{"id":326117,"date":"2026-08-10T15:47:11","date_gmt":"2026-08-10T15:47:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/326117\/"},"modified":"2026-08-10T15:47:11","modified_gmt":"2026-08-10T15:47:11","slug":"von-erschoepften-goettinnen-und-dreckigen-socken-josef-maria-krasanovsky-im-interview-zu-under-the-influence-am-theater-kosmos-in-bregenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/326117\/","title":{"rendered":"Von ersch\u00f6pften G\u00f6ttinnen und dreckigen Socken\u00a0\u2013 Josef\u00a0Maria Krasanovsky im Interview zu \u00bbUnder\u00a0the Influence\u00ab am Theater Kosmos in\u00a0Bregenz"},"content":{"rendered":"<p>Drei Frauen, die G\u00f6ttin des Exzesses und jede Menge Alkohol. Regisseur Josef Maria Krasanovsky spricht \u00fcber \u00bbUnder\u00a0the Influence\u00ab, Humor auf der\u00a0B\u00fchne, die\u00a0Suche nach einem anderen Verst\u00e4ndnis von Rausch und dar\u00fcber, warum\u00a0ihn Fragen mehr interessieren als Antworten.<\/p>\n<p>            <img width=\"750\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/undertheinfluence281-1024x682.jpg\" class=\"attachment-large size-large wp-post-image\" alt=\"\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"  \/><\/p>\n<p>\n                        \u00a9 Bregenzer Festspiele\u2009\/\u2009Dietmar Mathis\n                    <\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend drau\u00dfen die Welt auseinander\u00adzufallen scheint, kommen sich drei Nach\u00adbarinnen im siebten Stock immer\u00a0n\u00e4her. Was\u00a0inter\u00adessiert dich an dieser Konstellation aus Isolation und Gemeinschaft?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Josef Maria Krasanovsky:\u00a0Das hat, denke ich, unglaublich viel Bezug zu uns\u00a0allen. Die\u00a0Corona\u00aderfahrung \u2013 auch\u00a0wenn sie Gott sei Dank vorbei\u00a0ist \u2013 hallt\u00a0noch auf vielen Ebenen\u00a0nach. Gleichzeitig teilen viele Menschen dieses Gef\u00fchl von Isolation. Wir\u00a0leben in Zeiten einer viel zitierten Epochen\u00adwende, w\u00e4hrend der alles neu ver\u00adhandelt\u00a0wird. Was\u00a0wollen wir als Gesellschaft sein und was\u00a0nicht? Da\u00a0tauchen widerliche, aber\u00a0auch sch\u00f6ne Positionen auf, je\u00a0nach\u00addem, wo\u00a0man unter\u00adwegs\u00a0ist. Ich\u00a0glaube, dass\u00a0die ganze gro\u00dfe Welt in diesem Mikro\u00adkosmos im siebten Stock\u00a0steckt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Plagen, die\u00a0vom Himmel fallen, sind\u00a0nicht die klassischen biblischen Katastrophen, sondern Dinge wie Sportsocken oder Mundgeruch. Warum\u00a0das?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bibel ist voller Metaphern daf\u00fcr, wie\u00a0Gesell\u00adschaft funktionieren kann \u2013 oder auch\u00a0nicht. Die\u00a0Er\u00adweiterung dieser\u00a0Plagen um trashige, popkulturelle Bilder ist eine \u00dcbertragung auf unsere\u00a0Zeit. Die dreckigen Socken, die\u00a0die armen Hausfrauen in den F\u00fcnfzigern waschen mussten, sind\u00a0zum Beispiel ein v\u00f6llig \u00fcberholtes Patriarchats\u00adbild. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Bild f\u00fcr die \u00dcberfluss\u00adgesellschaft. Man\u00a0darf au\u00dferdem nicht unter\u00adsch\u00e4tzen, wie\u00a0viel Humor in diesem St\u00fcck\u00a0steckt. Es\u00a0ist wahnsinnig ironisch gegen\u00fcber unserer Zeit, die\u00a0so viel mit Klischees operiert. Als\u00a0Theater\u00admenschen begegnen wir diesen Themen \u2013 \u00dcberfluss\u00adgesellschaft, Patriarchat und so\u00a0weiter \u2013 oft, und\u00a0das St\u00fcck nimmt genau das auf die Schaufel.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alkohol wird in der Inszenierung zun\u00e4chst zum Binde\u00admittel einer neu ent\u00adstehenden Gemeinschaft. Wann\u00a0kippt diese Gemeinschaft und woran zer\u00adbricht\u00a0sie?