{"id":20409,"date":"2026-03-01T23:07:11","date_gmt":"2026-03-01T23:07:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/20409\/"},"modified":"2026-03-01T23:07:11","modified_gmt":"2026-03-01T23:07:11","slug":"psychisch-kranke-sind-nicht-per-se-gewalttaetig-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/20409\/","title":{"rendered":"&#8222;Psychisch Kranke sind nicht per se gewaltt\u00e4tig \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Eine 14-J\u00e4hrige t\u00f6tet eine Frau \u2013 eine Folge der mangelhaften Versorgung? Kinderpsychiater Paul Plener \u00fcber Stigmatisierung, Effekte von Social Media und die Grenzen der Pr\u00e4vention.<\/p>\n<p>\u201eEs ist eine Illusion zu glauben, dass man solche Einzelf\u00e4lle zu 100 Prozent verhindern kann.\u201c Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiater am Wiener AKH, Paul Plener ordnet nach einer t\u00f6dlichen Gewalttat durch eine 14-J\u00e4hrige die Debatte ein \u2013 und stellt klar, dass das langj\u00e4hrige Wegschlie\u00dfen von Betroffenen oft wenig bringt: \u201eWieder zur\u00fcck ins Leben finden kann man vor allem in Kontakt mit der Au\u00dfenwelt.\u201c Zugleich berichtet er, dass der Fall am Friedhof auch in seiner Klinik sp\u00fcrbar war: In den Tagen danach habe es mehr Akutf\u00e4lle gegeben. <\/p>\n<p> Am Montag hat eine 14-J\u00e4hrige eine Frau auf einem Friedhof erstochen. Das M\u00e4dchen, offenbar schwer psychisch krank, ist davor nur mit selbstgef\u00e4hrdendem Verhalten aufgefallen. Wie kann das so schnell umschlagen in so eine Gewalttat? <\/p>\n<p> Paul Plener: Es ist extrem ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Leute, die sich selbst verletzen, dass es zu fremdaggressivem Verhalten kommt. Selbstverletzung ist ja eine sehr verdeckte Verhaltensweise. Wir wissen, dass in \u00d6sterreich etwa ein Viertel aller Jugendlichen sich schon zumindest einmal selbst verletzt hat. <\/p>\n<p> Das ist eine beunruhigend hohe Zahl.  <\/p>\n<p> Wenn man das bei seinem Kind merkt, muss man n\u00e4her hinschauen. Nat\u00fcrlich probieren Jugendliche verschiedentlich Dinge aus, die aus Erwachsenensicht schwierig sind \u2013 Rauscherlebnisse, Probierkonsum von Substanzmitteln, auch Selbstverletzungen \u2013 und lassen es wieder. Jugendliche, die es mehrfach innerhalb eines Jahres machen, weisen h\u00e4ufig auch psychische Erkrankungen auf. Dennoch ist es unzul\u00e4ssig zu sagen, dass Leute, die sich selbst verletzen, automatisch auch ein h\u00f6heres Risiko haben, fremdaggressiv zu werden. <\/p>\n<p> Dennoch kommt das Bild, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen eher zu Gewalt neigen, wieder auf\u2026 <\/p>\n<p> Ich sehe die mediale Debatte der letzten Tage und es ist mir ein gro\u00dfes Anliegen zu sagen, dass psychisch Kranke nicht per se gef\u00e4hrliche Menschen sind. Das erlebe ich gerade wieder. Jedes Mal, wenn es einen Einzelfall gibt, wird pauschalisiert auf die gesamte Gruppe. So, als w\u00e4re die ganze Antistigma-Arbeit der letzten 30 Jahre nicht passiert. Man muss auch sagen, dass das langj\u00e4hrige Wegschlie\u00dfen, das gerade in der Fantasie in vielen K\u00f6pfen existiert, auch nicht dazu f\u00fchrt, dass sich die Lage zwangsl\u00e4ufig verbessert. Wieder zur\u00fcck ins Leben finden kann man tats\u00e4chlich vor allem in Kontakt mit der Au\u00dfenwelt. <\/p>\n<p> Das