{"id":171976,"date":"2026-05-21T20:14:09","date_gmt":"2026-05-21T20:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/171976\/"},"modified":"2026-05-21T20:14:09","modified_gmt":"2026-05-21T20:14:09","slug":"toten-hosen-abschied-campino-spricht-ueber-das-letzte-album-und-neue-vaterschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/171976\/","title":{"rendered":"Toten Hosen Abschied: Campino spricht \u00fcber das letzte Album und neue Vaterschaft"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Campino sitzt im ersten Stock des Hauptquartiers der Toten Hosen in D\u00fcsseldorf-Flingern, als h\u00e4tte er vergessen, dass nebenan l\u00e4ngst seine Band auf ihn wartet. Drau\u00dfen ein ehemaliges Industrieviertel, drinnen Backstein, Glas, Goldene Schallplatten. Eine Mitarbeiterin kommt irgendwann herein und erinnert daran, dass im Geb\u00e4ude gegen\u00fcber die Probe beginnen soll. Campino nickt h\u00f6flich \u2013 und redet dann trotzdem noch eine weitere halbe Stunde. Fast zweieinhalb Stunden dauert dieses Gespr\u00e4ch am Ende. Es wird weniger ein Interview als eine Art Lebensbilanz.<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngt die riesige Originalzeichnung des Covers von \u201eAuf dem Kreuzzug ins Gl\u00fcck\u201c von 1990, dem ersten Nummer-eins-Album der Band. Das Motiv ist dem Gem\u00e4lde \u201eBobr\u201c von Christian Wilhelm von Faber du Faur von 1812 nachempfunden, das den katastrophalen R\u00fcckzug der napoleonischen Armee aus Russland zeigt: Soldaten im Schnee, ersch\u00f6pft, frierend, halb besiegt. F\u00fcr das Hosen-Cover wurden daraus die Mitglieder der Band selbst. Eine verlorene Armee auf dem Weg ins Gl\u00fcck. Mehr als drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter wirkt das Bild wie eine Vorahnung auf das, wor\u00fcber Campino an diesem Nachmittag spricht.<\/p>\n<p>Am 29. Mai erscheint mit \u201eTrink aus, wir m\u00fcssen gehen\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/rheinland-pfalz-saarland\/article6a0cce4efbc1b3d9de9891e3\/ard-doku-das-letzte-album-der-toten-hosen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/rheinland-pfalz-saarland\/article6a0cce4efbc1b3d9de9891e3\/ard-doku-das-letzte-album-der-toten-hosen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">das letzte Studioalbum der Toten Hosen<\/a>. Parallel ver\u00f6ffentlichen sie mit \u201eAlles muss raus\u201c ein zweites Album, auf dem sie gemeinsam mit Weggef\u00e4hrten wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/gesellschaft\/article698e0dcbe5712c6c773ff04c\/wolfgang-niedecken-schreib-bapp-drauf-aber-lass-das-zweite-p-weg-das-sieht-scheisse-aus.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/gesellschaft\/article698e0dcbe5712c6c773ff04c\/wolfgang-niedecken-schreib-bapp-drauf-aber-lass-das-zweite-p-weg-das-sieht-scheisse-aus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wolfgang Niedecken,<\/a> Sven Regener, Blixa Bargeld, aber auch \u00fcberraschenden Duettpartnern wie Wolf Biermann, Bettina Wegner oder Vicky Leandros durch ein halbes Jahrhundert deutscher Musikgeschichte reisen. Viele der neuen Lieder handeln vom richtigen Zeitpunkt aufzuh\u00f6ren, vom Sterben, von der Polarisierung der Gegenwart \u2013 aber auch vom gro\u00dfen Gl\u00fcck ewiger Freundschaften und des Vaterseins. <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.rollingstone.de\/campino-vater-die-toten-hosen-3145427\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.rollingstone.de\/campino-vater-die-toten-hosen-3145427\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">W\u00e4hrend der zweij\u00e4hrigen Dreharbeiten zur neuen Doku \u201eDas letzte Album\u201c (abrufbar in der ARD-Mediathek)<\/a> wurde Campino zum zweiten Mal Vater, wor\u00fcber die Band auch im Film spricht. Es sind Momente, \u00fcber die der S\u00e4nger sonst kaum \u00f6ffentlich redet.<\/p>\n<p>Ab dem 7. Juni gehen die Toten Hosen auf ihre bislang gr\u00f6\u00dfte Open-Air-Tournee, die bis ins n\u00e4chste Jahr dauert. Mehr als eine Million Tickets wurden bereits verkauft, s\u00e4mtliche Konzerte in diesem Jahr sind ausverkauft. Vielleicht erkl\u00e4rt das auch die eigent\u00fcmliche Stimmung dieses Nachmittags: dass hier einer der letzten gro\u00dfen deutschen Rockstars sitzt, der gleichzeitig Abschied nimmt und noch einmal alles erleben will.<\/p>\n<p>WELT: Campino, vor drei Jahren haben Sie Mick Jagger in WELT AM SONNTAG zum 80. Geburtstag gratuliert. Sie schrieben, Sie seien fasziniert, dass der Rolling-Stones-Frontmann es im hohen Alter noch schafft, relevant zu sein. Sie bewunderten Jaggers Neugier, Lebenszufriedenheit sowie seinen Spa\u00df an der Selbstironie \u2013 und w\u00fcnschten sich, dass es noch lange, lange so weitergehen m\u00f6ge\u00a0\u2026<\/p>\n<p>Campino: (lacht) Ja, ich erinnere mich.