{"id":275359,"date":"2026-07-15T08:46:09","date_gmt":"2026-07-15T08:46:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/275359\/"},"modified":"2026-07-15T08:46:09","modified_gmt":"2026-07-15T08:46:09","slug":"weder-europa-noch-amerika-grobritannien-im-diplomatischen-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/275359\/","title":{"rendered":"&#8222;Weder Europa noch Amerika&#8220;: Grobritannien im diplomatischen Niemandsland"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/shutterstock_558163009-2f81fbbf1270fb3e.jpeg\"  width=\"4608\" height=\"2589\"  alt=\"Ein roter Bus, davor mehrere M\u00e4nner in Anzug\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\">Der sogenannte &#8222;Vote Leave bus&#8220; der Brexit-Bef\u00fcrworter warb mit 350 Millionen zus\u00e4tzlichen Pfund f\u00fcr das Gesundheitssystem. <\/p>\n<p class=\"source akwa-caption__source\">(Bild:\u00a0Jakub Junek\/<a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/vote-leave-team-worcester-united-kingdom-558163009?trackingId=a9f35d15-4fd7-45f5-8c39-32b9cd9250a6&amp;listId=searchResults\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener nofollow\">Shutterstock.com<\/a>)<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Nach Ansicht vieler Briten ist der Brexit gescheitert. Wo steht das Land heute, 10 Jahre sp\u00e4ter? Ein Telepolis-Interview \u00fcber Niedergang und Neuanfang.<\/p>\n<p>Sechs Jahre nach dem formellen Austritt des Vereinigten K\u00f6nigreichs aus der Europ\u00e4ischen Union bleibt die Wirkung des Brexit <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Brexit-Stimmung-kippt-Mehrheit-denkt-an-Rueckkehr-zur-EU-11348147.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Thema hitziger Debatten<\/a> \u2013 insbesondere in den j\u00fcngsten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/keir-starmer-kuendigt-rueckzug-als-premier-von-grossbritannien-an-a-67482a97-ad9d-4030-804d-cbc4b2e59af8\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Post-Starmer-Zeiten.<\/a> Bef\u00fcrworter verweisen auf gewonnene Souver\u00e4nit\u00e4t. Kritiker wie der 37-j\u00e4hrige Kommunalpolitiker Lewis Ross hegen Zweifel: Sie fordern eine R\u00fcckabwicklung.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Telepolis sprach mit dem studierten Geographen und Immobilienverwalter aus der City of London \u2013 aufgewachsen in der N\u00e4he von Reading, heute l\u00e4ndlich n\u00f6rdlich von London zu Hause \u2013 \u00fcber lokale Auswirkungen und geopolitische Einsch\u00e4tzungen. Ein Gespr\u00e4ch mit einem, der 2016 f\u00fcr den EU-Verbleib votierte.<\/p>\n<p>&#8222;Das Geld ist nie angekommen&#8220;<\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\" Lewis Ross\" height=\"206\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 208 \/ 206; object-fit: cover;\" width=\"208\"\/><\/p>\n<p>Unser Gespr\u00e4chspartner Lewis Ross<\/p>\n<p>            (Bild:\u00a0Autor)<\/p>\n<p>\u25b6 Wenn Sie heute auf 2016 zur\u00fcckblicken \u2013 welches der Versprechen der Brexiteers hat sich Ihrer Meinung nach am eindeutigsten als falsch erwiesen? Wo werden Kosten sp\u00fcrbar?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: R\u00fcckblickend ein Slogan, welcher auf den bekannten roten Londoner Bussen prangte: 350 Millionen Pfund w\u00f6chentlich f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/uk.diplo.de\/uk-de\/02\/a-z-themen\/gesundheitswesen-in-grossbritannien-2487788\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">britische Gesundheitssystem (NHS)<\/a>. Dieses Geld ist nie angekommen, das Gesundheitssystem heute katastrophal.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Die wirtschaftlichen Auswirkungen sp\u00fcrt man mannigfaltig: Handelshemmnisse, verlangsamte Lieferketten, Produktivit\u00e4tsschw\u00e4che. Allt\u00e4glich an h\u00f6heren Preisen, l\u00e4ngeren Wartezeiten und der Lebensmittelpreisinflation, an Importkontrollen, Transportverz\u00f6gerungen. Doch es klafft eine echte L\u00fccke zwischen dem, was die Menschen erleben, und dem, wor\u00fcber \u00f6ffentlich gesprochen wird.