{"id":31130,"date":"2026-03-07T14:41:08","date_gmt":"2026-03-07T14:41:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/31130\/"},"modified":"2026-03-07T14:41:08","modified_gmt":"2026-03-07T14:41:08","slug":"wo-gleichheit-fehl-am-platz-ist-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/31130\/","title":{"rendered":"Wo Gleichheit fehl am Platz ist \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Man habe die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse von Frauen und M\u00e4nnern lange nicht auf dem Schirm gehabt, sagt Versorgungsforscher Wolfgang Frimmel. Er zeigt unter anderem, wie verschieden der Umgang mit medizinischen Leistungen ist.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/imago69131884.jpg\" alt=\"Frauen leiden anders als M\u00e4nner.\" width=\"600\" height=\"360\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>Frauen leiden anders als M\u00e4nner.\u2003Imago<\/p>\n<p> Die Presse: Sie haben mit Februar den Lehrstuhl f\u00fcr Versorgungsforschung mit Schwerpunkt Geschlechtermedizin an der Uni Linz \u00fcbernommen. Warum braucht es einen solchen Schwerpunkt im 21.\u2009Jahrhundert \u2013 werden Frauen bis heute zu oft vergessen? <\/p>\n<p> Wolfgang Frimmel: Man hat das Thema lang \u00fcberhaupt nicht auf dem Schirm gehabt, aber es hat sich Gott sei Dank schon sehr viel in diese Richtung getan. Wir sehen in sehr vielen Bereichen Unterschiede: etwa bei der Verteilung von Krankheiten, zum Teil biologisch verursacht, zum Teil verhaltensbasiert oder aufgrund von Diagnostik. <\/p>\n<p> Wo genau gibt es Unterschiede? <\/p>\n<p> 70 Prozent der Autoimmunerkrankungen findet man bei Frauen, das hat biologische Ursachen. Ein Klassiker ist Herzinfarkt, bei dem die Symptome bei Frauen anders sind und es auch Schwierigkeiten bei der Diagnostik gibt. Gro\u00dfe Unterschiede gibt es auch bei Depressionen, sie werden bei Frauen viel h\u00e4ufiger diagnostiziert. Das hei\u00dft aber nicht unbedingt, dass ihre mentale Gesundheit schlechter ist: Die Symptome sind andere. M\u00e4nner zeigen oft aggressives oder riskantes Verhalten, mehr Suchtverhalten. Bei M\u00e4nnern wirkt das Stigma von psychischen Erkrankungen st\u00e4rker, das zeigt sich leider in der Suizidrate: Sie ist bei ihnen wesentlich h\u00f6her als bei Frauen. <\/p>\n<p>                                     <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Wolfgang Frimmel_c_privat.JPG\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                            <\/p>\n<p>\u2003Privat<\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbWir brauchen eine Sensibilisierung f\u00fcr eine geschlechtergerechte Versorgung.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Wolfgang Frimmel,                  <\/p>\n<p class=\"fm-quote__attrib\">         Gesundheits\u00f6konom     <\/p>\n<p> Wo sehen Sie aktuell den gr\u00f6\u00dften Handlungsbedarf? <\/p>\n<p> Wir brauchen eine Sensibilisierung f\u00fcr eine geschlechtergerechte Versorgung. Die muss bei Medizinerinnen und Medizinern noch viel st\u00e4rker verankert werden. Das versuchen wir \u00fcber die Lehre, in Linz ist das schon seit Jahren Teil des Studiums. Wir wollen darauf hinweisen, dass es biologisch bedingte Unterschiede gibt, aber auch jene im Verhalten: Frauen und M\u00e4nner kommunizieren anders, nehmen Leistungen unterschiedlich in Anspruch, haben ein anderes Pr\u00e4ventionsverhalten. Das muss in der medizinischen Behandlung noch st\u00e4rker ankommen. Wir haben aber schon viele Fortschritte gemacht, und auch in der Forschung passiert weltweit sehr viel. In meinem Bereich ist es mittlerweile fast schon Standard, dass man sich geschlechtsspezifische Unterschiede anschaut. Wobei wir noch immer viel nicht wissen. <\/p>\n<p> Man hat erst in den 1990er-Jahren begonnen, st\u00e4rker zwischen den Geschlechtern zu