<\/p>\n<p>WELT: Jagger wird bald 83, im Juli bringen die Stones ein neues Studioalbum heraus. Sie sind erst 63, aber das neue Studioalbum der Toten Hosen soll jetzt das letzte sein. Warum wollen Sie aufh\u00f6ren? <\/p>\n<p>Campino: Ich glaube, das Rolling-Stones-Beispiel l\u00e4sst sich leider nicht auf uns \u00fcbertragen. Die Stones sind jenseits von Gut und B\u00f6se, sie beeindrucken uns alle mit ihrem unfassbaren Lauf. Uns ging es um die Frage, wann der beste Moment w\u00e4re, sich zu verabschieden. Wir haben ja schon vor 40 Jahren in unserem Song \u201eWort zum Sonntag\u201c verk\u00fcndet: \u201eDas Ende setzen wir uns selbst.\u201c Das war auch ein Versprechen untereinander, uns selbst Bescheid zu geben: \u201eWir wollen die Ersten sein, die merken, wenn es nicht mehr ganz so toll l\u00e4uft. Wir m\u00f6chten nicht, dass uns andere sagen: Bleibt mal besser zu Hause.\u201c Meine Grundeinstellung ist: Lieber etwas zu fr\u00fch aufh\u00f6ren als zu sp\u00e4t. Unser letztes Studioalbum liegt jetzt neun Jahre zur\u00fcck. Wenn wir in solchen Zeitabst\u00e4nden weitermachten, w\u00e4re ich \u00dc-70, wenn ich unser n\u00e4chstes Album mit Ihnen besprechen w\u00fcrde. Das kann ich mir nicht mehr vorstellen. <\/p>\n<p>WELT: Nun ist Jagger mit fast 83 ja nicht der einzige aktive Best-Ager, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus689d7fb1f3b33007198412a8\/The-Beatles-Wirklich-Ihr-buht-mich-aus-fragt-Paul-McCartney-das-Hamburger-Publikum.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus689d7fb1f3b33007198412a8\/The-Beatles-Wirklich-Ihr-buht-mich-aus-fragt-Paul-McCartney-das-Hamburger-Publikum.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Paul McCartney, bald 84,<\/a> ver\u00f6ffentlicht auch ein neues Album, tritt nach wie vor in den gr\u00f6\u00dften Stadien auf, Ringo Starr, 85, nimmt ebenfalls neue Alben auf und geht auf Tournee \u2026<\/p>\n<p>Campino: Es gibt kein allgemeing\u00fcltiges Rezept daf\u00fcr, wann der richtige Zeitpunkt zum Aufh\u00f6ren gekommen ist. Ich k\u00f6nnte Ihnen jetzt auch viele K\u00fcnstler nennen, die im h\u00f6heren Alter beeindruckend sind. K\u00fcnstler, die sagen: \u201eMusik ist meine DNA, ich h\u00f6re erst auf damit, wenn ich in die Kiste gehe.\u201c Lemmy von Mot\u00f6rhead hat es so gemacht, viele Maler, Schauspieler und Schriftsteller sowieso haben in ihrer Sp\u00e4tphase Bedeutendes geschaffen. Ich frage mich nur: Muss man sich so sehr daran klammern, nur weil es gut l\u00e4uft? Wobei ich den von Ihnen genannten Musikern jetzt keineswegs unterstellen w\u00fcrde, dass dies ihr Antrieb ist. Es gibt ja viele Kollegen, die in ihrer Kunst aufgehen, obwohl sie kaum wahrgenommen werden \u2013 und es trotzdem bis zum Ende machen, weil es einfach in ihnen arbeitet. <\/p>\n<p>WELT: Offen gestanden habe ich noch nicht ganz verstanden, warum Sie aufh\u00f6ren wollen: Wer die Toten Hosen zuletzt auf Konzerten erlebt hat, jetzt Ihr neues Album und das dazugeh\u00f6rige Bonus-Album h\u00f6rt, bekommt jedenfalls nicht den Eindruck, dass bei Ihnen die Luft raus, die Leidenschaft verloren sei. <\/p>\n<p>Campino: Ganz im Gegenteil. Die Leidenschaft ist nach wie vor da. Und die Verk\u00fcndung des letzten Albums l\u00f6st in uns selbst \u00fcberhaupt keine Freude aus. Wir sind auch traurig. Ein bisschen. Aber diese Traurigkeit wird \u00fcberstrahlt von dem Gef\u00fchl, dass dieser Schritt richtig ist. <\/p>\n<p>WELT: In der ARD-Doku zu Ihrem letzten Album weinen Sie, als Sie \u00fcber das Aufh\u00f6ren reden \u2013 und wir erfahren auch, dass Sie mit \u00dc-60 noch mal Vater geworden sind. Wir sehen Sie, wie Sie im Studio mit Ihrem erwachsenen Sohn Lenn und den anderen Hosen-Musikern den Refrain zu einem neuen Song, \u201eTeddy\u201c, singen, der Ihrem neugeborenen Kind gewidmet, aber jetzt nicht auf dem fertigen Album zu h\u00f6ren ist. Was bedeutet diese sp\u00e4te Vaterschaft f\u00fcr Sie \u2013 ist sie mit ein Grund, mit der Studioarbeit aufzuh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Campino: Ich freue mich unglaublich \u00fcber meine neue Vaterschaft. Hier hat mir der liebe Gott auf sch\u00f6nste Art und Weise gezeigt, dass man nichts im Leben planen kann. Aber die Entscheidung, ein letztes Album aufzunehmen, hat nichts damit zu tun und wurde viel fr\u00fcher gef\u00e4llt. Nur mein Leben als Rentner kann ich jetzt vergessen. Das \u201eTeddy\u201c-Lied, von dem Sie sprechen, ist als Spa\u00df entstanden und hat uns auch eine Weile viel Vergn\u00fcgen bereitet, aber f\u00fcr das Album hat es letztlich nicht gereicht.