{"id":275889,"date":"2026-07-15T14:06:10","date_gmt":"2026-07-15T14:06:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/275889\/"},"modified":"2026-07-15T14:06:10","modified_gmt":"2026-07-15T14:06:10","slug":"christopher-nolan-odyssee-zum-lesen-das-sind-die-besten-fassungen-auf-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/275889\/","title":{"rendered":"Christopher Nolan: \u201eOdyssee\u201c zum Lesen \u2013 das sind die besten Fassungen auf Deutsch"},"content":{"rendered":"<p>Kein Film kann die ganze \u201eOdyssee\u201c abbilden. Wer wissen will, worum es bei Homer wirklich geht, muss lesen. Doch schon mit der Wahl der \u00dcbersetzung trifft man eine grundlegende Entscheidung. Hier sind die besten deutschen Versionen aus 250 Jahren.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Mit der Wahl von Emily Wilsons \u00dcbersetzung der \u201eOdyssee\u201c als Hauptgrundlage f\u00fcr seinen neuen Film hat der Regisseur Christopher Nolan ein Zeichen gesetzt. Wilson nennt Odysseus in den ber\u00fchmten ersten Versen, der Anrufung der Musen, \u201ecomplicated man\u201c \u2013 und er\u00f6ffnet damit eine Deutungsm\u00f6glichkeit, die sich an modernem Psychogebrabbel \u00fcber toxische M\u00e4nnlichkeit und Beziehungsprobleme orientiert. Viele hassen den Film schon, bevor sie ihn gesehen haben, f\u00fcr die Wahl dieses vermeintlich \u201ewoken\u201c Textes.<\/p>\n<p>Im Deutschen gibt es noch keine \u00dcbersetzung von einer Frau und keine, die von \u00e4hnlichen psychologisch-politischen Grundannahmen ausgeht. Hier ist eine \u00dcbersicht \u00fcber die wichtigsten Versionen, zu denen hierzulande Leser greifen k\u00f6nnen, die wissen wollen, worum es bei Homer eigentlich geht \u2013 und eine in die Neuzeit verlegte Version des Odysseus-Mythos, die literarisch fast so bedeutend ist wie Homers Original.<\/p>\n<p>Johann Heinrich Vo\u00df<\/p>\n<p>Neben Luthers Neuem Testament die einflussreichste \u00dcbersetzung aus dem Altgriechischen im deutschen Kulturkreis. 1781 im Selbstverlag (\u201eauf Kosten des Verfassers\u201c) zun\u00e4chst unter dem rechtschreibreformerischen Titel \u201eOd\u00fcssee\u201c erschienen, pr\u00e4gt diese Fassung in der Versform daktylischer Hexameter die Homer-Rezeption bis heute. Sie ist f\u00fcr den Griechen das, was die Schlegel-Tieck-\u00dcbersetzung f\u00fcr Shakespeare ist: die \u00dcbersetzung, die in den Bestand deutscher Klassiker eingegangen ist. Immer noch bei zahlreichen Verlagen gedruckt. <\/p>\n<p>Der Anfang:<\/p>\n<p>\u201eSage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerst\u00f6rung.\u201c<\/p>\n<p>Wolfgang Schadewaldt<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Gr\u00e4zist (1900\u20131974) entschied sich f\u00fcr einen radikal anderen Zugang als Vo\u00df. Seine \u00dcbersetzung ist in Prosa. Sein Argument: Altgriechische lange und kurze Silben im Deutschen als betont und unbetont wiederzugeben, sei eine Verf\u00e4lschung. Davon abgesehen bem\u00fchte er sich aber um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Genauigkeit, bis hinein in die Wortstellung. Adjektive wie \u201erosenfingrig\u201c oder \u201elistenreich\u201c bleiben so nahe wie m\u00f6glich am Griechischen. Schadewaldts Fassung liest sich bis heute gut. Mit ihr sind Generationen von Geisteswissenschaftlern in den Mythos \u201eOdyssee\u201c eingestiegen und haben den Text als Quasi-Original rezipiert.<\/p>\n<p>Der Anfang:<\/p>\n<p>\u201eDen Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der sehr viel irregetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerst\u00f6rt hatte.