{"id":338573,"date":"2026-08-17T05:04:08","date_gmt":"2026-08-17T05:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/338573\/"},"modified":"2026-08-17T05:04:08","modified_gmt":"2026-08-17T05:04:08","slug":"standing-ovations-fuer-jelinek-urauffuehrung-in-salzburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/338573\/","title":{"rendered":"Standing Ovations f\u00fcr Jelinek-Urauff\u00fchrung in Salzburg"},"content":{"rendered":"<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Mit Standing Ovations ist am Sonntag auf der Halleiner Perner-Insel die letzte gro\u00dfe Premiere der diesj\u00e4hrigen Salzburger Festspiele zu Ende gegangen. Dreidreiviertel Stunden dauerte die Urauff\u00fchrung von Elfriede Jelineks &#8222;Unter Tieren&#8220; &#8211; um 45 Minuten k\u00fcrzer als die vor drei Monaten ebenfalls von Nicolas Stemann am koproduzierenden Burgtheater eingerichtete &#8222;Urlesung&#8220;, von der vieles \u00fcbernommen wurde. Neu ist etwa ein l\u00e4ngerer KI-Teil &#8211; samt computeranimiertem Peter Thiel.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Man verhandle um eine Zuschaltung des umstrittenen Techmilliard\u00e4r, der bei den Wiener Festwochen nach Kritik wieder ausgeladen wurde, hatte der Regisseur vor wenigen Tagen in einem Pressegespr\u00e4ch erkl\u00e4rt. Daraufhin sah sich Intendantin Karin Bergmann zu einem Dementi gen\u00f6tigt. Thiel ist nun zweifach in der Inszenierung vertreten: als Pappkamerad, der sich mit Sebastian Kurz (ebenfalls ein Darsteller mit Papiermaske) mehrfach innig umarmt, sowie als &#8222;Gespr\u00e4chspartner&#8220; am Bildschirm, der mit blecherner Stimme und zuckenden Mundwinkeln Stemann Auskunft \u00fcber seine erlittenen Kr\u00e4nkungen und die \u00fcber ihn verbreiteten Unwahrheiten gibt: &#8222;Geld ist egal&#8220;, versichert die Computerfigur, &#8222;Ich will nur in Frieden leben.&#8220;<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Zu diesem Zeitpunkt war der pausenlose Abend, bei dem viele Zuschauer das Angebot, zwischendurch den Saal verlassen zu d\u00fcrfen, annahmen und daf\u00fcr mit ein paar im Hof gespielten Szenen belohnt wurden, bereits \u00fcber drei Stunden alt &#8211; und sowohl Neuigkeitswert als auch Erkenntnisgewinn recht gering. Stemann vertraute bei dem St\u00fcck, das er selbst eingangs als Teil zwei ihres St\u00fccks &#8222;Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskom\u00f6die&#8220; ank\u00fcndigte, demselben Konzept, das er vor 17 Jahren daf\u00fcr angewandt hatte, und sogar seine Worte ans Publikum waren fast exakt dieselben, die er 2009 in K\u00f6ln gebraucht hatte: &#8222;Es handelt sich weniger um eine Inszenierung im klassischen Sinne als um eine Textumsetzungsmaschine.&#8220;<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">210 Seiten umfasst die Buchausgabe des St\u00fcckes, 110 die gespielte St\u00fcckfassung, die mittels analogem Seiten-Countdown (ein von Stemann gerne verwendetes Theatermittel) hinuntergez\u00e4hlt wurde. Das Setting erinnerte an die Lese-Performance an der Burg, wohin die Auff\u00fchrung am 4. September auch wieder zur\u00fcckkehrt, wobei zwei Schauspieler mit Ren\u00e9-Benko-Masken gleich zu Beginn das halbe Inventar samt Lesetisch, Sesseln, Couch und Blumenschmuck von der B\u00fchne trugen. Ihre wiederholten Kommentare &#8222;Das geh\u00f6rt meiner Mama!&#8220; l\u00f6sten beim \u00f6sterreichischen Publikum Gel\u00e4chter aus.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Manche Besucher aus Deutschland bekannten nach der Auff\u00fchrung, nicht alle Anspielungen mitbekommen zu haben, und auch wer sich erhofft hatte, von Jelinek mittels ihrer Tierfiguren Basics \u00fcber das seltsame, von wenigen Menschen ersonnene, aber unser aller Leben bestimmende Wirtschaftssystem im Schnellsiedekurs nachholen zu k\u00f6nnen, wurde entt\u00e4uscht. Grundlegendes blieb Magie &#8211; wie das von Caroline Peters als Hase aus dem Zylinder gezauberte Geld &#8211; oder Kalauer: &#8222;Tod und Geld sind Geschwister und sie haben Arschgesichter&#8220;, lautete eine Chorgesangszeile.