{"id":231218,"date":"2026-06-22T09:41:10","date_gmt":"2026-06-22T09:41:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/231218\/"},"modified":"2026-06-22T09:41:10","modified_gmt":"2026-06-22T09:41:10","slug":"nationalgalerie-wie-paul-cassirer-berlin-zur-kunstmetropole-machte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/231218\/","title":{"rendered":"Nationalgalerie: Wie Paul Cassirer Berlin zur Kunstmetropole machte"},"content":{"rendered":"<p>Die Nationalgalerie in Berlin feiert ihr 150-j\u00e4hriges Bestehen, indem sie an den \u00fcberragenden Kunsth\u00e4ndler und Kunstvermittler Paul Cassirer erinnert. Dank ihm wurde der Impressionismus in der Reichshauptstadt heimisch.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Stolze 150 Jahre alt wird die Alte Nationalgalerie, die viele Menschen f\u00fcr das Herzst\u00fcck der Berliner Museumsinsel halten. Hier h\u00e4ngen die Ikonen der Malerei des 19. Jahrhunderts. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article151301469\/Caspar-David-Friedrich-Moench-am-Meer-restauriert-wie-er-ihn-malte.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article151301469\/Caspar-David-Friedrich-Moench-am-Meer-restauriert-wie-er-ihn-malte.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Caspar David Friedrichs \u201eM\u00f6nch am Meer\u201c<\/a> zum Beispiel. Viel von Menzel und Liebermann. Kein Wunder. \u201eDer deutschen Kunst\u201c ist dieses hohe Haus gewidmet. <\/p>\n<p>Aber von nationalistischer Verengung konnte nie die Rede sein. Es dauerte nicht einmal 25 Jahre, da \u00f6ffnete sich der prachtvolle klassizistische Bau schon den Franzosen. Das hatte viel mit dem damaligen Direktor Hugo von Tschudi zu tun, der aus der Schweiz kam. Aber mehr noch mit einem Mann, den es so nur in Berlin geben konnte: Paul Cassirer.<\/p>\n<p>Wie damals jeder richtige Berliner (laut Kurt Tucholsky) stammte der Sohn eines j\u00fcdischen Kabelfabrikanten aus Breslau. In der Reichshauptstadt gr\u00fcndete Paul Cassirer 1898 im vornehmen Tiergartenviertel seine eigene Galerie. Von da an begann ein Leben f\u00fcr die Kunst, wie es Berlin noch nicht gesehen hatte.<\/p>\n<p>Cassirer, von dem der Bildhauer Ernst Barlach sagte, er sei \u201edionysisch durch die Welt gebraust\u201c, war Kunsth\u00e4ndler, Gesellschaftsl\u00f6we und zugleich Kulturvermittler. Durch ihn wurde das Berlin der oberen Zehntausend f\u00fcr knapp drei\u00dfig Jahre franz\u00f6sisch. Denn dank Cassirers Kontakten zu den ma\u00dfgeblichen Kunstagenten in Paris waren sie auf einmal alle in Berlin zu sehen, die Maler einer impressionistischen Moderne, die dem Akademiegeschmack die Gefolgschaft aufgek\u00fcndigt hatten. <\/p>\n<p>Manet und Monet, Degas und Renoir, Pissarro und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article697a2e4d22446308a243617e\/kunst-der-maler-der-die-kunstwelt-revolutionierte-ohne-sie-neu-zu-erfinden.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article697a2e4d22446308a243617e\/kunst-der-maler-der-die-kunstwelt-revolutionierte-ohne-sie-neu-zu-erfinden.