{"id":24154,"date":"2026-03-03T23:26:17","date_gmt":"2026-03-03T23:26:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/24154\/"},"modified":"2026-03-03T23:26:17","modified_gmt":"2026-03-03T23:26:17","slug":"der-jud-is-wieder-do-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/24154\/","title":{"rendered":",Der Jud is\u2019 wieder do!\u2018\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Ihr j\u00fcdischer Urgro\u00dfonkel k\u00e4mpfte sich aus bitterster Armut empor zu einem der einflussreichsten M\u00e4nner Wiens: Die Deutsche Shelly Kupferberg \u00fcber ihr St\u00fcck \u201eIsidor\u201c im Akademietheater und dar\u00fcber, was ihrem Gro\u00dfvater als \u00dcberlebendem passierte, als er 1956 an seiner alten Wohnung klingelte. <\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Shelly Kupferberg Akademietheater.webp\" alt=\"\u201e,Ich kam nicht aus Zionismus, sondern aus \u00d6sterreich\u2019, sagte mein Gro\u00dfvater immer\u201c: Shelly Kupferberg im Akademietheater.\" width=\"600\" height=\"360\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\u201e,Ich kam nicht aus Zionismus, sondern aus \u00d6sterreich\u2019, sagte mein Gro\u00dfvater immer\u201c: Shelly Kupferberg im Akademietheater.\u2003Jana Madzigon<\/p>\n<p> Wir befinden uns im Akademietheater, das beinahe in Sichtweite des fr\u00fcheren Wohnhauses Ihres Urgro\u00dfonkels Isidor in der Canovagasse liegt. Was bedeutet es Ihnen, dass hier nun das St\u00fcck \u00fcber ihn uraufgef\u00fchrt wird? <\/p>\n<p> Es ist unglaublich ber\u00fchrend. Ich kann es manchmal gar nicht glauben. Manchmal stelle ich mir vor, Isidor Geller schaut aus seinem Palais und zwinkert uns in Richtung Akademietheater zu.  <\/p>\n<p> Wie ist es dazu gekommen? <\/p>\n<p> Regisseur Philipp St\u00f6lzl hat mich gefragt, ob ich mir eine Theateradaption vorstellen k\u00f6nne. Ich war sofort begeistert. Aber als er sagte, er wolle das Projekt der Burg anbieten, bin ich fast aus den Latschen gekippt, wie wir Berliner sagen. <\/p>\n<p> Isidor ist eine fast biblische Gestalt. Er steigt steil auf und f\u00e4llt tief. Er ist ein assimilierter Jude, der in h\u00f6chsten Kreisen verkehrt und dennoch immer um Anerkennung ringen muss. Warum ist diese Person f\u00fcr uns heute interessant? <\/p>\n<p> Indem wir Geschichte auf eine Person fokussieren, wird sie vorstellbar und erlebbar. Wie anders soll man etwas so Unfassbares begreifen wie die Shoah? Zudem ist die Geschichte von Isidor eine universale. Einerseits der Aufsteiger, der sein Leben in die eigene Hand nimmt. Andererseits der Fremde, der dazugeh\u00f6ren will, der sich anpassen muss, der seine Identit\u00e4t abzustreifen und zu \u00e4ndern versucht. Sogar den Namen \u00e4ndert er: Aus Israel wird Isidor. Und dennoch f\u00fchrt seine Geschichte in die Vernichtung. Ein Mann, der gebildet ist, der in h\u00f6chsten Kreisen verkehrte \u2013 wir m\u00fcssen davon ausgehen: Er wollte es nicht wahrhaben. Er wurde gewarnt, aber er ging dar\u00fcber hinweg. Ich glaube, das ist ein Denkansto\u00df f\u00fcr uns heute. <\/p>\n<p> Warum wollte er nicht sehen, was l\u00e4ngst vor aller Augen geschah? <\/p>\n<p> Er hat sich als selbstverst\u00e4ndlicher Teil der deutschsprachigen Mehrheitsbev\u00f6lkerung gesehen. Er hatte