{"id":208477,"date":"2026-06-10T10:43:12","date_gmt":"2026-06-10T10:43:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/208477\/"},"modified":"2026-06-10T10:43:12","modified_gmt":"2026-06-10T10:43:12","slug":"zither-vom-schul-spott-zum-weltstar-stephan-ander-verbluefft-selbst-profis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/208477\/","title":{"rendered":"Zither: Vom Schul-Spott zum Weltstar \u2013 Stephan Ander verbl\u00fcfft selbst Profis"},"content":{"rendered":"<p>Als Klavier des kleinen Mannes sorgt die Zither eher f\u00fcr Spott \u2013 wenn Stephan Ander sie spielt, f\u00fcr Beifallsst\u00fcrme. Als Virtuose z\u00e4hlt der Wiener zu den Besten der Welt. Hier verr\u00e4t er, warum die Alpenharfe interessanter ist als jede Gitarre und wie sie \u00d6sterreich vor 71 Jahren befreite.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Prinzessin Kiko hat sich w\u00e4hrend ihres Studiums in Europa in die Zither verliebt. Zur\u00fcck in Japan lie\u00df sie Stephan Ander an den Kaiserhof holen, f\u00fcr sich spielen und trank danach mit ihm Tee. Ander ist mit seinen 42 Jahren der j\u00fcngste Zitherspieler in der Liste der Besten. Er ist ein Revolution\u00e4r seines Instruments, er m\u00f6chte es aus seiner Nische holen und weiterentwickeln. Wir treffen uns zum Gespr\u00e4ch im Caf\u00e9 Pavillon, im Garten des ber\u00fchmten Schlosses Sch\u00f6nbrunn, seinem liebsten Ort in Wien.<\/p>\n<p>WELT: Ihr Humor wird fast so sehr gelobt wie Ihr gro\u00dfartiges Zitherspiel. Braucht es Humor, sein Herz diesem Instrument zu verschreiben?<\/p>\n<p>Stephan Ander: Ich glaub schon. Es ist halt ein ungew\u00f6hnliches Instrument. Ich spiele es ja seit Kindesbeinen an. Im Teenageralter, das k\u00f6nnen Sie sich sicher vorstellen, gibt es coolere Sachen, als die Zither zu spielen. In der Schule fliegt einem regelm\u00e4\u00dfig irgendein dummer Spruch um die Ohren, und es gibt verschiedene Wege, damit umzugehen: Man leidet darunter, man \u00e4rgert sich \u2013 oder man beginnt, es mit Humor zu nehmen und sich darauf einzulassen. Das macht deutlich mehr Spa\u00df und ist mein Weg, damit umzugehen.<\/p>\n<p>WELT: Mit 42 Jahren sind Sie der j\u00fcngste Zitherspieler unter den Weltbesten. Sie gelten als Ausnahmeerscheinung. Wie hat das bei Ihnen angefangen?<\/p>\n<p>Ander: Fr\u00fcher war die Zither ein Volkssportinstrument, sie galt als das Klavier des kleinen Mannes, weil sie deutlich g\u00fcnstiger und transportabel war. Es gab Zither-Klubs mit 50 bis 100 Mitgliedern. Eines war meine Gro\u00dfmutter, sie spielte leidenschaftlich gern. Irgendwann hat mein Vater ihr Instrument auf dem Dachboden entdeckt, und ich war unheimlich neugierig darauf. Aber meine Eltern sagten: Moment, damit spielt man nicht einfach herum, das muss man lernen. Also sagte ich: Dann lerne ich\u2019s halt. Meine Gro\u00dfmutter hat da noch gelebt, sie war begeistert und hat mich gecoacht.<\/p>\n<p>WELT: Was hat Sie so an der Zither fasziniert?<\/p>\n<p>Ander: Dass sie sonst keiner gespielt hat. Andere Kinder lernten Blockfl\u00f6te oder Gitarre, ich kannte niemanden, der Zither lernte. Ich hatte viel Unterst\u00fctzung durch meine Eltern, dazu geh\u00f6rt manchmal auch eine gewisse Strenge. Die hat mir durch schwere Zeiten geholfen, bis ich am Konservatorium war und das Instrument richtig studierte. Dann kamen die ersten Auftritte, und es wurde richtig cool, weil mich die Zither bis nach Japan f\u00fchrte.