{"id":22366,"date":"2026-03-03T01:08:54","date_gmt":"2026-03-03T01:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/22366\/"},"modified":"2026-03-03T01:08:54","modified_gmt":"2026-03-03T01:08:54","slug":"iran-krieg-europa-koennte-den-preis-fuer-das-chaos-zahlen-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/22366\/","title":{"rendered":"Iran-Krieg: Europa k\u00f6nnte den Preis f\u00fcr das Chaos zahlen \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die politische Dimension der j\u00fcngsten US-israelischen Bombardierung des Iran l\u00e4sst sich kaum \u00fcbersch\u00e4tzen. W\u00e4hrend man in Berlin den m\u00f6glichen Regimewechsel beklatscht, bleibt die historische Tragweite dieser Angriffe der deutschen \u00d6ffentlichkeit weitgehend verborgen.<\/p>\n<p>Die aktuelle Eskalation stellt einen Bruch dar. Die verfeindeten Parteien verfolgen das Ziel der gegenseitigen Vernichtung mit neuer Konsequenz. Irans Staatsoberhaupt wurde get\u00f6tet, ebenso f\u00fchrende Diplomaten und Milit\u00e4rs einer Mittelmacht mit 90 Millionen Einwohnern \u2013 eines Staates, dessen Legitimit\u00e4t f\u00fcr eine stabile Ordnung im Nahen Osten auf lange Sicht unentbehrlich ist. Was man im Ukrainekrieg noch erfolgreich geschafft hat \u2013 n\u00e4mlich den Krieg horizontal wie vertikal zu begrenzen \u2013, ist im Fall des Iran gescheitert. Die Schwelle ist \u00fcberschritten. Die Konsequenzen werden enorm sein, auch f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p>Jede regionale Ordnung gr\u00fcndet auf der Legitimit\u00e4t ihrer m\u00e4chtigsten Akteure. Der Iran ist, neben der T\u00fcrkei, die bedeutendste Mittelmacht des Nahen Ostens, mit einer jahrtausendealten imperialen Geschichte und einem entsprechenden Selbstverst\u00e4ndnis. Ein Luftbombardement wird mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit keinen Regimewechsel herbeif\u00fchren. Und selbst wenn es gel\u00e4nge und der Iran morgen eine bl\u00fchende Demokratie w\u00e4re: Warum sollte diese Macht nach allem Erlittenen nicht alles daransetzen, milit\u00e4risch so stark zu werden, dass sie nie wieder gedem\u00fctigt werden kann?<\/p>\n<p>Was wir gerade erleben, die Liquidierung einer politischen F\u00fchrung, ist keine Aufl\u00f6sung des Konflikts. Nicht das gro\u00dfe Finale, sondern eine Ouvert\u00fcre.<\/p>\n<p>Was wir gerade erleben, die Liquidierung einer politischen F\u00fchrung, ist keine Aufl\u00f6sung des Konflikts. Nicht das gro\u00dfe Finale, sondern eine Ouvert\u00fcre. Wie man dieses Land in den kommenden Jahrzehnten dazu bewegen will, eine stabile Ordnung mitzutragen, ist mehr als fraglich. Das Tischtuch ist zerrissen. Ordnung braucht Vertrauen und dieses Vertrauen ist zerst\u00f6rt. Wie viele Regimewechsel auch folgen m\u00f6gen \u2013 kein k\u00fcnftiges Regime wird noch Vertrauen in diese Ordnung setzen oder an ihre Verl\u00e4sslichkeit glauben.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte einwenden, revisionistische Akteure lie\u00dfen sich grunds\u00e4tzlich nicht dauerhaft einbinden. Ihr Ziel sei nicht die Stabilisierung, sondern die \u00dcberwindung der bestehenden Ordnung. Ebenso lie\u00dfe sich argumentieren, Gleichgewichtspolitik sei stets ein historisches \u00dcbergangsph\u00e4nomen gewesen: tempor\u00e4r, fragil, keine Ordnung auf Dauer. Hinzu kommt: Der Iran hat durch sein Netz an Proxies de facto einen permanenten Kriegszustand aufrechterhalten, in asymmetrischer und schwer fassbarer Form.<\/p>\n<p>Damit stellt sich die strategische Kernfrage: Bel\u00e4sst man es bei einer instabilen Stabilit\u00e4t? H\u00e4lt man Konflikte begrenzt, solange keine Seite das Gleichgewicht offen angreift \u2013 wie es bis zum Bombardement im Wesentlichen der Fall war? Oder versucht man, Irans milit\u00e4rische Macht gezielt zu brechen, um eine Ordnung zu schaffen, die ihn nicht mehr ber\u00fccksichtigen muss?<\/p>\n<p>Die historische Erfahrung ist eindeutig: Ordnung entsteht nicht durch Moral, sondern durch Balance. Jede Ordnung musste notfalls milit\u00e4risch abgesichert werden \u2013 oder zumindest durch eine glaubw\u00fcrdige Drohung. Funktionierende Ordnungen zeichneten sich nicht durch Gewaltfreiheit aus, sondern durch die Begrenzung der Gewalt. Diplomatie verhinderte die Anwendung oder das Ausufern milit\u00e4rischer Auseinandersetzungen, die Konflikte blieben eingehegt. Balance war nie das Gegenteil von Ordnung. Sie war ihre Voraussetzung.