{"id":238083,"date":"2026-06-25T17:55:17","date_gmt":"2026-06-25T17:55:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/238083\/"},"modified":"2026-06-25T17:55:17","modified_gmt":"2026-06-25T17:55:17","slug":"alice-cooper-der-hoellensturz-eines-kuenstlers-am-limit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/238083\/","title":{"rendered":"Alice Cooper: Der H\u00f6llensturz eines K\u00fcnstlers am Limit"},"content":{"rendered":"<p>1976 stand <a href=\"https:\/\/www.metal-hammer.de\/artists\/alice-cooper\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Alice Cooper<\/a> an einem Punkt, an dem seine Kunstfigur und sein reales Leben ineinander \u00fcbergingen. ALICE COOPER GOES TO HELL erschien als Fortsetzung von WELCOME TO MY NIGHTMARE (1975), doch hinter der Geschichte um die Figur Steven schimmert ein viel pers\u00f6nlicherer Abgrund. Cooper, <a href=\"https:\/\/www.metal-hammer.de\/themen\/dick-wagner\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dick Wagner<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.metal-hammer.de\/themen\/bob-ezrin\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bob Ezrin<\/a> entwarfen ein Konzeptalbum, das weniger von mythologischen Feuern erz\u00e4hlt als vom inneren Brennen eines Mannes, der l\u00e4ngst die Kontrolle verloren hat.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr von Steven und die H\u00f6lle als Show-B\u00fchne<\/p>\n<p>Die Figur Steven diente erneut als Projektionsfl\u00e4che, doch diesmal wird er in eine H\u00f6lle verbannt, die eher einer surrealen Variet\u00e9-B\u00fchne gleicht als einem klassischen Fegefeuer. Der Teufel tritt nicht als archaischer D\u00e4mon auf, sondern als DJ mit Barry White-Stimme, der Steven zu ewiger Performance zwingt. Diese Mischung aus Horror und Fernseh\u00e4sthetik erinnert Stimmen wie den US-amerikanischen <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Rolling Stone<\/a> st\u00e4rker an Rod Serling als an Dante und passt perfekt zu Coopers Hang, das Groteske mit dem Showbusiness zu verschmelzen. Die Erz\u00e4hlung wirkt stringenter als auf dem Vorg\u00e4nger, die Bilder klarer, die Metapher direkter.<\/p>\n<p>\u2018I Never Cry\u2019 und die Wahrheit hinter der Ballade<\/p>\n<p>Der Erfolg von \u2018Only Women Bleed\u2019 hatte Cooper gezeigt, dass Balladen ein neues Ventil sein k\u00f6nnen. Doch \u2018I Never Cry\u2019 ist mehr als ein weiterer Versuch, die Charts zu erobern. Der Song ist eine offene Wunde, eine alkoholische Beichte, wie Cooper sp\u00e4ter selbst sagte. W\u00e4hrend seine Stimme fr\u00fcher bewusst unmusikalisch eingesetzt wurde, um die rohe Energie der fr\u00fchen Alice Cooper-Band zu tragen, zeigt er hier eine verletzliche, fast klassische Melodief\u00fchrung.<\/p>\n<p>Empfehlungen der Redaktion<\/p>\n<p>Der Sound zwischen AOR, Disco und Theater-Rock<\/p>\n<p>Musikalisch bewegt sich GOES TO HELL zwischen \u00fcberdrehtem Theater-Rock, AOR-Schmelze und Disco-Anfl\u00fcgen, die heute wie ein Zeitstempel wirken. Dick Wagner und Steve Hunter legten melodische Gitarrenlinien und wuchtige Akkorde, w\u00e4hrend Bob Ezrin mit Klavier, Rhodes und Synthesizern die theatralische Breite ausmalte. Tony Levin und Allan Schwartzberg sorgten f\u00fcr ein professionelles Fundament, das jedoch oft glatter wirkt, als es Coopers Persona vertr\u00e4gt. Der Opener \u2018Go To Hell\u2019 bildet die Ausnahme: ein kraftvoller, Shout-artiger Einstieg, der die Energie der fr\u00fchen Jahre kurz wieder aufleuchten l\u00e4sst. Viele andere St\u00fccke wirken dagegen wie Bausteine eines B\u00fchnenst\u00fccks, funktional f\u00fcr die Story, aber selten zwingend als eigenst\u00e4ndige Rock-Nummern.