differenzieren. Nicht nur Studien, auch empfohlene Medikamentendosen orientierten sich lange ausschlie\u00dflich an M\u00e4nnern. Sie sind Gesundheits\u00f6konom: Hat diese Fehlversorgung nicht auch enormen volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet? <\/p>\n<p> Das ist eine gute, aber sehr schwierige Frage. Zahlen oder Kostensch\u00e4tzungen kann ich aber keine nennen. Der gr\u00f6\u00dfte Schaden ist wohl in der Vergangenheit passiert. Ein Beispiel: Pr\u00e4ventionsverhalten ist bei Frauen im Schnitt besser, M\u00e4nner unternehmen viel zu sp\u00e4t etwas. Aber ist Ersteres volkswirtschaftlich besser? Pr\u00e4vention ist zwar immer f\u00fcr die Gesundheit gut, aber nicht notwendigerweise auf der Kostenseite, die Kosten verschieben sich einfach nur nach hinten. Die h\u00f6chsten Kosten entstehen in den letzten Lebensjahren \u2013 und die gibt es immer. Aber, ja: Es hat Auswirkungen auf die Lebensqualit\u00e4t, das Arbeitsleben und wenn Pflegebedarf besteht. <\/p>\n<p> Sie sind ja in erster Linie Versorgungsforscher. Inwieweit kann Ihre Arbeit helfen, geschlechterbedingte Versorgungsl\u00fccken sichtbar zu machen? <\/p>\n<p> Wir arbeiten mit anonymisierten Gesundheitsdaten und k\u00f6nnen damit die Versorgung und auch die Inanspruchnahme von Versorgung im realen Leben abbilden und geschlechtsspezifisch analysieren. Wir k\u00f6nnen relativ genau sagen, wie das Inanspruchnahmeverhalten zwischen M\u00e4nnern und Frauen \u2013 in unserem Fall f\u00fcr Ober\u00f6sterreich \u2013 ist. <\/p>\n<p> Zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei zum Beispiel gelangt? <\/p>\n<p> Wir haben uns etwa die Kollateralsch\u00e4den der Lockdowns in der Covid-Pandemie angeschaut. Bei den Analysen ist der mentale Gesundheitsbereich herausgestochen, vor allem bei den Jungen: Dort ist die \u00adAntidepressiva-Verschreibung signifikant gestiegen. Die ist bei Frauen zwar wesentlich h\u00f6her als bei M\u00e4nnern, aber durch den Lockdown war der Anstieg bei M\u00e4nnern weit st\u00e4rker als bei Frauen. Das hat uns \u00fcberrascht. Wir haben einerseits gesehen: Wir m\u00fcssen die psychische Gesundheit von M\u00e4nnern viel st\u00e4rker in den Fokus nehmen. Und andererseits \u2013 und das ist eine positive Nachricht\u2009\u2013, dass bei jungen M\u00e4nnern, anders als bei \u00e4lteren, psychische Gesundheit einen h\u00f6heren Stellenwert hat und man eher bereit ist, zum Arzt zu gehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. <\/p>\n<p> Wie nah oder fern sind wir von einer personalisierten Medizin entfernt, bei der jede und jeder genau das bekommt, was sie oder er braucht? <\/p>\n<p> Da gibt es sehr viele Fortschritte aufgrund der technologischen Entwicklungen. Es tut sich extrem viel und wird sich noch sehr viel tun. Aber personalisierte Medizin ist oft eine sehr kostspielige Sache. Wie sich das in der breiten Versorgung niederschlagen wird, wird sich noch weisen. <\/p>\n<p> In der Versorgungsforschung geht es freilich nicht allein um das Geschlecht. Die Bev\u00f6l\u00adkerung altert, und das bringt das Gesundheitssystem immer mehr an seine Grenzen. Woran krankt es denn am meisten? <\/p>\n<p> Die Demografie ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das Gesundheitssystem in den n\u00e4chsten 20 Jahren. Wir sehen die erste Welle, dass der Bedarf an medizinischer Versorgung einfach extrem ansteigen wird. So, wie es jetzt funktioniert, dass man \u00fcberall alles bekommt zu jeder Zeit, das wird extrem schwierig werden. Wir sehen jetzt schon l\u00e4ngere Wartezeiten, die Leute bekommen schwereren Zugang zu gewissen Facharztgruppen. Dass jeder immer \u00fcberall hingehen kann, wird auf Dauer nicht funktionieren. <\/p>\n<p> Was kann der Beitrag der Versorgungsforschung sein? <\/p>\n<p> Wir schauen uns Trends an, wo und wie Versorgung geleistet wird, und auch die