{"id":352797,"date":"2026-08-24T08:53:07","date_gmt":"2026-08-24T08:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/352797\/"},"modified":"2026-08-24T08:53:07","modified_gmt":"2026-08-24T08:53:07","slug":"benjamin-wolba-warum-europa-mehr-defense-tech-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/352797\/","title":{"rendered":"Benjamin Wolba: Warum Europa mehr Defense Tech braucht"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn ich als Physiker pers\u00f6nlich sehr viele andere Interessen habe, mich vielleicht auch lieber mit Halbleiterchips oder Quantum Computing besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, sehe ich doch, wie wichtig Defense Tech ist. Ich glaube, was es braucht, sind Leute, die einfach mal anpacken, die wirklich Dinge machen.<\/p>\n<p>Die meisten Informationen sind klassifiziert, und man bekommt sie nicht einfach. Gleichzeitig posten Soldaten extrem viel in sozialen Netzwerken, auf Telegram und in Messengern. Eines unserer mittlerweile erfolgreichsten Hackathon-Projekte hei\u00dft Lancelot Systems. Sie haben auf russischen Telegram-Kan\u00e4len diese Daten zusammengesammelt und aufbereitet und damit Material geschaffen, das wir nutzen k\u00f6nnen, um zu verstehen, mit welcher Taktik und Technologie Russland den Krieg in der Ukraine f\u00fchrt und wie wir uns nat\u00fcrlich auch dagegen verteidigen k\u00f6nnten. Wir k\u00f6nnen stolz sagen, dass Lancelot damit sehr vielen Projekten in unserem Netzwerk geholfen und auch entsprechende Berichterstattung bekommen hat.<\/p>\n<p>Als ich das erste Mal in die Ukraine gefahren bin und die ganzen Maschinengewehre und Bomben gesehen habe, da ist mir schon anders geworden. Das ist man als Zivilist nicht gew\u00f6hnt. Gleichzeitig realisiert man: Okay, was stoppt aktuell gerade die russische Invasion in der Ukraine? Es sind Landminen, es sind Drohnen, die Bomben abwerfen. Es ist zu einem gewissen Teil Artillerie, aber es sind vor allem Drohnen. Und da sieht man, wie wichtig die Entwicklung auch von solchen Waffen ist.<\/p>\n<p>Russland hat das Thema erkannt und investiert wirklich sehr viel in Drohnentechnologie. Es baut auch in Alabuga eine gro\u00dfe Fabrik aus, um Shahed-Drohnen herzustellen \u2013 nicht mehr nur ein paar oder ein paar Dutzend, sondern wirklich Hunderte, am Ende wirklich Tausende Shahed-Drohnen. Das baut nat\u00fcrlich ein Bedrohungspotenzial auf, das Russland nicht nur gegen die Ukraine, sondern potenziell auch gegen andere unliebsame Nachbarstaaten einsetzen kann. Das Ganze schreitet mit einer Industrialisierung voran, die wir hier eigentlich nur aus der Automobilindustrie kennen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass wir als Europa eine Antwort finden m\u00fcssen, wie wir mit diesen Bedrohungen umgehen. Und ich denke, dass unsere Antwort nicht sein kann, auf Verteidigungsministerien, etablierte R\u00fcstungsunternehmen und das Milit\u00e4r zu warten. Ich glaube, dass unsere Antwort sein muss, wirklich Hunderte, Tausende neue Leute zu finden, die Bock haben, diese Herausforderung anzugehen und junge, dynamische Firmen zu gr\u00fcnden. Von denen werden nat\u00fcrlich viele scheitern, aufgekauft oder nicht erfolgreich sein. Aber wenn wir es schaffen, eine Handvoll oder zehn neue gro\u00dfe Firmen aufzubauen, die neue F\u00e4higkeiten entwickeln, dann haben wir, glaube ich, eine Chance. Und das ist genau das, woran wir \u00fcber die n\u00e4chsten zehn Jahre arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Co-Founder Jonathan und ich sind mit unserem allerersten European Defense Tech Hackathon gestartet, einfach weil wir dachten: Das ist eine coole Idee. Wir hatten \u00e4hnliche Events in den USA und in England gesehen und haben uns gefragt: Warum gibt es so etwas nicht in Europa? Jeder kennt Hackathons aus der IT. Warum gibt es hier keine Defense-Hackathons? Dann haben wir angefangen, unseren ersten European Defense Tech Hackathon zu organisieren. Das war im Juni 2024.