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Die t\u00e4glichen Kosten werden als Hintergrundrauschen behandelt. Dabei waren Freihandel und Prosperit\u00e4t zentrale Versprechen. Neue M\u00e4rkte, neue Abkommen, eine souver\u00e4ne Handelsnation. Zwar sind die britischen Dienstleistungsexporte gewachsen, doch die Gesamtexporte stagnieren.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Besonders Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion leiden unter h\u00f6heren Exporth\u00fcrden und billigen Importen. Mehr B\u00fcrokratie und Unsicherheit bremsen Investitionen und damit das Produktivit\u00e4tswachstum seit dem EU-Austritt.<\/p>\n<p>&#8222;Handelsabkommen mit den USA bleibt unwahrscheinlich&#8220;<\/p>\n<p>\u25b6 <a href=\"https:\/\/www.heute.at\/s\/brexit-bremste-britische-wirtschaft-um-6-prozent-120211279\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Laut aktuellen Berichten<\/a> sch\u00e4tzt die Bank of England, dass die britische Wirtschaft heute etwa sechs Prozent kleiner ist.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Um die wirtschaftlichen Probleme zu beheben, sollte Gro\u00dfbritannien sich dem EU-Binnenmarkt wieder ann\u00e4hern. Die Trennung von den engsten und wichtigsten Handelspartnern, den EU-Staaten, erschwert den Umgang mit wirtschaftlichen Krisen.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ein Handelsabkommen mit den USA bleibt trotz m\u00f6glicher Vorteile unwahrscheinlich. Statt neuer globaler Chancen ist die Handelsbeziehung mit Europa durch den Brexit komplizierter, teurer und weniger produktiv geworden. Ein schlechter Deal.<\/p>\n<p>\u25b6 Aktuelle <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/eu-unter-einer-bedingung-umfrage-enthuellt-brexit-frust-mehrheit-der-briten-will-zurueck-in-die-zr-94373471.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">YouGov-Umfragen zeigen<\/a>, dass 57 Prozent der Briten den Brexit inzwischen als Fehler betrachten. Bef\u00fcrworter argumentieren, zehn Jahre seien zu kurz, um ein historisches Projekt zu beurteilen. Ein vorschnelles Urteil?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Betrachtet man, wie sich die Umfragewerte in den letzten zehn Jahren ver\u00e4ndert haben, stechen zwei Faktoren hervor. Erstens war es von Anfang an eine Generationenfrage. Bei der Abstimmung wollte die Mehrheit der unter 45-J\u00e4hrigen in der EU bleiben.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Zweitens bereuen inzwischen viele Menschen ihre wahlpolitische Entscheidung. Landwirte, das produzierende Gewerbe, Maschinen-Hersteller und kleine Exporteure sprechen st\u00e4ndig \u00fcber die Folge-Herausforderungen.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Das wirft eine wichtige Frage auf: Warum haben wir nicht st\u00e4rker auf jene geh\u00f6rt, die mit den Konsequenzen am l\u00e4ngsten leben m\u00fcssen?<\/p>\n<p>\u25b6 Sie beschreiben eine intergenerationelle Diffusion, ist die britische Gesellschaft heute geeinter oder gespaltener?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Das Land ist eindeutig polarisierter als vor zehn Jahren. Die Brexit-Debatte hat nicht nur die Meinungen gespalten, sie hat die Art, wie Politik gemacht wird, grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">In vielerlei Hinsicht markierte sie den Beginn der modernen populistischen Politik, wie wir sie heute erleben \u2013 komplexe Themen werden auf einen Bus-Slogan reduziert, und Wut ersetzt Differenzierung. Das Ergebnis ist politische Instabilit\u00e4t: blieben Premierminister fr\u00fcher \u00fcber Jahre, stehen wir heute kurz vor unserem siebten Premierminister in zehn Jahren. Aus Unruhe kann keine St\u00e4rke entstehen.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Sie schafft aber Raum f\u00fcr ein deutlich breiteres politisches Spektrum: Der Aufstieg von Reform UK auf der einen und den Gr\u00fcnen auf der anderen Seite zeigt, wie weit wir uns von den alten Mitte-links- und Mitte-rechts-Traditionen entfernt haben. Menschen suchen anderswo nach Antworten, auch weil es den traditionellen Parteien seit dem Brexit schwerf\u00e4llt, eine klare, einigende Richtung vorzugeben.