{"id":29707,"date":"2026-03-06T18:39:07","date_gmt":"2026-03-06T18:39:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/29707\/"},"modified":"2026-03-06T18:39:07","modified_gmt":"2026-03-06T18:39:07","slug":"no-mercy-im-kino-was-maenner-auf-der-leinwand-nie-zeigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/29707\/","title":{"rendered":"\u201eNo Mercy\u201c im Kino: Was M\u00e4nner auf der Leinwand nie zeigen"},"content":{"rendered":"<p>Ob Frauen h\u00e4rtere Filme machen als M\u00e4nner, diskutieren Virginie Despentes, Catherine Breillat, Valie Export und andere ber\u00fchmte Filmemacherinnen in Isa Willingers neuer Doku \u201eNo Mercy\u201c. Aber was hei\u00dft \u201eH\u00e4rte\u201c eigentlich?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Recht hat sie: Es hei\u00dft bekanntlich der Film. \u201eDas ist ja m\u00e4nnlich\u201c sagt Valie Export. Gerade hat die \u00f6sterreichische Performancek\u00fcnstlerin und Filmemacherin von einer ihrer ersten Aktionen erz\u00e4hlt. Vom \u201eTapp- und Tastkino\u201c, pr\u00e4sentiert 1968 beim 1. Europ\u00e4ischen Treffen der unabh\u00e4ngigen Filmemacher in M\u00fcnchen. Dabei \u201ebin ich von der Idee ausgegangen, die Kinoleinwand ist ein Teil meines K\u00f6rpers\u201c sagt die heute 85-j\u00e4hrige. \u201eAber es gehen jetzt in dieses Kino eben nicht die Augen, in dieses Kino gehen jetzt die H\u00e4nde. Und die k\u00f6nnen die Kinoleinwand betasten. Meine Br\u00fcste.\u201c <\/p>\n<p>Das \u201eTapp- und Tastkino\u201c war ein Kasten, den Export vor ihren Oberk\u00f6rper geschnallt hatte. Ein Skandal, auch 1968 noch: \u201eDas war nat\u00fcrlich ein Riesenaufruhr im Publikum.\u201c Ein Filmemacher habe gerufen, ob das noch Film sei, ob man sich das bieten lassen m\u00fcsse, die Parole \u201eExport raus\u201c sei zu h\u00f6ren gewesen, erinnert die Gemeinte sich. Sie sei \u201egleich gegangen\u201c, weil sie Angst gehabt habe, \u201edass man mir das Kino zerst\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Eine Stimme aus dem Off, es ist die Stimme der \u00f6sterreichischen Dokumentarfilmerin Isa Willinger, fragt, warum die Filmemacher so aggressiv reagiert h\u00e4tten damals. Exports Antwort: \u201eIch glaube, der haupts\u00e4chliche Grund war, dass es eine Frau gemacht hat, eine Filmemacherin.\u201c Export ist eine der Filmemacherinnen, die in Willingers neuem Film \u201eNo Mercy\u201c einen Auftritt haben. <\/p>\n<p>Zu ihnen geh\u00f6ren auch andere Kino-Veteraninnen: Catherine Breillat (\u201eRomance XXX\u201c, 1999; \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article249439738\/Catherine-Breillat-in-Im-letzten-Sommer-Die-Frau-die-vier-Tabus-auf-einmal-bricht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article249439738\/Catherine-Breillat-in-Im-letzten-Sommer-Die-Frau-die-vier-Tabus-auf-einmal-bricht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Im letzten Sommer<\/a>\u201c, 2023) etwa. Margit Czenki, die \u00fcber ihre Gef\u00e4ngnisstrafe nach einem Bankraub 1987 den Film \u201eKomplizinnen\u201c drehte und an deren Leben der Film \u201eDas zweite Erwachen der Christa Klages\u201c von Margarethe von Trotta angelehnt ist. Virginie Despentes, die Schriftstellerin (\u201eDas Leben des Vernon Subutex\u201c, 2015\u20132017; \u201eLiebes Arschloch\u201c, 2022) und Regisseurin von \u201eBaise-moi \u2013 Fick mich\u201c (2000). Oder Monika Treut (\u201eDie Jungfrauenmaschine\u201c, 1980). An j\u00fcngeren Filmemacherinnen kommen in Willingers Film zum Beispiel Ana Lily Amirpour zu Wort, Alice Diop (\u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article243248143\/Saint-Omer-Eine-Frau-will-wissen-warum-sie-ihre-Tochter-ermordet-hat.