{"id":292481,"date":"2026-07-24T11:52:24","date_gmt":"2026-07-24T11:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/292481\/"},"modified":"2026-07-24T11:52:24","modified_gmt":"2026-07-24T11:52:24","slug":"dunkles-genom-wie-vermeintlicher-dna-muell-die-medizin-revolutioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/292481\/","title":{"rendered":"Dunkles Genom: Wie vermeintlicher DNA-M\u00fcll die Medizin revolutioniert"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/natrot-ff3cce84de1addf4.jpeg\"  width=\"5000\" height=\"2809\"  alt=\"Aus Farbfl\u00e4chen gebilder Mensch, der zur Seite in farbige Banden aufgel\u00f6st wird, wie sie bei der Gensequenzierung entstehen\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"source akwa-caption__source\">(Bild:\u00a0natrot, <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-vector\/dna-test-infographic-genome-sequence-map-2491825963?trackingId=87a71191-6f0d-41b0-a9f6-2b71216a9e39&amp;listId=searchResults\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener nofollow\">shutterstock<\/a>)<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">98 Prozent unserer DNA galten lange als M\u00fcll. Nun zeigt sich: Das dunkle Genom steuert Krankheiten. Erste Therapien sind aber noch Jahrzehnte entfernt.<\/p>\n<p>Als Wissenschaftler im April 2003 das menschliche Genom entschl\u00fcsselt hatten, waren sie verbl\u00fcfft. Nach 13 Jahren Arbeit und \u2013 nach heutigen Preisen \u2013 rund 2,5 Milliarden Euro Kosten offenbarte sich eine \u00fcberraschende Wahrheit: Nur etwa zwei Prozent unserer drei Milliarden DNA-Bausteine enthalten Anleitungen f\u00fcr Proteine.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Die restlichen 98 Prozent wurden zun\u00e4chst als &#8222;Junk-DNA&#8220; abgetan \u2013 genetischer M\u00fcll ohne erkennbaren Nutzen. Diese Einsch\u00e4tzung erwies sich jedoch als spektakul\u00e4rer Irrtum.<\/p>\n<p>Heute wissen Forscher: Das dunkle Genom stellt ein <a href=\"https:\/\/nashbio.com\/blog\/clinical-genomics\/unveiling-the-secrets-of-the-dark-genome-a-journey-into-the-hidden-depths-of-human-dna\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">komplexes Steuerungssystem<\/a> dar, das reguliert, wann und wie stark unsere Gene arbeiten.<\/p>\n<p>Transposone: Wie springende Gene die Evolution pr\u00e4gten<\/p>\n<p>Den L\u00f6wenanteil von etwa 50 Prozent aber bilden sogenannte <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/scitable\/topicpage\/transposons-the-jumping-genes-518\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Transposone<\/a> \u2013 springende Gene, die ihre Position im Erbgut wechseln k\u00f6nnen. Die Biologin Barbara McClintock entdeckte diese springenden Gene bereits 1944 bei der Untersuchung von Mais. Erst 1983 erhielt sie f\u00fcr ihre Entdeckung den Nobelpreis.<\/p>\n<p>Heute ist klar: Diese genetischen Relikte haben die Evolution teils ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt. Ein Transposon k\u00f6nnte zum Beispiel f\u00fcr den Verlust des Schwanzes bei den Vorfahren der Menschenaffen verantwortlich sein, was wiederum zur Entwicklung des aufrechten Gangs f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Endogene Retroviren: Uralte Virenreste formen die Plazenta<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Das dunkle Genom besteht zum Teil aber auch aus \u00dcberbleibseln uralter Eindringlinge; konkret von virus\u00e4hnlichen Elementen: Etwa f\u00fcnf Prozent sind <a href=\"https:\/\/www.crick.ac.uk\/news\/2025-10-02_hello-from-the-dark-genome\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Reste ehemaliger Retroviren<\/a>, die sich vor Jahrmillionen in das Erbgut unserer Vorfahren eingenistet haben.<\/p>\n<p>Noch erstaunlicher: S\u00e4ugetiere haben sich virale Gene angeeignet, um Plazenten zu bilden, das Organ, das F\u00f6ten mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Verschiedene S\u00e4ugetiergruppen haben f\u00fcr ihre Plazenten jeweils unterschiedliche Virengene gekapert \u2013 ein Prozess, der sich mehrfach unabh\u00e4ngig voneinander ereignete.