{"id":255841,"date":"2026-07-04T21:33:17","date_gmt":"2026-07-04T21:33:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/255841\/"},"modified":"2026-07-04T21:33:17","modified_gmt":"2026-07-04T21:33:17","slug":"supergirl-warum-hollywood-lieber-hunde-als-planeten-rettet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/255841\/","title":{"rendered":"&#8222;Supergirl&#8220;: Warum Hollywood lieber Hunde als Planeten rettet"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/master_supergirl-320c23cecb780ac7.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"719\"  alt=\"Ausschnitt aus dem Filmplakat, Portr\u00e4t Supergirl\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\">Plakat Supergirl. <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/266720\/bilder\/?cmediafile=9002069127\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener nofollow\">Bild<\/a>: Filmstarts.de<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Milly Alcock bricht als Grunge-Rebellin Kara Zor-El mit dem Superman-Erbe. Ein radikaler Blick auf eine Popkultur, die den Glauben ans Morgen verlor.<\/p>\n<p>&#8222;Er sieht das Gute in allen. Ich sehe die Wahrheit.&#8220; Mit diesem einen Satz beschreibt Supergirl den entscheidenden Unterschied zwischen sich und ihrem ber\u00fchmten Cousin Superman. Es ist ein bemerkenswerter Satz, weil er nicht nur zwei Figuren gegeneinander profiliert, sondern zwei Weltbilder.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Superman glaubt an das moralische Potenzial der Menschen; Kara glaubt zun\u00e4chst einmal an ihre F\u00e4higkeit, sich gegenseitig zu entt\u00e4uschen. Wo Clark Kent Hoffnung verk\u00f6rpert, tr\u00e4gt sie den Schmerz des Verlustes mit sich herum. Sie ist keine Erl\u00f6serfigur, sondern eine \u00dcberlebende.<\/p>\n<p>Grunge in der Galaxis<\/p>\n<p>Diese Kara Zor-El hat keinerlei Interesse daran, die Heldin zu sein, als die das Publikum sie erwartet. Sie ist Anfang zwanzig, trinkt in sch\u00e4bigen Bars am Rand der Galaxis, h\u00f6rt Grunge und Alternative Rock, wirkt wie eine aus der Zeit gefallene Neunzigerjahre-Rebellin und begegnet jedem Pathos mit demonstrativer Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Sie verweigert sich der Rolle, die ihr von Geburt an zugeschrieben wurde, weil sie nie darum gebeten hat. Wut und Trauer bestimmen ihren Blick auf die Welt weit mehr als Idealismus oder Pflichtgef\u00fchl.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Gerade darin unterscheidet sich dieser Film von den klassischen Erz\u00e4hlungen des Superheldengenres. Kara k\u00e4mpft nicht, weil sie die Menschheit retten m\u00f6chte. Sie k\u00e4mpft, weil sie muss. Und vor allem k\u00e4mpft sie bis zuletzt f\u00fcr etwas denkbar Pers\u00f6nliches: f\u00fcr ihren kleinen, struppigen Hund Krypto. Dass das Schicksal eines Tieres emotional bedeutsamer erscheint als das abstrakte Wohl ganzer Planeten, ist symptomatisch f\u00fcr diesen Film.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Er interessiert sich weniger f\u00fcr globale Erl\u00f6sung als f\u00fcr individuelle Bindungen. Die Weltrettung ist Kulisse; der eigentliche Einsatz ist die Rettung eines letzten St\u00fccks emotionaler Heimat.<\/p>\n<p>Hollywood hat jahrzehntelang die Welt gerettet. Heute rettet es Hunde <\/p>\n<p>Dass ausgerechnet ein ziemlich uninteressanter Hund zum Zentrum eines Blockbusters mit zweistelligem Millionenbudget wird, sagt vermutlich mehr \u00fcber den Zustand der westlichen Kultur, als ein ganzer Stapel soziologischer Diagnosen. Hollywood hat jahrzehntelang die Welt gerettet. Heute rettet es Hunde.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur ein Symptom f\u00fcr die Infantilisierung der Popkultur. Es handelt sich auch um die stille Verschiebung ihres moralischen Ma\u00dfstabs.