{"id":290997,"date":"2026-07-23T16:42:09","date_gmt":"2026-07-23T16:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/290997\/"},"modified":"2026-07-23T16:42:09","modified_gmt":"2026-07-23T16:42:09","slug":"album-music-fashion-film-die-meta-meta-kunst-von-charli-xcx-macht-einen-voellig-kirre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/290997\/","title":{"rendered":"Album \u201eMusic. Fashion. Film\u201c: Die Meta-Meta-Kunst von Charli xcx macht einen v\u00f6llig kirre"},"content":{"rendered":"<p>Der \u201eBrat Summer\u201c ist endg\u00fcltig vorbei. Oder doch nicht? Charli XCX ver\u00f6ffentlicht nach dem Mega-Hype um \u201eBrat\u201c endlich wieder ein neues Album \u2013 und macht das Deuten ihrer Musik zum Teil der Inszenierung. Wer ihr folgen will, braucht starke Nerven.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Charli xcx hat uns einen Sommer voller Leichtigkeit geschenkt, vor allem jungen Frauen nat\u00fcrlich. Sie durften in den sonnigen Monaten des Jahres 2024 mal ganz unvollkommen sein, sich an ihrer Imperfektion sogar berauschen. \u00dcberfordert? Kurz vor dem Nervenzusammenbruch? Rotz und Wasser heulen, bevor der Eyeliner verschmiert? You go, girl! Und so kam es auch. Diese jungen Frauen zeigten sich ein wenig heruntergekommen mit einer Packung Zigaretten, einem BIC-Feuerzeug und einem Tr\u00e4gertop ohne BH und feierten es, eine \u201ebrat\u201c, also eine rotzige \u201eG\u00f6re\u201c, zu sein.<\/p>\n<p>Der durch Charlis Album \u201eBrat\u201c ausgerufene \u201eBrat Summer\u201c war eine erfolgreiche Gegenbewegung zu einer halb erfolgreichen Bewegung: Der TikTok-Trend \u201eClean Girl\u201c hatte eher selbstoptimierenden Charakter. Gesunde Ern\u00e4hrung, lieber kein Alkohol, jeden Abend artig zum Pilates \u2013 und diesen Lebenswandel mit perfekt ausgeleuchteten Fotos inszenieren. \u00d6de, oder? Nur logisch, dass die britische Singer-Songwriterin die Internetgemeinde vom Gegenteil \u00fcberzeugen konnte. So spie\u00dfig sind Generation Z und Millennials also zum Gl\u00fcck doch nicht. Charlis Album \u201eBrat Summer\u201c war sogar Inspiration f\u00fcr die damalige US-Pr\u00e4sidentschaftskandidatin Kamala Harris. Auch eine wohlhabende und m\u00e4chtige Politikerin im Hosenanzug durfte mal \u201ebrat\u201c sein, an der Wahlurne half das nicht.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sind seitdem vergangen, in denen ein Trend den anderen ersetzte. Doch wirkliche Strahlkraft entwickelte keiner von ihnen, was die Verkl\u00e4rung von \u201eBrat\u201c umso leichter machte. Daf\u00fcr sorgten Charli xcx und ihr Team nat\u00fcrlich auch selbst, ganz ohne Musik. Die im Februar erschienene Mockumentary \u201eThe Moment\u201c blickte noch einmal auf den ganzen \u201eBrat\u201c-Wahnsinn zur\u00fcck und opponierte gleichzeitig gegen ihn, indem sie die Mechanismen der Musikindustrie garstig aufspie\u00dfte. Charli xcx spielte sich einfach selbst. Eine ruhms\u00fcchtige, egomanische Frau ist sie da, die aber immerhin an k\u00fcnstlerische Originalit\u00e4t glaubt \u2013 und deshalb \u201eBrat\u201c auch endlich hinter sich lassen will, w\u00e4hrend ihr Management die Geldkuh weiter melken will. Charli xcx bleibt widerwillig l\u00e4nger auf der eigenen Party.