Kosten. Da geht es auch um die Frage des Best Point of Practice: Wo sollte man optimalerweise welche medizinische Behandlung leisten? Das Spital ist nicht immer der beste Ort. Das hei\u00dft aber auch nicht, dass man alles im niedergelassenen Bereich machen soll. Da k\u00f6nnen wir Evidenzen liefern. Uns besch\u00e4ftigt zudem die Frage, wie sich Spitzenkapazit\u00e4ten in Spit\u00e4lern auf deren Organisation und die Patientinnen auswirken. Wir versuchen auch Vorschl\u00e4ge zu machen, wie wir Versorgung in Anbetracht der demo\u00adgrafischen Welle, die kommen wird, leisten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Wie kann man die medizinische Versorgung auf hohem Niveau k\u00fcnftig aufrechterhalten? <\/p>\n<p> Das \u00f6sterreichische Gesundheitssystem ist sehr komplex, es m\u00fcssten alle ein bisschen \u00fcber den Schatten springen und es m\u00fcsste mehr Kooperation geben. Der Wunschgedanke w\u00e4re, das Finanzierungsdilemma aufzul\u00f6sen: Man m\u00fcsste etwa dort ansetzen, wo Dinge mehrfach gemacht werden, wo hin- und hergeschoben wird zwischen den Sektoren. Da k\u00f6nnte man Druck aus dem System nehmen. <\/p>\n<p> Bessere Kooperation k\u00f6nnte also helfen. <\/p>\n<p> Ja, man m\u00fcsste z.\u2009B. an der Schnittstelle zwischen station\u00e4rem und niedergelassenem Bereich mehr kooperieren. Man k\u00f6nnte alle Informationen standardisiert in das Elga-System einspielen, auf das dann alle zugreifen, die jemanden behandeln. Dann sieht man: Er hat schon ein MRT gehabt, es muss nicht alles mehrfach erledigt werden, weil die \u00c4rzte im niedergelassenen Bereich eventuell nicht wissen, was im Spital gemacht wird, und umgekehrt. <\/p>\n<p> Sind hier rasche L\u00f6sungen tats\u00e4chlich realistisch? <\/p>\n<p> Da bin auch ich skeptisch. Aber es hat in letzter Zeit \u00fcberraschend offene Diskussionen dazu gegeben. Es ist vielleicht nicht realistisch in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren, aber irgendwann sind die Fakten dann so, dass es nicht mehr anders geht, dass gewisse Umst\u00fcrze kommen m\u00fcssen. Das gilt f\u00fcr alle, auch f\u00fcr Patientinnen und Patienten. Eine gewisse Art von Steuerung wird es geben m\u00fcssen, da wird sich jeder ein bisschen anpassen m\u00fcssen. <\/p>\n<p> Erwirken auch Ihre Erkenntnisse Ver\u00e4nderungen? <\/p>\n<p> Hoffentlich. Wir starten erst mit dem Institut. Das Thema interessiert viele, auch die Politik. Ich denke schon, dass die Inhalte wahrgenommen werden. Ob sie auch ber\u00fccksichtigt werden, steht aber auf einem anderen Blatt Papier. <\/p>\n<p>                    Zur Person<\/p>\n<p>Wolfgang Frimmel (41) hat an der <a href=\"https:\/\/www.jku.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Johannes-Kepler-Universit\u00e4t Linz<\/a> Wirtschaftswissenschaften studiert und sich dort auch habilitiert. Mit Februar wurde er ebenda zum Professor f\u00fcr Versorgungsforschung mit Schwerpunkt Geschlechter\u00admedizin berufen.<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Man habe die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse von Frauen und M\u00e4nnern lange nicht auf dem Schirm gehabt, sagt Versorgungsforscher Wolfgang&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":31131,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1423,40,41,39,66,65,64],"class_list":{"0":"post-31130","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-interview","9":"tag-nachrichten","10":"tag-news","11":"tag-schlagzeilen","12":"tag-welt","13":"tag-world","14":"tag-world-news"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116188419456775736","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31130"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31130\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/31131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}