<\/p>\n<p>Kritische Stimmen<\/p>\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische Kritik reagierte scharf. Der Rolling Stone sah in der sentimentalen Standardschnulze \u2018I\u2193m Always Chasing Rainbows\u2019 einen Hinweis darauf, wo Coopers musikalische Sympathien wirklich liegen, und bezeichnete den Rest des Albums als dynamisch, aber abgeleitet. Classic Rock nannte das Werk sp\u00e4ter den Tiefpunkt des Siebziger-AOR, ein \u00fcberladenes Gemisch aus \u00fcbertheatralischem Radio-Pop, schnulzigen Balladen und Disco-Kitsch. Immer wieder tauchte der Vorwurf auf, Cooper sei hier so wenig bedrohlich wie nie zuvor. Die rohe, fast aggressiv unmusikalische Aura der fr\u00fchen Band ist einer kontrollierten, teilweise glattgeb\u00fcgelten Performance gewichen, die die einstige Infamie kaum noch transportiert.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne ohne Tournee und die sp\u00e4ten Live-Echos<\/p>\n<p>Ironischerweise blieb die gro\u00dfe Show, f\u00fcr die das Album wie geschaffen schien, aus. Die geplante Tournee 1976 wurde komplett abgesagt, Cooper war an\u00e4misch und k\u00f6rperlich am Ende. Trotzdem \u00fcberlebten viele Songs im Liverepertoire. \u2018Go To Hell\u2019 wurde \u00fcber Jahre hinweg ein Fixpunkt seiner Setlists, \u2018I Never Cry\u2019 kehrte immer wieder zur\u00fcck, und auch \u2018Guilty\u2019 sowie \u2018Wish You Were Here\u2019 fanden ihren Weg auf sp\u00e4tere Tourneen. Erst 2025 wagte Cooper eine fragmentarische Live-Premiere von \u2018Going Home\u2019 \u2013 ein sp\u00e4tes Echo eines lange \u00fcbersehenen Album-Tracks.<\/p>\n<p>Kommerzieller Erfolg trotz pers\u00f6nlicher Krise<\/p>\n<p>Trotz aller Kritik war GOES TO HELL ein kommerzieller Erfolg. Gold in den USA, Platin in Kanada, starke Platzierungen in Australien und solide Werte in Europa zeigen, wie sehr der Name Alice Cooper Mitte der Siebziger noch trug. Doch r\u00fcckblickend markiert das Album einen Wendepunkt. Nach GOES TO HELL begann Coopers Karriere zu br\u00f6ckeln, Trends verschoben sich, sein Alkoholproblem eskalierte, und die einst schockierende B\u00fchnenfigur verlor an Sch\u00e4rfe. Der folgende Klinikaufenthalt und das introspektive Folgewerk FROM THE INSIDE (1978) sind direkte Konsequenzen dieser Phase.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>ALICE COOPER GOES TO HELL ist ein widerspr\u00fcchliches Dokument seiner Zeit. \u00dcberladen, theatralisch, manchmal peinlich, manchmal entwaffnend ehrlich. Es zeigt einen K\u00fcnstler, der versucht, seinen Absturz in eine Geschichte zu verwandeln, bevor er ihn \u00fcberhaupt ganz verstanden hat. Die H\u00f6lle, von der Cooper hier singt, ist weniger ein Ort als ein Zustand. Das Album zeigt den Klang eines Mannes, der taumelt, aber weiterspielt, weil er gar nicht anders kann.<\/p>\n<p>\u2014<br \/>Bestens informiert \u00fcber dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr au\u00dferdem mit unserem Newsletter. 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