<\/p>\n<p>Aber die ist nun angeblich endg\u00fcltig vorbei. \u201eDie Tanzfl\u00e4che ist tot\u201c, singt die 33-j\u00e4hrige K\u00fcnstlerin auf dem neuen Album \u201eMusic. Fashion. Film\u201c, das am 24. Juli erscheint. Eigentlich meint Charli xcx, dass \u201eBrat\u201c tot ist. Und die beste Nachricht vorweg: Die Zigaretten sind trotzdem noch da. Der Sex-Appeal von Charli xcx damit nat\u00fcrlich auch. Die Farbe <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus255015572\/Farben-Was-Trendfarben-ueber-die-Aengste-und-Sehnsuechte-unserer-Gesellschaft-verraten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus255015572\/Farben-Was-Trendfarben-ueber-die-Aengste-und-Sehnsuechte-unserer-Gesellschaft-verraten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Quietschgr\u00fcn<\/a> jedoch, die im \u201eBrat Summer\u201c nahezu jede Instagram-Kachel schm\u00fcckte, wurde jetzt konzeptuell durch Schwarz-Wei\u00df ersetzt. Aber d\u00fcster klingen die drei Songs, die schon ver\u00f6ffentlicht worden sind, nun wirklich nicht. Ehrlich gesagt sind sie sogar ziemlich heiter, doch die Instrumente sind jetzt andere. Verzerrte Gitarren d\u00fcrfen die Synthesizer vom \u201eBrat Summer\u201c ersetzen.<\/p>\n<p>Zumindest auf dem Song \u201eRock Music\u201c. Aber ist das \u00fcberhaupt Rock? Das ist schon mal die falsche Frage, sagt zumindest Charli xcx. \u201eUm ehrlich zu sein, habe ich Genres nie als etwas Bin\u00e4res betrachtet. Das halte ich f\u00fcr eine sehr altmodische Vorstellung. Ich wei\u00df nicht einmal, um welches Genre es sich handelt.\u201c Das ist doch wieder Koketterie einer Avantgardistin, die das selbstreferenzielle Hyperpop-Genre mit gro\u00df machte. St\u00e4ndig sagt und singt die Britin etwas, legt F\u00e4hrten, um sich dann wieder davon zu distanzieren. So auch auf \u201eMusic. Fashion. Film\u201c.<\/p>\n<p>Und so auch auf dem Song \u201eRock Music\u201c. Im Musikvideo inszeniert Charli xcx wieder einmal den Exzess, dieses Mal in einem Hotelzimmer. Wenn die Britin hier die brennende Zigarette auf einem gro\u00dfen Zigarettenstummel-Haufen ausdr\u00fcckt, sich mit Kabel-Mikrofon auf dem Boden w\u00e4lzt und ihren Typen abschleckt, dann ist das auch ein bisschen \u201ebrat\u201c. Wegen des Gitarrensounds f\u00fchlt sich ein Millennial pl\u00f6tzlich in seine Jugend zur\u00fcckversetzt. Denn die Energie des Songs erinnert schon sehr an \u201eDate with the Night\u201c von der Band Yeah Yeah Yeahs, die 2003 mit s\u00e4genden Gitarren dem kaputten Glamour der unberechenbaren Nacht entgegenmusizierte. Nur macht Charli xcx \u2013 wie gesagt \u2013 ja nicht wirklich Rock, eigentlich macht sie sich sogar \u00fcber ihn lustig. Vom Headbanging \u2013 der Tanzform des Hardrock \u2013 bekommt sie Nackenschmerzen, singt Charli xcx belustigt.<\/p>\n<p>Die S\u00e4ngerin hat wieder einmal anget\u00e4uscht. Das zieht sie genauso in den anderen schon ver\u00f6ffentlichten Songs fr\u00f6hlich durch. \u201eIch bin kein b\u00f6ses M\u00e4dchen mehr\u201c, sagt Charli auf \u201eWink Wink\u201c, w\u00e4hrend sie in kurzen Klamotten auf dem Sofa masturbiert, sich im Gras r\u00e4kelt oder ihre Br\u00fcste gegen die Scheibe presst: \u201eZwinker, zwinker\u201c. Davor hat sie sich schon an den \u00e4ltesten, aber riskantesten aller Witze gewagt: \u201eVielleicht habe ich deinen Vater gev\u00f6gelt.\u201c Kurz bleibt einem die Luft weg. Sie wei\u00df, wie sie einem jungen Mann wehtut: \u201eNur Spa\u00df. Ich sage das nur, um die Wirkung zu verst\u00e4rken.\u201c Gezielte Emp\u00f6rung \u2013 Ragebait \u2013 durchgespielt.