<\/p>\n<p>WELT: Es hei\u00dft, nichts strahlt mehr die Wiener Gem\u00fctlichkeit aus als die Zither. Wie ist das gemeint?<\/p>\n<p>Ander: In der \u00f6sterreichischen Folklore ist Heurigenmusik sehr wichtig. Die Legende besagt, dass die Vertreter der vier Siegerm\u00e4chte 1955 am Abend beim Heurigen zusammensa\u00dfen und vom Spiel der Zither so herzerweicht waren, dass sie \u00d6sterreich die Unabh\u00e4ngigkeit schenkten.<\/p>\n<p>WELT: Sie waren schon Gastspieler bei den Wiener Philharmonikern. Ihre Auftritte sollen absolute Highlights gewesen sein.<\/p>\n<p>Ander: Das war an der Wiener Staatsoper, dort hatte ich eine Solostelle auf der B\u00fchne. Das Wiener Staatsopernorchester wird durch die Philharmoniker besetzt, also darf ich sagen, ich habe mit den Philharmonikern gespielt. Ich habe eine gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung der Orchestermusiker erhalten, die fasziniert von der Zither waren. Ein Instrument, das nicht mal sie richtig kennen.<\/p>\n<p> WELT: Wie ist das, wenn man im Frack zwischen millionenteuren Stradivaris der Philharmoniker sitzt und die Zither spielt, ein Instrument, das viele eher vom Heurigen kennen?<\/p>\n<p>Ander: Ziemlich lustig. Das sind die gr\u00f6\u00dften Experten auf ihren Instrumenten, und dann sitzt da einer, der etwas spielt, das sie nicht kennen. \u00dcbrigens geh\u00f6rt der Frack auch f\u00fcr mich zur Orchestermontur. Er soll halt ausdr\u00fccken: Wir machen ernste Musik.<\/p>\n<p>WELT: F\u00fchlen Sie sich wie ein Rock\u2019n\u2019Roller inmitten dieser Orchestermusiker?<\/p>\n<p>Ander: Ein bisschen ist es genau so, ja. Zwischen ihnen zu sitzen, ist ein Gl\u00fccksmoment, andererseits ist es schon etwas furchteinfl\u00f6\u00dfend.<\/p>\n<p>WELT: Anton Karas, oder aus deutscher Sicht Rudi Knabl und Alfons Bauer werden als \u201eK\u00f6nige der Zither\u201c bezeichnet, wieso?<\/p>\n<p>Ander: Alle Genannten haben auf einem exzellenten Niveau gespielt und hatten ein riesiges Repertoire. Ein Name fehlt mir: Klaus Waldburg aus Essen, auch ein fantastischer Musiker. Sie alle haben durch ihre Professionalit\u00e4t viel zum Musikschaffen insgesamt beigetragen.<\/p>\n<p>WELT: Der M\u00fcnchner Manfred Zick, genannt Zither-Man\u00e4, gilt als Rebell der Szene. Weil er die Zither aus der b\u00fcrgerlich-konservativen Tradition riss und f\u00fcr Rockmusik \u201emissbrauchte\u201c. M\u00f6gen Sie so was?<\/p>\n<p>Ander: Da gehe ich absolut gern mit. Aus diesem Grund habe ich mir eine E-Zither bauen lassen. Ich liebe Leute, die so etwas tun. Sie machen das Instrument einem Publikum zug\u00e4nglich, das nie damit gerechnet h\u00e4tte. Zither-Man\u00e4 ist absolut cool. Das ist genau das, was mir auch am meisten Spa\u00df macht.<\/p>\n<p>WELT: Was spielen Sie am liebsten?<\/p>\n<p>Ander: Ein paar Sachen von Metallica. \u201eNothing Else Matters\u201c ist nat\u00fcrlich ein Geschenk f\u00fcr die Zither und macht unheimlich Spa\u00df zu spielen. Aber nicht nur das. The Coors, Red Hot Chili Peppers, System of a Down, Snow Patrol, Deep Purple.<\/p>\n<p>WELT: Es hei\u00dft, Sie experimentieren mit der E-Zither wie kein anderer, gelten als Pionier f\u00fcr Kl\u00e4nge, die man sonst eher vom Synthesizer kennt.