seine Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem \u00f6sterreichischen Staat mehr als bewiesen, sogar Kommerzialrat war er. Dazu kommt: In den Jahren 1937, 1938 oder 1939 konnte sich niemand die Massenvernichtung der Juden, wie sie dann geschah, vorstellen. Und dennoch fragt man sich: Warum, warum, warum? Als Isidor mit Blutvergiftung aus der Folterhaft der Gestapo nach Haus kam, wollte er doch noch in die USA. Ich habe Packlisten gefunden, die beweisen, dass er zu seiner Geliebten wollte. Adressiert an Ilona, in Hollywood. Doch er starb, ehe es dazu kam. <\/p>\n<p> Erkennen Sie Parallelen zur Gegenwart, wo wir heute ebenfalls wider besseres Wissen die Augen verschlie\u00dfen? <\/p>\n<p> Wir sprechen oft von dem Dreischritt \u201edenkbar\u201c, \u201esagbar\u201c, \u201emachbar\u201c. Vieles, was vor Jahren, wenn \u00fcberhaupt, nur denkbar war, Stichwort: Antisemitismus, ist inzwischen sagbar geworden, relativ unverbl\u00fcmt sogar und ohne wirkliche Konsequenzen. Wir sehen einen internationalen Rechtsruck, der uns gro\u00dfe Sorge machen muss. Wir sehen auch, dass vielen Menschen die Demokratie, die einst hart erk\u00e4mpft wurde, nicht viel wert ist. In einer liberalen, rechtsstaatlichen, demokratischen Ordnung zu leben, ist nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, sondern hochgradig gef\u00e4hrdet. <\/p>\n<p> Sie sind in Tel Aviv geboren, leben in Berlin, Ihr Mann ist Italiener. Hat sich Ihr Leben in den letzten 15 Jahren ver\u00e4ndert? <\/p>\n<p> Also, der Wind weht sch\u00e4rfer. Heute gibt es Situationen, wo ich mir \u00fcberlege, soll ich als J\u00fcdin \u2013 die ich ja bin, auch wenn ich kein religi\u00f6ser Mensch bin, aber das ist nun mal meine Identit\u00e4t \u2013, soll ich mich da jetzt zu erkennen geben? Vor ein paar Jahren habe ich es noch unbeschwert getan. Jetzt kenne ich einige, denen es so geht, nicht nur im j\u00fcdischen Umfeld. Das sollte alle demokratisch gesinnten Menschen alarmieren. <\/p>\n<p> Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, dass wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen, indem wir unsere Geschichte kennen. Ihnen wurde der Zugang durch Ihren Gro\u00dfvater, den Historiker Walter Grab, ge\u00f6ffnet. <\/p>\n<p> Er spielte in unserer Familie eine gro\u00dfe Rolle. Walter war eine charismatische Pers\u00f6nlichkeit und ein Fels in der Brandung. Vieles von dem, was er uns mit auf den Weg gab, lernte ich erst viel sp\u00e4ter sch\u00e4tzen. Meine Schwester und ich haben fr\u00fch begonnen, unsere Gro\u00dfeltern, die alle aus Deutschland und \u00d6sterreich stammten, zu befragen, wie es war, als die Nazis kamen, wie es war, als sie nach Pal\u00e4stina kamen &#8230; <\/p>\n<p> &#8230;in Ihrer Familie wurde dar\u00fcber offen gesprochen? <\/p>\n<p> Sehr offen. Wir konnten alles fragen, und unsere Eltern und Gro\u00dfeltern haben bereitwillig geantwortet. Und dennoch gab es ab einer bestimmten Stelle ein gro\u00dfes, schwarzes Loch. Da gab es nichts mehr zu erz\u00e4hlen. Da war nur mehr die Vernichtung. Wir sind eine sehr kleine Familie, weil der Gro\u00dfteil von uns ermordet wurde. Das war einmal eine sehr gro\u00dfe Familie, die hier in Wien zusammenkam, aus Budapest, aus Prag, aus B\u00f6hmen, aus M\u00e4hren, die auf die Rax stieg oder nach Grinzing spazieren ging. \u00dcberlebt hat ein Bruchteil. Daf\u00fcr gibt es keine Worte. Da sind die Erz\u00e4hlungen zu Ende. <\/p>\n<p> Walter machte dennoch nach dem Krieg wieder einen Schritt nach \u00d6sterreich? <\/p>\n<p> Er hatte in den 1950er Jahren eine gro\u00dfe Krise. Israel, das war nicht sein Land. Er sagte immer: \u201eIch kam nicht aus Zionismus, sondern aus \u00d6sterreich.