{"id":30642,"date":"2026-03-07T09:05:08","date_gmt":"2026-03-07T09:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/30642\/"},"modified":"2026-03-07T09:05:08","modified_gmt":"2026-03-07T09:05:08","slug":"ausstellung-meine-bilder-erregen-anstoss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/30642\/","title":{"rendered":"Ausstellung: \u201eMeine Bilder erregen Ansto\u00df\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zum 100. Geburtstag des Hamburger Malers Harald Duwe (1926 \u2013 1984) zeigt das Kunstzentrum Parabel in Ohlsdorf die Retrospektive \u201eVivre en libert\u00e9\u201c \u2013 mit Werken aus dem Nachlass und eine ganze Reihe privater Leihgaben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Leichen und Sterbende treiben in der Kieler F\u00f6rde, offenbar hat sich hier eine Umweltkatastrophe ereignet. Einen Hinweis darauf hat der Hamburger Maler Harald Duwe (1926 \u2013 1984) in sein apokalyptisches Bild \u201eF\u00f6rdeszene mit Rettungsringen\u201c eingebaut: Das Wort \u201eBravo\u201c auf einem der Gummireifen, an die sich die bleichen Halbtoten klammern. Auf der Offshore-Bohrinsel \u201eEkofisk Bravo\u201c vor Norwegen kam es im April 1977 zu einem Ungl\u00fcck, bei dem sich durch unkontrolliertes Ausstr\u00f6men von 23.000 Tonnen \u00d6l und Gas ein riesiger \u00d6lteppich im Meer ausbreitete. Duwe versetzt den Super-GAU von der Nord- in die Ostsee, l\u00e4sst die Menschen im Bild unmittelbar ausbaden, was sie der Umwelt angetan haben.<\/p>\n<p>Ungesch\u00f6nter Blick auf die Gesellschaft<\/p>\n<p>Der norddeutsche Realist griff in seinem Werk gesellschaftspolitische Themen in drastischer, ungesch\u00f6nter Weise auf. \u201eIm Duwe-Nachlass werden viele Zeitprobleme angesprochen, die es heute noch genauso gibt\u201c, sagt Maike Bruhns, k\u00fcnstlerische Leiterin des Kunstzentrums Parabel in Ohlsdorf. Dort ist jetzt zum 100. Geburtstag des Malers und Grafikers die Retrospektive \u201eVivre en libert\u00e9\u201c zu sehen. Bruhns hat die Schau zusammen mit Johannes Duwe eingerichtet, dem Sohn des K\u00fcnstlers, der mit seinen Geschwistern Katharina und Tobias Duwe den v\u00e4terlichen Nachlass verwaltet; alle drei sind ebenfalls als Maler erfolgreich.<\/p>\n<p>Die Auswahl, erg\u00e4nzt um Werke aus der Kunststiftung Bruhns und weitere private Leihgaben, stellt Duwes \u0152uvre aus 34 Schaffensjahren vor und zeigt, dass sein Fokus auf dem Figurenbild lag. Die Menschen, die seine Gem\u00e4lde und Grafiken bev\u00f6lkern, sind feiste Mitglieder der Wohlstandsgesellschaft der 1960er- bis 1980er-Jahre, f\u00f6rdern das Industriewachstum, richten dabei den Planeten zugrunde, produzieren massenhaft M\u00fcll, huldigen dem Konsum und gehen \u2013 zum Ausgleich \u2013 demonstrieren. So greift eine Reihe von Bildern die deutsche Demonstrationsbewegung der Nachkriegsjahrzehnte auf, f\u00fcr den Frieden, gegen den Vietnamkrieg, gegen den Nato-Doppelbeschluss, gegen den Weiterbau des Kernkraftwerkes Brokdorf.<\/p>\n<p>\u201eEr hat Parteilichkeit vermieden\u201c<\/p>\n<p>Auf Duwes Bildern gibt es friedliche Demonstranten und solche, die Pflastersteine als Wurfgeschosse sammeln; er malt K\u00e4mpfe mit der Polizei aus und zeigt Trupps von behelmten, hinter Schilden verschanzten Einsatzkr\u00e4ften, die mit Kn\u00fcppeln gegen die Protestierenden vorgehen. Der K\u00fcnstler nahm an den Demos nicht als Mitk\u00e4mpfer teil, sah sich als distanzierter Beobachter. \u201eEr hat sich immer zur\u00fcckgehalten, hat Parteilichkeit vermieden\u201c, sagt der Sohn \u00fcber den Vater. Duwes Beitrag zur Geschichte war die Kunst, die historische Momente ebenso offenlegt wie beredte Alltagsbegebenheiten.<\/p>\n<p>Tr\u00fcgerische Idyllen, sch\u00f6ner Schein, ironische Brechungen machen viele Bilder aus. Duwes Personal verursacht Unbehagen: Das f\u00fcllige, \u00e4ltliche Paar in Badekleidung, das stolz vor einem Wohnwagen posiert, der Junge, der sich am Strand in einem Haufen M\u00fcll aalt (\u201eEin Platz an der Sonne\u201c) oder der Jogger, der ignorant \u00fcber einen Bettler am Boden hinweg spurtet. \u201eEs ist meine Absicht, Situationen zu malen, in denen der Prozess der Entfremdung und Selbstentfremdung sinnlich fassbar wird\u201c, erkl\u00e4rte Harald Duwe 1981 in einer Rede: \u201eIch will Widerst\u00e4nde und Widerspr\u00fcche unserer Zeit sichtbar machen, die das Leben der Menschen pr\u00e4gen, ihre Entfaltung hemmen, sie verformen, aush\u00f6hlen, abstumpfen und brutalisieren.