{"id":255436,"date":"2026-07-04T15:45:17","date_gmt":"2026-07-04T15:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/255436\/"},"modified":"2026-07-04T15:45:17","modified_gmt":"2026-07-04T15:45:17","slug":"maler-hans-hartung-so-wurde-der-fremdenlegionaer-zum-leuchtturm-der-nachkriegsmoderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/255436\/","title":{"rendered":"Maler Hans Hartung: So wurde der Fremdenlegion\u00e4r zum Leuchtturm der Nachkriegsmoderne"},"content":{"rendered":"<p>Der in Leipzig geborene Maler Hans Hartung musste in der Nazi-Zeit emigrieren und k\u00e4mpfte auf franz\u00f6sischer Seite. Nach 45 wurde er zum wichtigsten deutschen Informel-K\u00fcnstler, wie man jetzt in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd sehen kann.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein Mann f\u00e4llt aus Deutschland. Und kehrt als Franzose in seine Heimat zur\u00fcck. So k\u00f6nnte man das Leben eines der wichtigsten deutschen Vertreter der abstrakten Malerei auf den Punkt bringen. Er hei\u00dft <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus232041243\/Hans-Hartung-Frankreichs-groesster-Sachse.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus232041243\/Hans-Hartung-Frankreichs-groesster-Sachse.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hans Hartung<\/a>. Die 1950er- und 1960er-Jahre wurden seine gro\u00dfe Zeit. Da war er auf jeder Documenta zu sehen. Da eilte er von Triumph zu Triumph. 1960 erhielt er den internationalen Preis der Biennale von Venedig. Ein sp\u00e4tes Ankommen. Vom Maler selbst kaum noch f\u00fcr m\u00f6glich gehalten.<\/p>\n<p>Denn Hartung war wie kaum ein anderer Vertreter der bildenden Kunst in die M\u00fchlen des 20. Jahrhunderts geraten, die wie in so vielen F\u00e4llen auch bei ihm wahre Knochenm\u00fchlen gewesen waren: Hartung verlor noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges, beim Einsatz als Sanit\u00e4ter gegen die Wehrmacht, ein Bein. Doch das war nur der Endpunkt einer langen Odyssee. Vorgeschichte, Epoche und Nachruhm werden jetzt in einer sensationellen Ausstellung gezeigt, mit der das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.museum-galerie-fabrik.de\/hans-hartung-und-die-deutsch-franzoesische-freundschaft.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.museum-galerie-fabrik.de\/hans-hartung-und-die-deutsch-franzoesische-freundschaft.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Kunstmuseum von Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd<\/a> wieder einmal beweist, dass es ausstellungspolitisch hierzulande ganz vorn mitspielt. Auf in den Ostalbkreis nach Baden-W\u00fcrttemberg!<\/p>\n<p>Doch erst einmal zur\u00fcck zu Hartungs langer Lehrzeit. Schon fr\u00fch hatte der 1904 geborene Leipziger abstrakt gemalt und gezeichnet. Als er 1931 in Dresden seine erste Einzelausstellung bekam, bedeutete das den Durchbruch im Zeichen der Avantgarde. Damit war Hartung seit 1933 als \u201eentartet\u201c abgestempelt. Der Versuch, auf Menorca Fu\u00df zu fassen, scheiterte ebenso wie die Bem\u00fchung, sich mit Nazi-Deutschland zu arrangieren. 1935 ging Hartung nach Frankreich.<\/p>\n<p>Finanziell unterst\u00fctzt unter anderem durch Picasso, unter dessen k\u00fcnstlerischem Einfluss er damals stand, wovon seine hier erstmals in Deutschland gezeigten Schreckensgesichter der 1930er-Jahre in \u00d6l zeugen, lebte Hartung zun\u00e4chst das prek\u00e4re Leben der Emigranten. 