<\/p>\n<p>Wir haben dann sehr schnell gesehen, wie viel Resonanz es f\u00fcr das Thema gibt. Wir waren auf der einen Seite sehr fr\u00fch mit Unternehmen wie Helsing, Quantum Systems und Auterion in Kontakt, auf der anderen Seite auch mit offiziellen Stellen. Wir standen sehr fr\u00fch mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium, aber auch mit dem Bundeswehr Cyber Innovation Hub und anderen in Kontakt. Bei unserem ersten Event hatten wir 150 Leute vor Ort. Wir hatten keine Brand, wir hatten keine Erfahrung. Wir waren einfach zwei Jungs, die dachten, es sei cool, das f\u00fcr ein Wochenende zu machen.<\/p>\n<p>Aber wir haben vor allem gesehen, wie Leute weitergemacht haben. Zwei Wochen lang nach dem Event haben mich Leute angerufen: &#8222;Benjamin, kennst du Investoren? Benjamin, kennst du Leute beim Milit\u00e4r? Benjamin, wir entwickeln diese Idee weiter. Kannst du uns helfen?&#8220; Und das war wirklich das, was den Schalter umgelegt hat, wo wir gesagt haben: Okay, das ist nicht nur ein Hackathon, sondern es kann ein strukturierter Weg sein, um Hunderte und Tausende Leute in den Defense-Bereich zu bringen und ihnen zu helfen, selbst Produkte und Firmen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Wir sind 2024 mit drei Events gestartet. Letztes Jahr haben wir 20 Events gemacht, komplett privat finanziert und gebootstrapped. Dieses Jahr haben wir allein schon 14 Hackathons gemacht und sind on track, insgesamt 40, 50 Events zu machen.<\/p>\n<p>Bei unseren Hackathons haben wir vor allem Leute Ende 20 bis Mitte 30, die typischerweise schon ein paar Jahre Industrieerfahrung haben. Wir sind nat\u00fcrlich offen f\u00fcr Studenten, aber es ist kein Studenten-Event. Wir haben wirklich die Ambition, Leuten, die zum Beispiel in Climate Tech gearbeitet haben, dabei zu helfen, von der einen Industrie in eine neue Industrie, in Defense Tech, zu wechseln.<\/p>\n<p>Es gibt sehr viele etablierte Programme, sei das NATO DIANA, sei das der EUDIS Business Accelerator, und ganz viele andere Programme, die dir helfen, wenn du schon ein Team und einen Prototypen hast: Wie entwickelst du das weiter? Aber die Frage ist: Wie kommst du \u00fcberhaupt dahin? Was wir wirklich machen, ist, Leuten zu helfen, von Level minus eins auf null und von null auf eins zu kommen. Dann arbeiten wir mit allen in der Industrie zusammen, um von Level eins auf zehn und von zehn auf zwanzig zu kommen. Und ich glaube, dass das unfassbar wichtig ist.<\/p>\n<p>Es gibt nichts, was aktuell dringender und wichtiger ist und woran wir arbeiten k\u00f6nnen. Es gibt tats\u00e4chlich sehr viele Herausforderungen. Das f\u00e4ngt beim Mindset an: dass man \u00fcberhaupt merkt, wie wichtig das ganze Thema ist und dass es sich lohnt, an Defense zu arbeiten, gerade wenn wir uns als Demokratie und unsere Werte auch verteidigen wollen. Und es geht weiter mit der Frage: Wie komme ich \u00fcberhaupt in Kontakt mit Soldaten, die diese Probleme haben? Ich kann mich ja nicht in Berlin in ein Caf\u00e9 setzen und mit ihnen einen Kaffee trinken gehen. Sehr h\u00e4ufig bin ich komplett vom Endanwender der Technologie, die ich entwickeln m\u00f6chte, getrennt. Und ich muss dessen Probleme erst einmal verstehen. Genau deswegen machen wir auch unsere European Defense Tech Hackathons: um diese Leute zusammenzubringen.