<\/p>\n<p>WELT: Ihre Band-Freunde sagen in der Doku, dass diese Entscheidung, aufzuh\u00f6ren, von Ihnen ausging, sie diese aber respektieren. War das letztlich eine kollektive oder Ihre Entscheidung? <\/p>\n<p>Campino: Die Diskussion mag von mir angeschoben worden sein, aber ich hatte den Eindruck, dass ein Konsens bestand. Vielleicht nicht \u00fcber den genauen Zeitpunkt, aber dass wir diesen Schritt in n\u00e4chster Zukunft gehen w\u00fcrden, hat niemand angezweifelt. Sowas wird ja nicht in einem Gespr\u00e4ch an einem Nachmittag entschieden, das ist ein l\u00e4ngerer Prozess. Im \u00dcbrigen: Falls wir nicht selbst draufgekommen w\u00e4ren\u00a0\u2013 Ihr Journalisten fragt uns das im Grunde ja schon seit 40 Jahren, wie lange wir das noch machen wollen (lacht). Man selbst kann sich das, in die Zukunft blickend, kaum vorstellen. Und dann feiert man auf einmal den 25., dann den 30. und den 40. Band-Geburtstag. F\u00fcr alles, was wir tun, zahlen wir einen Preis. Und wenn wir mit den Toten Hosen aufh\u00f6ren, zahlen wir auch daf\u00fcr einen Preis. Aber man bekommt ja auch etwas zur\u00fcck. Die Zeit mit den Toten Hosen war und ist super intensiv. Wenn wir uns also nicht mehr so h\u00e4ufig sehen, w\u00fcrde das jedem von uns Raum geben f\u00fcr andere Aktionen. Ob man jetzt Freundschaften wieder st\u00e4rker pflegen oder andere Projekte angehen m\u00f6chte, was auch immer. Du musst im Leben auch lernen, loszulassen. <\/p>\n<p>WELT: Im Hosen-Song \u201eFreunde\u201c sangen Sie vor 21 Jahren \u201ewir sagen uns immer wieder, dass das Beste vor uns liegt\u201c. Das w\u00fcrde von heute aus betrachtet bedeuten, dass das Beste hinter Ihnen l\u00e4ge.<\/p>\n<p>Campino: Ja klar.<\/p>\n<p>WELT: Aber nochmal: Woran genau machen Sie es fest, dass die Geschichte der Toten Hosen auserz\u00e4hlt ist? <\/p>\n<p>Campino: Da kommen viele Dinge zusammen. Zum einen hat es damit zu tun, dass die Zeit, Alben so aufzunehmen, wie wir es lieben, vorbei ist. Mit einer Dramaturgie, einer bestimmten Abfolge von Songs, die f\u00fcr uns wichtig ist, weil wir uns etwas dabei gedacht haben. Dieses H\u00f6rverhalten, bei dem Leute in die Klangwelt eines Albums eintauchen, gibt es heute nicht mehr. Die Leute streamen einzelne Songs. Kommt ein neues Album heraus, wird drei, vier, f\u00fcnf Sekunden in einen Song reingeh\u00f6rt. Wenn er als schei\u00dfe oder langweilig empfunden wird, skippt man weiter. Musik wird heutzutage v\u00f6llig anders konsumiert als zu unseren Anfangszeiten. Ich will jetzt nicht rumjammern, ich akzeptiere das. Aber Musiker wie wir, die Freude haben, ein Album als Gesamtwerk zu entwickeln, mit einem besonderen Cover, wir sind eine aussterbende Art. Das neue Album sowie die dazugeh\u00f6rige Bonus-Scheibe haben wir vor allem f\u00fcr uns selbst gemacht. Als wir 1982 anfingen, hatte Musik noch eine andere Wichtigkeit, sie sprang uns an, brachte uns dazu, sich wegen der Musik zu pr\u00fcgeln: Punks, Teddyboys und Mods. Diese Zeiten lassen sich nicht mehr zur\u00fcckbringen. <\/p>\n<p>WELT: \u201eFr\u00fcher, h\u00f6r auf mit fr\u00fcher\u201c, sangen Sie in \u201eWort zum Sonntag\u201c.<\/p>\n<p>Campino: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass heute so viel Musik geh\u00f6rt wird wie nie zuvor. Aber eben auch in einer Beliebigkeit wie nie zuvor. Und deshalb f\u00e4llt es mir nicht so schwer, jetzt zu sagen: \u201eWas soll\u2019s!\u201c Einfach mal einen Song online ver\u00f6ffentlichen, wenn mir gerade einer einfallen sollte, das kann ich auch. Aber ein ganzes Album als lange Geschichte zu erz\u00e4hlen \u2013 das ist vorbei. <\/p>\n<p>WELT: Das klingt so, als h\u00e4tten Sie wie Ihr Freund J\u00fcrgen Klopp, der 2024 als Trainer beim FC Liverpool aufh\u00f6rte, weil ihm die Energie fehlte, sp\u00e4ter als Head of Global Soccer zu Red Bull ging, mit einem Kapitel abgeschlossen. Haben Sie sich mit ihm dar\u00fcber ausgetauscht? <\/p>\n<p>Campino: Ja, J\u00fcrgen macht jetzt eben etwas anderes. Ich habe seinen Abschied in Liverpool genau beobachtet, auch deshalb, weil ich mich seit L\u00e4ngerem damit befasse, was einen guten Moment ausmacht, um Dinge zu einem Abschluss zu bringen. Sein Abschied in Liverpool spielte da zuf\u00e4llig mit rein. Ich habe mit J\u00fcrgen viele Gespr\u00e4che dar\u00fcber gef\u00fchrt, wie man einen solchen Moment erkennt \u2013 und wie man das dann kommuniziert. Als wir vor einiger Zeit unser letztes Studioalbum ank\u00fcndigten, war das f\u00fcr uns auch ein Versuch, nochmal Kr\u00e4fte und Motivation aus diesem Entschluss heraus freizusetzen. So nach dem Motto: \u201eWir reiten noch einmal in den Saloon und schie\u00dfen ein letztes Mal um uns. Und das war\u2019s dann.\u201c Wir wollten eine Dringlichkeit f\u00fcr uns herstellen. Welches Thema hatten wir bisher nicht angesprochen, was war uns noch ein Bed\u00fcrfnis? <\/p>\n<p>WELT: Nun w\u00e4ren Sie nicht die erste Band, die sp\u00e4ter einen R\u00fcckzug vom R\u00fcckzug verk\u00fcnden w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Campino: Diesen R\u00fcckzieher wollten wir uns bewusst verbauen, indem wir das offen verk\u00fcndeten. Damit man es sich sp\u00e4ter eben nicht anders \u00fcberlegt und sagt: \u201eNee, nee, wir machen doch weiter.\u201c Nachdem wir das publik gemacht hatten, war uns schon mulmig zumute. Ich habe mich so gef\u00fchlt wie an dem Tag, als ich aus der Kirche ausgetreten war. Damals dachte ich: \u201eJetzt st\u00f6\u00dft mir gleich etwas zu, weil ich von meinem Weg abgekommen bin.