{"id":327593,"date":"2026-08-11T13:12:10","date_gmt":"2026-08-11T13:12:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/327593\/"},"modified":"2026-08-11T13:12:10","modified_gmt":"2026-08-11T13:12:10","slug":"kunsthaendler-michael-werner-ich-stellte-mich-gegen-die-gepflegte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/327593\/","title":{"rendered":"Kunsth\u00e4ndler Michael Werner: \u201eIch stellte mich gegen die gepflegte Gesellschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Galerist Michael Werner wollte ein St\u00f6rfaktor sein und in der Nachkriegszeit eine \u201eNational-Galerie\u201c begr\u00fcnden. Unter \u201edeutscher\u201c Kunst verstand er st\u00f6rrisches Einzelg\u00e4ngertum und Widerstand gegen die Konventionen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Mann geht auf die Neunzig zu, hat nichts vergessen. Man h\u00f6rt ihm gerne zu, wenn er erz\u00e4hlt. Es ist konzentriertes Plaudern, Revue mit \u00dcbersicht, kaum einmal versunken im Fluss eines langen Lebens. Kindheit, Jugend, Johannes Gecelli, der Maler, der sein Kunstlehrer wurde, das eigene Zimmer, das er als Atelier einrichtete, \u201eum bestenfalls M\u00e4dchen damit zu beeindrucken\u201c.<\/p>\n<p>Die Suche, die Ratlosigkeit, das fr\u00fche Unbehagen: \u201eIch habe versucht, die ganze negative Haltung der deutschen Nachkriegszeit, diese Sprachlosigkeit, diese Flucht in die Anonymit\u00e4t, in eine Art asoziale Energie zu verwandeln, um l\u00e4stig zu sein und diesen Menschen auf die Nerven zu gehen. Ich stellte mich gegen das B\u00fcrgertum, gegen die gepflegte Gesellschaft, gegen das, was man mir vorgesetzt hat. Ich bin sichtbar zum St\u00f6rfaktor geworden, jedoch im Verlieren geblieben, aber das reichte mir aus.\u201c<\/p>\n<p>Verlieren reicht nie aus. Michael Werner ist zum Erfolgsgaleristen geworden, zu einem der Rangh\u00f6chsten unter den deutschen Kunsth\u00e4ndlern. Und ist doch der St\u00f6renfried geblieben, der vitale Energien darauf verwandt hat, kunstbetrieblicher Meinungsmacht zu widersprechen und den Einverst\u00e4ndnisritualen der Szene die eigenen starken Behauptungen entgegenzusetzen. Auch im R\u00fcckblick braucht er nur die Themen setzenden <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/hatjecantz.de\/collections\/neuheiten\/products\/9783775763837\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/hatjecantz.de\/collections\/neuheiten\/products\/9783775763837&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Stichworte seines Gespr\u00e4chspartners Nils Emmerichs<\/a>, um die eigene Geschichte aus der Geschichte der Nachkriegsepoche zu l\u00f6sen und die mancherlei Reibungspunkte wie Gl\u00fccksmomente zu referieren.<\/p>\n<p>Fr\u00fch schon hat der Galerist, der Anfang der 60er-Jahre beim Berliner H\u00e4ndler Springer das Passepartout-Schneiden und ein gewichtiges Set deutscher Nachkriegsmalerei kennengelernt hat, den zeitbedingten Sprachregelungen opponiert. Die Nachkriegskunst hatte ungegenst\u00e4ndlich zu sein. Gestisch, abstrakt, konstruktiv, \u201einformel\u201c, experimentell, in jedem Fall nichtfigurativ. Anders w\u00e4re der Wiederanschluss der faschistisch diskreditierten deutschen Kunst ans geltende Weltniveau nicht zu erreichen. <\/p>\n<p>Museen, Kunstvereine, die Akademien, der seinerzeit einflussreiche Deutsche K\u00fcnstlerbund \u2013 alle hielten sich an die Doktrin und verteidigten die \u00e4sthetischen Geltungsanspr\u00fcche der Kalten-Kriegs-Epoche. Als der Jungkunsth\u00e4ndler den jungen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255201572\/nachruf-auf-georg-baselitz-der-kuenstler-der-das-jahrhundert-auf-den-kopf-stellte.