<\/p>\n<p>Es ist zerm\u00fcrbend, die Musik von Charli xcx decodieren zu wollen. Alles ist Referenz hier und da: \u201eSie hat die versautesten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus229385375\/Alman-Memes-Wie-ein-Autorenduo-sich-ueber-Deutsche-lustig-macht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus229385375\/Alman-Memes-Wie-ein-Autorenduo-sich-ueber-Deutsche-lustig-macht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Memes<\/a> von Twitter genommen und sie in ihr Musikvideo eingebaut\u201c, vermutet ein Fan unter dem YouTube-Video zu \u201eWink Wink\u201c. Anscheinend hat Charli xcx mit ihrer Meta-Meta-Kunst auch ihre Fans dazu erzogen, nach Querverweisen zu suchen.<\/p>\n<p>Ein H\u00f6rer der Songs von Charli xcx ben\u00f6tigt eigentlich einen Internetf\u00fchrerschein f\u00fcr Popkultur, den bislang die Volkshochschulen in dieser Form leider nicht anbieten. Vielleicht m\u00fcsste die Singer-Songwriterin diese Kurse selbst leiten, denn sie ist doch die Internettheoretikerin, die zuf\u00e4llig auch Musik macht. Die Werke von Charlotte Emma Aitchison, so im \u00dcbrigen der b\u00fcrgerliche Name von Charli xcx, sind das, was Kommunikationsdesigner \u201eMoodboard\u201c nennen w\u00fcrden \u2013 also eine Collage aus Bildern, Farben und Schriften, um eine gew\u00fcnschte Stimmung zu definieren. Die Suche nach dem richtigen \u201eVibe\u201c ist eben der Treiber der Popkultur geworden, und dieser \u201eVibe\u201c beschr\u00e4nkt sich nicht mehr auf einzelne Kunstformen. Umso konsequenter ist der Albumtitel \u201eMusic. Fashion. Film\u201c. Alles geh\u00f6rt zusammen. Der Titel k\u00f6nnte auf der Visitenkarte eines Creative Directors stehen, und wenn wir ehrlich sind, ist Charli xcx genau das.<\/p>\n<p>Alles auch zu h\u00f6ren in \u201eRock Music\u201c, die eben dies nicht ist. Wir w\u00e4ren ziemlich doof, ihr wegen der verzerrten Gitarren eine 2000er-Nostalgie zu unterstellen, die eine vergangene Zeit betrauert. Viel eher ist es doch so: Charli xcx spielt uns nur die Erinnerung daran vor, wie wir, sie vielleicht auch, an die Jahre nach der Jahrtausendwende zur\u00fcckdenken. Daf\u00fcr reichen der K\u00fcnstlerin einige zusammengeschusterte Rockklischees, denn auch sie wei\u00df: Nostalgie ist f\u00fcr die Internetgeneration ein noch schwammigeres Konzept als ohnehin schon. Erinnerungen an Digitalkamera-Fotos, den Musiksender MTV, den ersten iPod und Hedi Slimanes Dior-Homme-Silhouetten verschmelzen r\u00fcckblickend zu einem \u00e4sthetischen Gesamtbild, das von Charli xcx und ihrer Musik nur noch ein wenig untermalt werden muss.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Kern ihrer Musik, dass sie auf den ersten Blick keine existenziellen N\u00f6te ausstellt \u2013 und L\u00f6sungen nicht anbietet. \u201eNichts wird uns retten, weder Musik noch Mode noch Film\u201c, raunt uns Charli xcx auf dem neuen Album entgegen. Das k\u00f6nnte ganz sch\u00f6n deprimierend sein, aber warum klingt es dann so unbeschwert? Nun ja, weil Charli xcx auch die eigene Hoffnungslosigkeit brechen kann. Auf dem Song \u201eSS26\u201c l\u00e4uft sie zwar auf dem Laufsteg der H\u00f6lle entgegen, aber: \u201eIch denke, es wird mir gut gehen, wenn ich in den Klamotten gut aussehe.\u201c Dann setzt sie ihr Siegerl\u00e4cheln auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der \u201eBrat Summer\u201c ist endg\u00fcltig vorbei. Oder doch nicht? 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