{"id":172190,"date":"2026-05-21T22:42:10","date_gmt":"2026-05-21T22:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/172190\/"},"modified":"2026-05-21T22:42:10","modified_gmt":"2026-05-21T22:42:10","slug":"prozess-gegen-egisto-ott-ich-bin-ein-spion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/172190\/","title":{"rendered":"Prozess gegen Egisto Ott: \u00bbIch bin ein Spion\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph article__item\">Eigentlich hatte Egisto Ott Gro\u00dfes angek\u00fcndigt. \u00bbSchweinereien\u00ab aufzudecken, Missst\u00e4nde, die die Republik ersch\u00fcttern. \u00bbLassen Sie sich \u00fcberraschen\u00ab, hatte der ehemalige Chefinspektor des (inzwischen aufgel\u00f6sten) Bundesamtes f\u00fcr <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/verfassungsschutz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Verfassungsschutz<\/a> und Terrorismusbek\u00e4mpfung (BVT) noch beim Prozessauftakt Anfang des Jahres gesagt.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Aber die gro\u00dfe Enth\u00fcllung, die Smoking Gun, die alle Vorw\u00fcrfe als Verschw\u00f6rung gegen ihn aufgekl\u00e4rt h\u00e4tte, kam nie. Auch nicht gestern, als Egisto Ott noch einmal die M\u00f6glichkeit bekam, ein letztes Mal vorzutreten, in die Mitte des Gro\u00dfen Schwurgerichtssaals des Wiener Straflandesgerichts, um sein Wort an die Geschworenen zu richten. Er schlug die Gelegenheit aus. Und wurde schlie\u00dflich zu vier Jahren und einem Monat unbedingter Haft verurteilt, fast die H\u00f6chststrafe. Der Zweitangeklagte, der Datenforensiker Anton H., kam mit 15 Monaten bedingter Haft deutlich besser davon.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es ist das erste \u2013 noch nicht rechtskr\u00e4ftige \u2013 Urteil <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2026\/05\/spionageprozess-oesterreich-egisto-ott-jan-marsalek\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">im gr\u00f6\u00dften Spionageprozess der j\u00fcngeren \u00f6sterreichischen Geschichte<\/a>: Egisto Ott, langj\u00e4hriger Beamter im BVT, wurde in den zentralen Punkten schuldig gesprochen, vor allem in den schwerwiegendsten wie Amtsmissbrauch und <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/spionage\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Spionage<\/a>. Bei der Verlesung zeigte Egisto Ott, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, im Scho\u00df gefaltete H\u00e4nde, keine Regung. Er habe das Urteil \u00bbruhig und gelassen\u00ab aufgenommen, sagte seine Anw\u00e4ltin sp\u00e4ter. Gegen\u00fcber den wenigen Journalisten, die an diesem langen Prozesstag bis zum fr\u00fchen Abend durchgehalten hatten, war er zu keinem Kommentar bereit.\n<\/p>\n<p>        Im Prozess ging es auch um eine Kanufahrt        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es war ein <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2026-01\/egisto-ott-spionage-prozess-oesterreich-russland\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Mammutprozess, der seit J\u00e4nner lief <\/a>und bei dem es oft schwer war, den \u00dcberblick zu bewahren, angesichts der F\u00fclle an Delikten, die die Staatsanwaltschaft zusammengetragen hatte. Im Kern ging es um die Frage, ob Ott Informationen und Datentr\u00e4ger \u00fcber den fl\u00fcchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek an russische Geheimdienste weitergegeben hat.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Da ging es einerseits um Abfragen zu russischen Dissidenten und Kremlgegnern, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2026\/11\/spionageprozess-wien-dmitrij-senin-fsb-russland-egisto-ott\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">die er damit in Gefahr brachte<\/a>. Andererseits um die Diensthandys dreier hochrangiger Beamter aus dem Innenministerium, die bei einer Kanufahrt in einem Seitenarm der Donau ins Wasser gefallen waren \u2013 und sp\u00e4ter in der Moskauer Zentrale des russischen Inlandsgeheimdiensts <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/fsb\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">FSB<\/a> gelandet sind. Und auch ein speziell verschl\u00fcsselter Sina-Laptop, wie ihn westliche Geheimdienste verwenden.