M\u00e4dchen war in einer sozialpsychiatrischen WG untergebracht. Wann ist so eine Unterbringung sinnvoll? <\/p>\n<p> Das ist sicher das beste Betreuungssetting, das man sich w\u00fcnschen kann, weil mit einem sehr hohen Personalschl\u00fcssel eine sehr kleine Gruppe von Jugendlichen betreut wird, die alle eine psychische Erkrankung haben und nicht mehr zu Hause leben k\u00f6nnen. Oft sind es Patienten, die von der Psychiatrie entlassen sind, die aber nicht oder noch nicht in die Familie k\u00f6nnen und auch in normalen Jugendhilfesettings aufgrund ihrer Erkrankung schwer zu halten sind. Wir kennen viele Jugendliche, bei denen wir uns gefragt haben, ob sie stabil genug sind, die sich dort sehr gut stabilisiert haben und dort wieder gut zur\u00fcckgefunden haben in den normalen Alltag. <\/p>\n<p> Sie haben immer wieder, vor allem seit der Pandemie, die mangelnde psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen kritisiert. Ist dieser Fall ein Ergebnis dieser Mangelversorgung? <\/p>\n<p> So tragisch und dramatisch der Fall auch ist, ich denke nicht, dass wir dramatische Einzelf\u00e4lle auch mit der optimalsten Versorgung der Welt werden eingrenzen k\u00f6nnen. Es bleibt immer eine Restunsicherheit bestehen. Je besser wir werden, umso mehr Leute k\u00f6nnen wir erreichen, umso fr\u00fcher k\u00f6nnen wir abfangen. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass irgendwann ein Punkt erreicht wird, wo man schwerwiegende und dramatische Einzelf\u00e4lle zu 100 Prozent kontrollieren kann. <\/p>\n<p> Hat sich die Versorgung seit der Pandemie verbessert?  <\/p>\n<p> Wir haben in Wien gerade eine Ausbildungsoffensive laufen, um so viele Kinder- und Jugendpsychiater wie m\u00f6glich f\u00fcr die Zukunft auszubilden. Es gibt regionale Initiativen, die in die richtige Richtung gehen, aber eine wirklich suffiziente Verbesserung im Vergleich zu der Corona-Pandemie haben wir nicht. Es gibt weiterhin Regionen in \u00d6sterreich, die sehr stark unterversorgt sind. F\u00fcr eine wirklich gute Versorgung brauchen wir ein gutes, mehrstufiges Versorgungssystem: Ambulante Versorgung, stationsersetzende Ma\u00dfnahmen wie das Home-Treatment und gleichzeitig der weitere station\u00e4re Ausbau. <\/p>\n<p> Im Bereich der station\u00e4ren Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir auch seit Beginn der Corona-Pandemie keine Zuw\u00e4chse. Wenn jemand ein Bett braucht, weil wir eine akute Gef\u00e4hrdungslage sehen, dann wird er es immer bekommen. Ich habe gerade die letzten Tage wieder herumgestoppelt und geschoben, weil solche Dinge, die drau\u00dfen passieren, immer auch Auswirkungen auf uns haben. <\/p>\n<p> Meinen Sie den aktuellen Fall? <\/p>\n<p> Ja, Kinder und Jugendliche lesen das auch, kommunizieren miteinander, h\u00f6ren Dinge, nicht immer nur die Wahrheit. Solche Geschehnisse besch\u00e4ftigen nat\u00fcrlich auch Jugendliche. <\/p>\n<p> Und das haben Sie ganz akut auf Ihrer Station gesp\u00fcrt mit mehr F\u00e4llen? <\/p>\n<p> Ja, das sp\u00fcren wir immer noch. Und es f\u00fchrt dazu, dass Leute, die sozusagen weniger akut sind, l\u00e4nger warten m\u00fcssen auf einen Platz. Es gibt weiterhin Wartezeiten auf elektive Behandlungen, in unserer Klinik sind es bis zu zwei Monate. <\/p>\n<p> Ist es wirklich so, dass Kinder und Jugendliche heute \u00f6fter von psychischen Problemen betroffen sind? <\/p>\n<p> Wir k\u00f6nnen das nur in einer globalen Sicht beantworten, weil aus \u00d6sterreich tats\u00e4chlich repr\u00e4sentative Daten fehlen. Und hier gibt es leider relativ deutlich einen Trend nach oben.  <\/p>\n<p> Was sind denn die Krankheitsbilder, die Sie am h\u00e4ufigsten sehen? <\/p>\n<p> Global treiben Depressions- und Angsterkrankungen den Trend nach oben. Bei uns im station\u00e4ren Bereich sind die Zuwachsraten sehr stark bedingt durch vermehrtes Auftreten von Suizidversuchen, mehr Essst\u00f6rungen. Au\u00dferdem sehen wir viele Jugendliche mit dem Thema Substanzkonsum.  <\/p>\n<p> Hat der Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen zugenommen? <\/p>\n<p> Wir sehen immer nur unseren Ausschnitt, aber was wir sehen, sind sehr viele verschiedene gemischte Substanzen. Das ist etwas beunruhigend, denn das gemischte Konsumieren von Substanzen kann leicht gef\u00e4hrlich werden. Au\u00dferdem gibt es zunehmend j\u00fcngere Konsumenten. 13-, 14-J\u00e4hrige, die jetzt schon Dinge konsumieren, Heroin etwa, die man fr\u00fcher eher nur bei \u00c4lteren gesehen hat. <\/p>\n<p> Derzeit wird wieder mehr \u00fcber den negativen Einfluss von Social Media gesprochen. Was wei\u00df man denn: Gibt es Zusammenh\u00e4nge zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen?  <\/p>\n<p> Nach aktuellem Forschungsstand scheint Social Media einen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu haben. Neuere Arbeiten zeigen, dass es vor allem auch der Faktor Zeit ist, der wirkt: Weil ich in der Zeit auf Social Media eben nichts mache, was potenziell gesundheitsf\u00f6rderlich ist. Sozialkontakte, k\u00f6rperliche Bewegung, andere anregende Dinge. Neben dem Inhalt tr\u00e4gt das auch dazu bei, dass wir diese Effekte sehen. <\/p>\n<p> Kinder und Jugendliche sehen auf Social Media viel, auch Gewalttaten. Was macht so etwas mit Kindern? <\/p>\n<p> Das ist tats\u00e4chlich sehr abh\u00e4ngig vom Kontext und vor allem auch in welcher eigenen Stimmungslage die angesehenen Inhalte konsumiert werden. Der Kinderschutz wird von Social-Media-Konzernen letztendlich nicht gew\u00e4hrleistet. Deswegen bef\u00fcrworten wir als Fachgesellschaft (f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie, \u00d6GKJP, Anm.) das Social-Media-Verbot bis 14. Hier werden sehr stark negative Inhalte gepusht. Und es ist ganz klar erwiesen, dass negative Emotionen \u00fcber Social Media \u201eansteckend\u201c wirken k\u00f6nnen auf die eigene emotionale Lage. <\/p>\n<p> Was bedeutet ansteckend? Dass man eher zu Gewalttaten neigt, wenn man sie anschaut?  <\/p>\n<p> Wenn ich negative emotionale Inhalte sehe, reagiere ich selbst darauf. Das Ansehen von gewalthaltigen Inhalten macht nicht per se gewaltt\u00e4tiger. Es gab in den 90er Jahren eine \u00e4hnliche, riesige Diskussion um gewalthaltige Videospiele. Hier hat sich auch gezeigt, dass diese Theorie nicht ganz richtig ist. <\/p>\n<p>        Zur Person<\/p>\n<p>Paul Plener ist seit 2018 Leiter der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH und hat die Professur f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie\u00a0inne.<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine 14-J\u00e4hrige t\u00f6tet eine Frau \u2013 eine Folge der mangelhaften Versorgung? 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