{"id":201309,"date":"2026-06-06T12:38:08","date_gmt":"2026-06-06T12:38:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/201309\/"},"modified":"2026-06-06T12:38:08","modified_gmt":"2026-06-06T12:38:08","slug":"boom-oder-blase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/201309\/","title":{"rendered":"Boom oder Blase"},"content":{"rendered":"<p>Es flie\u00dft gerade viel Geld in KI-Unternehmen. Wird damit eine Blase gr\u00f6\u00dfer, die mit der Dotcom-Krise von 2000 vergleichbar ist oder sie sogar \u00fcbertreffen wird? Die n\u00e4chsten paar Wochen werden jedenfalls etwas Klarheit bringen. <\/p>\n<p>Die Zahlen sind schwindelerregend. Nvidia erreichte k\u00fcrzlich eine Marktkapitalisierung von 5,4 Billionen Dollar\u00a0 \u2013 mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands und Japans zusammen. Die vier gro\u00dfen Hyperscaler Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft werden laut aktuellen Sch\u00e4tzungen im Jahr 2026 zusammen fast 700 Milliarden Dollar in den Aufbau ihrer KI-Infrastruktur investieren.\u00a0 Und Morgan Stanley erwartet, dass die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Technologiekonzerne ihre Ausgaben 2027 auf \u00fcber eine Billion Dollar steigern.<\/p>\n<p>Wer solche Summen liest, denkt unweigerlich an das Jahr 2000. Damals war das Internet die Technologie, die alles ver\u00e4ndern w\u00fcrde \u2013 und tat es auch, nur eben nicht so schnell wie erhofft. Tausende Unternehmen versanken in der Dotcom-Krise. Ist der KI-Boom heute das gleiche Muster in neuem Gewand?<\/p>\n<p>Der B\u00f6rsengang als Stimmungsbarometer<\/p>\n<p>Ein guter Gradmesser ist der Markt f\u00fcr B\u00f6rseng\u00e4nge. CoreWeave, ein auf KI-Rechenzentren spezialisierter Cloud-Anbieter, lieferte Anfang 2025 einen aufschlussreichen Test. Das Unternehmen hatte urspr\u00fcnglich eine Bewertung von \u00fcber 35 Milliarden Dollar angepeilt \u2013 musste kurz vor dem IPO aber deutlich zur\u00fcckrudern.\u00a0 Statt der angestrebten 2,7 Milliarden Dollar nahm CoreWeave beim B\u00f6rsengang nur 1,5 Milliarden ein, der Ausgabepreis lag mit 40 Dollar deutlich unter den urspr\u00fcnglich geplanten 55 Dollar.<\/p>\n<p>Die Geschichte dahinter ist symptomatisch: CoreWeave hatte im Zuge seiner Expansion Schulden von rund 8 Milliarden Dollar angeh\u00e4uft, was 2024 zu einem negativen Cashflow von 6 Milliarden Dollar f\u00fchrte \u2013 mehr als dem Dreifachen des Umsatzes.\u00a0 Ein Unternehmen, das mehr ausgibt als es einnimmt, und trotzdem mit Milliardenbewertungen gehandelt wird: Das klingt nach Blase. Oder nach Wachstum \u2013 je nach Perspektive.<\/p>\n<p>\u00dcbertreibung mit Substanz?<\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied zur Dotcom-\u00c4ra liegt tats\u00e4chlich in den Fundamentaldaten. Die gro\u00dfen b\u00f6rsennotierten KI-Unternehmen finanzieren ihre Investitionen \u00fcberwiegend aus laufenden Gewinnen und weisen im Vergleich zum breiten Markt niedrige Verschuldungsquoten auf.\u00a0 Das war 2000 anders: Damals wurden Verluste durch Kapitalerh\u00f6hungen finanziert, Gewinne gab es kaum.<\/p>\n<p>Nvidia etwa ist mit rund 5,34 Billionen Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt \u2013 aber diese Bewertung reflektiert bereits ein enormes zuk\u00fcnftiges Wachstum.\u00a0 Und dieses Wachstum ist real: Nvidia d\u00fcrfte im Kalenderjahr 2026 mehr als 190 Milliarden Dollar verdienen \u2013 das w\u00e4re laut Dow Jones Market Data der h\u00f6chste Jahresgewinn, den je ein Unternehmen erzielt hat.<\/p>\n<p>Trotzdem mahnen Beobachter zur Vorsicht. Eine MIT-Studie ergab, dass 95 Prozent der KI-Projekte trotz Investitionen von rund 400 Milliarden Dollar noch keinen wirtschaftlichen Ertrag erzielen.\u00a0 Das Geld flie\u00dft in Infrastruktur, in Rechenzentren, in Chips \u2013 aber die Ertr\u00e4ge aus konkreten Anwendungen lassen in vielen Bereichen noch auf sich warten.<\/p>\n<p>Die Erwartungsfalle<\/p>\n<p>Das eigentliche Risiko liegt vielleicht gar nicht in einer klassischen Blase mit Kreditexzessen und wertlosen Unternehmen. Es liegt in dem, was Marktbeobachter die \u201eErwartungsfalle\u201d nennen: Die Anleger sind inzwischen daran gew\u00f6hnt, dass alle Erwartungen stark \u00fcbertroffen werden \u2013 und der Markt fordert permanent neue Superlative.<\/p>\n<p>Historisch hat sich gezeigt, dass Anleger trotz des Wissens um \u00dcbertreibungen so lange investiert bleiben, wie die Renditen \u00fcberdurchschnittlich hoch sind. Erst wenn die Dynamik abebbt, kippt die Stimmung abrupt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein strukturelles Risiko: Wenn Amazon 200 Milliarden in die KI-Infrastruktur investiert, kann der Konzern diesen Betrag \u00fcber mehrere Jahre abschreiben \u2013 der Gewinn wird also erst in der Zukunft geschm\u00e4lert. Der Cashflow aber f\u00e4llt unmittelbar, und bei Amazon oder Oracle ist er wegen der enormen Belastungen bereits negativ geworden.<\/p>\n<p>Blase oder Strukturwandel?<\/p>\n<p>Die ehrliche Antwort lautet: beides, je nachdem wo man hinschaut. Bei den gro\u00dfen Hyperscalern spricht vieles f\u00fcr einen realen, durch Gewinne gedeckten Technologiesprung. Bei Dutzenden kleineren KI-Start-ups, die auf astronomischen Bewertungen sitzen ohne nennenswerte Einnahmen, spricht einiges f\u00fcr klassische \u00dcberhitzung.<\/p>\n<p>Dabei sind Spekulationsblasen nicht zwingend nur sch\u00e4dlich \u2013 sie k\u00f6nnen zu erheblichen Produktivit\u00e4tssteigerungen f\u00fchren, wie das Beispiel der Internetrevolution gezeigt hat.\u00a0 Auch damals war das Platzen der Blase schmerzhaft. Die Infrastruktur aber, die in diesen Jahren verlegt wurde \u2013 Glasfaserkabel, Server, Plattformen \u2013 legte das Fundament f\u00fcr alles, was danach kam: Google, Amazon, das iPhone.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das die n\u00fcchternste Einordnung: Der KI-Boom enth\u00e4lt eine Blase. Aber er enth\u00e4lt auch eine Revolution. Die Kunst \u2013 f\u00fcr Anleger wie f\u00fcr Unternehmen \u2013 besteht darin, beides auseinanderzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es flie\u00dft gerade viel Geld in KI-Unternehmen. 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