{"id":245468,"date":"2026-06-29T17:28:09","date_gmt":"2026-06-29T17:28:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/245468\/"},"modified":"2026-06-29T17:28:09","modified_gmt":"2026-06-29T17:28:09","slug":"open-source-statt-big-tech-wie-europa-digital-unabhaengiger-werden-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/245468\/","title":{"rendered":"Open Source statt Big-Tech: Wie Europa digital unabh\u00e4ngiger werden will"},"content":{"rendered":"<p>Die Abh\u00e4ngigkeit wirft wirtschaftliche Probleme auf, hat aber l\u00e4ngst auch eine politische Dimension. Politische und rechtliche Entscheidungen in den USA k\u00f6nnen inzwischen direkten Einfluss auf europ\u00e4ische Institutionen und Politik haben. Mit dem <a href=\"https:\/\/stackit.com\/de\/lernen\/wissen\/cloud-act\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">CLOUD Act<\/a> k\u00f6nnen US-Beh\u00f6rden etwa Zugriff auf Daten verlangen, die von amerikanischen Unternehmen kontrolliert werden \u2013 auch wenn diese Daten auf Servern au\u00dferhalb der USA liegen.<\/p>\n<p>Ein geopolitischer Weckruf<\/p>\n<p>Vor allem seit der Trump-Pr\u00e4sidentschaft ist dieser Einfluss immer st\u00e4rker zu sp\u00fcren. \u201eDie USA nutzen die Tatsache, dass so viel essenzielle Software aus ihrem Land stammt, immer mehr aus \u2013 auch die geopolitische Komponente davon\u201c, sagt Sebastian Kneidinger von <a href=\"https:\/\/epicenter.works\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">epicenter.works<\/a>, einem \u00f6sterreichischen Verein f\u00fcr digitale Grund- und Menschenrechte.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Im November wurde ein <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000298066\/digitale-ausloeschung-wie-us-sanktionen-einen-europaeischen-richter-lahmlegen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">franz\u00f6sischer Richter am Internationalen Strafgerichtshof<\/a> von allen digitalen Diensten gesperrt, nachdem die US-Regierung Sanktionen gegen ihn verh\u00e4ngt hatte \u2013 weil er seinen Job gemacht hat. Amazon, Paypal, nichts funktionierte mehr. Auch keine Kreditkartenzahlungen \u2013 in diesem Sektor haben die USA mit Visa und MasterCard de facto eine Monopolstellung. Auch einem Chefankl\u00e4ger wurde von Microsoft auf Gehei\u00df der Trump-Regierung der Zugang zu seinen beruflichen E-Mails <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/internationaler-strafgerichtshof-wechsel-zu-deutschem-officepaket-nach-us-sanktionen-a-6ddfddcd-8871-4955-898a-2a325ae7fe06\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">gesperrt<\/a>.<\/p>\n<p>Diese F\u00e4lle haben gezeigt, wie schnell und direkt die US-Regierung nach Belieben Einfluss auf Europa nehmen kann. Das wird insbesondere zum Problem, wenn diese Regierung als Partner unzuverl\u00e4ssiger wird. Es d\u00fcrfte auch ein Weckruf f\u00fcr die EU-Kommission gewesen sein, die nun Anfang Juni ein Paket zur digitalen Souver\u00e4nit\u00e4t vorgestellt hat. Dahinter steht die Hoffnung, digitale Abh\u00e4ngigkeiten zu verringern und demokratische Kontrolle zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<p>Open Source als Weg zur Unabh\u00e4ngigkeit<\/p>\n<p>Als einen wichtigen Hebel dieses Pakets f\u00fcr digitale Souver\u00e4nit\u00e4t hat die EU-Kommission eine <a href=\"https:\/\/digital-strategy.ec.europa.eu\/en\/policies\/open-source-strategy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Open-Source-Strategie<\/a> pr\u00e4sentiert. Damit m\u00f6chte sie gezielt die Entwicklung von Open-Source-Produkten f\u00f6rdern, diese vermehrt in der \u00f6ffentlichen Verwaltung einsetzen und das Prinzip zum Standard f\u00fcr die europ\u00e4ische IT-Branche machen.