{"id":195629,"date":"2026-06-03T12:31:15","date_gmt":"2026-06-03T12:31:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/195629\/"},"modified":"2026-06-03T12:31:15","modified_gmt":"2026-06-03T12:31:15","slug":"josephine-baker-mehr-als-bananenrock-und-exotik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/195629\/","title":{"rendered":"Josephine Baker: Mehr als Bananenrock und Exotik"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 120 Jahren, am 3. Juni 1906, wurde Josephine Baker in St. Louis (USA) geboren. Sie war nicht nur der erste schwarze Weltstar des 20. Jahrhunderts, sondern auch R\u00e9sistance-K\u00e4mpferin, B\u00fcrgerrechtsaktivistin und eine Frau, die den Rassismus ihrer Zeit mit Charme, Disziplin und politischem Mut blo\u00dfstellte. Besonders scharf zeigte sich das in Wien, wo ihr Auftritt 1928 eine Moralpanik ausl\u00f6ste \u2013 und zugleich ein Publikumsmagnet wurde.<\/p>\n<p>Als Kind in St. Louis erlebte Baker Armut, Gewalt und Rassentrennung. Ihre fr\u00fche Lebenswelt war von Missbrauch, Dem\u00fctigung und existenzieller Unsicherheit gepr\u00e4gt; schon als M\u00e4dchen musste sie f\u00fcr wei\u00dfe Familien arbeiten. Sp\u00e4ter erinnerte sie sich daran, in Paris zum ersten Mal erfahren zu haben, wie sich \u201eechte Freiheit\u201c anf\u00fchlt \u2013 nicht als abstrakte Idee, sondern als Alltag ohne offenen Rassismus.<\/p>\n<p>\u201eI could go into any restaurant I wanted to, and I could drink water anyplace I wanted to, and I didn\u2019t have to go to a colored toilet either.\u201c<\/p>\n<p>Bereits mit 13 Jahren floh Josephine Baker aus den Verh\u00e4ltnissen ihrer Kindheit und schloss sich einer reisenden schwarzen Theatergruppe an. In den Jahren danach arbeitete sie sich in den Music Halls von Harlem und New York nach oben: zun\u00e4chst als Kost\u00fcmschneiderin, dann als T\u00e4nzerin mit einem ganz eigenen, komischen und expressiven Stil. Weil sie mit Grimassen, wildem Gestikulieren und perfektem Timing aus der Reihe fiel, wurde sie rasch zum Publikumsliebling. Der entscheidende Wendepunkt kam, als sie nach einem Auftritt angesprochen wurde:<\/p>\n<p>\u201eEines Abends wartete nach der Show eine Wei\u00dfe auf mich. Sie war Produzentin und arbeitete an einer Show mit Schwarzen in Paris. Sie wollte mich engagieren.\u201c<\/p>\n<p>Als Baker 1925 nach Paris kam, \u00e4nderte sich alles. Nicht nur, weil sie in der \u201eRevue N\u00e8gre\u201c zur Sensation wurde, sondern weil sie dort etwas erlebte, das ihr in den USA verweigert worden war: W\u00fcrde im Alltag. \u00dcber ihre ersten Tage in Frankreich sagt sie:<\/p>\n<p>\u201eNach meiner Ankunft war ich verbl\u00fcfft dar\u00fcber, von den Wei\u00dfen als gleich behandelt zu werden und mich unter sie mischen zu k\u00f6nnen. \u00dcberall empfing man uns mit einem L\u00e4cheln. So sah also echte Freiheit aus.\u201c<\/p>\n<p>Baker wurde zur Ikone der ann\u00e9es folles (\u201everr\u00fcckte Jahre\u201c), zur Sensation einer ersch\u00f6pften europ\u00e4ischen Nachkriegsgesellschaft, die nach Exzess, Tempo und neuen Bildern suchte.<\/p>\n<p data-source-line=\"9-9\">Doch auch in Europa war diese Freiheit nie widerspruchsfrei. Baker wurde gefeiert, aber auch exotisiert, sexualisiert und zur Projektionsfl\u00e4che wei\u00dfer Fantasien gemacht. Sie wusste das sehr genau:<\/p>\n<p data-source-line=\"9-9\">\u201eAllm\u00e4hlich wurde es mir l\u00e4stig, eine Kuriosit\u00e4t zu sein.\u201c<\/p>\n<p data-source-line=\"9-9\">Der erste schwarze Weltstar zu werden, bedeutete eben auch, st\u00e4ndig beobachtet und gedeutet zu werden: als Verhei\u00dfung der Moderne, als Skandalfigur, als \u201eWilde\u201c, als Modeikone. Baker spielte mit diesen Zuschreibungen \u2013 aber sie litt auch unter ihnen.