<\/p>\n<p>Wenn ich dann einen Prototypen habe, wie teste ich den? Ich kann nicht einfach au\u00dferhalb von Berlin aufs Feld fahren und meine Drohne einfach so fliegen lassen oder eine Drohnenabwehrsituation simulieren. Ich brauche daf\u00fcr auf der einen Seite nat\u00fcrlich sehr viel Papierkram. Und auf der anderen Seite brauche ich auch da wieder Feedback von Soldaten: Wie w\u00fcrden diese Drohnen \u00fcberhaupt im realen Leben eingesetzt werden?<\/p>\n<p>Eines der wichtigsten Learnings aus den letzten zwei Jahren ist, dass die Entwicklung von Defense Tech keinen Wert hat, wenn du die Taktik dahinter nicht verstehst \u2013 also wie die Technologie verwendet wird. Und dann nat\u00fcrlich, ich glaube, auch einer der wichtigsten Punkte: Wer bezahlt am Ende daf\u00fcr? Ich brauche ja nicht nur Investoren, ich brauche am Ende Auftr\u00e4ge. Und woher kommen diese Auftr\u00e4ge? Ein Gro\u00dfteil des Geldes flie\u00dft immer noch in etablierte Systeme: Panzer, Flugzeuge, Schiffe. Wo sind die gro\u00dfen Auftr\u00e4ge f\u00fcr Drohnen, f\u00fcr unbemannte Systeme, f\u00fcr Kommunikations- und Mesh-Netzwerke?<\/p>\n<p>Ich glaube, da ist ganz, ganz wichtig, dass wir als Europa sehen: Wir haben zwar sehr viel IP, sehr viel Technologie und sehr viel Know-how, aber auf der einen Seite sitzen die Endanwender gerade in der Ukraine, und auf der anderen Seite ist der weltgr\u00f6\u00dfte Markt f\u00fcr Defense Tech in den USA. Wenn wir kein konkretes Angebot f\u00fcr diese Firmen schaffen, werden sie entweder in die eine oder in die andere Richtung gehen, und wir sitzen quasi in der Mitte und gehen leer aus. Deswegen ist es essenziell, dass wir diese Drohnen-Start-ups und Defense-Tech-Start-ups im Allgemeinen hier halten und dass wir sie eben nicht nur mit Infrastruktur, Events und netten Worten unterst\u00fctzen, sondern am Ende auch mit ganz klaren Auftr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Wie in der Ukraine das ganze Defense-Thema eines der wichtigsten Themen ist, um das sich nicht nur das Verteidigungsministerium, sondern auch alle anderen Ministerien k\u00fcmmern, um Initiativen zu launchen. Zum Beispiel gibt es jetzt den von Brave1 ins Leben gerufenen Brave1 Market, auf dem ich \u2013 \u00e4hnlich wie bei Amazon \u2013 Waffen kaufen kann. Auch ukrainische Brigaden haben eigene Budgets und k\u00f6nnen selbst einkaufen. In dem Sinne: Was auf dem Schlachtfeld funktioniert, wird entsprechend gekauft und mehr beschafft. Es gibt einen Feedback-Loop, den es hier nicht oder zumindest nicht so direkt gibt. Dort sind Systeme entwickelt worden, bei denen es sich f\u00fcr uns in Europa komplett skurril anh\u00f6ren mag, dass ich mir wie auf einem Amazon-Marktplatz Waffen kaufen kann. Aber es funktioniert sehr pragmatisch, sehr schnell und sehr effektiv. Wir sollten uns Gedanken machen: Wie k\u00f6nnen wir das adaptieren? Nicht, dass sich jeder online einfach so Waffen kaufen kann \u2013 das nat\u00fcrlich nicht. Aber wir sollten uns zum Beispiel \u00fcberlegen: Wie k\u00f6nnen wir diesen Feedback-Loop herstellen? Wie k\u00f6nnen wir Soldaten, die Endanwender, mit den Leuten zusammenbringen, die tats\u00e4chlich die Technologien entwickeln? Wie k\u00f6nnen wir Probleme schnell kommunizieren, damit sie behoben werden? Und wie k\u00f6nnen wir einfach schneller und agiler werden und uns an diese neue Realit\u00e4t anpassen?