{"id":171368,"date":"2026-05-21T13:58:09","date_gmt":"2026-05-21T13:58:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/171368\/"},"modified":"2026-05-21T13:58:09","modified_gmt":"2026-05-21T13:58:09","slug":"anderer-vivaldi-anderes-venedig-filmstart-vivaldi-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/171368\/","title":{"rendered":"Anderer Vivaldi, anderes Venedig \u2013 Filmstart \u201eVivaldi und ich\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der gefeierte venezianische Opernregisseur Damiano Michieletto hat einen Film \u00fcber den \u201eroten Priester\u201c gedreht: Antonio Vivaldi. Wie glaubhaft wirkt \u201eVivaldi und ich\u201c\u00a0aus Sicht des Musikhistorikers?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Du spielst nicht, um geliebt zu werden.\u201c Das ist der zentrale Satz in dem sehenswerten italienischen Kost\u00fcmspielfilm \u201eVivaldi und ich\u201c. Er wird eben von genau jenem komponierenden \u201eroten Priester\u201c (wegen seiner Haare) an eine seiner Sch\u00fclerinnen gerichtet. Kunst soll authentisch und uneitel sein.<\/p>\n<p>Der Satz k\u00f6nnte aber auch von seinem Regisseur <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/697b39e8d7ccc21a5b4c6b0c\/edit\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/editorial.one\/editor\/welt\/article\/697b39e8d7ccc21a5b4c6b0c\/edit&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Damiano Michieletto<\/a> zu einer S\u00e4ngerin gesagt worden sein. Denn haupts\u00e4chlich ist der gerade 50 Jahre alt Gewordene in der Oper t\u00e4tig. Ja, er ist einer der meistgefragten Musiktheater-Inszenatoren in ganz Europa, seit er 2008 f\u00fcr seine beim Rossini-Festival in Pesaro gezeigte \u201eDiebische Elster\u201c in einem spektakul\u00e4ren Ambiente aus schwebenden Riesenr\u00f6hren mit dem Premio Franco Abbiati, Italiens wichtigstem Regiepreis, ausgezeichnet wurde. Inzwischen hat es Michieletto bis nach London, Paris, Mailand, M\u00fcnchen, Dresden, Berlin, New York und Sydney geschafft.<\/p>\n<p>\u201eDeswegen war es wunderbar, als mich die Leute von Indigo Film angesprochen haben\u201c, erz\u00e4hlt Michieletto. \u201eDie kannten einige Inszenierungen von mir und fanden sie kinematografisch. Vor allem in der Art, wie ich mit den Charakteren spiele. Also kam ich mit ein paar Ideen. Eine davon war die Geschichte von Vivaldi. Ich hatte die Novelle ,Stabat Mater\u2018 von Tiziano Scarpa gelesen und dachte, das w\u00e4re etwas. Es geht um Musik. Es geht um meine Geburtsstadt Venedig. Als Venezianer saugt man dort Vivaldi-Kl\u00e4nge mit der Muttermilch auf. Manchmal fast zu viel und nicht immer in erster Qualit\u00e4t. ,Vivaldi und ich\u2018 war ein sch\u00f6nes Heimkommen. Denn auch wenn ich inzwischen in der ganzen Welt unterwegs bin: Venedig hat mich nie losgelassen.\u201c<\/p>\n<p>Zudem war ein Film f\u00fcr Damiano Michieletto etwas, das er noch nie gemacht hatte. In der Oper kann man proben, dann kommt die Premiere, beim Film muss sehr viel mehr vorher fixiert sein. So musste er aus seiner Komfortzone: \u201eWenn man in der Oper arbeitet, hat man immer die gleichen Mitwirkenden, Administratoren, Kritiker. Es ist eine sch\u00f6ne Welt, aber sehr begrenzt. Ich wollte etwas Neues versuchen, mich herausfordern.\u201c<\/p>\n<p>Aus \u201ePrimavera\u201c wird \u201eVivaldi und ich\u201c<\/p>\n<p>Und obwohl der vielbesch\u00e4ftigte Regisseur solches dieses Jahr etwa auch mit der von ihm unter anderen f\u00fcr Cecilia Bartoli konzipierten Er\u00f6ffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Mailand unternommen hat oder er sich im Juli auf der Bregenzer Seeb\u00fchne f\u00fcr \u201eLa traviata\u201c der gr\u00f6\u00dften Opern-Open-Air-Spielfl\u00e4che \u00fcberhaupt stellen wird: Die Arbeit hinter der Kamera war noch einmal etwas anderes.<\/p>\n<p>Tiziano Scarpas Buch \u201eStabat Mater\u201c von 2008 ist eigentlich nur ein langer, hier dramatisch aufgel\u00f6ster und zugespitzter Monolog des Waisenm\u00e4dchens Cecilia, das im Ospedale della Piet\u00e0, einem der drei kirchlichen Waisenh\u00e4user der Stadt, heranw\u00e4chst, die ber\u00fchmt sind f\u00fcr ihre musikalische Ausbildung. Gleichzeitig m\u00fcssen die M\u00e4dchen, die anonym bleiben und hinter Gittern spielen, mit ihren Konzerten f\u00fcr die Eink\u00fcnfte der Kl\u00f6ster sorgen. Es ist eine rigide, disziplinierte, strenge Welt, die Michieletto hier in graubrauen, winterlich k\u00fchlen T\u00f6nen zeigt. Sie erinnert in der bewusst \u00e4rmlichen, gar nicht barocken, schwelgerisch opulenten, doch pr\u00e4zisen Optik ein wenig an \u201eDie Chronik der Anna Magdalena Bach\u201c von Jean-Marie Straub von 1968.