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u00bbUnder the Influence\u00ab ist Alkohol eigentlich nur ein\u00a0Ventil, um\u00a0Lebens\u00adrealit\u00e4ten zu ertragen oder patriarchalen Strukturen zu entkommen. Schon die\u00a0Frage, was\u00a0Alko\u00adholismus \u00fcber\u00adhaupt\u00a0ist, ist kompliziert. Wann konsumiert jemand Alkohol? Ab\u00a0wann ist jemand abh\u00e4ngig? Diese\u00a0Grenzen sind flie\u00dfend. Im\u00a0St\u00fcck gibt\u00a0es eine klare\u00a0Linie: Die\u00a0drei Frauen haben Alkohol ihr Leben lang unreflektiert verwendet. Durch\u00a0die Begegnung miteinander f\u00e4llt ihnen pl\u00f6tz\u00adlich\u00a0auf, wie\u00a0sie mit Alkohol umgehen \u2013 jede\u00a0f\u00fcr sich und gemeinsam. Und\u00a0nat\u00fcr\u00adlich kippt das irgendwann: Am\u00a0Schluss stellen sie\u00a0fest, dass\u00a0sie alles ausge\u00adtrunken haben und nichts mehr da\u00a0ist. Dann\u00a0breitet sich Unruhe aus und sie beginnen zu reflektieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Krasanovsky_c_Milo-Jesberg-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-155330\"  \/>Josef Maria Krasanovsky (Bild:\u00a0Milo\u00a0Jesberg)<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Figuren sprechen \u00fcber Beziehungen, Familie und Arbeit, aber\u00a0immer wieder taucht die Frage\u00a0auf, warum\u00a0sie eigentlich trinken. Wann\u00a0wird aus individuellen Geschichten pl\u00f6tzlich eine gesellschaftliche?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Figuren beginnen \u00fcber ihren Umgang mit Alkohol nach\u00adzudenken und dadurch wird sichtbar, dass\u00a0hinter den individuellen Geschichten gr\u00f6\u00dfere gesell\u00adschaftliche Strukturen stehen. Ich\u00a0tue mir aber immer schwer mit eindeutigen Zuordnungen. Die\u00a0Frage, warum Menschen trinken, hat\u00a0viele Ebenen. Mich\u00a0inter\u00adessiert weniger die Antwort darauf, als\u00a0welche weiteren Fragen dadurch sicht\u00adbar\u00a0werden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hat dich am meisten daran gereizt, \u00bbUnder the Influence\u00ab zu inszenieren?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das St\u00fcck so viel Humor hat und gleichzeitig gro\u00dfe gesell\u00adschaft\u00adliche Fragen verhandelt. Und\u00a0die visuelle sowie musi\u00adkalische\u00a0Welt, die\u00a0wir im St\u00fcck betreten. Es\u00a0geht um Rausch, um\u00a0Dinge, die\u00a0wir alle kennen und sp\u00fcren, aber\u00a0nur schwer benennen k\u00f6nnen. Als\u00a0Theater\u00admensch schl\u00e4gt mein Herz f\u00fcr genau dieses Unerkl\u00e4rliche.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das St\u00fcck vermischt Trag\u00f6die, Groteske und schwarzen Humor mit Themen wie Sucht und Einsamkeit. Wie\u00a0haltet ihr die Balance in der Inszenierung?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits gibt es immer die literarische Realit\u00e4t eines\u00a0Textes, die\u00a0eine eigene Kraft entwickelt. Andererseits gibt es die Gestaltungs\u00adkraft der Spieler*innen und des Leitungsteams. Wenn\u00a0diese Kr\u00e4fte aufeinander\u00adtreffen, entsteht etwas. Generell kann ich mit der Trennung zwischen Trag\u00f6die und Kom\u00f6die wenig anfangen. Es\u00a0steckt immer alles in\u00a0allem. Wenn\u00a0ich \u00bbAntigone\u00ab inszeniere und sie nur existenziell anlege, w\u00fcrden\u00a0wir alle nach zwanzig Minuten ein\u00adschlafen. F\u00fcr\u00a0mich steckt auch in \u00bbAntigone\u00ab wahnsinnig viel Slapstick.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/undertheinfluence-anjakoehler_260218-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-155332\"  \/>\u00bbUnder the Influence\u00ab (Bregenzer Festspiele\u2009\/\u2009Anja Koehler)<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dionysa ist eine G\u00f6ttin des Exzesses, die\u00a0selbst l\u00e4ngst er\u00adsch\u00f6pft\u00a0ist. Was\u00a0inter\u00adessiert dich an dieser\u00a0Figur?