<\/p>\n<p>Wir haben jetzt eben auch gemerkt, dass sehr viele Leute Interesse am zivilen Bereich haben und dass wir damit noch einmal deutlich mehr Leute ansprechen k\u00f6nnen, wenn wir uns explizit darauf fokussieren. Dementsprechend haben wir daf\u00fcr jetzt auch eine Community gelauncht. Wir nennen sie European Civil Resilience Network, kurz EUCIV. Das ist quasi die Schwester-Community zum EDTH. Wenn sich EDTH also wirklich auf Defense und mit vollem Fokus auf Defense konzentriert, gibt es verst\u00e4ndlicherweise nat\u00fcrlich auch viele Leute, die aus pers\u00f6nlichen oder moralischen Gr\u00fcnden sagen: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob ich mit Gleitbomben und Shaheds zu tun haben m\u00f6chte.&#8220; Gleichzeitig wollen sie sich engagieren, mit diesen Technologien arbeiten und am Ende wirklich Impact haben. Sie wollen diese Technologien an den Punkt bringen, an dem sie wirklich Menschenleben retten k\u00f6nnen \u2013 wenn nicht an der Front, dann zum Beispiel nach einem Katastrophenfall.<\/p>\n<p>Wir sehen, dass es am Ende die gleichen Technologien sind \u2013 ob sie an der Front von ukrainischen Soldaten verwendet werden oder von der Feuerwehr, die auch Drohnen, Kommunikationsnetzwerke oder andere moderne, unbemannte Systeme braucht, um ihren Job besser machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das ist unglaublich erf\u00fcllend, weil wir einfach sehen, dass wir als Zivilisten den Unterschied machen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen nicht Teil des Milit\u00e4rs sein, wir m\u00fcssen nicht Briefe an das Verteidigungsministerium schreiben. Wir k\u00f6nnen tats\u00e4chlich selbst Dinge machen. Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Botschaften, die wir Menschen mitgeben k\u00f6nnen: Jeder Einzelne von uns kann etwas machen.<br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Das Transkript wurde zur besseren Lesbarkeit sprachlich gegl\u00e4ttet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auch wenn ich als Physiker pers\u00f6nlich sehr viele andere Interessen habe, mich vielleicht auch lieber mit Halbleiterchips oder&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":352798,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3],"tags":[89629,76,75,74,89630,18058,610,89631,2399,6355,25370,4213,89628,9986,1334,55],"class_list":["post-352797","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-europa","tag-benjamin-wolba","tag-eu","tag-europa","tag-europe","tag-european-defense-tech-hub","tag-experte","tag-forschung","tag-hackathon","tag-hochschulen","tag-innovation","tag-ruestung","tag-sicherheit","tag-stifterverband","tag-transfer","tag-verteidigung","tag-video"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/117149643945329116","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/352797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=352797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/352797\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/352798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=352797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=352797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=352797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}