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255201572\/nachruf-auf-georg-baselitz-der-kuenstler-der-das-jahrhundert-auf-den-kopf-stellte.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Georg Baselitz<\/a> kennenlernte und 1963 seine erste Ausstellung in Berlin organisierte, war das wie Widerstand gegen den Zeitgeist und wurde auch so verstanden, zumindest von denen, die sich von Baselitz\u2019 Skandalbild \u201eGrosse Nacht im Eimer\u201c nicht haben irritieren lassen.<\/p>\n<p>Michael Werner ahnte die Programmtauglichkeit seiner Malerentdeckung. \u201eIch wollte wichtige deutsche K\u00fcnstler auf ein internationales Niveau heben, die Blockaden sprengen, die Stimmungslage der Zeit umkehren.\u201c Und mit Baselitz, Markus L\u00fcpertz, Sigmar Polke, J\u00f6rg Immendorff und A.R. Penck arrondierte er im Laufe seiner mit Bedacht vorangetriebenen Kunsth\u00e4ndlerkarriere eine Maler-Crew, die sichtlich darum bem\u00fcht war, die zeitk\u00fcnstlerischen Verhaltens-Codes zu sprengen und gegen\u00fcber dem internationalen Stil so etwas wie eine deutsche Handschrift zu behaupten: \u201eSie folgte nicht der kunstvoll abstrahierten Realit\u00e4t, sondern richtete sich auf die massiv verdr\u00e4ngte Wirklichkeit aus, die sie hinterfragte und neu entwarf\u201c.<\/p>\n<p>Was die Lekt\u00fcre der Kunsth\u00e4ndler-Erinnerungen so spannend macht, ist nicht zuletzt ihr streitbarer Thesenreichtum. In immer neuen Anl\u00e4ufen bedenkt Werner sein deutsches Motiv, ergr\u00fcndet seine nie wirklich verblasste Einzelstellung auf dem internationalen Kunstmarkt. \u201eIch wollte mich der deutschen Malerei widmen, und Georg wollte dies mit mir durchsetzen.\u201c Gut begr\u00fcndet tr\u00e4gt die Wernersche Selbstbeschreibung auch den Titel \u201eNational-Galerie\u201c.<\/p>\n<p>Die Frage indes stellt der Gespr\u00e4chspartner nicht, ob der Kunsth\u00e4ndler denke, sein Durchsetzungsziel auch erreicht zu haben. Es w\u00e4re doch etwas k\u00fchn zu behaupten, der deutschen National-Mannschaft aus dem Hause Werner sei die stabile Aufmerksamkeit eines weltweiten Publikums sicher. Wenn man von Baselitz absieht, der ein langes Leben lang z\u00e4h um seinen Ruf gek\u00e4mpft hat, sieht die deutsche Erfolgsbilanz nicht gar so olympisch aus. Umso imponierender Werners Engagement, das sich auch in New York, wo er 1990 seine Galerie er\u00f6ffnete und bald die amerikanische Kunsth\u00e4ndlerin Mary Boone heiratete, in den Grunds\u00e4tzen nicht ver\u00e4ndert hat. Ehrensache, dass er sein neues Domizil mit nichts anderem als mit Baselitz\u2019 \u201eHelden\u201c-Bildern einweihen wollte (\u201eDas Interesse war \u00fcberschaubar. F\u00fcr die meisten Amerikaner wirkten sie wie M\u00e4rchenbilder, Relikte einer fernen Geschichte, die keinen Anschluss mehr fanden.\u201c)<\/p>\n<p>Vielleicht sollte man \u2013 und das wird bei der Lekt\u00fcre immer deutlicher \u2013 die nationale Stimmung, das konservativ Widerst\u00e4ndige, das der Kunsth\u00e4ndler mit solchem Nachdruck bekennt, doch noch einmal auf die versteckten Motive hin befragen. Wenn Werner und sein \u201eHeld\u201c Baselitz \u201edeutsche Kunst\u201c sagen, ist eben doch viel weniger nationale Emphase gemeint als rigides Einzelg\u00e4ngertum, st\u00f6rrisches Abweichen vom Kurs, Ungef\u00fcgtheit f\u00fcr die Passformen des gerade geltenden Kunstkanons. Solisten wie Hans von Mar\u00e9es im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert oder Joseph Beuys in den 70ern und 80ern des 20. Jahrhunderts. Und unangepasste Rollen spielen sie alle, die Michael Werner dann f\u00fcr sich entdeckt hat \u2013 von Jean Fautrier \u00fcber Antonius H\u00f6ckelmann, Eug\u00e8ne Leroy, Gaston Chaissac, Ernst Josephson, Francis Picabia, Marcel Broodthaers bis hin zu Per Kirkeby.