\u201c<\/p>\n<p>Roland Hampe<\/p>\n<p>Der Arch\u00e4ologe Hampe \u00fcbersetzte 1979 ebenfalls in Prosa, orientierte sich aber mehr als Schadewaldt daran, dass sein Text sich im Deutschen noch fl\u00fcssig liest \u2013 auch wenn er sich daf\u00fcr etwas weiter vom griechischen Urtext entfernen musste.<\/p>\n<p>Der Anfang: <\/p>\n<p>\u201eNenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten, der so viel umhergetrieben wurde, nachdem er die heilige Stadt Troja zerst\u00f6rt hatte.\u201c<\/p>\n<p>Kurt Steinmann<\/p>\n<p>Der Schweizer Altphilologe Kurt Steinmann kehrte 2007 mit seiner \u00dcbersetzung wieder zu den Hexametern \u2013 sechshebigen daktylischen Versen mit einer Z\u00e4sur in der Mitte \u2013 der klassischen epischen Dichtung zur\u00fcck. Seine Sprache ist aber naturgem\u00e4\u00df deutlich moderner und scheut im Gegensatz zu seinen Vorg\u00e4ngern, die pr\u00fcder als die Griechen waren, nicht vor derben Ausdr\u00fccken zur\u00fcck, wo es dem Original angemessen ist.<\/p>\n<p>Der Anfang:<\/p>\n<p>\u201eMuse, erz\u00e4hl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es \/ abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.\u201c<\/p>\n<p>Gustav Schwab<\/p>\n<p>Keine \u00dcbersetzung, sondern eine Nacherz\u00e4hlung. Der schw\u00e4bische Pfarrer, Gymnasialprofessor und Schriftsteller (die Heilige Dreifaltigkeit der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts) hat auch die \u201eOdyssee\u201c, wie so viele andere griechische Stoffe, in die Gestalt einer eigenen Erz\u00e4hlung gebracht. So wie die von Vo\u00df ist auch Schwabs Fassung schon lange ein eigenst\u00e4ndiger Klassiker der deutschen Literatur.<\/p>\n<p>Rosemary Sutcliff<\/p>\n<p>Niemand hat im 20. Jahrhundert tollere historische Romane geschrieben als die konservative patriotische Britin <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.geistesleben.de\/Buecher-die-mitwachsen\/Maerchen-Sagen-Gedichte-fuer-Kinder\/Troja-und-die-Rueckkehr-des-Odysseus-oxid.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.geistesleben.de\/Buecher-die-mitwachsen\/Maerchen-Sagen-Gedichte-fuer-Kinder\/Troja-und-die-Rueckkehr-des-Odysseus-oxid.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Rosemary Sutcliff<\/a>. Die meisten ihrer B\u00fccher spielen im r\u00f6mischen Britannien und im anglo-normannischen Mittelalter. Sie hat aber auch die Epen Homers nacherz\u00e4hlt. Was damals f\u00fcr Jugendliche gedacht war, ist heute \u2013 50 Jahre des Bildungsniedergangs sp\u00e4ter \u2013 die perfekte Lekt\u00fcre f\u00fcr Menschen, die einfach wissen wollen, worum es eigentlich geht, ohne Debatten um Versformen, philologische Exaktheit und dar\u00fcber, ob ein moderner Leser wirklich jede 2700 Jahre alte Redundanz Homers braucht.<\/p>\n<p>James Joyce<\/p>\n<p>Wer ein oder mehrere der vorherigen B\u00fccher gelesen hat, versteht dann auch die zahlreichen Anspielungen im Jahrhundertmeisterwerk \u201eUlysses\u201c des Iren James Joyce. Die Irrfahrt seines Helden f\u00fchrt aber nicht \u00fcbers \u00c4g\u00e4ische Meer, sondern durch das Dublin des 16. Juni 1904. Anders als viele schamhafte \u00dcbersetzer war Joyce nicht blind daf\u00fcr, dass Sex eine gewaltige Rolle bei Homer spielt \u2013 und er \u00fcbertrug die entsprechenden Mythen in die Gegenwart seiner Zeit: Nausikaa ist eine junge Frau, die von der onanierenden Hauptfigur Leopold Bloom am Strand beobachtet wird, das Kapitel \u201eCirce\u201c (bei Homer der Name der Zauberin, die Odysseus\u2019 M\u00e4nner in Schweine verwandelt) spielt im Bordell.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kein Film kann die ganze \u201eOdyssee\u201c abbilden. 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