1939 war er so heruntergekommen, dass er in die Fremdenlegion eintrat. Er wurde in Algerien eingesetzt. Dort bekam er immerhin den Auftrag, eine Kaserne auszumalen. <\/p>\n<p>Mit der Niederlage Frankreichs wurde diese Episode 1940 beendet. Zur\u00fcck in Europa, konnte Hartung bis 1942 in der \u201efreien Zone\u201c S\u00fcdfrankreichs untertauchen. 1944 musste er mit der Fremdenlegion ins Kampfgeschehen. Seine Verwundung am Bein ereilte ihn in Belfort. Als verdienter Kriegsveteran erhielt er nun endlich 1946 die ersehnte franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft und zog wieder nach Paris. Und hier wurde er 1948 von einem Sammlerehepaar aus Stuttgart, Ottomar und Greta Domnick, entdeckt. Was nun begann, war f\u00fcr den Mann von \u00fcber 40 Jahren der Aufstieg zum Ruhm.<\/p>\n<p>1948: Man macht sich heute kaum einen Begriff, wie es damals bei uns aussah. Deutschland lag in Tr\u00fcmmern. Doch wie wohl niemals zuvor und danach hungerten die Menschen nicht nur nach Brot, nach einem Dach \u00fcber dem Kopf sowie nach der n\u00f6tigen politischen Stabilit\u00e4t, um endlich ihr Leben wieder aufzubauen. Sie hungerten auch nach Kunst in einem Ausma\u00df, das einen heute nur staunen lassen kann.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt suchte man hierzulande auch den Anschluss an jene Moderne, die seit 1933 ausgesperrt gewesen war. Man scheute jetzt weder Mittel noch Wege, um nachzuholen, was man vers\u00e4umt hatte. So auch die Domnicks. Die vielleicht bedeutendsten deutschen Kunstm\u00e4zene der Nachkriegszeit, die zuerst in Stuttgart, dann bei N\u00fcrtingen auch privat einen in seiner Bedeutung gar nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzenden Ort der Kunst geschaffen haben, an dem sich noch heute viele Arbeiten von Hans Hartung befinden, reisten 1948 nach Paris \u2013 wohin auch sonst? \u2013, um sich \u00fcber die aktuelle Entwicklung auf dem Kunstmarkt zu orientieren.<\/p>\n<p>Dort machte im heutigen Petit Palais gerade ein \u201eSalon des R\u00e9alit\u00e9s Nouvelles\u201c von sich reden. Hier war auch Hartung vertreten. Schnell entwickelte sich eine enge Freundschaft. Sie f\u00fchrte unter anderem dazu, dass Ottomar Domnick 1950 die erste Monografie \u00fcber den Maler schrieb und ihn in einer Wanderausstellung nach Deutschland brachte. Das Ehepaar stellte sie in nur vier Monaten auf die Beine. Sie startete 1948 in Stuttgart, war dann auch in M\u00fcnchen, D\u00fcsseldorf, Hannover, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, Kassel und Wuppertal zu sehen. Auf diese Weise eroberte Hans Hartung nun im Sturm die Herzen der deutschen Kunstfreunde.<\/p>\n<p>Womit? Mit einer Malerei der gestischen Wucht, die ihresgleichen suchte. Hartungs Bilder trugen keine Titel. Sie gaben den Zuschauern kaum Verst\u00e4ndnishilfen an die Hand. Sie waren nach einem sachlichen System nummeriert und hie\u00dfen beispielsweise \u201eT1945-1\u201c, will hei\u00dfen \u201etableau\u201c (Bild) von 1945, das erste. Doch die Arbeiten waren so beschaffen, dass im Grunde jeder trotzdem verstand, worum es ging. Es ging um Gef\u00fchlsstau, um Verarbeitung von Traumata, ja um nichts Geringeres als die Bew\u00e4ltigung der j\u00fcngsten Vergangenheit. Nicht fig\u00fcrlich. Sondern durch Farbe und Form.