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst finde ich spannend, dass\u00a0in einer\u00a0Zeit, in\u00a0der wir Religion oft durch Life\u00adstyle\u00adcoaches, Yogamatten und die Insta-University er\u00adsetzt\u00a0haben, \u00fcberhaupt eine G\u00f6ttin als Figur vorkommt. Das\u00a0finde ich sehr bereichernd, weil: Wie\u00a0stellt man eine G\u00f6ttin auf einer B\u00fchne\u00a0dar? Trotz\u00a0zwanzig Jahren Theater habe ich darauf keine Antwort. Genau darauf freue ich\u00a0mich. Spannend finde ich au\u00dferdem, dass\u00a0die G\u00f6ttin selbst er\u00adsch\u00f6pft\u00a0ist. Sie\u00a0ist gefallen und wei\u00df auch nicht mehr\u00a0weiter. Damit\u00a0wird sie auf dieselbe Ebene gestellt wie die Menschen und alle teilen denselben\u00a0common\u00a0ground:\u00a0das\u00a0Frage\u00adzeichen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das St\u00fcck spricht von einer Suche nach einem \u00bbentpatriarchalisierten Rausch\u00ab. Wie\u00a0kann man sich den vorstellen?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u00bbUnder the Influence\u00ab sehen wir drei Generationen und drei unter\u00adschied\u00adliche\u00a0Formen, Alkohol zu verwenden: als\u00a0Ver\u00addr\u00e4ngungs\u00adma\u00dfnahme, als\u00a0Leistungs\u00adinstrument und als Statussymbol. Dadurch stellt das St\u00fcck einen gesell\u00adschaft\u00adlichen Zusammen\u00adhang\u00a0her. Mich\u00ad\u00a0inter\u00adessiert aber vor allem die gr\u00f6\u00dfere Frage nach dem Rausch\u00a0selbst. Rausch\u00a0wird heute oft ausschlie\u00dflich negativ betrachtet. Gleichzeitig frage ich\u00a0mich, ob\u00a0er nicht auch einen reinigenden Effekt haben\u00a0kann. Im\u00a0Rausch reflektiere ich nicht bewusst mein\u00a0Leben, sondern\u00a0es flie\u00dft etwas Fein\u00adstoff\u00adliches und Un\u00aderkl\u00e4r\u00adliches durch mich hindurch.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was w\u00fcrdest du dir w\u00fcnschen, dass Leute von \u00bbUnder the Influence\u00ab mitnehmen \u2013 ein\u00a0Gef\u00fchl, eine Frage, einen\u00a0Gedanken?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte nicht, dass die Leute hinausgehen und sagen: \u00bbAha, jetzt\u00a0habe ich Rausch verstanden.\u00ab Dann\u00a0h\u00e4tten wir versagt. Ich\u00a0w\u00fcnsche mir vielmehr, dass\u00a0sie sagen: \u00bbIch\u00a0hatte ein Erlebnis.\u00ab Ich\u00a0w\u00fcnsche mir, dass\u00a0sie etwas gef\u00fchlt haben, das\u00a0sie schon lange nicht mehr gef\u00fchlt haben. Dass\u00a0sie vielleicht tausend Fragen im Kopf haben und sich gleich\u00adzeitig auf positive Weise nicht mehr ganz auskennen. Dass\u00a0die Leute befl\u00fcgelt hinaus\u00adgehen und\u00a0sagen: \u00bbJa, das\u00a0sind Probleme, die\u00a0uns alle betreffen. Aber\u00a0irgend\u00adwie sind das auch richtig spannende Probleme.\u00ab<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbUnder the Influence\u00ab ist eine Koproduktion von Theater Kosmos, Bregenzer Festspielen, Klagenfurter Ensemble und Schau\u00adspiel\u00adhaus Salzburg im Rahmen der \u00d6ster\u00adreichischen Theater\u00adallianz und wurde 2025 mit dem Autor*innen-Preis ausgezeichnet. Es ist von 12.\u00a0bis 15.\u00a0August 2026 und von 17.\u00a0bis 27.\u00a0September 2026 im Theater Kosmos in Bregenz zu\u00a0sehen.<\/p>\n<p>\n            Newsletter abonnieren\n        <\/p>\n<p>\n            Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ank\u00fcndigungen, Gewinnspiele und vieles mehr &#8230;\n        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Drei Frauen, die G\u00f6ttin des Exzesses und jede Menge Alkohol. 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