{"id":228138,"date":"2026-06-20T11:58:14","date_gmt":"2026-06-20T11:58:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/228138\/"},"modified":"2026-06-20T11:58:14","modified_gmt":"2026-06-20T11:58:14","slug":"gehirn-fuer-19-monate-konnte-der-gelaehmte-mann-wieder-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/228138\/","title":{"rendered":"Gehirn: F\u00fcr 19 Monate konnte der gel\u00e4hmte Mann wieder sprechen"},"content":{"rendered":"<p>Hirnimplantate stehen an der Schwelle zum Alltag. F\u00fcr 19 Monate konnte ein gel\u00e4hmter Mann damit wieder sprechen \u2013 auch au\u00dferhalb des Labors. Der gro\u00dfe Erfolg legt entscheidende Fragen offen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Mit einem Brain-Computer-Interface (BCI)\u00a0\u2013 also einer Hirn-Computer-Schnittstelle\u00a0\u2013 hat ein gel\u00e4hmter Patient mit schweren Sprachst\u00f6rungen 19 Monate lang mit seiner Umwelt kommuniziert. M\u00f6glich wurde dies durch mehr als 250 implantierte Elektroden, die sprachtypische Hirnsignale in Text und Sprache \u00fcbertrugen. <\/p>\n<p>Bislang handelt es sich bei dem Verfahren, das ein Forschungsteam um Nicholas Card von der University of California in Davis <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41591-026-04414-6\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41591-026-04414-6&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">im Fachjournal \u201eNature Medicine\u201c<\/a> vorstellt, allerdings um einen mit sehr viel Aufwand betriebenen Machbarkeitsnachweis. Surjo Soekadar von der Berliner Charit\u00e9, der nicht an der Arbeit beteiligt war, spricht von einem \u201ewichtigen Meilenstein\u201c. <\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend viele fr\u00fchere Arbeiten die Leistungsf\u00e4higkeit solcher Systeme vor allem unter Laborbedingungen gezeigt haben, dokumentiert diese Studie eine langfristige und weitgehend unabh\u00e4ngige Nutzung im Alltag\u201c, erl\u00e4utert der Leiter der Arbeitsgruppe Klinische Neurotechnologie. \u201eBesonders bedeutsam ist, dass der Nutzer das System \u00fcber einen langen Zeitraum f\u00fcr reale Kommunikations- und Interaktionsaufgaben einsetzen konnte.\u201c<\/p>\n<p>Daf\u00fcr war allerdings eine sehr aufwendige Vorarbeit erforderlich: Der 45 Jahre alte Mann litt an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer fortschreitenden Erkrankung des motorischen Nervensystems. Ihm wurden im Jahr 2023 insgesamt 256 Elektroden \u2013 vier Matrizen (Arrays) mit jeweils 64 Elektroden \u2013 in das motorische Sprachzentrum des Kortex implantiert. <\/p>\n<p>Diese Elektroden, die via Kabel mit einem Computersystem verbunden sind, k\u00f6nnen beabsichtigte Sprachbewegungen erkennen und in Text \u00fcbertragen. 280 Tage lang trainierte der Patient die Nutzung des Systems, bevor der Gebrauch zu Hause startete und er selbstst\u00e4ndig mit Familie, Freunden und \u00c4rzten kommunizierte. <\/p>\n<p>Jeden Tag musste daf\u00fcr die Apparatur angeschlossen und die Software hochgefahren werden. Der Mann konnte mithilfe des Implantats auch einen Cursor steuern, um seinen Computer zu bedienen und etwa im Internet zu surfen. <\/p>\n<p>\u201eAlltagstauglichkeit ist der h\u00e4rtere Pr\u00fcfstein\u201c<\/p>\n<p>Beim selbstst\u00e4ndigen Gebrauch nutzte der Mann das Ger\u00e4t \u00fcber 19 Monate fast t\u00e4glich \u2013 insgesamt mehr als 3800 Stunden und im Mittel 9,5 Stunden pro Tag. Er kommunizierte mehr als 183.000 S\u00e4tze \u2013 knapp 2 Millionen W\u00f6rter \u2013 mit einer mittleren Rate von 56 W\u00f6rtern pro Minute. 92 Prozent der S\u00e4tze waren nach seiner eigenen Einsch\u00e4tzung zumindest halbwegs korrekt. <\/p>\n<p>Auch nach 19 Monaten seien auf jeder der vier Matrizen noch mehr als 90 Prozent der Elektroden funktionst\u00fcchtig gewesen, schreibt das Team. Das Resultat zeige, dass solche Schnittstellen das Potenzial haben, motorisch schwer beeintr\u00e4chtigte Menschen zu Hause unabh\u00e4ngiger zu machen.<\/p>\n<p>\u201eDiese Arbeit geh\u00f6rt zu den bislang \u00fcberzeugendsten wissenschaftlichen Demonstrationen einer langfristigen unabh\u00e4ngigen Nutzung invasiver BCIs au\u00dferhalb des Labors im Alltag\u201c, kommentiert der Charit\u00e9-Experte Soekadar. \u201eSie setzt einen wichtigen Referenzpunkt, weil sie nicht nur technische Leistungsdaten, sondern tats\u00e4chliche Nutzung \u00fcber einen langen Zeitraum dokumentiert.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings handele es sich um ein invasives und technisch anspruchsvolles System, schr\u00e4nkt er ein. Die \u00dcbertragbarkeit der an einem einzigen Nutzer erzielten Ergebnisse auf andere Menschen m\u00fcsse noch gezeigt werden. Grunds\u00e4tzlich aber k\u00f6nnten solche Systeme innerhalb der kommenden Jahre f\u00fcr Menschen mit schwersten L\u00e4hmungen zunehmend klinische Relevanz erlangen.<\/p>\n<p>Auch Thorsten Zander von der Brandenburgischen Technischen Universit\u00e4t Cottbus-Senftenberg h\u00e4lt die langfristige, weitgehend unabh\u00e4ngige Heimnutzung f\u00fcr den zentralen Fortschritt dieser Arbeit. <\/p>\n<p>\u201eIn der BCI-Forschung ist Alltagstauglichkeit der h\u00e4rtere Pr\u00fcfstein als Spitzenleistung im Experiment\u201c, sagte Zander. \u201eDie harte W\u00e4hrung ist hier nicht nur W\u00f6rter pro Minute, sondern Autonomie pro Tag.\u201c<\/p>\n<p>Von einer normalen klinischen Versorgung sei die Technik allerdings noch weit entfernt. So m\u00fcssten etwa die Langzeitsicherheit und die Infektionsrisiken noch sauber gekl\u00e4rt werden. \u201eDie Studie ist daher ein starker Meilenstein, aber kein Endpunkt.\u201c<\/p>\n<p>dpa\/vem<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hirnimplantate stehen an der Schwelle zum Alltag. 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