<\/p>\n<p>Der Superheld war immer die gr\u00f6\u00dfte denkbare Figur. Er rettete St\u00e4dte, Nationen, Planeten, schlie\u00dflich ganze Universen. Mit jeder Fortsetzung wurden die Explosionen gr\u00f6\u00dfer und die Fallh\u00f6he gewaltiger. Irgendwann standen nicht mehr New York oder Metropolis auf dem Spiel, sondern Raum und Zeit selbst. Das Problem solcher Eskalation besteht allerdings darin, dass Gr\u00f6\u00dfe irgendwann in Bedeutungslosigkeit umschl\u00e4gt. Wenn st\u00e4ndig das Universum untergeht, verliert der Untergang seine Dramatik.<\/p>\n<p>Die Apokalypse ist inflation\u00e4r geworden.<\/p>\n<p>Die Apokalypse ist inflation\u00e4r geworden<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte dazu auch Mark Fishers Begriff der &#8222;Hauntology&#8220; bem\u00fchen, jenen Zustand einer Kultur, die nicht mehr Neues hervorbringt, sondern nur noch von den Geistern ihrer eigenen M\u00f6glichkeiten heimgesucht wird.<\/p>\n<p>Aber der Film braucht diesen Begriff eigentlich gar nicht. Er zeigt ihn einfach. Er zeigt eine Zukunft, die ihre Vorstellungskraft verloren hat. Die Zukunft sieht aus wie eine Playlist aus den Neunzigern.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Merkw\u00fcrdigkeiten der Gegenwart, dass sie sich Zukunft kaum noch vorstellen kann. Das Kino der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre war voller technischer Utopien. Selbst seine Dystopien glaubten noch an das Morgen. Heute dagegen sieht Zukunft fast immer aus wie eine recycelte Vergangenheit. Rostige Raumh\u00e4fen, Punk\u00e4sthetik, Analogtechnik, Grunge, Neon, Lederjacken. Selbst das Weltall scheint inzwischen Second Hand zu sein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist &#8222;Supergirl&#8220; zugleich ein ausgesprochen zeitgen\u00f6ssischer Film. Er ist feministisch \u2013 allerdings auf eine Weise, die heute fast schon selbstverst\u00e4ndlich wirkt. Bemerkenswert ist weniger, was erz\u00e4hlt wird, als das, was bewusst fehlt. Kara besitzt kein romantisches &#8222;Love Interest&#8220;, Sexualit\u00e4t spielt praktisch keine Rolle.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Stattdessen bilden Krypto und eine ebenso vorlaute wie von Rachefantasien getriebene jugendliche Begleiterin ihr emotionales Zentrum. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich allm\u00e4hlich zu einer Art Mutter-Tochter-Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Auch moralisch folgt der Film den kulturellen Codierungen der Gegenwart. Die meisten positiven Figuren sind Frauen, die meisten Antagonisten M\u00e4nner. Die gr\u00f6\u00dfte denkbare Bedrohung ist hier kein gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Weltenzerst\u00f6rer, sondern ein galaktischer M\u00e4dchenh\u00e4ndlerring. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung der Perspektive: Die Rettung einzelner Menschen erscheint bedeutender als die Rettung einer ganzen Zivilisation.<\/p>\n<p>Space Opera mit Endzeit\u00e4sthetik<\/p>\n<p>Doch wer versucht, &#8222;Supergirl&#8220; ausschlie\u00dflich \u00fcber seine Handlung zu beschreiben, verfehlt vermutlich seinen eigentlichen Reiz. Die Geschichte selbst ist beinahe nebens\u00e4chlich. Viel wichtiger sind Atmosph\u00e4re, Rhythmus und die Vielzahl filmischer Anspielungen. Der Film lebt von seiner Textur. Er zitiert und spielt mit Versatzst\u00fccken der Popkultur, ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Un\u00fcbersehbar sind die Reminiszenzen an &#8222;Tank Girl&#8220;, dessen anarchischer Riot-Grrrl-Geist hier in modernisierter Form wiederkehrt. Kara besitzt dieselbe Mischung aus Trotz, Selbstironie und kontrollierter Verwahrlosung. Zugleich bewegt sich der Film visuell irgendwo zwischen &#8222;Star Wars&#8220; und &#8222;Mad Max&#8220;.<\/p>\n<p>Die schmutzigen Raumh\u00e4fen, improvisierten Raumschiffe und staubigen Au\u00dfenwelten verbinden Space Opera mit Endzeit\u00e4sthetik. Alles wirkt gebraucht, verbeult und bewohnt. Hochglanz interessiert diesen Film kaum; seine Zukunft besitzt Patina.