\u201c Hitze, Chuzpe, Politik, sage ich, es war nicht Seines. Er wollte seine imperialen Barockbauten, Theater, Museen und Kaffeeh\u00e4user. Schlie\u00dflich kam er 1956 f\u00fcr zwei Monate nach Wien. Zun\u00e4chst war da eine gro\u00dfe Ambivalenz zwischen Gr\u00e4uel und Nostalgie. Doch mit der Zeit f\u00fchlte er sich immer wohler. Er \u00fcberlegte ernsthaft, zu bleiben. Eines Tages besucht er das alte Wohnhaus, in dem er als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte. Auf dem Klingelbrett sieht er den Namen der alten Hausbesorger. Seltsam, sie wohnen nun im dritten Stock? Walter denkt sich nichts dabei und klingelt. Da \u00f6ffnet die Hausbesorgerin, wird kreidebleich und schreit entsetzt: \u201eDer Jud\u2019 is wieda do!\u201c  <\/p>\n<p> Wie reagierte Ihr Gro\u00dfvater? <\/p>\n<p> Er begriff, dass er nicht zur\u00fcckkehren konnte. Exil und Flucht sind ein zweifacher Heimatverlust. Du wirst vertrieben, aber wenn du wiederkommst, findest du nicht das Land, aus dem du weggehen musstest und das du ersehnt hast.  <\/p>\n<p> Doch am Samstag steht Walter auf der B\u00fchne des Akademietheaters &#8230; <\/p>\n<p> Ja, jetzt kann man es wirklich sagen: \u201eDer Jud\u2019 ist wieda do!\u201c <\/p>\n<p> Am 25. M\u00e4rz erscheint bereits Ihr neues Buch, \u201eStunden wie Tage\u201c, eine wahre Geschichte aus Berlin, wieder vorwiegend in der Zeit des Nationalsozialismus. <\/p>\n<p> Diese Geschichte hat mich fasziniert und so bin ich ihr nachgegangen. Ich liebe die detektivische Recherche, das Imaginieren und das Erz\u00e4hlen von Geschichten. <\/p>\n<p> Was bleibt von einem wie Isidor, von dem nichts geblieben ist? <\/p>\n<p> Von Isidor hatten wir nichts au\u00dfer einem m\u00e4chtigen Besteckkasten und ein paar Anekdoten. Dass es ein Buch gibt und nun auch ein Theaterst\u00fcck, macht das Unrecht nicht ungeschehen und ihn nicht wieder lebendig. Aber es gibt ihm seine Geschichte zur\u00fcck. Darin liegt f\u00fcr mich die M\u00f6glichkeit, miteinander ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Und miteinander zu sprechen ist, was den Menschen zum Menschen macht. <\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ihr j\u00fcdischer Urgro\u00dfonkel k\u00e4mpfte sich aus bitterster Armut empor zu einem der einflussreichsten M\u00e4nner Wiens: Die Deutsche Shelly&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":24155,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[46,42,147,1423,44,148],"class_list":{"0":"post-24154","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-entertainment","11":"tag-interview","12":"tag-oesterreich","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116167834525210051","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24154"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24154\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24155"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}