<\/p>\n<p>\u201eNegerskandal\u201c im Johann-Strau\u00df-Theater<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/josephine-baker-standing-while-posing-in-her-costume-391748506631-ae1b02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-34065\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/josephine-baker-standing-while-posing-in-her-costume-391748506631-ae1b02.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"450\"  \/><\/a>Josephine Baker in ihrem legend\u00e4ren Bananenrock-Kost\u00fcm (Public Domain)<\/p>\n<p data-source-line=\"11-11\">Nirgendwo in Europa kulminierte diese Spannung st\u00e4rker als in Wien. Im Februar 1928 sollte Baker zun\u00e4chst im\u00a0Ronacher auftreten. Doch noch bevor sie auf die B\u00fchne kam, brach ein Kulturkampf los. Vertreter der Katholischen Kirche organisierten Bu\u00dfgottesdienste, die Wiener NSDAP forderte ein Auftrittsverbot, und die konservative Presse skandalisierte Baker als Gefahr f\u00fcr Moral und \u201eWiener Kultur\u201c. Das Ronacher erhielt keine Bewilligung; erst ein Kompromiss erm\u00f6glichte ihr ab 1. M\u00e4rz 1928\u00a0einen sechsw\u00f6chigen Auftritt im\u00a0Johann-Strau\u00df-Theater\u00a0in der Revue\u00a0\u201eSchwarz auf Wei\u00df\u201c.<\/p>\n<p data-source-line=\"13-13\">Die Sprache der Hetze war offen rassistisch. Die\u00a0Deutsch-\u00f6sterreichische Tages-Zeitung sprach vom \u201eNegerskandal\u201c, die christlich-soziale Reichspost stilisierte Baker mit ihrem \u201eBananenschurz\u201c zur Bedrohung f\u00fcr die Stadt Schuberts, Strauss\u2019 und Beethovens. In der Wiener Paulanerkirche fanden Bu\u00dfmessen gegen Bakers angebliche \u201eschwere Verst\u00f6\u00dfe gegen die Moral\u201c statt. Der Medienhistoriker Roman Horak zeigt, dass sich in der Wiener Kampagne mehrere \u00c4ngste b\u00fcndelten: Rassismus, Antimodernismus und die Panik vor \u201eAmerikanisierung\u201c (<a href=\"https:\/\/cultureunbound.ep.liu.se\/article\/view\/2076\/1440\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Culture Unbound, Volume 5, 2013<\/a>). Baker wurde nicht nur als T\u00e4nzerin bek\u00e4mpft, sondern als Chiffre f\u00fcr Jazz, Gro\u00dfstadt, weibliche Selbstbestimmung und schwarze Sichtbarkeit.<\/p>\n<p data-source-line=\"15-15\">Josephine Baker selbst hat diese Wiener Episode mit bitterem Witz beschrieben. In der Doku <a href=\"https:\/\/on.orf.at\/video\/14325123\/josephine-baker-ikone-der-befreiung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Josephine Baker, Ikone der Befreiung<\/a> hei\u00dft es:<\/p>\n<p data-source-line=\"15-15\">\u201eIn Wien beispielsweise warnen alle Glocken der Stadt die Gl\u00e4ubigen vor dieser schwarzen, schamlosen Frau, damit sie sich zu Hause einschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Traktate werden verteilt, in denen zu lesen ist: M\u00f6ge dieses unmoralische Weib seine verdiente Strafe erhalten. So verk\u00f6rperte ich ungewollt den Verfall der Sitten, der das brave \u00d6sterreich bedrohte.\u201c<\/p>\n<p data-source-line=\"17-17\">Die Ironie dieser Geschichte liegt darin, dass die Kampagne ihr Ziel verfehlte. Wien war widerspr\u00fcchlicher, als Kirche und Hetzbl\u00e4tter es wahrhaben wollten, denn das Publikum str\u00f6mte ins Johann-Strau\u00df-Theater. Baker tanzte und sang wochenlang vor ausverkauftem Haus (vgl. <a href=\"https:\/\/oe1.orf.at\/artikel\/677465\/Josephine-Baker-Biografie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u00d61-Leporello:\u00a0\u201eJosephine Baker\u201c-Biografie<\/a>). Horak verweist sogar darauf, dass die konservative Kampagne der Revue eher zus\u00e4tzliche Aufmerksamkeit brachte. Die Moralprediger hatten bei ihren Versammlungen volle Hallen \u2013 Baker aber auch.