<\/p>\n<p>Im Original hei\u00dft der Film <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rvGAsILtmGs\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rvGAsILtmGs&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201ePrimavera\u201c<\/a>, nach dem \u201eFr\u00fchling\u201c aus den \u201eVier Jahreszeiten\u201c, Vivaldis ber\u00fchmtester Komposition, die freilich in der hier dargestellten Epoche um 1716, zur Zeit des Sieges der Venezianer gegen die T\u00fcrken auf Korfu, noch gar nicht ver\u00f6ffentlicht war. Doch der deutsche, zugegeben populistische Verleihtitel \u201eVivaldi und ich\u201c f\u00fchrt ein wenig in die Irre. <\/p>\n<p>Denn Michieletto weigert sich, ein weiteres Mal eine in bunten Farben und bekannten Ansichten schwelgende Venedig-Vedute vorzuf\u00fchren, und er l\u00e4sst eher kaum bekannte Musik von Vivaldi h\u00f6ren wie \u2013\u00a0von Philippe Jarussky gesungene \u2013\u00a0Kirchenkompositionen und das anl\u00e4sslich des Sieges \u00fcber die T\u00fcrken geschriebene Oratorium \u201eJuditha triumphans\u201c. <\/p>\n<p>\u201eMein Film erz\u00e4hlt von  Selbstfindung und weiblicher Emanzipation\u201c, erkl\u00e4rt Damiano Michieletto. Zugleich bietet er ein stimmungsvoll minimalistisches, doch atmosph\u00e4risches, ein anderes Venedig ab. Eines mit strengen sozialen Schranken. Trotzdem rebelliert die mittels nie abgeschickter Briefe an die unbekannte Mutter nach ihrer Identit\u00e4t suchende Cecilia erfolgreich, auch wenn sie das einen m\u00f6glichen Ehemann und ihre K\u00fcnstlerinnen-Existenz kostet.<\/p>\n<p>Am Ende l\u00e4sst sie Michieletto aus dem Kloster fliehen und er glaubt auch fest, dass sie ihre Chance bekommen wird, eben ihren \u201eFr\u00fchling\u201c. Man sieht solche Hoffnung zumindest in den faszinierenden Augen der aufstrebenden Schauspielerin Tecla Insolia, die mit dem zur\u00fcckhaltenden Michele Riondino als Vivaldi ein famoses, dabei zur\u00fcckhaltendes Duo bildet.<\/p>\n<p>Gerade auch, weil Michieletto ihnen keine Liebesgeschichte andichtet und weil Musik hier nicht nur Gef\u00fchle weckt, sondern als Mittel weiblicher Selbstfindung dient. Im realen Priesterleben Antonio Vivaldis durfte das ja auch gar nicht sein. W\u00e4hrend Cecilias Geschichte Fiktion ist, nicht aber die Tatsache, dass viele der Waisenm\u00e4dchen, die von ledigen M\u00fcttern oder Prostituierten anonym abgegeben worden waren, ein oft geteiltes, oder abgeschnittenes Bild oder Schriftst\u00fcck mitbekommen hatten, falls sich die M\u00fctter doch noch offenbaren wollten, wurde der Komponist immer wieder mit Frauen in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Die Mezzosopranistin Anna Gir\u00f2, war eine seiner besten Operninterpretinnen. Vivaldi reiste mit ihr auch nach Prag und auf seinen letzten Trip nach Wien, wo er 1741 verarmt starb. Es bleibt historisch genauso offen, wie die Beziehung war, wie spekulative Verbindungen zu den Ospedale-M\u00e4dchen, von denen einige begabte Geigerinnen, f\u00fcr die Vivaldi spezifisch schrieb, immerhin mit dem Vornamen bekannt sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Cecilia setzt sich der kr\u00e4nkelnde, wohl an Asthma leidende Vivaldi ein, ihr Schicksal verhindert er aber letztlich nicht. Als K\u00fcnstler stand er sich wohl selbst am n\u00e4chsten. Auch eine Charakterfacette, die Damiano Michielettos reizvoll andere, unsentimentale, in sparsamen Farben lasierte und nur einmal den Blick auf das Hinterland, die terra ferma, weitende Venedig-Facette als Seitenblick aus einer anderen K\u00fcnstlerwelt so realistisch erscheinen l\u00e4sst. Auch wenn sie gut erfunden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der gefeierte venezianische Opernregisseur Damiano Michieletto hat einen Film \u00fcber den \u201eroten Priester\u201c gedreht: Antonio Vivaldi. 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