{"id":321849,"date":"2026-08-08T09:16:13","date_gmt":"2026-08-08T09:16:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/321849\/"},"modified":"2026-08-08T09:16:13","modified_gmt":"2026-08-08T09:16:13","slug":"vor-70-jahren-das-unglueck-von-marcinelle-veraenderte-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/321849\/","title":{"rendered":"Vor 70 Jahren: Das Ungl\u00fcck von Marcinelle ver\u00e4nderte Europa"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/bergwerk-marcinelle-100.jpg\" alt=\"Sanit\u00e4ter der belgischen Armee transportieren einen geborgenen Toten aus dem Bergwerk in Marcinelle ab. (Archivbild: 9. 8.1956)\" title=\"Sanit\u00e4ter der belgischen Armee transportieren einen geborgenen Toten aus dem Bergwerk in Marcinelle ab. (Archivbild: 9. 8.1956) | picture-alliance \/ dpa\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 08.08.2026 \u2022 10:49 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        Am 8. August 1956 ereignete sich im belgischen Marcinelle eines der schwersten Grubenungl\u00fccke Europas. 262 Bergleute aus zw\u00f6lf Nationen starben. Das Ungl\u00fcck beeinflusste auch die Entwicklung hin zur EU.\n    <\/p>\n<p>                                    <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/andreas-meyer-feist-102.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                                        <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Andreas Meyer-Feist\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/meyer-feist-ts-102.jpg\"\/><br \/>\n                                    <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das Ungl\u00fccksbergwerk &#8222;Bois du Cazier&#8220; ist heute Museum, Gedenkort und Weltkulturerbe. Das Ungl\u00fcck im belgischen Marcinelle beeinflusste die Entwicklung der Montanunion, der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl, bis hin zur modernen EU. Es l\u00f6ste diplomatische Krisen aus und beendete in weiten Teilen die Arbeitsmigration aus Italien, dem Land mit der gr\u00f6\u00dften Zahl an Opfern. Das Ungl\u00fcck gilt auch als Startpunkt f\u00fcr einen modernen europ\u00e4ischen Arbeitsschutz.<\/p>\n<p>    Mit dem letzten Aufzug nach oben<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Bilder der wenigen \u00dcberlebenden gingen damals um die Welt. Ein belgischer Bergmann, der im &#8222;Tunnel des Todes&#8220; \u00fcberlebte, erz\u00e4hlt einem Fernsehreporter kurz nach seiner Rettung: &#8222;Um sieben Uhr morgens fuhr ich \u00fcber den Hauptschacht in 1000 Meter Tiefe ein. Um 8 Uhr kamen immer noch Arbeiter mit dem Aufzug runter. Ich rief: &#8218;Fahrt sofort wieder hoch, da ist was passiert.&#8216; Ich fuhr mit, alles war voller Rauch, ich erstickte fast. Sp\u00e4ter sagte man mir: &#8218;Du bist mit dem allerletzten Lift nach oben gekommen'&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Bilder aus Marcinelle bildeten einen krassen Gegensatz zum gefeierten neuen Europa, das gerade politisch entstehen sollte &#8211; in der Zeit des Wirtschaftswunders voller Glanz, Nierentisch-Modernit\u00e4t und scheinbarer Sicherheit.<\/p>\n<p>    Ungl\u00fcck zeigte Schw\u00e4chen des EU-Vorl\u00e4ufers<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das jedenfalls versprachen die Gr\u00fcnder der wenige Jahre zuvor etablierten Montanunion: Ein eher wirtschaftlich ausgerichtetes Zweckb\u00fcndnis von sechs europ\u00e4ischen Staaten, zu denen auch Deutschland geh\u00f6rte.