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">C\u00e9zanne<\/a>, aber auch schon der Niederl\u00e4nder in Frankreich Vincent van Gogh: Sie alle wurden zumindest mit ihren Werken an der Spree genauso heimisch wie an der Seine. Jahr um Jahr gelangte Neues von ihnen hierher, fand den Weg in Privatbesitz, aber eben auch in den Tempel der deutschen Kunst. <\/p>\n<p>Man muss sich das immer wieder vor Augen halten: In einer Zeit, da der letzte deutsche Kaiser s\u00e4belrasselnd seine Bannfl\u00fcche sowohl gegen den \u201eErbfeind\u201c jenseits des Rheins als auch gegen die zeitgen\u00f6ssische deutsche \u201eRinnsteinkunst\u201c schleuderte und obendrein viele deutsche K\u00fcnstler ihre Felle davonschwimmen sahen, weil der deutsche Kunsthandel die Franzosen h\u00e4tschelte, hat das deutsche Geschmacksb\u00fcrgertum zu Frankreich, zu Belgien und bald auch schon zu Skandinavien gehalten. <\/p>\n<p>\u201eDas Licht kommt jetzt von Norden\u201c, hie\u00df es pl\u00f6tzlich. Impressionisten und Postimpressionisten aus dem Westen bekamen kr\u00e4ftig Konkurrenz von dem Norweger Edvard Munch, dem Finnen Axel Gallen-Kalela. Die heute so angestrengt herbeigeredete Vielfalt der Kulturen war einmal in dieser Stadt gelebte Wirklichkeit, allerdings nicht als Karneval f\u00fcr die Massen, sondern als Wettkampf um k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t vor einem verst\u00e4ndigen Publikum.<\/p>\n<p>Aneinandervorbei von Mann und Frau<\/p>\n<p>Es ist ein sch\u00f6ner Zug des Leitungsteams in der Alten Nationalgalerie, dass es zu ihrem 150. Geburtstag mit der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/cassirer-und-der-durchbruch-des-impressionismus\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/cassirer-und-der-durchbruch-des-impressionismus\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Ausstellung \u201eCassirer und der Durchbruch des Impressionismus\u201c<\/a> an diese Internationalit\u00e4t erinnert, von der das Museum, wie man jetzt staunend feststellen kann, selbst so immens profitierte. Denn der L\u00f6wenanteil der gezeigten 120 Werke geh\u00f6rt zum eigenen Bestand. Wer das Haus kennt, wei\u00df: Wenn man die gro\u00dfen Schaur\u00e4ume im ersten Stock betritt, wird der Blick gleich gefangen von dem ber\u00fchmten \u201eWintergarten\u201c-Bild \u00c9douard Manets, einer eindrucksvollen Darstellung jenes Aneinandervorbeis von Mann und Frau, das ein Kardinalthema der Kunst um 1900 werden sollte. <\/p>\n<p>Jetzt h\u00e4ngt an ihrem angestammten Platz auf einmal Besuch aus dem Folkwang Museum in Essen: das fast \u00fcberlebensgro\u00dfe Portr\u00e4t \u201eLise\u201c von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article69fda4a330e98e4ac324e4b1\/impressionismus-als-renoir-noch-nicht-unter-kitschverdacht-stand.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article69fda4a330e98e4ac324e4b1\/impressionismus-als-renoir-noch-nicht-unter-kitschverdacht-stand.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pierre-Auguste Renoir<\/a>. Mit hoher Taille, wei\u00dfem T\u00fcllgewand kommt einem die sonnenbeschirmte Frau in lichtdurchfluteter Waldlandschaft vor wie eine entfernte franz\u00f6sische Verwandte der preu\u00dfischen K\u00f6nigin Luise \u2013 ein so sinniger wie h\u00fcbscher Aha-Effekt.<\/p>\n<p>Dabei bleibt es nicht: Zwar haben sich die Kuratorinnen der Ausstellung f\u00fcr eine etwas starre chronologische Pr\u00e4sentation der Bilder entschieden. Sie zeigen sie in der Reihenfolge, wie sie nach und nach im Kunstsalon Cassirer aufschlugen. Trotzdem ergeben sich mannigfache Korrespondenzen \u2013 \u00fcbrigens auch zu deutschen Zeitgenossen der Franzosen. Denn Paul Cassirer h\u00e4tschelte keinesfalls nur den \u201eErbfeind\u201c. <\/p>\n<p>Er hatte Max Slevogt und Lovis Corinth bewogen, nach Berlin zu ziehen, und er f\u00f6rderte die Maler wie auch die \u00fcbrigen Mitglieder der Berliner Sezession nach Kr\u00e4ften. Besonders ergiebig ist es, deutsch-franz\u00f6sische Unterschiede bei den in beiden Nationen damals so beliebten Szenen aus dem Familienleben zu betrachten: hier die ged\u00e4mpften, dunklen T\u00f6ne, die noch im Banne Lenbachs stehen, dort leuchtende Farben, die von jener spr\u00fchenden Lebensfreude k\u00fcnden, die die Franzosen uns wohl bis in alle Ewigkeit voraushaben.