{"id":204370,"date":"2026-06-08T09:50:11","date_gmt":"2026-06-08T09:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/204370\/"},"modified":"2026-06-08T09:50:11","modified_gmt":"2026-06-08T09:50:11","slug":"wie-wien-versucht-die-urgewalt-in-die-stadt-zu-holen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/204370\/","title":{"rendered":"Wie Wien versucht, die Urgewalt in die Stadt zu holen"},"content":{"rendered":"<p>Wien gilt als die lebenswerteste Metropole der Welt \u2013 gr\u00fcn, sauber, zukunftsorientiert. Doch wer den Blick \u00fcber die Skyline schweifen l\u00e4sst, sucht die Giganten der Energiewende meist vergebens. W\u00e4hrend in den flachen Weiten Nieder\u00f6sterreichs und des Burgenlands hunderte Windr\u00e4der unerm\u00fcdlich rotieren, herrscht in der Bundeshauptstadt in Sachen Windkraft fast schon Flaute. Warum ist das so? Ein Blick auf eine Handvoll Pioniere, die sich gegen die urbane Enge behaupten.<\/p>\n<p>Wer der Donauinsel entlang spaziert, st\u00f6\u00dft in der N\u00e4he der Steinspornbr\u00fccke auf ein technisches Fossil, das gleichzeitig ein Denkmal des Aufbruchs ist. Seit Mai 1997 dreht sich hier ein einzelnes, vergleichsweise kleines Windrad im Wiener Praterwind. Es ist das Erstgeborene der Stadt, ein Pionierprojekt aus einer Zeit, als die Energiewende noch in den Kinderschuhen steckte. Heute versorgt dieser Veteran gerade einmal rund 100 Haushalte mit \u00d6kostrom. Er ist das emotionale Herzst\u00fcck einer Debatte, die Wien seit Jahrzehnten spaltet: Wie viel Platz hat die saubere Energie in einer Millionenstadt?<\/p>\n<p>Die neun ungleichen Giganten<\/p>\n<p>Insgesamt sind es aktuell gerade einmal neun Windkraftanlagen, die sich auf Wiener Gemeindegebiet drehen. Zusammen bringen sie es auf eine installierte Leistung von rund 7,4 Megawatt (MW). Ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein einer Metropole, die t\u00e4glich gigantische Mengen Strom verschlingt. Und doch sind diese neun Anlagen architektonische und \u00f6kologische Meisterleistungen, versteckt an den R\u00e4ndern der Stadt:<\/p>\n<p>Das Insel-Windrad: Der Urvater nahe der Vienna Watersports Arena. Klein, charmant, aber technologisch l\u00e4ngst von der Zeit \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Der Windpark Unterlaa: Vier Anlagen im S\u00fcden des 10. Bezirks (Favoriten), direkt an der Stadtgrenze. Unter ihnen befindet sich ein echtes Unikat: das erste \u201eKunstwindrad\u201c Mitteleuropas, dessen Turm von einer K\u00fcnstlerin gestaltet wurde, um die Technologie \u00e4sthetisch im urbanen Raum zu verankern.<\/p>\n<p>Der Windpark Breitenlee: Drei moderne Anlagen im 22. Bezirk (Donaustadt). Hier, wo Wien noch landwirtschaftlich und weitl\u00e4ufig gepr\u00e4gt ist, bl\u00e4st der Wind stark genug, um die Rotoren effizient anzutreiben.<\/p>\n<p>Die Anlage Freudenau: Ein treuer Einzelk\u00e4mpfer in Nachbarschaft zum Donaukraftwerk Freudenau, der seit 1998 unauff\u00e4llig seinen Dienst verrichtet.<\/p>\n<p>Das Dilemma der Dichte<\/p>\n<p>Dass nicht l\u00e4ngst mehr dieser wei\u00dfen Riesen die Wiener Bezirke s\u00e4umen, liegt an einem un\u00fcberwindbaren Gegner: der Geografie. Wien ist dicht verbaut, Wohnraum ist kostbar und streng gesch\u00fctzt. Gro\u00dfwindkraftanlagen ben\u00f6tigen enorme Sicherheitsabst\u00e4nde zu Wohngeb\u00e4uden \u2013 nicht nur wegen des Schattenschlags, sondern auch wegen der Ger\u00e4uschentwicklung. Wo H\u00e4user stehen, darf kein Windrad gebaut werden. Und so schrumpfen die potenziellen Fl\u00e4chen im Stadtgebiet fast gegen null.<\/p>\n<p>Doch die Stadt hat eine List parat. Wenn der Wind nicht in der Stadt geerntet werden kann, dann eben vor ihren Toren.<\/p>\n<p>Wiens Energie wird ausgelagert<\/p>\n<p>Hinter den Kulissen der Wiener Haushalte zieht der st\u00e4dtische Energieversorger Wien Energie l\u00e4ngst die F\u00e4den im gro\u00dfen Stil. Da auf eigenem Boden der Platz fehlt, investiert die Stadt massiv in \u201cExil-Windr\u00e4der\u201d. Weit \u00fcber 140 Windkraftanlagen werden von den Wienern betrieben \u2013 allerdings auf den windreichen H\u00fcgeln Nieder\u00f6sterreichs, im Burgenland und in den windigen H\u00f6hen der Steiermark. Von dort flie\u00dft der saubere Strom \u00fcber weite Leitungsnetze direkt in die Wiener Kaffeemaschinen, U-Bahnen und Fabriken.<\/p>\n<p>Wien zeigt damit ein neues Gesicht der urbanen Energiewende: Sauberer Strom muss nicht zwingend dort erzeugt werden, wo er verbraucht wird. Die neun Windr\u00e4der innerhalb der Stadtgrenzen sind somit weniger die Hauptkraftwerke der Stadt, sondern vielmehr weithin sichtbare Symbole. Sie erinnern die Wiener t\u00e4glich daran, dass der Kampf gegen den Klimawandel auch vor den Toren der Walzermetropole nicht haltmacht \u2013 selbst wenn der Wind daf\u00fcr manchmal aus einer anderen Richtung wehen muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wien gilt als die lebenswerteste Metropole der Welt \u2013 gr\u00fcn, sauber, zukunftsorientiert. 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