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article243248143\/Saint-Omer-Eine-Frau-will-wissen-warum-sie-ihre-Tochter-ermordet-hat.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Saint Omer<\/a>\u201c, 2022) oder die aus Burkina Faso stammende Apolline Traor\u00e9 (\u201eSira\u201c, 2023). <\/p>\n<p>Willinger, die 2019 mit \u201eHi, AI. Liebesgeschichten aus der Zukunft\u201c einen sehr sehenswerten Film \u00fcber das kuriose Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine gedreht hat, ist auch Autorin eines Buches \u00fcber die gro\u00dfe sowjetische \u2013nach dem Zusammenbruch der UdSSR dann ukrainische Regisseurin \u2013 Kira Muratowa (1934\u20132018). Andrei Tarkowski ebenb\u00fcrtig, den sie \u00fcbrigens ablehnte, weil er vor der Kamera einmal eine Kuh anz\u00fcnden lie\u00df, ist sie noch immer ein Geheimtipp. <\/p>\n<p>Willinger hat Muratowa auf der Krim, wo sie zuletzt lebte, besucht \u2013 und  nun einen denkw\u00fcrdigen Satz der Regisseurin in den Mittelpunkt von \u201eNo Mercy\u201c gestellt. Muratowa, die 1990 auf der Berlinale f\u00fcr \u201eDas asthenische Syndrom\u201c den Silbernen B\u00e4ren gewann, habe ihr vom Besuch eines Pariser Filmfestivals erz\u00e4hlt \u2013 und ihrem dort entstanden Eindruck, wonach Frauen die \u201eh\u00e4rteren Filme\u201c machten.<\/p>\n<p>Stimmt das? Vielleicht, selbst wenn man Margit Czenki glaubt, die dar\u00fcber spekuliert, dass das, was von au\u00dfen wie H\u00e4rte aussieht, \u201enur zu Ende gedacht und mal klar gesagt\u201c ist. Denn viele der Filme der Regisseurinnen, die Willinger zu Wort kommen l\u00e4sst, handeln von Gewalt: Es geht um eigene Gewalterfahrungen sexueller Art zum Beispiel, \u00fcber die auch Virginie Despentes hier spricht \u2013 und die zum Ausgangspunkt ihres Rachefilms \u201eBaise Moi\u201c wurden. Auch Catherine Breillat berichtet in \u201eNo Mercy\u201c von einem Vergewaltigungsversuch, den sie mit 14 abzuwehren wusste. <\/p>\n<p>Breillat, \u00fcber die Despentes sagt, \u201eihre Denkweise ist so eine Sache, aber ihr Kino war immer inspirierend\u201c, hat aber noch anderes zu erz\u00e4hlen in Willingers Film. Wie sie, nach dem Abitur mit 16, auf die Filmhochschule wollte, auch weil die in Paris war, und die Aufnahmepr\u00fcfung zwar bestand, aber dennoch nicht Regie studieren durfte etwa. Warum? \u201eWeil ich ein M\u00e4dchen war\u201c, wie der Direktor ihrem Vater gesagt habe. Breillat sieht das eigentlich als Gl\u00fccksfall an, sonst w\u00e4re sie vielleicht eine konventionelle Filmemacherin geworden, wie sie sagt. Vielleicht nicht die Regisseurin, die in \u201eEin M\u00e4dchen\u201c (1976) ihre Protagonistin im Freien vor einem Mann urinieren und ihren Namen mit Scheidensekret auf einen Spiegel schreiben l\u00e4sst. Oder die, die in \u201eRomance XXX\u201c beschloss, die Sexszenen nicht nachzustellen, sondern echten Sex zu zeigen.