<\/p>\n<p>Open Source bedeutet, dass der Quellcode einer Software \u00f6ffentlich einsehbar ist und beliebig ver\u00e4ndert und verbreitet werden darf. Nutzer:innen k\u00f6nnen Produkte so leichter \u00fcberpr\u00fcfen oder reparieren und Sicherheitsl\u00fccken beheben. Auch wenn Einzelpersonen daf\u00fcr nicht die Mittel oder das n\u00f6tige Wissen haben, gibt es riesige Communities, die sich mit diesen Produkten besch\u00e4ftigen und sie stetig \u00fcberpr\u00fcfen und verbessern.<\/p>\n<p>Viele zentrale Open-Source-Projekte haben europ\u00e4ische Wurzeln. Das Betriebssystem Linux bildet bis heute das R\u00fcckgrat gro\u00dfer Teile der weltweiten Server-Infrastruktur. Auch das World Wide Web und die daf\u00fcr zentralen Standards entstanden am CERN in Genf. In den letzten zehn bis 15 Jahren starteten viele weitere Projekte, die heute Alternativen zu den Produkten gro\u00dfer Unternehmen anbieten.<\/p>\n<p>Mastodon ist ein soziales Netzwerk, das auf Open-Source-Software beruht und dezentral auf verschiedenen Servern gehostet wird. Wie viele Fediverse-Dienste ist es aus Europa. LibreOffice stellt eine Open-Source-Alternative zu den Programmen von Microsoft Office dar. Nextcloud ist eine freie Software, die f\u00fcr Filesharing und gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten genutzt wird und die die gleichen Funktionen wie etwa Google Drive oder Microsoft 365 bietet. Auch sie stammen alle aus Europa.<\/p>\n<p>Das untersch\u00e4tzte Potenzial von Open Source<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es noch viele kleinere Soft- und Hardware-Unternehmen, die die Innovation von Open Source stetig vorantreiben. Mehr als drei Millionen Entwickler:innen bilden in der EU den Kern der Open-Source-Community.<\/p>\n<p>Sie fordern bereits seit Jahrzehnten ein st\u00e4rkeres Bekenntnis der EU zu Open Source. Mit dem Slogan \u201eOur money, our code\u201c fasst Sebastian Kneidinger diese Forderung zusammen. Wenn \u00f6ffentliche Gelder in digitale Infrastruktur investiert werden, sollte die daraus entstehende Software m\u00f6glichst offen und nachvollziehbar sein.<\/p>\n<p>Die EU (und ihre einzelnen Mitgliedsstaaten) haben die Chance, auf diese Branche zu setzen, jedoch sehr lange verschlafen und bezahlt das auch teuer. Sie gibt jedes Jahr <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/api\/files\/attachment\/882568\/Factsheet%20Tech%20Sovereignty.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">264 Milliarden Euro<\/a> f\u00fcr IT-Produkte und -Services an Unternehmen aus Drittstaaten aus und macht sich damit enorm abh\u00e4ngig. Die EU-Kommission hielt selbst lange an Produkten von US-amerikanischen Unternehmen fest.<\/p>\n<p>Auch ein Gro\u00dfteil der nationalen und regionalen Verwaltung l\u00e4uft \u00fcber die Dienste dieser Unternehmen. Microsoft, Google und Amazon kontrollieren rund <a href=\"https:\/\/taz.de\/Abhaengigkeit-von-US-Techfirmen\/!6123685\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">70% des europ\u00e4ischen Cloud-Markts<\/a>. Im Bereich der B\u00fcro-Software besitzt Microsoft einen <a href=\"https:\/\/www.digitalsamba.com\/de\/blog\/europes-dependency-on-microsoft-a-threat-to-its-digital-sovereignty\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Marktanteil von 90%<\/a><\/p>\n<p>Die