<\/p>\n<p>Von der B\u00fchne in die R\u00e9sistance<\/p>\n<p>Wer Josephine Baker nur auf das Bananenr\u00f6ckchen reduziert, \u00fcbersieht den gr\u00f6\u00dferen Bogen ihres Lebens. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie f\u00fcr die franz\u00f6sische R\u00e9sistance, schmuggelte Informationen und stellte ihren Ruhm in den Dienst des antifaschistischen Kampfes. Ihre Motivation formulierte sie selbst glasklar:<\/p>\n<p>\u201eIch hatte nur noch ein Ziel: meinem Land zu helfen \u2026 Frankreich hat mich zu dem gemacht, was ich bin \u2026 und ich war bereit, mein Leben f\u00fcr es zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde sie daf\u00fcr mit hohen franz\u00f6sischen Auszeichnungen geehrt. In den USA k\u00e4mpfte sie gegen die Rassentrennung und trat nur noch vor gemischtem Publikum auf.<\/p>\n<p>Der Regenbogen-Stamm als gelebte Utopie<\/p>\n<p data-source-line=\"33-33\">Nach dem Krieg suchte Baker nicht nur den \u00f6ffentlichen Kampf gegen Rassismus, sondern auch ein privates Gegenmodell. Auf ihrem Schloss Les Milandes adoptierte sie zw\u00f6lf Kinder unterschiedlicher Herkunft, Hautfarben und Religionen \u2013 aus Asien, Europa, Afrika und Lateinamerika \u2013 und nannte diese Familie ihren ber\u00fchmten \u201eRegenbogen-Stamm\u201c. Damit wollte sie nicht blo\u00df Humanit\u00e4t predigen, sondern im Alltag zeigen, dass Zusammenleben jenseits von \u201eRasse\u201c, Nation und Konfession m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p data-source-line=\"33-33\">\u201eOb zu ihrem Gl\u00fcck oder Ungl\u00fcck, Josephine Baker ist immer ihren Instinkten gefolgt. Wenn sie das Gef\u00fchl hatte, etwas tun zu m\u00fcssen, dann tat sie es, ohne an die Folgen zu denken. Einen Regenbogenstamm zu gr\u00fcnden ist ein Traum, eine Utopie. Sie macht es einfach und erkl\u00e4rt damit alle Kinder der Welt zu ihren Kindern. Zeigt, dass Familie vor allem Menschlichkeit bedeutet und Abstammung purer Zufall ist.\u201c (Simon Njami, Gr\u00fcnder der Revue Noire)<\/p>\n<p>B\u00fcrgerrechte und ein Verm\u00e4chtnis f\u00fcr die Gegenwart<\/p>\n<p data-source-line=\"37-37\">Josephine Baker kehrte immer wieder in die USA zur\u00fcck, k\u00e4mpfte gegen Rassentrennung und sprach 1963 beim <a href=\"https:\/\/blackpast.org\/african-american-history\/1963-josephine-baker-speech-march-washington\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Marsch auf Washington<\/a>. Sp\u00e4ter sagte sie dar\u00fcber:\u00a0<\/p>\n<p>\u201cBis zum Marsch auf Washington hatte ich bei jeder meiner Reisen in die USA Bauchschmerzen. Zum ersten Mal bin ich mit einem Geschmack von Freiheit nach Frankreich zur\u00fcckgekehrt. Mein Kampf war richtig. Ich war nach Washington gegangen, um die Fackel an jene weiterzugeben, die mir zuh\u00f6rten, damit sie die gleichen Chancen haben wie ich, ohne fliehen zu m\u00fcssen. Jetzt, wo sie mir zugeh\u00f6rt hatten, konnte ich in Frieden abreisen.\u201d<\/p>\n<p>Doku-Tipp:\u00a0<a href=\"https:\/\/on.orf.at\/video\/14325123\/josephine-baker-ikone-der-befreiung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Josephine Baker, Ikone der Befreiung <\/a>(ORF ON, verf\u00fcgbar bis 11.4.2028)<\/p>\n<p>Text: Michael W\u00f6gerer<br \/>Titelbild: <a href=\"https:\/\/blackpast.org\/african-american-history\/1963-josephine-baker-speech-march-washington\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Josephine Baker, \u201cSpeech at the March on Washington\u201d, 1963<\/a> (<a href=\"https:\/\/www.law.cornell.edu\/uscode\/text\/17\/107\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Fair Use<\/a> Image)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heute vor 120 Jahren, am 3. Juni 1906, wurde Josephine Baker in St. Louis (USA) geboren. 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