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>TAF1-Gen und XDP: Wenn die Gen-Steuerung versagt<\/p>\n<p>Diese uralten Virenreste in unserem Erbgut sind normalerweise stillgelegt. Doch wenn diese Kontrolle versagt, k\u00f6nnen sie Krankheiten ausl\u00f6sen. Auf der philippinischen Insel Panay tritt etwa eine unheilbare Bewegungsst\u00f6rung XDP besonders h\u00e4ufig auf. Genetiker fanden heraus, dass alle Betroffenen eine einzigartige Variante des Gens TAF1 tragen \u2013 mit einem Transposon mittendrin, das die Genfunktion auf sch\u00e4dliche Weise reguliert.<\/p>\n<p>Auch bei chronischen Krankheiten spielt das dunkle Genom eine zentrale Rolle. Genomweite Assoziationsstudien, die nach genetischen Variationen bei gro\u00dfen Personengruppen suchen, zeigen: Die meisten mit Alzheimer, Diabetes oder Herzkrankheiten verbundenen Variationen liegen nicht in den proteinkodierenden Bereichen, sondern im dunklen Genom.<\/p>\n<p>Denn das dunkle Genom produziert sogenannte nicht-kodierende RNAs. Die dirigieren, wie unser Genom auf die Umwelt reagiert. Wenn wir dem dunklen Genom durch Rauchen, schlechte Ern\u00e4hrung oder Bewegungsmangel dauerhaft falsche Signale geben, k\u00f6nnen diese RNA-Molek\u00fcle den K\u00f6rper in einen Krankheitszustand <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/future\/article\/20230412-the-mystery-of-the-human-genomes-dark-matter\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">versetzen<\/a>.<\/p>\n<p>VHL-Gen: Wie reaktivierte Retroviren Tumorzellen bek\u00e4mpfen<\/p>\n<p>In Krebszellen ger\u00e4t das dunkle Genom besonders durcheinander. Bei Nierenkrebs wird zum Beispiel ein Gen namens VHL besch\u00e4digt, das normalerweise als Sauerstoffsensor der Zelle fungiert. Die Folge: Die Krebszelle erh\u00e4lt also f\u00e4lschlicherweise das Signal, es herrsche Sauerstoffmangel. Dieser Fehlalarm aktiviert Teile des dunklen Genoms, insbesondere endogene Retroviren.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Und diese reaktivierten Virenreste dienen als rote Flaggen f\u00fcr das Immunsystem, das es wie echte Viren bek\u00e4mpft. Und w\u00e4hrend das Immunsystem das tut, zerst\u00f6rt es gleichzeitig die Krebszellen.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob und wenn ja wie sich dieser Mechanismus therapeutisch nutzen l\u00e4sst. Mehrere Unternehmen entwickeln bereits Krebsimpfstoffe, die gezielt Proteine aus dem dunklen Genom angreifen. Es kann aber noch Jahrzehnte dauern, diese neuen Erkenntnisse in praktische Therapien umzusetzen.<\/p>\n<p>Pr\u00e4zisere Medizin mit weniger Nebenwirkungen<\/p>\n<p>Auch in anderen Bereichen er\u00f6ffnet das dunkle Genom neue M\u00f6glichkeiten. Forscher untersuchen, ob reaktivierte Virenelemente im Blut als Fr\u00fchwarnsystem f\u00fcr Krebs dienen k\u00f6nnten. Andere pr\u00fcfen, ob sch\u00e4dliche endogene Retroviren stumm geschaltet werden k\u00f6nnen, um Autoimmunerkrankungen zu behandeln.<\/p>\n<p>Endogene Retroviren wurden auch mit altersbedingten Entz\u00fcndungen in Verbindung gebracht. Es wurde sogar schon vorgeschlagen, antiretrovirale Therapie zu nutzen, um Alterung und altersbedingte Entz\u00fcndungen zu verlangsamen.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Die Erkundung geht weiter<\/p>\n<p>Aber noch sind die grundlegenden Regeln, wie die verschiedenen Elemente des dunklen Genoms miteinander kommunizieren und Genaktivit\u00e4t regulieren, weitgehend unbekannt. Ebenso r\u00e4tselhaft bleibt, wie sich komplexe Wechselwirkungen \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume in Krankheitsmerkmale verwandeln.<\/p>\n<p>Aber es existieren mittlerweile Werkzeuge, um dies zu untersuchen. Eines dieser Werkzeuge ist die Geneditierung. Diese wird zum Beispiel genutzt, um mehr \u00fcber die Entstehung der Bewegungsst\u00f6rung XDP zu lernen, indem es die TAF1-Gen-Transposon-Insertion in M\u00e4usen nachbildet.<\/p>\n<p>Ein noch ehrgeizigeres Projekt sieht vor, synthetische DNA-St\u00fccke von Grund auf zu bauen und in Mauszellen einzupflanzen. Die Reise in die Tiefen unseres Erbguts hat gerade erst begonnen. Was einst als genetischer M\u00fcll galt, entpuppt sich als Schatzkammer der Evolution \u2013 und m\u00f6glicherweise als Schl\u00fcssel zu neuen Therapien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"(Bild:\u00a0natrot, shutterstock) 98 Prozent unserer DNA galten lange als M\u00fcll. 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