<\/p>\n<p>Gerade diese \u00e4sthetische Mischung verleiht dem Film einen eigent\u00fcmlichen Charme. Er wirkt wie ein Blockbuster, der sich gelegentlich als Independentfilm verkleidet. Zwischen den spektakul\u00e4ren Actionsequenzen finden sich immer wieder Momente erstaunlicher Intimit\u00e4t: ein schweigender Blick, ein kurzer Dialog oder eine beil\u00e4ufige Erinnerung erz\u00e4hlen manchmal mehr \u00fcber Kara als die n\u00e4chste Explosion.<\/p>\n<p>Verschenkte St\u00e4rken<\/p>\n<p>Leider g\u00f6nnt sich der Film f\u00fcr solche Augenblicke viel zu wenig Zeit. Sein gr\u00f6\u00dftes Problem ist weniger die Handlung als das Erz\u00e4hltempo. Kaum beginnt eine Szene ihre Wirkung zu entfalten, treibt der Film bereits weiter zur n\u00e4chsten Station.<\/p>\n<p>Ein Kampf in einer Raumstation, eine Schl\u00e4gerei in einer Bar oder eine Verfolgungsjagd durch ein Asteroidenfeld sind sorgf\u00e4ltig inszeniert und visuell durchaus beeindruckend. Doch die Dramaturgie scheint st\u00e4ndig in Sorge zu sein, das Publikum k\u00f6nnte sich langweilen. Milly Alcock tr\u00e4gt ihre Rolle mit einer bemerkenswerten Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Ihre Kara ist verletzlich, sarkastisch, impulsiv und zugleich von einer tiefen Melancholie durchzogen.<\/p>\n<p>Alcock gelingt das Kunstst\u00fcck, eine Figur glaubw\u00fcrdig erscheinen zu lassen, die \u00fcber nahezu unbegrenzte physische Kr\u00e4fte verf\u00fcgt und sich dennoch emotional vollkommen orientierungslos f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Wissen um eine ausgel\u00f6schte Welt <\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll sind die R\u00fcckblenden auf Krypton. W\u00e4hrend Superman seine Heimat nie wirklich kannte, erinnert sich Kara an alles. Sie erinnert sich an ihre Familie, an Stra\u00dfen, Stimmen und Ger\u00fcche. Sie erlebt das langsame Sterben ihrer Mutter, h\u00f6rt die letzten Lektionen ihres Vaters \u00fcber Verantwortung und Macht und tr\u00e4gt das Wissen um eine vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6schte Welt in sich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Clark Kent bleibt Krypton eine abstrakte Herkunft. F\u00fcr Kara ist es Kindheit. Diese Differenz ver\u00e4ndert die gesamte Figur.<\/p>\n<p>So entsteht tats\u00e4chlich eine ungew\u00f6hnliche Variante der Superheldenerz\u00e4hlung. W\u00e4hrend Superman traditionell f\u00fcr Optimismus, Verantwortung und moralische Gewissheit steht, kreist &#8222;Supergirl&#8220; um Verlust, Wut und die m\u00fchsame Frage, wie ein Mensch nach einer Katastrophe \u00fcberhaupt weiterlebt. Kara besitzt alle Kr\u00e4fte der Welt und dennoch keine Antwort darauf, wie man Abschied nimmt.<\/p>\n<p>Kleinste, Geschichten, gr\u00f6\u00dfte Gef\u00fchle<\/p>\n<p>Vielleicht erkl\u00e4rt gerade das auch ihre eigent\u00fcmliche Faszination. Sie wirkt m\u00e4chtig, aber niemals unverwundbar. Sie kann fliegen, k\u00e4mpfen und selbst brutalste Situationen \u00fcberstehen. Emotional jedoch erscheint sie wie jemand, der erst noch lernen muss, erwachsen zu werden.<\/p>\n<p>Hinter jeder sarkastischen Bemerkung verbirgt sich Unsicherheit, hinter jeder Trotzreaktion die Angst vor neuer Bindung.<\/p>\n<p>&#8222;Supergirl&#8220; ist deshalb kein gro\u00dfer Film im klassischen Sinn. Er ist weder besonders tiefgr\u00fcndig noch dramaturgisch makellos. Seine Figuren bleiben gelegentlich Skizzen, sein Tempo ist oft zu hoch, seine Handlung eher Vorwand als Erz\u00e4hlung. Aber er besitzt Stil, Witz und eine ungew\u00f6hnliche Hauptfigur, deren Verletzlichkeit interessanter ist als ihre Superkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Vor allem aber erinnert er daran, dass selbst im Zeitalter kosmischer Blockbuster manchmal die kleinsten Geschichten die gr\u00f6\u00dften Gef\u00fchle ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Er unterh\u00e4lt gl\u00e4nzend \u2013 mehr sollte man von ihm allerdings auch nicht verlangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Plakat Supergirl. 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