liegt die kanadische Mine aber in einem kontinentalen Schild, also einem Gesteinstyp, der laut Sherwood Lollar rund 70 % der weltweiten Erdkruste ausmacht. Die PNAS-Studie ist der erste Langzeitnachweis f\u00fcr wei\u00dfen Wasserstoff in diesem Gesteinstyp.<\/p>\n<p>Zur Reinheit des Wasserstoffs in den kanadischen Bohrl\u00f6chern \u00e4u\u00dfern sich weder die Studie noch die Pressemitteilung der University of Toronto. Da die Forschenden vor allem Gas erfassen, das aus Grundwasser ausgast, handelt es sich vermutlich um ein Gemisch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"2560\" height=\"1920\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Gas_bubbles_emerging_from_groundwater_and_measurement_probe_1-scaled.jpg\" alt=\"Eine Messsonde dokumentiert den Gasaustritt direkt am Bohrloch\" class=\"wp-image-58911\"\/>Eine Messsonde dokumentiert den Gasaustritt direkt am Bohrloch. Foto:  Barbara Sherwood Lollar<br \/>\nWas das f\u00fcr die deutsche Hochlauf-Debatte bedeutet<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungen aus dem Fachjournal National Science Review zufolge lie\u00dfe sich nat\u00fcrlich vorkommender Wasserstoff bei ausreichender Reinheit f\u00fcr 0,14 bis 3,05 US-Dollar pro kg f\u00f6rdern. Zum Vergleich: Gr\u00fcner Wasserstoff liegt nach Angaben des Deutschen Gas- und Wasserverbandes (DVGW) aktuell <a href=\"https:\/\/www.dvgw.de\/medien\/dvgw\/leistungen\/publikationen\/dvgw-frontier-h2-preise-und-kosten-factsheet.pdf\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">bei rund 16,5 Cent<\/a> pro kWh.<\/p>\n<p>Damit wei\u00dfer Wasserstoff in der EU eine Rolle spielen kann, m\u00fcsste aber die Regulatorik angepasst werden. Die ma\u00dfgebliche EU-Richtlinie RED III definiert \u201eerneuerbaren Wasserstoff\u201c \u00fcber die Stromquelle, nicht \u00fcber die geologische Herkunft. Nat\u00fcrlicher Wasserstoff f\u00e4llt damit aus dem F\u00f6rder- und Quotenrahmen, obwohl er ohne CO\u2082-Aussto\u00df und ohne Stromeinsatz entsteht. Frankreich dr\u00e4ngt seit Monaten auf eine Anpassung.<\/p>\n<p>Auch unter Deutschland?<\/p>\n<p>Die Bundesanstalt f\u00fcr Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat 2021 ein eigenes Projekt zum Thema gestartet (<a href=\"https:\/\/www.bgr.bund.de\/EN\/Themen\/Nutzung-tieferer-Untergrund\/Projekte\/H2-Speicherung\/laufend\/BiMiAb-H2_en.html?nn=864658\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">BiMiAb-H2<\/a>) und entwickelt nach eigenen Angaben Methoden zur Identifikation aussichtsreicher geologischer Strukturen. Als geologisch vielversprechendste Region in Deutschland gilt der Oberrheingraben; BGR-Geologe Peter Klitzke wird in der Fach\u00f6ffentlichkeit mit der Einsch\u00e4tzung zitiert, dass dortige Vorkommen \u201enicht auszuschlie\u00dfen\u201c seien. Das Landesamt f\u00fcr Geologie in Baden-W\u00fcrttemberg gibt an, \u201ekeine Informationen\u201c zu potenziellen Standorten zu haben.<\/p>\n<p>Im Lothringer Becken hatten Forscher der Universit\u00e9 de Lorraine 2023 zuf\u00e4llig bei einer Methanbohrung Wasserstoffkonzentrationen von bis zu 20 % in 1250 m Tiefe gemessen; Modellrechnungen sch\u00e4tzen das Gesamtvorkommen auf bis zu 46 Mio. Tonnen, was es zum gr\u00f6\u00dften bekannten Vorkommen weltweit machen w\u00fcrde. Anfang 2026 best\u00e4tigte eine 3,5 km tiefe Bohrung das Reservoir in mehreren geologischen Schichten. Spannend f\u00fcr Deutschland: Das Lothringer Kohlebecken setzt sich ins Saarland fort; auf deutscher Seite wurde der Untergrund bislang nicht systematisch auf Wasserstoff gepr\u00fcft. <\/p>\n<p>Weitere Funde oder Explorationsprojekte gibt es unter anderem im italienischen Megolo bei Domodossola, in Spanien (Pyren\u00e4en), Polen, Serbien und mehreren Balkanstaaten.<\/p>\n<p>Was die Studie offen l\u00e4sst<\/p>\n<p>140 t Wasserstoff pro Jahr entsprechen ungef\u00e4hr der Produktion eines 5-MW-Elektrolyseurs; f\u00fcr einen Stahlhochofen oder ein Ammoniakwerk reicht das nicht. Die 8 kg pro Bohrloch m\u00fcssten zudem aus einem aktiven Bergwerk eingesammelt und aufkonzentriert werden; bislang existiert noch kein industrielles Verfahren daf\u00fcr. Stattdessen gilt Wasserstoff in Minen heute vor allem als Sicherheitsrisiko.<\/p>\n<p>Was die PNAS-Studie dennoch belegt: Funde wie der Anfang 2026 in Saskatchewan werden im pr\u00e4kambrischen Untergrund keine Einzelf\u00e4lle bleiben. F\u00fcr die deutsche Hochlauf-Strategie l\u00e4sst sich daraus noch nichts ableiten. Aber klar ist: Die Datenbasis dieser Farbe der Wasserstoff-Palette w\u00e4chst schnell.<\/p>\n<p>Hinweise auf Leben unter der Erde \u2013 und wom\u00f6glich auf dem Mars?<\/p>\n<p>Der vollst\u00e4ndige Titel der Studie lautet \u201eDecadal record of continental H2 reservoirs reveals potential for subsurface microbial life and natural H2 exploration\u201c. Darin angedeutet ist eine zweite Erkenntnis, die in der Kommunikation der Universit\u00e4t etwas in den Hintergrund r\u00fcckt: Sherwood Lollars Arbeitsgruppe untersucht seit Jahren, ob mikrobielles Leben in wasserstoffhaltigen Tiefenw\u00e4ssern \u00fcberdauern kann \u2013 und nutzt diese Erkenntnisse als Modell f\u00fcr m\u00f6gliche Lebensr\u00e4ume auf dem Mars, dessen Gesteine geologisch dem pr\u00e4kambrischen Schild \u00e4hneln.<\/p>\n<p>Der austretende Wasserstoff ist in dieser Lesart nicht nur ein potenzieller Energietr\u00e4ger, sondern auch eine chemische Lebensgrundlage in einer Umgebung ohne Sonnenlicht. Sherwood Lollar ist Mitglied des US-amerikanischen NAS und NAE sowie der britischen Royal Society und geh\u00f6rt zum NASA-Beratungsumfeld f\u00fcr die Mars-Sample-Return-Mission.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1073\/pnas.2603895123\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die vollst\u00e4ndige Original-Studie finden Sie hier.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Forschende messen seit \u00fcber einem Jahrzehnt, wie viel Wasserstoff aus dem Gestein einer Mine entweicht. 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