\u201c Unser neuer Song \u201eWas fr\u00fcher einmal war\u201c ist jetzt ja die direkte Spiegelung vom \u201eWort zum Sonntag\u201c.  Wir singen dieses fr\u00fche Lied mit der Zeile \u201eIch bin noch keine 60, ich bin noch nicht nah dran\u201c, also aus der Sicht der \u00dc-60-J\u00e4hrigen. <\/p>\n<p>WELT: Vor drei Jahren hatten Sie die Zeile ja bereits augenzwinkernd von 60 auf 70 umge\u00e4ndert. <\/p>\n<p>Campino: Wie auch immer: Wir haben ein aus jungen Jahren betrachtet unfassbares Alter erreicht, das wir uns alle nicht vorstellen konnten. Ein anderer neuer Song, \u201eNur nach vorn\u201c, ist f\u00fcr mich deshalb wichtig, weil die Toten Hosen immer Lebensfreude ausgestrahlt haben. So w\u00fcrde ich gerne in Erinnerung bleiben, dass wir die Leute gut gelaunt nach Hause geschickt haben, nachdem sie bei unseren Shows waren. Ich will Zuversicht vermitteln und nicht als jemand abtreten, der in Sack und Asche geht. Am Ende haben wir in unseren Songs immer eine positive Bilanz gezogen: Freut euch auf morgen, selbst in schweren Zeiten \u2013 es wird schon irgendwie weitergehen. <\/p>\n<p>WELT: In dem neuen Song \u201eLass mal nicht machen\u201c finden Sie zum Endspurt auf dem letzten Album noch mal unverkrampft-souver\u00e4n zu einem Humor zur\u00fcck, den man fr\u00fcher politisch unkorrekt nannte. So wie Sie ihn mal in Songs wie \u201eauch lesbische schwarze Behinderte k\u00f6nnen \u00e4tzend sein\u201c ausdr\u00fcckten. Diesmal sinnieren Sie dar\u00fcber, \u201eam Weltfrauentag einen Rammstein-Pullover\u201c zu tragen. Ist das ein Versuch der R\u00fcckeroberung satirischer Souver\u00e4nit\u00e4t in Zeiten von Cancel Culture und Kulturkampf? <\/p>\n<p>Campino: Auf jeden Fall. Ich bin daf\u00fcr bereit. (lacht). Es geht darin um Peinlichkeiten, um Dinge, die man vielleicht gerne tun m\u00f6chte, sich aber doch nicht traut. Wir ver\u00e4ppeln uns in dem Lied aber auch selbst, wenn ich davon singe, wie ich mit K\u00f6nig Charles im Schloss Bellevue diniere.<\/p>\n<p>WELT: Was dann in die Rubrik Realsatire f\u00e4llt, denn das haben Sie 2023 beim Deutschlandbesuch von K\u00f6nig Charles ja tats\u00e4chlich gemacht, als Sie ihm im Frack gegen\u00fcberstanden \u2026<\/p>\n<p>Campino: \u2026 und mich deshalb in einem immensen Shitstorm wiederfand. Das geht auch in Ordnung. Mir ist das egal. Ich w\u00fcrde K\u00f6nig Charles jederzeit wieder treffen wollen. Mir war das pers\u00f6nlich sehr wichtig, ich bin halb Engl\u00e4nder, halb Deutscher, besitze seit 2019 auch die britische Staatsb\u00fcrgerschaft. Ich habe das auch in Erinnerung an meine verstorbene, englische Mutter gemacht, die 1947 nach Deutschland gekommen war. Dieses Treffen mit K\u00f6nig Charles hatte also gar nichts mit den Toten Hosen zu tun. Ich fand Charles schon immer okay, auch als er noch Prinz war, weil ich seine Reden zu gesellschaftlichen Themen oft verfolgt hatte. Beim Staatsbankett im Bellevue hielt er auch eine gro\u00dfartige Rede, sprach \u00fcber deutsch-britische Freundschaft und Vers\u00f6hnung, Erinnerungskultur sowie den Krieg in der Ukraine, und zwar zur H\u00e4lfte auf Deutsch \u2013 f\u00fcr ihn gar kein Problem. Und seine Reden, die er zuletzt bei seinem Besuch der USA zuerst vor dem Kongress und sp\u00e4ter beim Dinner vor Donald Trump hielt, als er \u00fcber die Bedeutung von Demokratie und Gewaltenteilung sprach, vor Isolationismus und Nationalismus warnte \u2013 die waren meisterhaft. Das war politisch brisant, aber er hat da gewisserma\u00dfen mit dem Florett gefochten, und zwar so brillant, dass er damit all die Zweifler, die st\u00e4ndig n\u00f6rgeln, wozu ein britischer K\u00f6nig gut sein soll, eines Besseren belehrten. Er hat auf diese Weise gezeigt, warum die britische Monarchie als Vertretung ihres Landes durchaus wichtig sein kann. Das hat mich mit Freude erf\u00fcllt. <\/p>\n<p>WELT: Was hatten der deutsche Punkrock-Star und der britische Monarch sich zu sagen, als Sie einander im Schloss Bellevue vor drei Jahren vorgestellt wurden? <\/p>\n<p>Campino: Man steht erstmal in einer langen Schlange mit anderen Menschen, wird dann aufgerufen, dann hei\u00dft es: \u201eThis is Campino, musician\u201c\u00a0\u2013 dann machst du eine Verbeugung. In diesem Moment ist kein gro\u00dfes Gespr\u00e4ch m\u00f6glich, da sagt man einfach nur \u201eHallo\u201c. Nachdem der offizielle Part zu Ende war, gab es jedoch noch ein nettes Beisammensein mit dem K\u00f6nig. Und das war letztlich nicht anders als im \u201eUerige\u201c, freitagsabends, wenn dort alle miteinander rumstehen. <\/p>\n<p>WELT: Die traditionelle Hausbrauerei in der D\u00fcsseldorfer Altstadt.