<\/p>\n<p>Es ist aufs Ganze gesehen Werners Lebensthema geblieben. Und wie zur Illustration seiner unausrottbaren Skepsis gegen\u00fcber dem Weltkunst-Phantasma geht er im Gespr\u00e4ch zur\u00fcck zu einem wunderbar in sich verschlossenen Maler wie Caspar David Friedrich, der die Sehnsucht als Geschichtsklischee stillgestellt habe, indem er sie in Bilder bannte.<\/p>\n<p>Wenn es etwas gibt, was stilbildend f\u00fcr Michael Werners Galeriearbeit werden sollte, dann ist es diese best\u00e4ndige Neugier auf die nicht festgelegten und nicht festlegbaren Positionen, die Lust am Aufbegehren k\u00fcnstlerischer Energien, an ihrer Unverwertbarkeit f\u00fcrs zeitgen\u00f6ssische Design. Er habe nie an Fortschritt geglaubt, immer nur an R\u00fcckf\u00e4lle und Wiederholungen. So kam es auch nie vor, dass man an all den Wernerschen Galeriestandorten \u2013 in Berlin, in K\u00f6ln, in New York und wieder in Berlin \u2013 jemals der gerade verhandelten Tageskunst begegnet w\u00e4re. <\/p>\n<p>F\u00fcr Trends waren und sind Werners Programme nicht zust\u00e4ndig. Aber es sind Pr\u00e4sentationen, die sich in gepflegter Abseitigkeit oder mit ungeb\u00e4rdiger Entschiedenheit den Konventionen widersetzen. Michael Werner sagt \u201edeutsch\u201c dazu. Warum auch nicht? \u201eMich besch\u00e4ftigt bis heute die Frage, was aus den Deutschen werden soll, die ihre Erfahrungen nicht k\u00fcnstlerisch zu verarbeiten verm\u00f6gen, die das Barbarische, Urw\u00fcchsige, Expressive und Wilde nicht annehmen k\u00f6nnen oder wollen.\u201c<\/p>\n<p>So hat es nicht ausbleiben k\u00f6nnen, dass Michael Werner in der Riege der international t\u00e4tigen Kunsth\u00e4ndler der Au\u00dfenseiter geblieben ist, dessen stures Beharren auf dem barbarisch urw\u00fcchsig, expressiv Wilden nicht selten auf erkl\u00e4rte Ablehnung gesto\u00dfen ist.<\/p>\n<p>Er habe es nie begriffen, sagt er. Vielleicht sei es ja banaler: \u201eDiese sogenannte Ablehnung hatte irgendwann nichts mehr mit mir zu tun. Sie war pl\u00f6tzlich da, wie ein Reflex, wie ein Erbst\u00fcck aus einer l\u00e4ngst ritualisierten Ablehnungskultur. Sie wurde nicht hinterfragt, sondern tradiert, gepflegt wie ein schlechter Geschmack, den man aus H\u00f6flichkeit nicht ablegt. Im deutschen Kunstbetrieb z\u00e4hlt oft nicht, was an Kunst gezeigt wird, sondern wie anschlussf\u00e4hig es ist. Wer zu fr\u00fch ist, zu deutlich, wer nicht \u00fcber die richtige Ironie verf\u00fcgt oder den passenden Stallgeruch mitbringt, wird zum St\u00f6rfaktor erkl\u00e4rt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNational-Galerie\u201c \u2013 das war mal der k\u00fcnstlerische Spiegelsaal des nie vollends erwachsenen deutschen Selbstbewusstseins. Wie sie zum St\u00f6rfall geworden ist, das ist deutsche Geschichte.<\/p>\n<p>Michael Werner, Nils Emmerichs: \u201eNational-Galerie\u201c. Gespr\u00e4che \u00fcber notwendige Kunst. Hatje Cantz, 296 S., 28 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Galerist Michael Werner wollte ein St\u00f6rfaktor sein und in der Nachkriegszeit eine \u201eNational-Galerie\u201c begr\u00fcnden. 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