\u201c<\/p>\n<p>Fette, dekadente Kinderfiguren<\/p>\n<p>Die Verh\u00e4ltnisse der \u00c4ra des Kalten Krieges wirken sich auch auf die j\u00fcngsten B\u00fcrger aus: Die von Duwe entworfenen Kinderfiguren sind durch die Macht des Konsums fett und dekadent geworden, sie sind niemals niedlich, stattdessen gierig, selbstbezogen, streitlustig. Da pr\u00fcgeln sich zwei Geschwister um zermatschte Tortenst\u00fccke, da stopfen andere Kinder Schoko-Osterhasen in sich hinein, als g\u00e4be es kein Morgen, da demontiert ein grinsendes M\u00e4dchen ein Kruzifix, bricht dem leidenden Heiland mit sichtlicher Wonne die Arme. Auf dem Gem\u00e4lde \u201eWeihnachten, Kinder mit Gei\u00dfler\u201c von 1984 haben die Kids ihre Geschenke schon aufgerissen, spielen Trompete und machen Kaugummiblasen. Derweil wird der Bildschirm des prominent platzierten Fernsehger\u00e4ts ganz vom Gesicht des damaligen Familienministers Heiner Gei\u00dfler (CDU) ausgef\u00fcllt, der eine Steigerung der Geburtenrate forderte und gegen Abtreibung wetterte.<\/p>\n<p>Harald Duwe stammte aus dem Hamburger Arbeiterstadtteil Rothenburgsort. Nach einer Lithografen-Lehre von 1942 bis 1945, die durch den Einzug zum Reichsarbeitsdienst, die Verpflichtung als Luftwaffensoldat, eine Pilotenausbildung und zwei Monate in amerikanischer Kriegsgefangenschaft unterbrochen wurde, studierte Duwe an der Landeskunstschule Hamburg (heute HFBK) bei Willem Grimm und Erich Hartmann.<\/p>\n<p>Im W\u00fcrgegriff der Verh\u00e4ltnisse<\/p>\n<p>Neben seiner freischaffenden k\u00fcnstlerischen Arbeit unterrichtete er r\u00e4umliches Darstellen an der Ingenieurschule f\u00fcr Fahrzeugtechnik in Hamburg, wurde 1975 als Dozent f\u00fcr Freie Kunst und Malerei an die Kieler Muthesius-Fachhochschule f\u00fcr Gestaltung berufen und 1977 zum Professor ernannt. Mit seinem \u201eintelligenten Realismus\u201c habe sich der Maler \u201eals verl\u00e4ngerter Arm des 19. Jahrhunderts\u201c bezeichnet, sagt Johannes Duwe. Gustave Courbet und Wilhelm Leibl waren seine Vorbilder, zudem orientierte er sich an K\u00fcnstlern der 1920er-Jahre wie George Grosz, Otto Dix und Max Beckmann.<\/p>\n<p>\u201eMeine Bilder erregen Ansto\u00df und m\u00f6glicherweise Erschrecken. Diese Provokation des Betrachters ist beabsichtigt\u201c, so Duwe in seiner Rede. Sich selbst zeigt der K\u00fcnstler unter anderem \u201eim W\u00fcrgegriff\u201c, mit verzerrtem Gesicht, w\u00e4hrend eine Hand seine Kehle zudr\u00fcckt. Etwas entspannter stellte er sich auf einem Selbstbildnis von 1972 dar: Bis zum unf\u00f6rmigen Bauch steht der Maler in der Ostsee, seine nackte Haut ist aschfahl, sein Blick wirkt skeptisch, als zweifle er daran, dass der aufgepumpte Autoschlauch, den er mit links umklammert, ihn zur Not wirklich \u00fcber Wasser halten wird.<\/p>\n<p>Parabel: \u201eVivre en libert\u00e9. Harald Duwe zum 100. Geburtstag\u201c, bis 17. Mai<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zum 100. Geburtstag des Hamburger Malers Harald Duwe (1926 \u2013 1984) zeigt das Kunstzentrum Parabel in Ohlsdorf die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":30643,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[158,157,46,42,159,14350,147,14352,8968,14353,161,160,14355,44,4463,14354,14351,148],"class_list":{"0":"post-30642","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art","9":"tag-art-and-design","10":"tag-at","11":"tag-austria","12":"tag-design","13":"tag-duwe","14":"tag-entertainment","15":"tag-harald","16":"tag-johannes","17":"tag-katharina","18":"tag-kunst","19":"tag-kunst-und-design","20":"tag-ohlsdorf","21":"tag-oesterreich","22":"tag-parkraum-inbox","23":"tag-pohle-julika","24":"tag-tobias","25":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116187098315513431","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30642"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30642\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30643"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}