{"id":174649,"date":"2026-05-23T06:55:09","date_gmt":"2026-05-23T06:55:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/174649\/"},"modified":"2026-05-23T06:55:09","modified_gmt":"2026-05-23T06:55:09","slug":"wie-tolkien-von-rechts-instrumentalisiert-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/174649\/","title":{"rendered":"Wie Tolkien von Rechts instrumentalisiert wird"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Welt hat sich ver\u00e4ndert. Ich sp\u00fcre es im Wasser, ich sp\u00fcre es in der Erde.&#8220; Mit diesen Worten von Elbenk\u00f6nigin Galadriel beginnt Peter Jacksons &#8222;Der Herr der Ringe: Die Gef\u00e4hrten&#8220; vor rund 25 Jahren \u2013 ein Satz, der heute politisch aktueller nicht sein k\u00f6nnte. Denn Tolkiens Mittelerde ist l\u00e4ngst zur Projektionsfl\u00e4che geworden, die seit einigen Jahren vor allem die Neue Rechte in den USA f\u00fcr sich beansprucht.<\/p>\n<p>Es passiert aber gerade nicht zum ersten Mal, dass Tolkiens Werk eine realpolitische Dimension zugesprochen wird. Schon in den 1960er-Jahren \u2013 lange vor Peter Jacksons Trilogie \u2013 wurde &#8222;Der Herr der Ringe&#8220; bereits politisiert. In den USA spr\u00fchten Gegner des Kriegs in Vietnam Graffitis mit dem Slogan &#8222;Frodo lives!&#8220; kreuz und quer an W\u00e4nde in US-Metropolen, denn die Friedensbewegung las das Fantasy-Epos als Kritik am Vietnamkrieg und am aus ihrer Sicht ausbeuterischen Kapitalismus. Den &#8222;einen Ring&#8220; deuteten sie in der Hochphase des Kalten Kriegs sogar als Metapher f\u00fcr die Atombombe. Eine Interpretation, die Tolkien selbst jedoch Zeit seines Lebens zur\u00fcckwies.<\/p>\n<p>Der 11. September als Wendepunkt<\/p>\n<p>Die Anschl\u00e4ge auf das World Trade Center im Jahr 2001 markierten dann einen pl\u00f6tzlichen Wendepunkt f\u00fcr die pazifistische Lesart von &#8222;Der Herr der Ringe&#8220;. Denn Peter Jacksons &#8222;Die Gef\u00e4hrten&#8220; erschien in den USA nur wenige Wochen nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September. Das Timing ver\u00e4nderte die Rezeption grundlegend: Ein traumatisiertes Land, das nach moralischer Orientierung suchte, fand im Kampf der Gef\u00e4hrten gegen Saurons Horden eine scheinbar klare Antwort: Wir, die Guten, gegen das unheimliche B\u00f6se. Und auch die Medien zogen Parallelen zwischen dem Ringkrieg und dem &#8222;War on Terror&#8220; der Bush-Regierung. Als 2002 dann der zweite Film mit dem verh\u00e4ngnisvollen Titel &#8222;Die zwei T\u00fcrme&#8220; erschien, war die Assoziation mit dem 11. September nicht mehr zu bremsen. Das Antikriegs-Symbol der 1960er war zum Kriegsmythos geworden.<\/p>\n<p>Heute findet sich diese politische Umdeutung vor allem im Umfeld einflussreicher Tech-Unternehmer und rechter Politiker. Eine der Schl\u00fcsselfiguren ist dabei der US-Investor, PayPal-Mitgr\u00fcnder und bekennende Tolkien-Nerd Peter Thiel. Den Herrn der Ringe hat er in seiner Jugend mehrfach gelesen. Von Tolkien inspiriert benannte er zum Beispiel seine umstrittene Datenanalysefirma &#8222;Palantir&#8220; nach den Palant\u00edri, den sehenden Steinen aus Tolkiens Mittelerde. Das Palantir-Hauptquartier im Silicon Valley tr\u00e4gt sogar intern den Namen &#8222;The Shire&#8220;, also Auenland, und Mitarbeitende werden dort als &#8222;Hobbits&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p>JD Vance bringt Tolkien in die Spitzenpolitik<\/p>\n<p>Thiel ist jedoch nicht der einzige Tolkien-Fan im Dunstkreis reicher Investoren. Thiels prominentester politischer Weggef\u00e4hrte ist der US-Vizepr\u00e4sident JD Vance. Vor dessen politischer Karriere war auch Vance Startup-Investor und gab seinem fr\u00fcheren Investmentfonds den Namen &#8222;Narya&#8220; \u2013 benannt nach einem der drei Elbenringe. Hauptinvestor dieses Fonds war ausgerechnet Peter Thiel. JD Vance selbst sagt, der strenggl\u00e4ubige Katholik Tolkien habe mit dem Herrn der Ringe sein konservatives Weltbild gepr\u00e4gt. Thiel und Vance stehen mit ihrer Tolkien-Obsession aber nicht allein: Im Silicon Valley und dar\u00fcber hinaus finden sich heute eine Reihe von Unternehmen mit Mittelerde-Bezug \u2013 von der R\u00fcstungsfirma Anduril Industries \u00fcber Rivendell Capital bis zu Elessar Labs. <\/p>\n<p>F\u00fcr Tech-Investoren und diverse rechte Politiker ist &#8222;Der Herr der Ringe&#8220; heute darum mehr als ein Monolith, der seit Jahrzehnten Popkultur ma\u00dfgeblich pr\u00e4gt. F\u00fcr sie speisen Tolkiens-Werk und dessen Codes und Symbole ein gemeinsames Weltbild, in dem vermeintlich starke M\u00e4nner nach Macht und Kontrolle streben. Eine Interpretation seiner B\u00fccher, der Tolkien heute wohl laut widersprechen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Die Welt hat sich ver\u00e4ndert. 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