\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0Lea Dohle<\/p>\n<p>\n                                        Newsletter<br \/>\n                                        Was jetzt? \u2013 Der t\u00e4gliche Morgen\u00fcberblick<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">Starten Sie mit unserem kurzen Nachrichten-Newsletter in den Tag. Erhalten Sie zudem freitags das digitale Magazin ZEIT am Wochenende.<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__datapolicy\" hidden=\"\">\n            Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die <a href=\"https:\/\/datenschutz.zeit.de\/zon#Newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a> zur Kenntnis.\n        <\/p>\n<p>    Vielen Dank! 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Dieser Umfang, diese \u00bbVielzahl\u00ab an Delikten \u00fcber einen \u00bblangen Tatzeitraum\u00ab hinweg habe dazu beigetragen, dass Ott fast zur H\u00f6chststrafe von f\u00fcnf Jahren Haft verurteilt worden w\u00e4re, erkl\u00e4rte der Richter sp\u00e4ter. Vier Monate Haft waren Ott au\u00dferdem schon wegen der langen Verfahrensdauer abgezogen worden.\n<\/p>\n<p>                        \u00bbFrustriert und pleite\u00ab soll Ott gewesen sein        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der Prozess war aber auch ein Kraftakt f\u00fcr die Ermittler. Es ist der vorl\u00e4ufige Schlussstrich unter einer Causa, in der seit dem Jahr 2017 gegraben, untersucht und  Beweise zusammengetragen wurden. Bis zuletzt hat Ott alle Vorw\u00fcrfe zur\u00fcckgewiesen und behauptet, er werde als \u00bbStaatsfeind Nummer eins\u00ab verfolgt. Keinen Millimeter wich er im Laufe des Prozesses von seiner Linie ab, unschuldig und lediglich das Opfer einer Verschw\u00f6rung zu sein, um von den \u00bbMissst\u00e4nden im BVT\u00ab abzulenken. Mehr noch: Zuletzt trat er sogar in einer Doku \u00fcber die Spionagestadt <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/wien\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wien<\/a> auf, mit den Worten: \u00bbI am a spy. I was a spy. And I will be a spy until I die. But I am an Austrian spy.\u00ab (Auf Deutsch: Ich bin ein Spion. Ich war ein Spion. Und ich werde ein Spion sein, bis ich sterbe. Aber ich bin \u00f6sterreichischer Spion.)\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Staatsanwaltschaft sah das nicht so. Er soll \u00bbfrustriert und pleite\u00ab gewesen sein. Frustriert, weil er sich im von der \u00d6VP dominierten Innenministerium karrieretechnisch ausgebootet gef\u00fchlt habe. Das habe ihn \u00bbanf\u00e4llig\u00ab gemacht, gegen Bezahlung f\u00fcr die Russen t\u00e4tig zu werden, sagte die Staatsanwaltschaft. Stimmt alles nicht, sagte Ott am ersten Prozesstag: \u00bbIch war weder frustriert noch pleite noch von Hass erf\u00fcllt.\u00ab Zwar r\u00e4umte er ein, die Abfragen get\u00e4tigt zu haben, allerdings im Rahmen einer streng geheimen Operation f\u00fcr einen befreundeten westlichen Nachrichtendienst namens \u00bbDoktor\u00ab. Details blieb er schuldig, weil er von seiner Verschwiegenheit nicht entbunden worden sei.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Den Geschworenen reichte das nicht.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es reichte ihnen nicht, dass seine Aussage nur von einer Person gest\u00fctzt wurde, die aber nicht im Zeugenstand erschien, weil sie wohl selbst zu tief in der Causa drinsteckt \u2013 und sich in Dubai vor dem Zugriff der Beh\u00f6rden entzieht: Martin Wei\u00df, sein ehemaliger Chef und Abteilungsleiter im BVT unter anderem zust\u00e4ndig f\u00fcr Spionageabwehr. Er hatte per Mail eine \u00bbeidesstattliche Erkl\u00e4rung\u00ab geschickt, dass es die Operation \u00bbDoktor\u00ab tats\u00e4chlich gegeben habe. Die Staatsanwaltschaft sieht gerade Wei\u00df als zentrale Figur der \u00bbWiener Zelle\u00ab, als Bindeglied zu Jan Marsalek und dem russischen Geheimdienst.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es reichte den Geschworenen auch nicht, dass die Anw\u00e4ltin in ihrem Schlusspl\u00e4doyer sagte, es g\u00e4be noch zu viele L\u00fccken, zu viele Spekulationen und Vermutungen. Dass man im Zweifel \u00bbf\u00fcr den Angeklagten\u00ab entscheiden m\u00fcsse. Nach dem Urteilsspruch sagte sie: \u00bbDiese Strafh\u00f6he ist nicht nachvollziehbar.\u00ab Und: \u00bbWir werden das Urteil vollumf\u00e4nglich bek\u00e4mpfen\u00ab, mit einer Berufung gegen das Strafma\u00df und einer Nichtigkeitsbeschwerde.