<\/p>\n<p>Ander: Es macht mir unheimlich Freude, Effektger\u00e4te auszuprobieren. Eine E-Gitarre klingt bei AC\/DC anders als bei Metallica. So etwas auf der Zither auszuprobieren, macht Spa\u00df. Daf\u00fcr braucht man sehr viel Zeit. Da muss man sich zu Hause hinsetzen und stundenlang den gleichen Ton spielen und h\u00f6ren, wie es klingt.<\/p>\n<p>WELT: Welches Ziel verfolgen Sie?<\/p>\n<p>Ander: Mein gro\u00dfer Traum w\u00e4re, das in einem richtigen Bandsetting stattfinden zu lassen. Dass die Zither darin so normal wird wie Schlagzeug und Bass. Die britische Band Florence + The Machine hat eine Harfe in ihrer festen Besetzung. Das passt perfekt.<\/p>\n<p>WELT: Amerikaner denken, in Deutschland und \u00d6sterreich w\u00fcrde so gut wie jeder Zither spielen. Wissen Sie, warum?<\/p>\n<p>Ander: Das liegt an Anton Karas und seiner Filmmusik zu \u201eDer Dritte Mann\u201c, es ist das f\u00fchrende Zither-Thema. Die Amerikaner sind sehr musicalaffin. In Karaoke-Bars k\u00f6nnen junge Leute s\u00e4mtliche Musicals singen. Sie lieben solche Themen.<\/p>\n<p>WELT: Anton Karas war der erste deutschsprachige Musiker, der in den USA mit seinem Harry-Lime-Thema aus dem Film \u201eDer Dritte Mann\u201c einen Nummer-eins-Hit landete. Er machte die Zither weltber\u00fchmt.<\/p>\n<p>Ander: Das Witzige ist: F\u00fcr den Film war eigentlich ein klassisches Orchester geplant. Die Filmcrew ging am Abend aber zum Heurigen, und da spielte der Karas die Zither. Sie guckten sich nur an und entschieden: Das ist es, so etwas brauchen wir f\u00fcr den Film. Sie sperrten den Karas wochenlang in ein Studio ein und lie\u00dfen ihn einfach drauflosspielen. Er war der K\u00f6nig der Improvisation. So entstanden St\u00fccke, die vorher nicht existierten, eines ist das Harry-Lime-Thema.<\/p>\n<p>WELT: Ist ein so dominantes Lied auch ein Fluch?<\/p>\n<p>Ander: Es ist ein T\u00fcr\u00f6ffner. Man merkt, dass es einen Fu\u00dfabdruck hinterlassen hat. Der Fluch ist, dass man dazu gen\u00f6tigt wird, es zu spielen. Alle kommen daher und erwarten nur dieses Lied. Ganz schlimm ist es in Japan. In Tokio wird in einer U-Bahn-Station permanent dieses Lied gespielt. Das kennt da wirklich jeder.<\/p>\n<p>WELT: War Karas eher ein Popstar, eine Art Falco der Zither?<\/p>\n<p>Ander: W\u00e4re m\u00f6glich, ja. Er hat einen \u00e4hnlich starken Eindruck hinterlassen.<\/p>\n<p>WELT: Sie spielen das Harry-Lime-Thema bewusst etwas anders, deutlich rockiger.<\/p>\n<p>Ander: Ja, ich spiele es gern etwas rockiger, baue auch mal ein Thema aus \u201eStar Wars\u201c in einem \u00dcbergang mit ein oder auch \u201eSmoke on the Water\u201c von Deep Purple.<\/p>\n<p>WELT: Ist man als Zitherspieler automatisch konservativ?<\/p>\n<p>Ander (lacht): Keine einfache Frage. Ich w\u00fcrde sagen, nicht zwingend, aber viele sind es tats\u00e4chlich. Ich komme aus b\u00fcrgerlich-konservativem Hause, sehe mich aber nicht so.<\/p>\n<p>WELT: Es hei\u00dft, eines Ihrer Ziele sei es, die Zither zu entstauben und weg vom Klischee der Lederhose und Alpenidylle zu bringen.