<\/p>\n<p>All\u00fcberall schwarz. Geballt, verkn\u00e4ult, geb\u00fcndelt. Aber auch linear ausgebreitet, dann gern aufgeritzt, geschlitzt. Man konnte Tr\u00fcmmer assoziieren. Aber auch die Knoten in der Seele, welche die Katastrophen des Jahrhunderts hinterlassen hatten. Die Wut. Den Schmerz. Das bohrende Sichfragen: Wie konnte es geschehen? Den schwarzen Formationen waren oft gelbe Felder, rote Punkte oder andere \u00fcber die Leinwand verteilte Flecken zugeordnet. Eine unverwechselbare Bildsprache war hier entstanden, die in der Folge Schule machen sollte. Man hat das Kompositionsprinzip dann \u201eInformel\u201c genannt. Es entwickelte sich zur malerischen Signatur zweier Jahrzehnte. Und Hartung bot sie in immer neuen Variationen.<\/p>\n<p>War hier gerade von den Farben Schwarz, Rot und Gelb die Rede? Kommt das vielleicht jemandem bekannt vor? Aber fehlt da nicht noch etwas? Muss da nicht noch Blau hinein? Blau wie bleu-blanc-rouge? Gelb wie Schwarz-Rot-Gold? Jawohl, es geht um Frankreich und Deutschland, die beiden \u201eFl\u00fcgel des Abendlandes\u201c, wie die unsterbliche Formulierung des Dichters Romain Rolland lautet. Deutschland und Frankreich; deutsch-franz\u00f6sische Auss\u00f6hnung, das war das heimliche Programm von Hartungs Arbeit. So politisch kann abstrakte Malerei sein!<\/p>\n<p>Frankreich, das Land, das den Vertriebenen aufgenommen hatte, blieb denn auch die Heimat von Hans Hartung. Hier hat er sich 1973 an der C\u00f4te d\u2019Azur, in Antibes, wohin es schon seinen gro\u00dfen Lehrmeister Picasso gezogen hatte, seinen Wohnsitz gebaut, in dem heute die Fondation Hartung untergebracht ist. Da malte er nun, wie unweit, in Cagnes-sur-Mer, zuvor der gro\u00dfe Kollege Renoir, seine sp\u00e4ten Bilder. Sie wurden im Laufe der Jahrzehnte immer lichter, immer leuchtender. Das Schwarz verschwand fast ganz. <\/p>\n<p>Die geballte, verkn\u00e4ulte, verkantete Form wich zunehmend einem aufgel\u00f6sten Farbreigen, einem aufgespr\u00fchten Farbreigen, um genau zu sein, denn Hartung setzte nun gern eine Spritzpistole auf die Leinwand an. Und 1989, kurz vor seinem Tod, gab es nochmals ein Ereignis, das ihn zu seiner Symbolik des Schwarz-Rot-Gold und bleu-blanc-rouge zur\u00fcckf\u00fchrte. Es war der Mauerfall. F\u00fcr seinen malerischen Kommentar zu diesem Ereignis hatte er jetzt ausnahmsweise einen Titel. Er lautete \u201eL\u2019 Europe\u201c. Es sollte sein letztes gro\u00dfes Werk sein.<\/p>\n<p>Das 50-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der St\u00e4dtepartnerschaft zwischen Antibes und Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd macht es m\u00f6glich, dass dieses Europa, dieses ganz besondere deutsch-franz\u00f6sische Zusammenspiel des Malers Hans Hartung, jetzt in jenem deutschen Bundesland gezeigt werden kann, das Frankreich mehr verdankt als jedes andere. Uns zur Erinnerung an eine gro\u00dfe Vergangenheit. Und zur Mahnung, die Errungenschaften der Nachkriegszeit nicht zu verspielen. Die Schau ist jetzt nicht zuletzt der Auftakt einer Serie von Ausstellungen, mit der das Kunstmuseum von Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd glanzvoll sein 150-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um feiert.<\/p>\n<p>\u201eHans Hartung und die deutsch-franz\u00f6sische Freundschaft\u201c, Museum und Galerie im Prediger, Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd. Bis 27. September.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der in Leipzig geborene Maler Hans Hartung musste in der Nazi-Zeit emigrieren und k\u00e4mpfte auf franz\u00f6sischer Seite. 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