<\/p>\n<p>Man kann argumentieren, dass sich die USA und Israel, gemeinsam mit den meisten anderen Nahoststaaten, \u00fcber Jahrzehnte in einem solchen Gleichgewicht mit dem Iran befunden haben. Diese Ordnung hatte keine moralische Grundlage, sie basierte einzig und allein auf dem Gleichgewicht der milit\u00e4rischen Macht. Aus der damit verbundenen Vorsicht ergab sich auch ein gewisser diplomatischer Umgang miteinander. Diese Ordnung war fragil, aber sie funktionierte auf ihre Weise. Es gab zumindest minimale Regeln in diesem rohen Balanceakt. Nun sind sie gefallen.<\/p>\n<p>Wie sah das Gleichgewicht kurz vor dem Bombardement aus? De facto hatten die USA, Israel und ihre arabischen Partner den Iran vollst\u00e4ndig ausbalanciert. Wirtschaftlich, technologisch und milit\u00e4risch war das westliche \u00dcbergewicht erdr\u00fcckend. Die Hamas war zerschlagen, die Hisbollah geschw\u00e4cht. Der Iran war diplomatisch isoliert, \u00f6konomisch am Boden, innenpolitisch unter wachsendem Druck, und ein Atomabkommen schien in Reichweite. Es h\u00e4tte gen\u00fcgt, diesen Druck aufrechtzuerhalten. Das Regime w\u00e4re \u00fcber kurz oder lang in eine Phase der Konsolidierung gezwungen worden. Stattdessen erlag man der Versuchung des Moments und schuf Chaos dort, wo zuvor Ordnung herrschte, wenn auch eine br\u00fcchige.<\/p>\n<p>Denn es war nicht das Gleichgewicht, das den Westen antrieb \u2013 es war l\u00e4ngst zu seinen Gunsten entschieden. Das eigentliche Ziel war die Ausschaltung des Iran als Gegengewicht schlechthin. Man wollte freie Hand bei der Neuordnung des Nahen Ostens. Das Bombardement ist Ausdruck genau dieser Logik und deshalb so gravierend.<\/p>\n<p>Der Iran wird nicht zur Ruhe kommen. Wer seine politische F\u00fchrung existenziell bedroht, produziert dauerhafte Instabilit\u00e4t. Diese Instabilit\u00e4t wird nicht zuerst Amerika treffen, sondern Europa. Europa hat \u00fcber Jahrzehnte die Kollateralsch\u00e4den fremder Gro\u00dfmachtspiele im Nahen Osten abgefedert. Die Fl\u00fcchtlingsbewegungen von 2015 waren ein eindringliches Signal. Gelernt hat man wenig.<\/p>\n<p>Wenn aber Regeln nichts mehr gelten, warum sollte dann irgendjemand noch R\u00fccksicht auf Europas Interessen nehmen?<\/p>\n<p>Europa ist ein Verbund von Klein- und Mittelm\u00e4chten. Wohlstand, Sicherheit, das gesamte Gesellschaftsmodell; all das setzt eine stabile internationale Ordnung voraus. Europa ist nicht m\u00e4chtig genug, um sich wie die Gro\u00dfm\u00e4chte milit\u00e4risch durchzusetzen. Wenn aber Regeln nichts mehr gelten, warum sollte dann irgendjemand noch R\u00fccksicht auf Europas Interessen nehmen?<\/p>\n<p>Man stelle sich vor, Napoleon oder Bismarck h\u00e4tten nach ihren Feldz\u00fcgen jeden feindlichen Monarchen, Heerf\u00fchrer und Diplomaten einfach hinrichten lassen. Die Instabilit\u00e4t w\u00e4re universell gewesen; nicht aus sentimentalen Gr\u00fcnden, sondern aufgrund von n\u00fcchternem Kalk\u00fcl. Nach den Verw\u00fcstungen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges haben die europ\u00e4ischen M\u00e4chte im Westf\u00e4lischen Frieden von 1648 aus gutem Grund ein Minimum an v\u00f6lkerrechtlichen Regeln verankert: kein diplomatischer Verkehr ohne Schutz der Gesandten, keine Verhandlung ohne die Pr\u00e4misse, dass der Feind von gestern der Gespr\u00e4chspartner von morgen sein kann. Diese Regeln waren nicht naiv, sondern Ausdruck strategischer Vernunft. Sie waren die Bedingung daf\u00fcr, dass verfeindete Parteien \u00fcberhaupt noch miteinander reden konnten.<\/p>\n<p>Wer dieses Minimum an Regeln aufk\u00fcndigt und Gesetzlosigkeit zum Prinzip erhebt, sollte nicht \u00fcberrascht sein, wenn andere es ihm gleichtun \u2013 und im n\u00e4chsten g\u00fcnstigen Moment ebenso t\u00f6ten. Das wird enden, wie es enden muss, im Chaos. Was hat Europa aber von Chaos im Nahen Osten? Nichts. Nur Probleme und die Rechnung f\u00fcr Spiele, die andere gespielt haben. Das Letzte, was die Europ\u00e4er tun sollten, ist, das zu begr\u00fc\u00dfen. Der eigentliche strategische Fehler liegt jedoch tiefer: Europa besitzt keine Macht, das Gleichgewicht im Nahen Osten aktiv mitzugestalten. Es reagiert, es gestaltet nicht. Und obwohl Europas Interessen in der Region gr\u00f6\u00dfer sind als die der Gro\u00dfm\u00e4chte, l\u00e4sst es sich von ihnen vor vollendete Tatsachen stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die politische Dimension der j\u00fcngsten US-israelischen Bombardierung des Iran l\u00e4sst sich kaum \u00fcbersch\u00e4tzen. 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