{"id":333600,"date":"2026-08-14T12:07:20","date_gmt":"2026-08-14T12:07:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/333600\/"},"modified":"2026-08-14T12:07:20","modified_gmt":"2026-08-14T12:07:20","slug":"sr-de-hannah-mann-zeppelin-und-karpfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/333600\/","title":{"rendered":"SR.de: Hannah Mann: \u201eZeppelin und Karpfen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die sp\u00e4ten 80er Jahre werden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bisher nur wenig betrachtet. Die Schriftstellerin Hannah Mann hat sich in ihrem Deb\u00fctroman nun aber genau dieser Zeit zugewandt. Konkret befinden wir uns in West-Berlin im Februar 1988. <\/p>\n<p>Die Stadt ist geteilt, der kalte Krieg noch nicht vor\u00fcber. In einem Charlottenburger Altbau leben die Fotografin Suzana und der Maler Arthur mit ihrer gemeinsamen Tochter Daria. Sie ist ein vertr\u00e4umtes Kind mit seltsamen, gleichzeitig liebenswerten Eigenarten:<\/p>\n<p>                              Ich koche Kaffee, w\u00e4hrend Daria Milch in die Sch\u00fcssel gie\u00dft und die bunten Kringel aus dem Karton dazu sch\u00fcttet. Geduldig wartet sie, bis sie eingeweicht sind. An einem Nagel in der Wand neben dem K\u00fcchentisch hat Daria eine Schnur befestigt, daran baumelt ein Schreibheft, in dem sie eine Strichliste f\u00fchrt. Sie z\u00e4hlt jeden Kringel, bevor sie ihn vom L\u00f6ffel saugt &#8211; 3175 Kringel seit Jahresbeginn.<\/p>\n<p>Schon allein den Alltag dieser kleinen Familie und die z\u00e4rtlich-spielerischen Beziehungen untereinander zu betrachten, macht gro\u00dfe Freude.<\/p>\n<p>Doch dann erreicht Suzana mitten in der Nacht ein Anruf ihres Vaters:\u00a0<\/p>\n<p>                              \u201eSuzanka. Liebste\u201c, h\u00f6re ich meinen Vater sagen, als ich mich melde.<br \/>\n                              <br \/>\u201eWas ist los, Tatus?\u201c, frage ich und ziehe die Telefonschnur in die K\u00fcche, um einen Blick auf die Wanduhr zu werfen: Es ist vier Uhr.<br \/>\n                              <br \/>\u201eEs geht um Matka.\u201c Er z\u00f6gert.<br \/>\n                              <br \/>\u201eSag schon. Was ist?\u201c<br \/>\n                              <br \/>\u201eSie ist nicht da.\u201c<br \/>\n                              <br \/>\u201eWas meinst du damit &#8211; sie ist nicht da?\u201c<br \/>\n                              <br \/>\u201eIch meine: Sie ist nicht da, und ihr Mantel h\u00e4ngt nicht an seinem Platz. Ich habe schon \u00fcberall nachgesehen.\u201c<\/p>\n<p>                          Mutter spurlos verschwunden<\/p>\n<p>Das pl\u00f6tzliche Verschwinden ihrer Mutter ruft Sorgen hervor, aber auch Erinnerungen: Als polnische Juden waren Suzana und ihren Eltern 1968 gezwungen, Warschau zu verlassen. Ausl\u00f6ser waren die landesweiten Studentenproteste, die das kommunistische Regime in Polen zum Anlass nahm, eine antisemitische Kampagne zu starten. <\/p>\n<p>Suzana und ihre Eltern verlie\u00dfen Polen und kamen nach Deutschland \u2013 doch w\u00e4hrend Suzana und ihr Vater in Berlin nach und nach ein zu Hause fanden, blieb ihre Mutter Nina in Berlin stets eine Fremde. Und auch eine andere Erinnerung schwappt immer wieder an die Oberfl\u00e4che.\u00a0<\/p>\n<p>Als wir noch in Warschau lebten, hat sie uns schon einmal verlassen. Zun\u00e4chst hatte mein Vater keine Ahnung gehabt, wo sie steckte, hatte alle unsere Bekannten abtelefoniert sowie ihre Familie in Russland. Irgendwann rief ihre Schwester zur\u00fcck und informierte uns, dass sie bei ihr in Archangelsk im Norden Russlands aufgetaucht ist, wo die Schwester mit ihrem Mann lebte. Es dauerte fast ein Jahr, bis meine Mutter zur\u00fcckkam. F\u00fcr meinen Vater schien die Sache mit ihrer R\u00fcckkehr erledigt gewesen zu sein. Ich war noch sehr klein und erinnere mich vor allem an ihre Abwesenheit und meine dr\u00e4ngende Frage, warum sie nicht bei uns sein wollte, aber mein Vater versicherte mir, dass es nicht an mir lag. Bis heute zweifle ich, ob das so stimmte.<\/p>\n<p>                          Melancholischer Grundton<\/p>\n<p>Ninas erneutes Verschwinden und auch die anschlie\u00dfende Suche, die \u00fcber den Gro\u00dfen Wannsee, den Platz der Luftbr\u00fccke in Berlin und das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen f\u00fchrt, ruft also viele Emotionen hervor.<\/p>\n<p>Dabei gewinnen die Charaktere gerade durch ihre feinen Besonderheiten und das spielerische Miteinander an N\u00e4he und man schlie\u00dft sie beim Lesen schnell ins Herz. Trotz des eher melancholischen Grundtons des Romans schafft Hannah Mann immer wieder lustige und r\u00fchrende Momente innerhalb der Familie, etwa, als die Suzana sich mit ihrer Suche an die Polizei wendet, diese aber erst einmal keinen Handlungsbedarf sieht und ihr Vater protestiert:<\/p>\n<p>                              Hast du etwa die Wahrheit gesagt? Du musst l\u00fcgen. Also, ich meine, \u00fcbertreiben. Du \u00fcbertreibst so stark, dass sie handeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hannah Mann sagt in einem Interview des Aufbauverlags, sie habe \u201eerst zur Erkenntnis gelangen (\u2026m\u00fcssen\u2026), dass sie trotz des Namens schreiben wollte und nicht deswegen.\u201c <\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre ist klar: Diese Sorgen h\u00e4tte es nicht gebraucht, Hannah Manns melancholisch-sanfte Erz\u00e4hlung und ihre lustigen Alltagsschilderungen sind Grund genug, das Buch zu lesen, auch ohne ber\u00fchmten Namen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die sp\u00e4ten 80er Jahre werden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bisher nur wenig betrachtet. 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