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\u00dcber einen gemeinsamen Kohle- und Stahlmarkt sollte Europa \u00f6konomisch schlagkr\u00e4ftig und vor allem modern werden. Die Wirklichkeit sah oft noch anders aus. Das zeigte sich in Marcinelle zum Entsetzen der Wiederaufbau-Europ\u00e4er, die sich schon in hochmodernen Verh\u00e4ltnissen w\u00e4hnten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Unter Tage herrschte fast noch das Mittelalter: Knieend oder liegend mussten die Kumpel mit Spitzhacken die Kohle direkt aus dem Gestein brechen. Damit nicht alles sofort einst\u00fcrzte, wurden die Hohlr\u00e4ume wie Jahrhunderte zuvor mit trockenem Holz abgest\u00fctzt. Das fing schnell Feuer &#8211; wie am Morgen des 8. August.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ein Bergmann hatte eine volle Kohle-Lore in den Lastenaufzug geschoben. Weil die Kommunikation nach oben nicht klappte, fuhr der Aufzug zu fr\u00fch an, die Lore war aber noch nicht ganz drin. \u00dcberstehende Teile rissen Strom- und \u00f6lgef\u00fcllte Hydraulikleitungen ab. Nach einem Kurzschluss entstand Feuer.<\/p>\n<p>    Die meisten Opfer Italiener &#8211; und ein lange unbekannter Deutscher<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">136 Italiener, 95 Belgier und Arbeiter aus zehn weiteren Nationen starben, vor allem an Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Auch Deutsche waren unter den Opfern. Einer von ihnen, Reinhold Heller, konnte erst im vergangenen Jahr identifiziert werden, nachdem er l\u00e4ngst in einem anonymen Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden war. \u00dcber viele Umwege und mit Hilfe des Ausw\u00e4rtigen Amtes fand man noch Angeh\u00f6rige.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Seine beiden Halbschwestern waren schon gestorben. Aber ihre Kinder lebten noch. Sie gaben DNA-Proben. Nach einer Exhumierung und einem DNA-Abgleich gab es dann Gewissheit f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen. Heller kam aus dem Sudetenland, kam als Kriegsgefangener nach Belgien, wollte nicht zur\u00fcck ins kriegszerst\u00f6rte Deutschland, sondern in Belgien einen Neuanfang. In Marcinelle zeigte sich die turbulente europ\u00e4ische Geschichte.<\/p>\n<p>    Marcinelle \u00e4nderte den Blick auf ein gemeinsames Europa<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das Grubenungl\u00fcck trug aber auch zum Umdenken bei. Ohne die Ereignisse in Marcinelle h\u00e4tte sich Europa politisch vielleicht etwas anders entwickelt. Vor dem Ungl\u00fcck z\u00e4hlte nur der wirtschaftliche Erfolg, den eine gemeinsamen europ\u00e4ische Politik versprochen hatte. Dass man vielleicht auch mehr miteinander tun kann, stand noch nicht zur Debatte. Marcinelle \u00e4nderte den Blick. Die k\u00fcnftige europ\u00e4ische Gemeinschaft sollte nicht nur mit Kommerz, Aufstieg und Gewinn verbunden sein.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nach dem Ungl\u00fcck wurde auch die soziale Sicherheit und die Unfallverh\u00fctung als europ\u00e4ische Aufgabe anerkannt. Damals wurde das Instrument der europ\u00e4ischen Mindeststandards etabliert. Als erstes wurden sie f\u00fcr Sicherheitsnormen unter Tage eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Erfahrungen nach dem Ungl\u00fcck flossen auch in die R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge zur Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft ein, die noch heute die Basis f\u00fcr die EU bilden &#8211; mit einem Blick auf das &#8222;soziale Europa&#8220;. Zu sehen ist das heute noch, im ehemaligen Bergwerk von Marcinelle in der N\u00e4he der belgischen Stadt Charleroi. Dort ist zu sehen, wie viele Europ\u00e4er ohne Sicherheit schuften mussten &#8211; und was Europa daraus gelernt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 08.08.2026 \u2022 10:49 Uhr Am 8. 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