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In diesem Prozess ging es aber auch um etwas Gr\u00f6\u00dferes: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2026\/22\/spionageprozess-wien-egisto-ott-jan-marsalek-martin-weiss\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">den \u00f6sterreichischen Sicherheitsapparat<\/a>. Um die Zust\u00e4nde im BVT, der im Jahr 2021 aufgel\u00f6st wurde. Bei mancher Befragung im Gerichtssaal konnte man die Feindschaft zwischen dem Angeklagten und den Zeugen regelrecht sp\u00fcren, die Kabale, die Intrigen und Fehden innerhalb einer Beh\u00f6rde, deren eigentlicher Zweck es war, den \u00f6sterreichischen Staat zu sch\u00fctzen.\n<\/p>\n<p>        Jan Marsalek war einer der gro\u00dfen Abwesenden        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und es ging nat\u00fcrlich um zwei Figuren, die immer wieder in den Verhandlungen prominent auftauchten, wenn auch nur in zahllosen Chatnachrichten, weil sie f\u00fcr die \u00f6sterreichische Justiz nicht mehr greifbar sind: Martin Wei\u00df, der ehemalige Abteilungsleiter im BVT, der nach Dubai geflohen ist. Und Jan Marsalek, der ehemalige Wirecard-Manager, mutma\u00dflicher Milliardenbetr\u00fcger und russischer Spion, der inzwischen in Moskau vermutet wird.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es ist ein Urteil, das ein Zeichen setzt. Gerade in \u00d6sterreich, einem Land, das noch immer im Ruf steht, ein Tummelplatz f\u00fcr internationale Spionage zu sein \u2013 gerade aus Russland. Die Regierung will nun den Spionageparagrafen versch\u00e4rfen, unl\u00e4ngst wurden zudem drei russische Botschaftsmitarbeiter ausgewiesen. Aber eine restlose Aufkl\u00e4rung, wie tief der russische Arm in den \u00f6sterreichischen Sicherheitsapparat hineinreichte \u2013 oder es noch immer tut \u2013, ist dieses Urteil nicht.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und auch wenn Ott mit vier Jahren Haft fast die H\u00f6chststrafe ausfasste, f\u00e4llt die Strafe im internationalen Vergleich doch gering aus. In anderen L\u00e4ndern werden vergleichbare Delikte mit mehreren Jahrzehnten Gef\u00e4ngnis geahndet. Die US-amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil sie Dokumente aus dem Sicherheitsapparat an die Plattform WikiLeaks weitergegeben hatte. Sp\u00e4ter wurde sie begnadigt.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Offen bleibt, ob es nun ruhiger um Egisto Ott wird, diese selbst f\u00fcr \u00f6sterreichische Verh\u00e4ltnisse skurrile Figur, der von sich sagte, im \u00bbWaterboarding\u00ab ausgebildet worden zu sein, als \u00bbhalber Italiener\u00ab besonders zu emotionalen Ausf\u00e4llen zu neigen, und zuletzt in einem Interview behauptete, ein Zeuge, der ihn belastete, sei von den Ermittlern unter Drogen gesetzt worden. Zuletzt hat Ott sogar angek\u00fcndigt, journalistisch t\u00e4tig werden zu wollen. In einem Podcast hat er vor mehreren Wochen fast zwei Stunden lang seine Version der Spionagegeschichte erz\u00e4hlt. Und er schreibe an einem Buch. \u00dcber die schwarzen Netzwerke der Republik \u2013 die \u00bbOber\u00f6sterreich-Connection\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eigentlich hatte Egisto Ott Gro\u00dfes angek\u00fcndigt. \u00bbSchweinereien\u00ab aufzudecken, Missst\u00e4nde, die die Republik ersch\u00fcttern. \u00bbLassen Sie sich \u00fcberraschen\u00ab, hatte&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":172191,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[6],"tags":[46,42,7160,44,269,53497,43,45,1963,3109,8586,182],"class_list":["post-172190","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-oesterreich","tag-at","tag-austria","tag-fsb","tag-oesterreich","tag-politik","tag-prozess-gegen-egisto-ott","tag-republic-of-austria","tag-republik-oesterreich","tag-russland","tag-spionage","tag-verfassungsschutz","tag-wien"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116614984223925900","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172190","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=172190"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172190\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/172191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=172190"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=172190"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=172190"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}