<\/p>\n<p>Campino: Ja. Im Bellevue wurden Aperitifs gereicht, es war eine lockere Atmosph\u00e4re. Und der K\u00f6nig stand dort, wie alle anderen auch. Ich fand mich dann in einem Kreis von Leuten wieder, die ihn tats\u00e4chlich pers\u00f6nlich kannten. Er stellte sich dann irgendwann dazu. Aber ich habe nicht gro\u00df mit ihm geredet, denn ich wollte mich nicht aufdr\u00e4ngen. Dazu hat mir dann doch der Mut gefehlt. Aber es war ein sch\u00f6ner Moment. Als die Queen 2015 Deutschland besuchte, hatte man mich ebenfalls zu einem Empfang eingeladen, den ich damals leider aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden nicht annehmen konnte. Und das, obwohl ich mir ein Leben lang immer gesagt hatte: \u201eSollte Dich die Queen je zum Tee einladen, dann gehst Du auf jeden Fall dorthin.\u201c Insofern hatte ich mich \u00fcber die Einladung zum Staatsbankett mit King Charles sehr gefreut. In beiden F\u00e4llen wurden sie \u00fcbrigens von der britischen Botschaft ausgesprochen \u2013 ich war also nicht etwa von der deutschen Seite, also von Steinmeier, eingeladen worden. <\/p>\n<p>WELT: Noch mal zur\u00fcck zu Humor und Satire in Zeiten \u00fcberhitzter Debatten: K\u00f6nig Charles haben Sie tats\u00e4chlich getroffen, aber keinen Rammstein-Pullover zum Weltfrauentag getragen, wie Sie singen. Wie sieht es mit den anderen in dem Lied besungenen Optionen aus \u2013 ins Dschungelcamp gehen oder mit den Toten Hosen in der Sendung \u201eSing meinen Song\u201c? <\/p>\n<p>Campino: Also, ich bitte Sie, das w\u00e4re ja wohl hoffentlich unvorstellbarer, als dass ich K\u00f6nig Charles treffe (lacht). Mir f\u00e4llt da immer sofort Johnny Rotten ein, der ja in Gro\u00dfbritannien tats\u00e4chlich in die Show \u201eI\u2019m a celebrity \u2013 get me out of here\u201c ging. Als ich davon h\u00f6rte, musste ich schon tief durchatmen. Und dass ich in dem Lied \u201eSing meinen Song\u201c erw\u00e4hne, sollte man nicht so verstehen, dass wir uns lustig machen \u00fcber diejenigen, die in diese Sendung gehen. Ich will da keine Kriegserkl\u00e4rung abgeben. Nur, wir als \u00dc-60er, wir geh\u00f6ren da wirklich nicht hin. Ich kann mir die Toten Hosen in so einer Sendung nicht vorstellen, ebenso wenig wie im Dschungelcamp, diesem vermeintlichen VIP-Happening. Wenn du sonst nichts mehr vorzuweisen hast, musst du halt in solche Sendungen gehen \u2013 aber das w\u00e4re dann wirklich das Ende. W\u00fcrden wir je so tief sinken? Besser nicht machen. <\/p>\n<p>WELT: Neben Songs, die zur\u00fcckblicken, \u00fcber das \u00c4lterwerden und Aufh\u00f6ren sinnieren, von sterbenden Freunden erz\u00e4hlen und Kindern, die erwachsen werden, gibt es drei Lieder, die im weitesten Sinne politische Themen ansprechen, allerdings ohne sich an Parteien oder Namen abzuarbeiten. Sie handeln von der Ohnmacht angesichts einer sich st\u00e4ndig zuspitzenden Polarisierung, in der andere Meinungen per se nicht mehr akzeptiert zu werden scheinen. <\/p>\n<p>Campino: Ja, in einem Song wie \u201eWas ist mit uns los?\u201c<\/p>\n<p>WELT: Vollziehen Sie in einem Jahr, da die AfD bei Landtagswahlen in Umfragen erstmals an der CDU vorbeiziehen k\u00f6nnte, einen \u00e4hnlichen Drahtseilakt wie Bruce Springsteen, der als Trump-Kritiker auf seiner USA-Tournee derzeit versucht, bei all seiner Kritik am Pr\u00e4sidenten, die Amerikaner aus den verfeindeten Lagern in seinen Konzerten zusammenzubringen? <\/p>\n<p>Campino: Ich habe in dem Lied versucht, die derzeit vorherrschende gesellschaftliche Stimmung zu erfassen. Ich wollte der Versuchung widerstehen, zwischen \u201euns\u201c und den \u201eanderen\u201c zu unterscheiden, nicht irgendjemanden anklagen. Deshalb stelle ich die Frage, was mit \u201euns\u201c los ist, mit uns als Gemeinschaft, mit unserer Gesellschaft. Das Thema wird auf diese Weise geweitet. Es beginnt zwar am Anfang mit der Zeile \u201eDu sagst, du willst dein Land zur\u00fcck\u201c, mit dieser Spr\u00fccheklopferei vom Sichfremdf\u00fchlen im eigenen Land. Aber dann geht es ja um was anderes, um dieses Ph\u00e4nomen, dass Menschen auf Social Media und im Internet zunehmend in Echokammern leben, und dort dann nur noch Sachen lesen, die ihre vorgefertigten Meinungen best\u00e4tigen, sodass sie am Ende gar nicht mehr herausfinden wollen, wie die Faktenlage ist. Erschwerend kommt jetzt noch parallel die Perfektion der Illusion durch KI hinzu. Nicht nur, dass die Menschen am liebsten nur noch das lesen und h\u00f6ren wollen, was ihre Meinung best\u00e4tigt \u2013 jetzt gibt es noch die M\u00f6glichkeit, sich eigene Geschichten in Clips oder was auch immer zusammenzubauen, die kaum noch von der Realit\u00e4t zu unterscheiden sind. Und wir als Gesellschaft m\u00fcssen jetzt schnell und hart lernen, wie wir \u00fcberhaupt damit umgehen, weil uns das sonst um die Ohren fliegt. Insofern finde ich es ganz gut, dass jetzt hoffentlich bald weltweit der Versuch unternommen wird, Jugendlichen unter 16 den Zugang zu Social Media zu verwehren. Solange das einheitlich liefe, h\u00e4tten Jugendliche selbst damit, glaube ich, kein Problem. Es sind wohl eher deren Eltern, die sich einem Verbot von Social Media in den Weg stellen. Man sollte versuchen, Jugendliche vor der Radikalisierung durch Algorithmen zu sch\u00fctzen. Letztlich muss jeder