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Gemeinsam mit dem Publikum wurde auch &#8222;Wir sind zu alt \/ oh je oh je&#8220; oder &#8222;Da hat etwas geklingelt&#8220; angestimmt. Letzteres bildete die Begleitmusik einer von Stockenten f\u00fcr Wolfgang Porsche durchgef\u00fchrten Kollekte, mit der man dem steinreichen Industriellen beweisen wollte, dass Salzburg keineswegs reichenfeindlich sei und er die ehemalige Stefan-Zweig-Villa, die er nach Durchboxen einer eigenen Tunnel-Zufahrt nun doch absto\u00dfen m\u00f6chte, bitte der Stadt oder der Uni f\u00fcr ein Zweig-Museum schenken m\u00f6ge. Die bei den Proben in Salzburg entstandene Idee d\u00fcrfte sich als wenig haltbar erweisen: &#8222;Mal sehen, f\u00fcr wen wir dann in Wien sammeln&#8220;, meinte Stemann, der in bew\u00e4hrter Manier durch den Abend f\u00fchrte und auch aus einem internen Mailwechsel mit der Nobelpreistr\u00e4gerin vorlas.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">In Wien hatte die Blasmusik Perchtoldsdorf ihren Gastauftritt, in Hallein zieht die Musikkapelle Oberalm durch den Saal. Auch den starken Einsatz von Tierkost\u00fcmen &#8211; in die auch Mavie H\u00f6rbiger, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger und Azaria Dowuona-Hammond immer wieder schl\u00fcpften &#8211; hatte man bereits im Mai erahnen k\u00f6nnen, dass man sich bei Schwein und Kuh derma\u00dfen ins Zeug legen w\u00fcrde, jedoch nicht: Nachdem &#8222;Hase&#8220; Sebastian Rudolph als &#8222;Frank, der Wirtschaftspr\u00fcfer der Salzburger Festspiele&#8220;, mit Brot und Ballons die Grundprinzipien des Kapitalismus zu erkl\u00e4ren versuchte, ging es mit einem Chor aus Stoffschweinen unserem mangelnden Mitgef\u00fchl gegen\u00fcber Tieren an den Kragen. &#8222;Das ist dem Schlachter ganz Wurst&#8220;, lautete der herzzerrei\u00dfende Refrain, und auch bei der sp\u00e4teren Klage von K\u00fchen, nur als Milch- und Fleischproduzenten angesehen zu werden, konnte man Mitleid bekommen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Nicht Finanzbetr\u00fcgereien und Wirtschaftskriminalit\u00e4t, sondern eine Wirtschaft, die sich alles untertan macht und Tiere bedenkenlos in einen dem menschlichen Luxus dienenden Produktionsprozess eingegliedert hat (&#8222;Das h\u00e4tte man am besten untersagt, als noch Zeit dazu war&#8220;, l\u00e4sst uns Peters im Tierkost\u00fcm wissen), steht also im Mittelpunkt der &#8222;Unter Tieren&#8220;-Urauff\u00fchrung, die ihrerseits allerdings auch Tiere verdinglicht bzw. vermenschlicht. Das H\u00fcndchen von Inge Maux bekommt ein menschliches Live-Voice-Over, ehe in der letzten Viertelstunde vorgef\u00fchrt wird, was die KI-Abteilung der Produktion erarbeitet hat: Dialoge mit ChatGPT \u00fcber die Sinnhaftigkeit von schauspielerlosen Jelinek-Inszenierungen n\u00e4mlich sowie einige gelungene Tier-Animationen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Das Ende geh\u00f6rt, wie schon tags zuvor in Jette Steckels &#8222;Menschenfeind&#8220;-Inszenierung, der chorisch vorgetragenen Botschaft f\u00fcr jene, die noch ein paar Merks\u00e4tze brauchen. Einer davon lautet: &#8222;Eine st\u00e4rkere T\u00e4tigkeit hat der menschliche Geist noch nicht gesetzt als das Denken.&#8220; Gut gesagt. Nur muss auch danach gehandelt werden. Das Tier, das Elfriede Jelinek diesen Schlusstext eigentlich sagen l\u00e4sst, taucht bei Stemann nicht auf. Es ist &#8222;Petya, der Hundekadaver&#8220;. Er hat &#8222;alles schon erlebt, alles, was wir nicht erleben wollen&#8220;. Er ist in Tschernobyl gestorben.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">(Von Wolfgang Huber-Lang\/APA)<\/p>\n<p>shareArtikel teilenhomeZur Startseite<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit Standing Ovations ist am Sonntag auf der Halleiner Perner-Insel die letzte gro\u00dfe Premiere der diesj\u00e4hrigen Salzburger Festspiele&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":338574,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[31],"tags":[46,42,75,14060,2139,1434,44,192,1169],"class_list":["post-338573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-salzburg","tag-at","tag-austria","tag-europa","tag-hallein","tag-literatur","tag-newsticker","tag-oesterreich","tag-salzburg","tag-theater"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/338573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=338573"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/338573\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/338574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=338573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=338573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=338573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}