<\/p>\n<p>Apropos zeigen: Wenn die indonesische Regisseurin Mouly Surya  in \u201eNo Mercy\u201c erkl\u00e4rt, warum sie beschlossen hat, in ihrem Film \u201eMarlina \u2013 Die M\u00f6rderin in vier Akten\u201c (2017) bei einer Vergewaltigungsszene zwar den nackten Hintern des T\u00e4ters zu zeigen, das Opfer aber angezogen zu lassen, k\u00f6nnte das darauf schlie\u00dfen lassen, dass die \u201eH\u00e4rte\u201c, die Muratowa im Sinn hatte, viel mit der Umkehr von Konventionen zu tun hat. Dieser Gedanke kommt einem auch, wenn Apolline Traor\u00e9 in \u201eSira\u201c zeigt, dass sich als Frau mit einem Maschinengewehr gegen Islamisten recht viel tun l\u00e4sst \u2013 selbst wenn man einen S\u00e4ugling auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt. Es geht dabei um Konventionen von Frauen als Opfern, als Objekte, w\u00e4hrend nur M\u00e4nner als Subjekte auf den Plan treten. <\/p>\n<p>Konventionen, an die sich nicht nur, aber vor allem m\u00e4nnliche Zuschauer gew\u00f6hnt haben. Dass es bei einer solchen Umkehr konventioneller Verh\u00e4ltnisse nicht immer darum geht, weibliche Subjektivit\u00e4t sichtbar zu machen, wie das etwa bei C\u00e9line Sciamma (\u201ePortr\u00e4t einer jungen Frau in Flammen\u201c, 2019) durchklingt, beweist \u00fcbrigens Ana Lily Amirpour, die sich in \u201eNo Mercy\u201c daran erinnert, wie sie sich in Marty McFly (aus \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c) und in Atr\u00e9ju (aus \u201eDie unendliche Geschichte\u201c) wiedererkannte: \u201eWenn diese Geschichten in diesen wunderbaren, erdachten Welten funktionieren, sollten sie jeden in den Bann ziehen.\u201c<\/p>\n<p>In den Bann zieht Isa Willingers \u201eNo Mercy\u201c nicht nur, weil der Film eine Welt jenseits von Coppola (senior!) und Co. aufschlie\u00dft \u2013 viele Zuschauer werden mit einer langen Liste von Filmen und Regisseurinnen aus dem Kino kommen, die es nun zu entdecken gilt. \u201eNo Mercy\u201c zieht aber auch deshalb in den Bann, weil es Willinger gelingt, gegens\u00e4tzliche Standpunkte gleichberechtigt nebeneinander zu stellen \u2013 auch das wird manch einer (und eine) hart finden. Aber schlie\u00dflich ging es vielen von Willingers Zeuginnen einer anderen Filmgeschichte, wie Margit Czenki es ausdr\u00fcckt, immer schon darum: \u201eum Gleichberechtigung\u201c.<\/p>\n<p>\u201eNo Mercy\u201c l\u00e4uft im Kino.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ob Frauen h\u00e4rtere Filme machen als M\u00e4nner, diskutieren Virginie Despentes, Catherine Breillat, Valie Export und andere ber\u00fchmte Filmemacherinnen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29708,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[46,42,128,13967,13968,151,13969,147,9972,2589,152,150,44,5916,13971,148,13970],"class_list":{"0":"post-29707","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-balken-inbox","11":"tag-breillat","12":"tag-catherine","13":"tag-cinema","14":"tag-despentes","15":"tag-entertainment","16":"tag-feminismus","17":"tag-gewalt","18":"tag-kino","19":"tag-movie","20":"tag-oesterreich","21":"tag-pornografie","22":"tag-sexualitaet","23":"tag-unterhaltung","24":"tag-virginie"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116183693187255967","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29707"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29707\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}