f\u00fcr sich selbst definieren, wann es zu viel wird, und sich aus Social Media rausziehen. Wir erleben auf Social Media und jetzt durch KI ein Gef\u00fchl der Ohnmacht, das dr\u00fcckt dir oft die Luft aus den Lungen. Wir k\u00f6nnen diese Entwicklungen nicht stoppen. Ich finde es nur legitim zu sagen, das ist nicht mehr meins. Vielleicht braucht es in dem Bereich die eine oder andere Katastrophe, etwas, das uns zur Besinnung bringt, damit jedem klar wird: Auf diese Weise kann es nicht weitergehen. <\/p>\n<p>WELT: 1992 antworteten Sie auf Fremdenhass in Deutschland, der zu Morden, Anschl\u00e4gen und brennenden Asylbewerberheimen f\u00fchrte, mit dem Lied \u201eSascha \u2013 ein aufrechter Deutscher\u201c. Das w\u00fcrde heute nicht mehr funktionieren. Mit einem Lied vor Wahlsiegen der AfD zu warnen, w\u00e4re unterkomplex, oder?<\/p>\n<p>Campino: Man w\u00fcrde nur Plattit\u00fcden wiederholen. Du musst bei dem Thema Rechtspopulismus immer einen anderen Ansatz finden, es neu beleuchten. Nur weil das vielleicht irgendjemand von uns erwartet, einen Song gegen Rechtsextreme zu schreiben, k\u00f6nnen wir das nicht einfach so liefern. Damit bewegst du gar nichts mehr. Da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen. <\/p>\n<p>WELT: Auf dem Bonus-Album \u201eAlles muss raus!\u201c singen Sie mit Wolfgang Niedecken den BAP-Klassiker \u201eKristallnaach\u201c\u00a0\u2013 erstmals auf Hochdeutsch. Das Lied wirkt dadurch dr\u00e4ngender, direkter. War das Ihre Idee? <\/p>\n<p>Campino: Ja, ich habe Wolfgang gefragt, ob wir es auf Hochdeutsch singen k\u00f6nnten, weil ich mit K\u00f6lsch nicht gut klargekommen w\u00e4re. Er sagte sofort: Ja, nat\u00fcrlich, mache ich. Es wirkt auf mich in dieser Fassung jetzt so, als h\u00e4tten wir das Lied noch mal nachgesch\u00e4rft. Der Song geh\u00f6rt, wie ich finde, zu den gro\u00dfen H\u00f6hepunkten im Werk von BAP, es ist leider immer noch hochaktuell. Auf diesem Bonus-Album haben wir ja 25 Lieder von und mit anderen Musikern eingespielt, die uns inspiriert haben, die wir bewundern. Wer sich die Auswahl dieser Lieder genau anschaut, wird merken, dass sie mehr \u00fcber die Toten Hosen erz\u00e4hlen als das neue Album mit unseren eigenen Liedern. Diese Lieder aufzunehmen, das war auch ein Geschenk, das wir uns selbst gemacht haben. <\/p>\n<p>WELT: Sie haben sowas zwar schon \u00f6fter gemacht, auf zwei \u201eLearning English\u201c-Alben, die Sie 1991 und 2017 vor allem mit Punk-Ikonen wie Joey Ramone, Johnny Thunders und anderen eingespielt hatten. 2017 kam die Bonus-LP \u201eDie Geister, die wir riefen\u201c hinzu, auf der Sie Songs von den \u00c4rzten, Kraftwerk, Ton Steine Scherben oder Hannes Wader coverten. Wader ist diesmal als Duett-Partner dabei, ebenso wie Liedermacher-Ikonen Bettina Wegner und Wolf Biermann. Alles Musiker, die gerade von Punks fr\u00fcher als Zausel, Hippies oder Sozialkundelehrer gescholten wurden. Wie kam es zu dieser sp\u00e4ten Ann\u00e4herung?<\/p>\n<p>Campino: Wir hatten uns ganz naiv gefragt, mit wem wir noch einmal arbeiten wollten, wer bisher durch unseren Rost gefallen war \u2013 und zwar ohne diesmal aufs musikalische Genre zu achten. Hannes Wader 2013 kennenzulernen und sich in sein Werk zu vertiefen, war damals eine Sternstunde. Deshalb wollten wir ihn auch unbedingt nochmal dabeihaben. Und die Begegnung mit Wolf Biermann hat uns alle beeindruckt. An ihm konnte man vielleicht den ersten Riss im System der DDR ausmachen. Dass da jemand aufm\u00fcpfig wurde und das Regime entschied, ihm nach seinem Auftritt in K\u00f6ln die R\u00fcckkehr in die DDR zu verbieten. Daraufhin bekundeten viele K\u00fcnstler in der DDR in einem Brief ihre Solidarit\u00e4t mit ihm. Dann wurde auch in der Bundesrepublik versucht, ihn zu vereinnahmen \u2013 er blieb aber hier ebenso kritisch und unbequem. Er ist ein ewig streitbarer Geist. In diesem Jahr wird er 90, er ist immer noch topfit und auf der H\u00f6he der Zeit. Unfassbar. <\/p>\n<p>WELT: Was hat Biermann denn dazu gesagt, dass er jetzt auf Ihrem letzten Album mitsingt?<\/p>\n<p>Campino: Das Thema haben wir mit ihm nicht besprochen. Er ist ein F\u00fcllhorn von Geschichten. Ich empfinde es als gro\u00dfe Ehre, ihn getroffen, mit ihm gesungen zu haben. Wobei es nicht leicht war, seinen Song \u201eErmutigung\u201c mit ihm einzuspielen.<\/p>\n<p>WELT: Warum nicht?