{"id":29230,"date":"2026-03-06T13:03:09","date_gmt":"2026-03-06T13:03:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/29230\/"},"modified":"2026-03-06T13:03:09","modified_gmt":"2026-03-06T13:03:09","slug":"wem-gehoert-die-stadt-gender-planerin-julia-girardi-hoog-hat-antworten-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/29230\/","title":{"rendered":"Wem geh\u00f6rt die Stadt? Gender Planerin Julia Girardi-Hoog hat Antworten \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p> Nein, ja, nein (lacht). Wir sorgen nicht f\u00fcr rosa, sondern f\u00fcr breitere Gehsteige, auf denen Personen auch mit Kinderw\u00e4gen oder Rollator Platz finden.  <\/p>\n<p> Die sind prinzipiell super, aber die Durchgangsbreiten f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4nger brauchen wir trotzdem, das f\u00fchrt vor allem in der Bestandsstadt oft zu Zielkonflikten. Aber es zeigt deutlich, wie eine Ver\u00e4nderung des Raums zu neuen Ideen und Nutzungen f\u00fchrt. Wie man sich Raum aneignet, h\u00e4ngt davon ab, wie er sich pr\u00e4sentiert.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbWie man sich Raum aneignet, h\u00e4ngt davon ab, wie er sich pr\u00e4sentiert.\u00a0\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> Das ist auch bei der Parkgestaltung f\u00fcr Kinder und Teenager so, um gleich auf die dritte Frage einzugehen. Hier geht es ganz konkret darum, dass die meisten Burschen kein Problem damit haben, die Ballk\u00e4fige zu nutzen, den \u00f6ffentlichen Raum einzunehmen. Das ist auch gut so.  <\/p>\n<p> M\u00e4dchen nehmen sich den Raum aber nicht so selbstverst\u00e4ndlich, vor allem, wenn er schon besetzt ist. Sie stehen dann in einer Ecke oder treffen sich gar nicht. Warum? Ihre Bed\u00fcrfnisse sind meist anders, die meisten wollen eher Beachvolleyball spielen, in kleinen Gruppen ungest\u00f6rt abh\u00e4ngen.  <\/p>\n<p> Wie sieht eine Park-Planung aus?  <\/p>\n<p> Meine Vorg\u00e4ngerin Eva Kail hat das mit Teenagern erstmals erarbeitet, die sehen: Raum ist gestaltbar, von ihnen selbst. Das ist f\u00fcr viele eine ganz gro\u00dfer Aha-Moment: Die Stadt geh\u00f6rt auch mir. So entstehen offene Treffpunkte, \u00fcberschaubare R\u00fcckzugsr\u00e4ume: Podeste, H\u00e4ngematten, Korbschaukeln, Rundg\u00e4nge zum Spazieren. Und das k\u00f6nnen Burschen genauso benutzen. Alle, da h\u00e4ngt ja kein Schild dran.  <\/p>\n<p> Wie erkl\u00e4ren Sie Gender Planning? <\/p>\n<p> Gender Planning ist Qualit\u00e4tssicherung. Wer in Wien wohnt und seinen Alltag bestreitet, darf von der Stadtplanung erwarten, dass seine Lebensrealit\u00e4t ernst genommen wird. Das gilt f\u00fcr alle gleich. Besonders in der Mobilit\u00e4tsentwicklung ist noch viel Luft nach oben.   <\/p>\n<p> Warum ist das \u00fcberhaupt notwendig?  <\/p>\n<p> Weil die Stadt jahrzehntelang von Auto fahrenden M\u00e4nnern geplant wurde, die t\u00e4glich von A nach B fuhren und wieder zur\u00fcck. Dazu sind breite Stra\u00dfen und gen\u00fcgend Parkpl\u00e4tze wichtig, aber keine breiten Gehwege, keine Fahrradwege, keine Aufenthaltsqualit\u00e4t entlang der Mobilit\u00e4tsachsen. Und so sah die Stadt auch aus. Es gibt aber viele Menschen, die nicht nur von A nach B fahren, sondern weiter nach C und D, um ein Kind in die Schule zu bringen, danach in die Arbeit zu fahren, dann einzukaufen und so fort.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbJede Art der Mobilit\u00e4t gleichwertig in der Stadt zu erm\u00f6glichen, ist Teil des Gender Plannings.\u00a0\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> Meist sind diese Menschen weiblich, das geht ganz klar aus der Statistik hervor. Frauen haben also oft mehrere, aber k\u00fcrzere Wege, die sinnvollerweise nicht nur mit dem Auto gefahren werden, sondern ein Mix sind aus Gehen, Radfahren, \u00d6ffis. Und diese Art der Mobilit\u00e4t gleichwertig in der Stadt zu erm\u00f6glichen, ist Teil des Gender Plannings.  <\/p>\n<p> Wie sieht Ihre Arbeit bei Neubauprojekten aus?  <\/p>\n<p> Ich achte darauf, dass im neuen Stadtteil die Raumaufteilung passt, dass etwa der Kindergarten genug Platz f\u00fcr den Freibereich hat und auch der Spielplatz. Es soll alles gut erreichbar sein auf direkten Fu\u00df- und Radwegen. Und es braucht mindestens einen \u201eGr\u00e4tzlpark\u201c, wo ohne Konsumzwang Zeit in der Natur verbracht werden kann, wo Nachbarschaftsnetzwerke gekn\u00fcpft werden k\u00f6nnen. Im Wohnbau braucht es Gemeinschaftsr\u00e4ume, je nach Gr\u00f6\u00dfe einen Kindergarten, einen Spielplatz in der Anlage.  <\/p>\n<p> Die Wege von und zur Wohnung sind besonders wichtig: Sind sie gut und einfach begehbar? Auch die Vermeidung und Verbesserung von Angstr\u00e4umen \u2013 also dunkle, un\u00fcbersichtliche Wegstellen \u2013 geh\u00f6rt dazu. Und: Wo ist Platz f\u00fcr das Rad? Den Kinderwagen?   <\/p>\n<p> Dass der Rad-Raum einen Halbstock unter dem Liftzugang liegt, kann nicht mehr passieren?  <\/p>\n<p> Nein. Das stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen Radfahren als Wochenend-Hobby gesehen wurde. Damals waren Kinderwagen in Stra\u00dfenbahnen verboten, undenkbar heute. Der Kinderwagenraum war eher als gro\u00dfer Gemeinschaftskeller gedacht zur Aufbewahrung, wenn der Altersabstand zwischen den Kindern gr\u00f6\u00dfer war, und nicht zur t\u00e4glichen Benutzung.  <\/p>\n<p> Die damaligen Planer profitieren als alte Menschen heute vom Gender Planning?  <\/p>\n<p> Ja. Wir wissen aus Studien, dass die meisten Menschen so lange wie m\u00f6glich zu Hause wohnen m\u00f6chten, selbstst\u00e4ndig oder mit wenig fremder Hilfe. Dazu geh\u00f6rt nicht nur eine passende Wohnung, sondern auch die Umgebung. Am besten \u201edie Stadt der kurzen Wege\u201c, in der alles in 15 Minuten erreichbar ist.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbGender Planning ist Qualit\u00e4tssicherung.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> Es ist ein Unterschied, ob ich von der Wohnung zum Gesch\u00e4ft zwei Schnellstra\u00dfen \u00fcberqueren muss und ohne Pause vom Verkehr umbraust werde \u2013 da sitzt man lieber selbst im Auto. Und wird unselbstst\u00e4ndig, wenn das nicht mehr geht. Oder ob ich auf einem breiten Gehsteig mit Rollator gut vorankomme, ein paar schattige Bankerl entlang des Weges habe und noch Nachbarn treffe. Sch\u00f6n gestaltete offene R\u00e4ume sind wichtig f\u00fcr eine Stadt.  <\/p>\n<p> Aber nicht unbedingt f\u00fcr Investoren. Wie funktioniert die Umsetzung ihrer Agenden?  <\/p>\n<p> Da hei\u00dft es eben zu verhandeln. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Investoren darauf achten, dass sich die Projekte rentieren. Aber das allein macht keine Qualit\u00e4t aus. Es braucht ein Regulativ, das die Standards einfordert.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbEs braucht ein Regulativ, das die Standards einfordert. Das machen wir in Wien mit st\u00e4dtebaulichen Vertr\u00e4gen.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> Das machen wir in Wien bei gro\u00dfen Projekten mit st\u00e4dtebaulichen Vertr\u00e4gen, wo sich Investoren zur Errichtung von Nachbarschaftsparks, sicheren Wegen, guter Beleuchtung, Vermeidung von Angstr\u00e4umen, Aufenthaltsqualit\u00e4t verpflichten , um die wichtigsten zu nennen.  <\/p>\n<p> Wie gehen Sie mit Vorurteilen um?  <\/p>\n<p> Mit Stolz (lacht). Im Ernst, wir sind die Vorreiter auf diesem Gebiet, da ist klar, dass das nicht alle Leute kennen, obwohl damit alle t\u00e4glich zu tun haben. Wir haben immer mehr Delegationen hier, aktuell aus den Niederlanden und Japan, die sich unseren Zugang ansehen. St\u00e4dte wie K\u00f6ln oder Frankfurt haben sich schon inspirieren lassen.   <\/p>\n<p> Wien ist in einer Vorreiterrolle?  <\/p>\n<p> Ja. Man kann tats\u00e4chlich stolz darauf sein, in dieser Stadt zu wohnen und diese Entwicklung mitzuerleben. In Wien redet man ja gerne etwas schlecht. Aber wenn es im Ausland gesch\u00e4tzt wird, ist es dann doch etwas wert. Ich setzte ganz viel auf Information \u2013 und Humor.  <\/p>\n<p> In welchen Gebieten werden Sie in naher Zukunft zu tun haben?  <\/p>\n<p> Neben der Seestadt Nord ist es das Rothneusiedl im S\u00fcden von Wien, das Heidj\u00f6chl im 22. Bezirk, der Nordwestbahnhof und das Obere Hausfeld. Das sind die gr\u00f6\u00dferen Fl\u00e4chen in der Stadtentwicklung, auf denen derzeit geplant wird.  <\/p>\n<p> Die Seestadt als Vorzeigebeispiel?  <\/p>\n<p> Ja, und wie andere Entwicklungsgebiete ein Zeitzeugnis daf\u00fcr, wie Stadtentwicklung funktioniert. Man darf nicht vergessen, dass der Umsetzung oft bis zu 20 Jahre an Planung vorausgeht.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbEntwicklungsgebiete sind Zeitzeugnisse daf\u00fcr, wie Stadtentwicklung funktioniert.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> In Zeiten des Klimawandels ist es nat\u00fcrlich absurd, einen betonierten Platz als \u201eAnkunftsort\u201c bei der U-Bahn-Station zu pr\u00e4sentieren. Also hat man mit Begr\u00fcnung begonnen. Als er geplant wurde, hatte man seine Nutzung als Markt, als zentralen Festplatz im Kopf. St\u00e4dtebau ist immer Ver\u00e4nderung und Anpassung.   <\/p>\n<p> Welchen Ort m\u00f6gen Sie in Wien besonders?  <\/p>\n<p> Den Arenbergpark im 3. Bezirk. Als meine Kinder klein waren, war er unser zweites Wohnzimmer. Wir wollten ja urspr\u00fcnglich mit den Kindern in ein Haus mit Garten, wie ich das aus Ober\u00f6sterreich, wo ich aufgewachsen bin, kenne.  <\/p>\n<p> Und dann haben wir bemerkt, dass der Park f\u00fcr die Kinder der perfekte Garten ist. Sie haben ihn sich erobert, sind dauernd in den B\u00e4umen herumgeklettert, diese Art von Kindheit in der Stadt zu haben, ist etwas Besonderes. Und nur m\u00f6glich, weil es eben Gr\u00fcnr\u00e4ume gibt.  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbDiese Art von Kindheit in der Stadt zu haben ist nur m\u00f6glich, weil es Gr\u00fcnr\u00e4ume gibt.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Julia Girardi-Hoog                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien     <\/p>\n<p> Wir Erwachsenen haben uns in der Meierei getroffen und angefreundet, eine sch\u00f6ne Zeit. \u00c4hnliches habe ich auch im Sonnwendviertel erlebt, im Helmut-Zilk-Park. Viele spielende Kinder, einige Familien machen Picknick mitten in der Stadt, viele sitzen im Caf\u00e9 in der Sonne. Ich kenne Kinder vom Land, die wollen in Wien ihre Ferien verbringen, weil es ihnen hier so gut gef\u00e4llt.  <\/p>\n<p>                    Zur Person <\/p>\n<p>Julia Girardi-Hoog ist promovierte Architektursoziologin und leitet seit 2024 das Referat f\u00fcr gendergerechte Stadtplanung in der Magistratsdirektion Bauten und Technik der Stadt Wien. <\/p>\n<p>Nach ihrer T\u00e4tigkeit als Forscherin an der TU Wien und der Donau-Universit\u00e4t Krems arbeitete sie an internationalen Menschenrechtsprojekten f\u00fcr die Europ\u00e4ische Kommission und die Vereinten Nationen. Seit 2013 ist sie f\u00fcr die Stadt Wien t\u00e4tig. Von 2016 bis 2019 leitete sie das EU-gef\u00f6rderte Smart-City-Projekt \u201eSmarter Together\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nein, ja, nein (lacht). 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