Folgen jahrzehntelanger Vers\u00e4umnisse<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die USA \u00fcber Jahrzehnte gezielt digitale Technologien f\u00f6rderten, fehlte es in Europa h\u00e4ufig an langfristiger Finanzierung. \u201eDie EU versteht erst jetzt, dass das Silicon Valley deswegen funktioniert hat, weil seit den 1980ern US-amerikanische Beh\u00f6rden massiv investiert haben\u201c, sagt Kneidinger. Viele erfolgreiche europ\u00e4ische Projekte wurden von US-amerikanischen Unternehmen \u00fcbernommen oder gingen dort an die B\u00f6rsen.<\/p>\n<p>Open Source muss aus Sicht der EU also unbedingt auch eine M\u00f6glichkeit darstellen, Innovationen st\u00e4rker in Europa zu verankern. Projekte, die etwa in Stiftungen oder offenen Strukturen organisiert sind, lassen sich nicht so einfach verkaufen oder aufkaufen.\u00a0 Die Sicherheit, dass die Software unabh\u00e4ngig bleibt und das Geld, das die EU investiert, nicht woanders landet, ist laut Sebastian Kneidinger durch Open-Source-Software mehr gegeben.<\/p>\n<p>Der Einfluss der Big-Tech-Lobby<\/p>\n<p>Die Open-Source-Strategie der EU greift nun in einen Markt ein, den einige wenige Unternehmen dominieren und in dem erhebliche wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen. Zus\u00e4tzlich verf\u00fcgen diese Unternehmen auch \u00fcber erheblichen politischen Einfluss.<\/p>\n<p>Die Tech-Industrie gibt inzwischen rund <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/macht-der-digitalkonzerne\/eu-lobbyausgaben-der-digitalindustrie-auf-rekordniveau-122920\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">151 Millionen Euro<\/a> j\u00e4hrlich f\u00fcr Lobbyarbeit in Br\u00fcssel aus. Das ist mehr als etwa die Pharma-, Finanz- oder Automobilindustrie. Zu Beginn des Jahres zeigte eine <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/pressemitteilung\/neue-untersuchung-eu-kommission-uebernimmt-digital-regeln-von-big-tech-lobby-123777\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Untersuchung<\/a> von LobbyControl und Corporate Europe Observatory, wie die EU-Kommission Forderungen der Big-Tech-Lobby \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Das aggressive Vorgehen der USA d\u00fcrfte die EU nun trotz dieser Lobbyarbeit zu einem Umdenken gebracht haben. \u201eWenn man nicht einmal mehr miteinander kommunizieren kann und auch der Zahlungsverkehr stark abh\u00e4ngig ist, dann muss man sich Gedanken machen\u201c, sagt Kneidinger dazu.<\/p>\n<p>Open Source als Mittel digitaler Demokratie<\/p>\n<p>Nutzer:innen machen sich durch Open-Source-Software auch weniger abh\u00e4ngig von einzelnen Anbietern. Sicherheitsl\u00fccken k\u00f6nnen leichter \u00fcberpr\u00fcft werden und \u00f6ffentliche Einrichtungen behalten mehr Kontrolle \u00fcber die Systeme, die sie einsetzen. F\u00fcr Kneidinger ist die Transparenz auch eine Frage demokratischer Kontrolle. \u201eWir waren eigentlich nie ganz im Besitz unserer Daten, weil immer jemand die M\u00f6glichkeit hatte, mitzulesen\u201c, sagt er \u00fcber die Nutzung <a href=\"https:\/\/opentalk.eu\/de\/glossar\/proprietaere-software\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">propriet\u00e4rer<\/a> Plattformen \u2013 das sind jene, wo der Quellcode nicht \u00f6ffentlich ist und exklusiv einem Unternehmen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>So auch zum Beispiel im Bereich des Zahlungsverkehrs, dem Monopol von Visa und Mastercard: \u201eFast alle von uns besitzen ein Produkt von diesen Unternehmen. Das sind riesige Datenmengen, aus denen man sehr viel Information gewinnen kann, und die Unternehmen haben in den letzten Jahren extrem davon profitiert\u201c, erkl\u00e4rt Kneidinger.