<\/p>\n<p>Campino: Weil er als Einzelg\u00e4nger eigentlich Lyriker ist. Er schreibt Gedichte, die er mit seinem Instrument untermalt. Er hat sein v\u00f6llig eigenes Zeitgef\u00fchl in den Liedern. Wenn du aber mit einer Band spielst, gibt die einen Takt vor, an den sich dann alle halten m\u00fcssen. Es war nicht einfach, diese Welten zusammenzubringen. Aber sein Song \u201eErmutigung\u201c, diese Zeile \u201eDu, lass dich nicht verh\u00e4rten\u201c \u2013 das ist gerade in der heutigen Zeit mit all unseren polarisierten Debatten wieder auf be\u00e4ngstigende Weise aktuell. Und diese Zeile mit ihm gemeinsam zu singen, den Song mit ihm zu spielen, seine Geschichten von ihm dazu zu h\u00f6ren, das war ein gro\u00dfer Moment f\u00fcr uns alle. Mit Bettina Wegner ging es uns genauso. Als Andi, unser Bassist, und ich 18 waren, haben wir als Roadies gearbeitet und bei ihrem Konzert in der D\u00fcsseldorfer Uni, das unser sp\u00e4terer Manager Jochen H\u00fclder organisiert hatte, St\u00fchle aufgestellt. Nachdem wir fertig waren und sie mit dem Konzert anfing, sagten wir uns: Komm, wir gehen was essen. Wir dachten, das sei eh nur Hippie-Zeug. Wir hatten es nicht begriffen. <\/p>\n<p>WELT: Hatten Sie ihr jetzt davon erz\u00e4hlt? <\/p>\n<p>Campino: Ja, sie hat dar\u00fcber gelacht. Ich hatte zuletzt in einer Mediathek die Dokumentation \u201eBettina\u201c \u00fcber ihr Leben gesehen. Ich habe mich so gesch\u00e4mt, dass ich mir damals nicht die M\u00fche gemacht hatte, mehr \u00fcber ihre Songs und die Hintergr\u00fcnde zu erfahren, sie zu verstehen. Auch sie ist eine Einzelk\u00e4mpferin, eine unglaubliche Frau, die gro\u00dfartige Songs geschrieben hat \u2013 und die wegen ihrer Proteste in der DDR ins Gef\u00e4ngnis kam. Wir hatten sie in Berlin besucht, wo sie mit ihren sieben Katzen lebt. Zur Begr\u00fc\u00dfung sagte sie: \u201eCampino, eins muss ich dir vorweg sagen: Meine Lieblingspunkband seid ihr nicht.\u201c <\/p>\n<p>WELT: Wer ist ihre Lieblingspunkband?<\/p>\n<p>Campino: Die Angelic Upstarts aus England. Die hatten 1984 das Lied \u201eSolidarity\u201c rausgehauen, um die polnischen Arbeiter in der Solidarno\u015b\u0107-Bewegung zu w\u00fcrdigen. Als sie das sagte, habe ich mich sofort in Bettina Wegner verliebt. Ist ja klar. <\/p>\n<p>WELT: Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung auf der Bonus-LP ist Ihr Duett mit Vicky Leandros, mit der Sie und die Hosen ihren Hit \u201eIch liebe das Leben\u201c eingespielt haben. 1987 hatten Sie auf dem Album \u201eNever mind the Hosen \u2013 here\u2019s the Roten Rosen\u201c Schlager von Freddy Quinn oder Caterina Valente verballhornt. Leandros und ihr Song dagegen werden von Ihnen jetzt ebenso liebevoll wie ernsthaft mit Verve gew\u00fcrdigt. Ist das Altersmilde?<\/p>\n<p>Campino: \u201eIch liebe das Leben\u201c ist eines dieser Lieder jenseits von Gut und B\u00f6se. In derselben Klasse wie \u201eGriechischer Wein\u201c. Beide Songs habe ich fr\u00fcher gehasst, auch weil ich nicht kapiert hatte, worum es ging. Erst viel sp\u00e4ter begriff ich, was das f\u00fcr ein gro\u00dfartiges Lied \u00fcber Sehnsucht und Integration \u201eGriechischer Wein\u201c ist \u2013 in dem Menschen, die aus anderen L\u00e4ndern zu uns kommen, ihre Wurzeln, ihre Heimat vermissen. Und \u201eIch liebe das Leben\u201c von Vicky Leandros ist mit den Jahren \u00fcber sich selbst hinausgewachsen. Jede und jeder kennt noch heute dieses Lied, es wird in Gay-Communities und auf Pride-Days gespielt, in coolen Clubs in Berlin oder in stumpfen Rock-Schuppen. Alle werden von diesem Song getriggert, er wird \u00fcberall abgefeiert. <\/p>\n<p>WELT: Wie hat Vicky Leandros auf Ihre erste Anfrage, mit Ihnen zu singen, reagiert? <\/p>\n<p>Campino: Ich war ganz unsicher, als ich sie anrief, wusste gar nicht, wie ich sie \u00fcberhaupt ansprechen sollte. Ich habe das dann ganz klassisch gemacht: \u201eGuten Tag, Frau Leandros, hier ist der Campino von den Toten Hosen. Wir lieben Ihr St\u00fcck so sehr.\u201c \u201eAch, der Campino. Die Toten Hosen mochte ich schon immer. Worum geht\u2019s?\u201c, antwortete sie. So kamen wir ins Gespr\u00e4ch. Sie war viel lockerer als ich. Sie hat uns dann hier in unserem Headquarter in D\u00fcsseldorf besucht, hat jedem in unserem Team erstmal \u201eGuten Tag\u201c gesagt, dann gingen wir r\u00fcber in den Probenraum und nahmen den Song mit ihr auf. Unvergesslich.<\/p>\n<p>WELT: Wird denn die auf das letzte Studioalbum folgende gro\u00dfe Tournee in diesem und im n\u00e4chsten Jahr auch Ihre letzte sein? <\/p>\n<p>Campino: \u00dcber das Ende unserer Live-Aktivit\u00e4ten haben wir noch nicht abschlie\u00dfend nachgedacht. Es gibt diesen Traum, noch einmal unplugged unterwegs zu sein. Das war 2020 mit den \u201eOhne Strom\u201c-Konzerten ja bereits alles geplant. Dann kam die Corona-Zeit und die Tournee wurde ersatzlos gestrichen. Das schmerzt uns noch heute. Wir denken immer noch daran, das irgendwann nachzuholen. Ob das noch stattfindet, muss man sehen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir noch viele Touren spielen. Aber davon mal abgesehen, k\u00f6nnen sich die Toten Hosen gar nicht aufl\u00f6sen. Wir haben alle diese Verabredung, dass wir irgendwann gemeinsam auf dem D\u00fcsseldorfer S\u00fcdfriedhof liegen.<\/p>\n<p>WELT: In dem Gemeinschaftsgrab, das Sie schon vor Langem f\u00fcr die Mitglieder der Toten Hosen und den engen Kreis der Band reserviert haben.<\/p>\n<p>Campino: Ja, drei aus der Hosen-Familie liegen ja schon dort. Was ich damit sagen will: Wir m\u00fcssen unsere Freundschaft nicht \u00f6ffentlich auf einer B\u00fchne zelebrieren.  