<\/p>\n<p>Ja, es ist viel Besuch gekommen, denn die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts brachten es mit sich, dass die Kunst sich in alle Welt zerstreute. Schon das ikonische Bild vom Aufbruch des jungen Mannes in die Welt, \u201eLe d\u00e9jeuner\u201c von Manet, ging 1910 mit Hugo von Tschudi, als er Berlin verlie\u00df, nach M\u00fcnchen. Die atemberaubend aus der Untersicht gemalte Trapezk\u00fcnstlerin aus dem \u201eCirque Fernando\u201c von Edgar Degas h\u00e4ngt heute in London. Und eines der sch\u00f6nsten Gem\u00e4lde Camille Pissarros, der in geheimnisvoll grauem Perlmutt wie von Corot gehaltene \u201e\u00d6ffentliche Garten von Pontoise\u201c, sogar in New York.<\/p>\n<p>Hier kommen sie aber (und viele andere mehr) einmal wieder zusammen und lassen eine Hochbl\u00fcte aufleben, die nicht wiederkehren wird. Cassirer hat den Niedergang seiner Epoche \u00fcbrigens nicht mehr erlebt. Er schied schon 1926 (abermals ein Jubil\u00e4um) freiwillig aus dem Leben. Unmittelbar nach dem Notartermin zur Scheidung von seiner zweiten Frau, der gro\u00dfen Theaterschauspielerin Tilla Durieux, hat er sich erschossen. Das Unternehmen f\u00fchrte sein Teilhaber Walter Feilchenfeldt weiter, der sp\u00e4ter in Z\u00fcrich das Paul-Cassirer-Archiv gr\u00fcndete, dem die Schau viel dokumentarisches Material verdankt. 1933 wurde der Kunstsalon geschlossen, 1937 aus dem Berliner Handelsregister gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Aber wenn man jetzt die vielen Gem\u00e4lde, B\u00fcsten, Zeichnungen sieht, die darum wetteifern, das \u201edionysische Brausen\u201c Paul Cassirers einzufangen, der offenbar nie ohne Zigarette anzutreffen war, dann wollen wir uns tr\u00f6sten mit der Gewissheit, dass er in die Unsterblichkeit eingegangen ist. Und jene Sch\u00e4tze, die seine W\u00fcnschelrute nach Berlin brachte, hundert Jahre nach seinem Tod bestaunen. Sie d\u00fcrften die gleiche Begeisterung erregen wie damals.<\/p>\n<p>\u201eCassirer und der Durchbruch des Impressionismus\u201c, bis 27. September 2026, Alte Nationalgalerie, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Nationalgalerie in Berlin feiert ihr 150-j\u00e4hriges Bestehen, indem sie an den \u00fcberragenden Kunsth\u00e4ndler und Kunstvermittler Paul Cassirer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":231219,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[26],"tags":[60681,158,157,46,42,60680,159,147,161,160,6383,44,4596,210,148],"class_list":["post-231218","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-kunst-und-design","tag-alte-nationalgalerie-berlin","tag-art","tag-art-and-design","tag-at","tag-austria","tag-cassirer","tag-design","tag-entertainment","tag-kunst","tag-kunst-und-design","tag-kunsthandel","tag-oesterreich","tag-paul","tag-texttospeech","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116793106987018983","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/231218","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=231218"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/231218\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/231219"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=231218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=231218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=231218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}