{"id":35167,"date":"2026-03-09T19:28:06","date_gmt":"2026-03-09T19:28:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/35167\/"},"modified":"2026-03-09T19:28:06","modified_gmt":"2026-03-09T19:28:06","slug":"das-launische-glueck-tageszeitung-junge-welt-10-03-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/35167\/","title":{"rendered":"Das launische Gl\u00fcck, Tageszeitung junge Welt, 10.03.2026"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img220041\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/220041.jpg\" class=\"img-fluid\" alt=\"10_Tommy Hetzel.jpg\"\/><\/p>\n<p>\u00bbTeilen is\u2019 leichter, solang ma nix hat.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAlles so sch\u00f6n bunt hier\u00ab \u2013 mit dieser ikonischen Songzeile l\u00e4utete Nina Hagen die knallige und phantasievolle \u00c4ra der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ein. Bunt ist allerdings eine unzureichende Beschreibung f\u00fcr die kreischfarbene Welt der aktuellen Nestroy-Inszenierung des Wiener Burgtheaters. Der 1980 geborene Regisseur Bastian Kraft hat sich deutlich an der Neon\u00e4sthetik seiner Kindheit bedient. Dazu laute Musik, Songs mit typisch \u00f6sterreichischer Popklangfarbe, oder nur akzentuiert, ein Tusch, synchron zur Bewegung mit Anmutung von Variet\u00e9 und Zirkus. Alexander Xidi Christof, Leiter der dreik\u00f6pfigen Liveband (Schlagzeug, Synthie, Klavier, Bass, Akkordeon), ist Indiemusiker und ausgebildeter Rote-Nasen-Clown.<\/p>\n<p>Zwei Familien in einem Haus, die reichen Goldfuchs\u2019 in der Beletage, die armen Schlucker auf Stra\u00dfenniveau \u2013 \u00bbZu ebener Erde und erster Stock\u00ab (Untertitel \u00bbDie Launen des Gl\u00fccks\u00ab), von Johann Nepomuk Nestroy (1801\u20131862) war wegen des simultanen Spiels auf zwei Ebenen schon 1835 ein Erfolg. B\u00fchnenbildner Peter Baur setzt ebenfalls auf plakative Teilung: Die Multifunktionswand in halber H\u00f6he, durch eine grelle Leuchtleiste und einen schmalen Balkon begrenzt, der w\u00e4hrend des Festmahls der High Society schon mal bedrohlich nach unten rutscht, bis Familie Schlucker buchst\u00e4blich unterdr\u00fcckt mit eingezogenen K\u00f6pfen am Boden kauert. Grandios dargestellt, inklusive der drei kindlichen Schauspieler.<\/p>\n<p>\u00bbWer kein Geld hat, soll auch nix essen!\u00ab \u2013 Der so mitleidslos abgewiesene Paul Basonga ist eine begeisternde Mutter Schlucker mit Herz und angemessen modischer Geschmacklosigkeit, ohne seine Figur an die L\u00e4cherlichkeit zu verraten. Der Geschlechtertausch ger\u00e4t \u00fcberzeugend und nat\u00fcrlich, wie auch bei Jonas Hackmann als quirligem Dienstm\u00e4del Fanny. Maresi Riegner \u2013 \u00bbSelbst schuld, wer keine reichen Eltern hat\u00ab \u2013 komisch-trotzig als kiebige Goldfuchs-Tochter, die sich ausgerechnet in den armen Adolf von unten verliebt. Markus Meyer gef\u00e4llt als gieriger, intriganter Diener Johann, eine Rolle, in der es sich der vielseitig begabte Nestroy (Pianist, Philosophie- und Jurastudent, S\u00e4nger, Schauspieler, Autor) f\u00fcnf Tage Arrest kosten lie\u00df, als er gesetzeswidrig improvisierend vom eingereichten Text abwich, um einen Kritiker als \u00bbd\u00fcmmsten Menschen von Wien\u00ab zu beleidigen.<\/p>\n<p>Heute vermissen die Kritiker \u00bbihren\u00ab Nestroy: \u00bbOhrenfolterndes babylonisch-\u00f6sterreichisch-deutsches Kauderwelsch\u00ab w\u00fctet die rechte Kronenzeitung, Regisseur Kraft kennt seine Pappenheimer und l\u00e4sst Adolf Schlucker singen: \u00bbMusst zuh\u00f6r\u2019n, wie Piefkes die Texte vermurksen, mit hochdeutschem Zungenschlag Nestroy vergurken!\u00ab<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber dialekten neben den Wienern Basonga und Riegner auch die Steirerinnen Stefanie Dvorak (Salerl) und Andrea Wenzl autochthon. Letztere in einer Hosenrolle, wie es fr\u00fcher hie\u00df, und wieder mit einer Demonstration ihrer gro\u00dfen Wandlungsf\u00e4higkeit, \u00e4u\u00dferst kom\u00f6diantisch und, gerade wegen ihrer k\u00f6rperlichen Zartheit, sehr \u00fcberzeugend als gro\u00dfkotziger und doch so kleinm\u00fctiger Angeber Damian.<\/p>\n<p>Zu Inga Timms ausgefallenen Kost\u00fcmen kommt ein opulenter Farben- und Formenrausch, nahezu ausschlie\u00dflich als Projektion (Video: Jasmin Kruezi, Licht: Marcus Loran). Sogar zus\u00e4tzliche Darsteller, im Mix mit der tats\u00e4chlichen Besetzung von Sabina Perry perfekt durchchoreographiert. Dazu gro\u00dfformatige Texte, Sprechblasen, fliegende Unterhosen mit Herzchen\u00addesign oder barocke Einrichtungsopulenz f\u00fcr oben und riesige Ratten f\u00fcr unten.<\/p>\n<p>Immer an der Wand lang, hei\u00dft es f\u00fcr die Schauspieler: Unten sind es T\u00fcrchen, durch die man hinaus-, oder sich zum Schlafen hineinklemmen kann, oben aufgesetzte Ornamente, an denen die Dienstboten zu manch groteskem Bild umherklettern. Die eingeschr\u00e4nkte Dreidimensionalit\u00e4t erinnert an alte Papptheater oder Bilderb\u00fccher mit Ausklappfig\u00fcrchen, die grellen Farben wandeln es zur modernen Graphic Novel.<\/p>\n<p>Am Ende l\u00e4sst das launische Gl\u00fcck die Rollen tauschen und Mutter Sepherl Schlucker tritt den Beweis an, dass Armut allein nicht den besseren Menschen ausmacht: \u00bbTeilen is\u2019 leichter, solang ma nix hat.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbTeilen is\u2019 leichter, solang ma nix hat.\u00ab \u00bbAlles so sch\u00f6n bunt hier\u00ab \u2013 mit dieser ikonischen Songzeile l\u00e4utete&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":35168,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[46,42,44,204,97,96,101,98,100,99],"class_list":{"0":"post-35167","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wissenschaft-technik","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-oesterreich","11":"tag-schauspieler","12":"tag-science","13":"tag-science-technology","14":"tag-technik","15":"tag-technology","16":"tag-wissenschaft","17":"tag-wissenschaft-technik"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116200872604355871","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35167"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35167\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/35168"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}