Wir brauchen nicht die Musik, um uns zu vergewissern, dass wir f\u00fcr immer Freunde sind. <\/p>\n<p>WELT: Wenn am 10. Juli 2027 das letzte Konzert der aktuellen Tournee der Toten Hosen in D\u00fcsseldorf endet \u2013 was machen Sie dann als N\u00e4chstes? Neue Filme drehen, wieder Theater spielen, B\u00fccher schreiben? <\/p>\n<p>Campino: Ich habe noch gar keine Pl\u00e4ne f\u00fcr diese Zeit. Wenn ich nach diesem Konzert nach Hause komme und es erstmal keine weiteren Toten-Hosen-Termine gibt, wird das nicht unbedingt ein sch\u00f6ner Moment sein. Aber das macht mich nicht nerv\u00f6s. In meinem Leben war es immer so, dass die guten Dinge, wie der Film mit Wim Wenders oder der Auftritt in der \u201eDreigroschenoper\u201c in der Inszenierung von Klaus Maria Brandauer, auf mich zugekommen sind. Wenn ich dagegen selbst versuchte, etwas zu erreichen, einer Idee nachzujagen, ist das immer schiefgegangen. Ich bin zuversichtlich, dass etwas auf mich zukommt. Auch da gilt: Es wird schon irgendwie weitergehen.<\/p>\n<p>WELT: Bevor nun Ihr letztes Studioalbum erscheint, mussten Sie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/sport\/fussball\/2-bundesliga\/article6a09e4efd61ccb85e64b2a16\/fortuna-duesseldorf-polizisten-schuetzen-die-profis-nach-dem-abstieg-vor-den-eigenen-fans.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/sport\/fussball\/2-bundesliga\/article6a09e4efd61ccb85e64b2a16\/fortuna-duesseldorf-polizisten-schuetzen-die-profis-nach-dem-abstieg-vor-den-eigenen-fans.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Abstieg Ihres Vereins Fortuna D\u00fcsseldorf in die dritte Liga <\/a>mitansehen. Sie sind mit dem Verein seit Jahrzehnten eng verbunden, und haben ihn oft unterst\u00fctzt. \u201eEin ganzer Club liegt am Boden\u201c, schrieb jetzt die \u201eRheinische Post\u201c. Sie selbst sind diesbez\u00fcglich ja Kummer gewohnt. Wie haben Sie das Spiel gegen Greuther F\u00fcrth erlebt, und haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie Sie beim Projekt Wiederaufstieg helfen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Campino: Ich habe das Spiel am Fernsehger\u00e4t verfolgt, und ich muss zugeben, es hat mich geschockt. In den vergangenen Wochen hat die Fortuna gro\u00dfartig gek\u00e4mpft, und dass sie ausgerechnet am letzten Spieltag zusammenbricht, ist kaum zu fassen. Wahrscheinlich hat das fr\u00fche F\u00fchrungstor von F\u00fcrth in der zweiten Minute f\u00fcr einen mentalen Blackout bei den Fortuna-Spielern gesorgt. Anscheinend wurde der ganze Matchplan \u00fcber Bord geworfen, und niemand machte mehr das, was er eigentlich tun sollte. Es ist ein Drama f\u00fcr den Verein, aber auch f\u00fcr uns als Stadt. Aber wir sind schon mal an diesem Tiefpunkt gewesen und werden da auch dieses Mal wieder rauskommen.<\/p>\n<p>Zur Person:<\/p>\n<p>Andreas Frege, bekannt als Campino, wurde am 22. Juni 1962 in D\u00fcsseldorf als Sohn eines deutschen Richters und einer aus England stammenden Lehrerin geboren. Nach dem Abitur gr\u00fcndete er 1982 die Punkband Die Toten Hosen, deren S\u00e4nger und Texter er bis heute ist. Mit Alben wie \u201eEin kleines bisschen Horrorschau\u201c (1988) und \u201eBallast der Republik\u201c (2012) z\u00e4hlt die Band zu den erfolgreichsten deutschen Rockgruppen. Campino spielte 2006 in Brechts \u201eDreigroschenoper\u201c den Mackie Messer in Berlin und war 2008 im Film \u201ePalermo Shooting\u201c von Wim Wenders zu sehen. 2020 ver\u00f6ffentlichte er das Buch \u201eHope Street\u201c. Aus einer fr\u00fcheren Beziehung mit der Schauspielerin Karina Krawczyk stammt ein Sohn; 2019 heiratete er in New York, 2025 wurde er erneut Vater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Campino sitzt im ersten Stock des Hauptquartiers der Toten Hosen in D\u00fcsseldorf-Flingern, als h\u00e4tte er vergessen, dass nebenan&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":171977,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[27],"tags":[46,42,52813,175,46497,45234,147,29381,44,176,53468,801,210,148],"class_list":["post-171976","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prominente","tag-at","tag-austria","tag-campino","tag-celebrities","tag-das-gespraech","tag-die-toten-hosen","tag-entertainment","tag-konzerte-ks","tag-oesterreich","tag-prominente","tag-punk-ks","tag-saenger","tag-texttospeech","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116614402128036443","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/171976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=171976"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/171976\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/171977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=171976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=171976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=171976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}