<\/p>\n<p>Ander: In der Tracht spielen zu m\u00fcssen, ist f\u00fcr mich tats\u00e4chlich eine Strafe. Weil es f\u00fcr mich zu sehr das Klischee unterstreicht. Ich habe mich viele Jahre mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gewehrt, Wiener Musik zu spielen. Das macht jeder, das kann jeder, das erwartet jeder \u2013 das finde ich \u00f6d. Ich habe erst meinen eigenen Weg gehen m\u00fcssen, um dann sp\u00e4ter zur\u00fcckzukommen. Jetzt spiele ich mit Freude Wiener Musik. Ich muss mich nicht mehr davor f\u00fcrchten, einem Klischee verhaftet zu sein. Gott sei Dank sind die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, willig und gehen mit mir auch in andere Genres. Die Wiener Musik ist \u00fcbrigens vielf\u00e4ltiger, als man denkt. Es gibt mehr als nur ein paar Gassenhauer, die mit zwei, drei Harmonien durchkommen.<\/p>\n<p>WELT: Was sagen Sie jungen Menschen, warum sie anfangen sollen, Zither zu spielen?<\/p>\n<p>Ander: Weil es cool ist. Ganz ehrlich: Es ist doch viel reizvoller, etwas Au\u00dfergew\u00f6hnlicheres zu tun als alle anderen. Wenn man nat\u00fcrlich sagt, ich m\u00f6chte drei Lieder ein\u00fcben, um meine Freundin am Lagerfeuer zu beeindrucken, dann kann man auch Gitarre lernen. Wenn man aber forschen m\u00f6chte, Neues erleben m\u00f6chte, dann w\u00e4re die Zither genau richtig.<\/p>\n<p>WELT: W\u00fcrden Sie sich eher mit Jimi Hendrix vergleichen, oder landen wir doch bei Anton Karas?<\/p>\n<p>Ander: Das ist gemein. Ich will mir nicht anma\u00dfen, mich in die Liga derer zu stellen, die ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt begeistert haben. Aber wenn es um den Anspruch geht, dann w\u00fcrde ich mich lieber mit Jimi Hendrix vergleichen, weil er den Willen gehabt hat, mehr mit seinem Instrument zu machen, es weiterzuentwickeln und einen eigenen Touch zu hinterlassen. Selbst, wenn die Zither viel weniger Leute erreicht und etwas spezieller ist.<\/p>\n<p>WELT: Wie w\u00fcrde denn die Welt ohne Zither aussehen?<\/p>\n<p>Ander: Sie w\u00e4re weniger bunt und vielf\u00e4ltig, sie w\u00e4re fad und gleich. Nat\u00fcrlich ist die Zither ein Nischeninstrument. Aber dann w\u00fcrde es ganz viele andere Instrumente auch nicht geben. Den Dudelsack zum Beispiel. Ich kenne einen jungen Kerl, der Metallica auf dem Dudelsack spielt \u2013 so geil. W\u00fcrde ich deswegen einen ganzen Abend in ein Dudelsack-Konzert gehen? Wei\u00df ich nicht. Trotzdem w\u00fcrde ich ihn vermissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Klavier des kleinen Mannes sorgt die Zither eher f\u00fcr Spott \u2013 wenn Stephan Ander sie spielt, f\u00fcr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":208478,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[24],"tags":[46,42,147,60699,55221,60698,8323,153,154,44,60697,60700,210,148],"class_list":["post-208477","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-musik","tag-at","tag-austria","tag-entertainment","tag-filmmusik-ks","tag-instrumente","tag-klassik-ks","tag-metallica","tag-music","tag-musik","tag-oesterreich","tag-saiteninstrumente-ks","tag-sinfonieorchester-ks","tag-texttospeech","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116725403427496253","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208477","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=208477"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208477\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/208478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=208477"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=208477"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=208477"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}