<\/p>\n<p>\u25b6 Also, ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, die Brexit-Debatte ruhen zu lassen, um das Land zu einen?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Nein, ich glaube nicht, dass es hilft das Thema zu meiden. Im Gegenteil: Der Brexit hat tiefere Probleme offengelegt und sie teilweise versch\u00e4rft.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Einigkeit entsteht, indem man sich den Ursachen der Spaltung stellt, offen und konstruktiv debattiert und das Vertrauen in ein politisches System wiederherstellt.<\/p>\n<p>Brexit und Migration<\/p>\n<p>\u25b6 &#8222;Take back control&#8220; war das zentrale Mantra der damaligen Leave-Kampagne. Tats\u00e4chlich ist die Nettomigration seit dem Brexit zeitweise gestiegen; ver\u00e4ndert hat sich lediglich ihre Zusammensetzung. F\u00fcr viele Leave-W\u00e4hler ging es weniger um Statistiken als um das Gef\u00fchl, in einer sich ver\u00e4ndernden Gesellschaft nicht geh\u00f6rt zu werden. Haben derlei Emotionalit\u00e4ten f\u00fcr Sie Relevanz?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Migration ist ein Thema, das \u00fcberall starke Emotionen weckt. Ich glaube aber, dass es um mehr als Affekte ging: reale Sorgen, soziale und \u00f6ffentliche Sicherheit, Arbeitspl\u00e4tze, letztlich Kontrolle.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Das Problem ist jedoch, dass der Brexit eine simple L\u00f6sung f\u00fcr ein komplexes Problem darbot. Es klang so, als w\u00fcrde ein Ende des EU-Grenzregimes alle Sorgen l\u00f6sen \u2013 doch weit gefehlt.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Wenn wir Migration nachhaltig angehen wollen, m\u00fcssen wir an einer stabileren Welt mitwirken, dutzende Kriege wie Fluchtursachen beenden, den Klimawandel bek\u00e4mpfen und eine ruhigere Politik darbieten. Kulturkampf-Rhetorik ist fehl am Platz.<\/p>\n<p>\u25b6 Die heutige Welt unterscheidet sich fundamental von 2016. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Gro\u00dfbritannien au\u00dferhalb der EU gr\u00f6\u00dferen Einfluss entwickeln kann und eine progressive &#8222;dritte Rolle&#8220; einnehmen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Ross: Als Gro\u00dfbritannien Teil der EU war, hatten wir viele M\u00f6glichkeiten, unsere Soft Power in der Welt zu zeigen. Die US-Beziehungen, Commonwealth-Verbindungen, den kulturellen Einfluss der Krone. Die EU-Mitgliedschaft schw\u00e4chte dies nicht, sie hat unsere Stimme sogar gest\u00e4rkt, weil wir Teil eines gr\u00f6\u00dferen B\u00fcndnisses waren, das unsere Werte und Ziele teilte.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Seit dem Austritt f\u00fchlen wir uns isolierter von unseren europ\u00e4ischen Nachbarn und unsere Beziehung zu den USA ist unberechenbarer geworden. Das bringt Gro\u00dfbritannien in eine Art diplomatisches Niemandsland \u2013 irgendwo zwischen, weder Europa, noch Amerika.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Angesichts der unsicheren Zukunft der Nato und des Drucks aus den USA sollte Gro\u00dfbritannien enger mit seinen europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten zusammenarbeiten, unsere Sicherheit ist auf Engste mit der Europas verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p class=\"indent rte__abs--indent\">Geografische N\u00e4he, gemeinsame demokratische Werte und die enge sicherheitspolitische Verbindung machen starke B\u00fcndnisse notwendig. Um seine Soft Power zur\u00fcckzugewinnen und zur globalen Stabilit\u00e4t beizutragen, m\u00fcsste Gro\u00dfbritannien insbesondere seine Beziehungen zu Europa wieder aufbauen. Andernfalls werden wir kaum mehr eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte unser Autor Luca Sch\u00e4fer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der sogenannte &#8222;Vote Leave bus&#8220; der Brexit-Bef\u00fcrworter warb mit 350 Millionen zus\u00e4tzlichen Pfund f\u00fcr das Gesundheitssystem. 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