<\/p>\n<p>Gerade weil digitale Technologien so stark in \u00f6ffentliche Infrastruktur und Produkte, die wir tagt\u00e4glich nutzen, eingebunden sind, gewinne die Frage nach Kontrolle und Nachvollziehbarkeit an Bedeutung: \u201eDigitale Technologien eignen sich sehr gut f\u00fcr \u00dcberwachung. Wenn der Quellcode offen liegt, ist das wesentlich leichter einzud\u00e4mmen\u201c, meint Kneidinger.<\/p>\n<p>Ein Weg aus der Abh\u00e4ngigkeit<\/p>\n<p>Ein Bekenntnis der EU zu Open Source ist ein wichtiger Anfang. Entscheidend wird aber sein, ob sie auch die n\u00f6tige <a href=\"https:\/\/openforumeurope.org\/a-vision-for-the-eus-open-digital-ecosystem-beyond-an-open-source-strategy\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Infrastruktur, Finanzierung und Kompetenz<\/a> einsetzt, um offene Technologien langfristig in Europa selbst zu entwickeln und zu betreiben. Denn die EU kann hier auf einer guten Basis aufbauen und muss nichts v\u00f6llig Neues aus dem Boden stampfen.<\/p>\n<p>Damit die Open-Source-Strategie aufgeht und Institutionen und private Nutzer:innen welchsen k\u00f6nnen, m\u00fcssen Systeme auch gut miteinander kommunizieren k\u00f6nnen. Gerade f\u00fcr die digitale Souver\u00e4nit\u00e4t der EU ist diese <a href=\"https:\/\/www.eff.org\/deeplinks\/2019\/07\/interoperability-fix-internet-not-tech-companies\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Interoperabilit\u00e4t<\/a> zentral, weil sie Abh\u00e4ngigkeiten von einzelnen Anbietern verringert und den Wechsel zwischen Diensten erleichtert. Sie verhindert, dass Nutzer:innen und \u00f6ffentliche Institutionen in propriet\u00e4ren \u00d6kosystemen und damit oft auch in US-Diensten festgehalten werden.<\/p>\n<p>EU von eigenen Gesetzen gefangen<\/p>\n<p>Europas eigene Gesetze verhindern nach US-Lobbyingerfolgen derzeit aber diese Interoperabilit\u00e4t \u2013 und damit, dass Konkurrenz entsteht und User:innen frei abwandern k\u00f6nnen. Der Grundrechte-Aktivist der Electronic Frontier Foundation und Autor Cory Doctorow <a href=\"https:\/\/pluralistic.net\/2025\/10\/15\/freedom-of-movement\/#data-dieselgate\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">betont<\/a> das Problem seit Jahren. Die EU Urheberrechts-Verordnung (EUCD) verbiete es mit einem einzelnen Artikel anderen Anbieter:innen geradezu bei Strafe, Wege f\u00fcr ihre Nutzer:innen aus solch eingez\u00e4unten Produkten zu erm\u00f6glichen. Der Ausweg? Den entsprechenden Paragrafen zu streichen.<\/p>\n<p>Auch ungeachtet der heutigen geopolitischen Spannungen, ist das Open-Source-Prinzip ein wichtiges Werkzeug f\u00fcr freie Gesellschaften und Demokratien. In Zeiten, in denen gro\u00dfe Tech-Unternehmen und autorit\u00e4re Str\u00f6mungen immer mehr politischen Einfluss gewinnen, kann Open Source durch mehr Transparenz, bessere Kontrolle und Unterst\u00fctzung europ\u00e4ischer Entwickler:innen eine Alternative darstellen und aktuellen Entwicklungen entgegenwirken, wie auch Kneidinger meint: \u201eDas ist eine M\u00f6glichkeit, wie man das Vertrauen st\u00e4rkt und zeigt, dass die Digitalisierung etwas Positives f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Abh\u00e4ngigkeit wirft wirtschaftliche Probleme auf, hat aber l\u00e4ngst auch eine politische Dimension. 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