{"id":353415,"date":"2026-08-24T15:13:08","date_gmt":"2026-08-24T15:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/353415\/"},"modified":"2026-08-24T15:13:08","modified_gmt":"2026-08-24T15:13:08","slug":"naher-osten-nordafrika-iran-nach-khamenei-europas-diplomatische-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/353415\/","title":{"rendered":"Naher Osten\/Nordafrika: Iran nach Khamenei: Europas diplomatische Chance"},"content":{"rendered":"<p>Sechs Monate sind vergangen seit dem gemeinsamen Luftschlag der USA und Israels, der am 28. Februar 2026 zum Tod Ali Khameneis f\u00fchrte. Keine zwei Wochen sp\u00e4ter wurde sein Sohn Mojtaba Khamenei zum neuen Obersten F\u00fchrer der Islamischen Republik gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Doch die entscheidende Frage ist heute nicht die Nachfolge selbst, sondern: In welchem Ma\u00dfe hat der neue F\u00fchrer jene Macht bereits in seinen H\u00e4nden, die sein Vater \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut hatte? Die Antwort ist bislang eindeutig: noch nicht vollst\u00e4ndig. Genau darin liegt eine diplomatische Chance \u2013 auch f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p>Ali Khamenei hatte Jahrzehnte Zeit, ein weitverzweigtes Netzwerk politischer, milit\u00e4rischer und sicherheitspolitischer Loyalit\u00e4ten aufzubauen. Mojtaba Khamenei hingegen kam unter v\u00f6llig anderen Bedingungen an die Macht: w\u00e4hrend des Krieges mit den USA und Israel, unter massivem wirtschaftlichem Druck und in einer Situation, in der sich die Machtstruktur der Islamischen Republik neu ordnet.<\/p>\n<p>Genau diese \u00dcbergangsphase hat ein diplomatisches Fenster ge\u00f6ffnet, das es so zuvor nicht gab \u2013 und das Europa nutzen sollte, bevor sich die neue Machtordnung in Teheran verfestigt. In den ersten Monaten nach dem F\u00fchrungswechsel verteilte sich die Entscheidungsfindung st\u00e4rker als zuvor auf mehrere Machtzentren: die Regierung von Massud Pezeshkian, das Parlament unter Mohammad Bagher Ghalibaf, das Au\u00dfenministerium und den Obersten Nationalen Sicherheitsrat \u2013 neben den weiterhin einflussreichen Revolutionsgarden und Sicherheitsapparaten.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass Pezeshkian und Ghalibaf die Kontrolle \u00fcber die iranische Au\u00dfenpolitik innegehabt h\u00e4tten. Die Revolutionsgarden und Sicherheitsapparate verf\u00fcgen weiterhin \u00fcber entscheidenden Einfluss. Doch solange die neue F\u00fchrung noch nicht vollst\u00e4ndig gefestigt war, besa\u00df kein einzelnes Machtzentrum jenes Gewicht und jene letztg\u00fcltige Entscheidungsmacht, die Ali Khamenei \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut hatte.<\/p>\n<p>Innerhalb der Machtstruktur der Islamischen Republik war ein Konsens f\u00fcr Verhandlungen m\u00f6glich, aber fragil.<\/p>\n<p>Genau dieser Umstand verschaffte den dialogorientierten Kr\u00e4ften mehr Handlungsspielraum. Der Ann\u00e4herungsprozess zwischen Iran und den USA war ein deutliches Beispiel daf\u00fcr. Berichten zufolge geh\u00f6rte Mohammad Bagher Zolghadr, der damalige Sekret\u00e4r des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, zu jenen Verantwortlichen, die die Verst\u00e4ndigung mit den USA unterst\u00fctzten. Das deutet darauf hin, dass selbst innerhalb der Machtstruktur der Islamischen Republik zu diesem Zeitpunkt ein Konsens f\u00fcr Verhandlungen m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Doch dieser Konsens war fragil. Der R\u00fccktritt Zolghadrs als Sekret\u00e4r des Obersten Nationalen Sicherheitsrats und seine Abl\u00f6sung durch Mohsen Rezaei, den fr\u00fcheren Kommandeur der Revolutionsgarden, sind Anzeichen f\u00fcr eine Verschiebung im Machtgef\u00fcge. Offiziell wurde Zolghadrs Ausscheiden als R\u00fccktritt bezeichnet. Anschlie\u00dfend wurde er zum politischen Berater des F\u00fchrers ernannt. Ein direkter Zusammenhang zwischen seinem Ausscheiden und seiner Haltung zum Abkommen mit den USA ist daher nicht belegt.<\/p>\n<p>Dennoch ist der Zeitpunkt des Wechsels, mitten in den Kontroversen um die Verst\u00e4ndigung mit Washington, bemerkenswert. Entscheidend ist weniger die Personalie selbst als der gr\u00f6\u00dfere Trend, der sich darin abzeichnet: Die Sicherheitskr\u00e4fte gewinnen innerhalb der neuen Machtstruktur an Gewicht. F\u00fcr Europa besteht das Problem nicht nur darin, dass Teheran k\u00fcnftig eine h\u00e4rtere Haltung einnehmen k\u00f6nnte. Entscheidender ist, dass sich jene Machtkonstellation, die Verhandlungen \u00fcberhaupt erm\u00f6glicht hat, selbst im Wandel befindet.<\/p>\n<p>Sollte Mojtaba Khamenei seine Macht vor allem mit Unterst\u00fctzung der Revolutionsgarden und Sicherheitsapparate konsolidieren, wird deren Gewicht in der iranischen Au\u00dfenpolitik weiter wachsen. Das bedeutet nicht, dass Verhandlungen k\u00fcnftig unm\u00f6glich sind. Die Islamische Republik steht weiterhin unter massivem wirtschaftlichem Druck und tr\u00e4gt die hohen Kosten des Krieges. Sie hat daher weiterhin ein Interesse an einer \u00dcbereinkunft.<\/p>\n<p>Doch der Bedarf an Verhandlungen ist nicht gleichbedeutend mit Kompromissbereitschaft. W\u00fcrde der wirtschaftliche und sicherheitspolitische Druck ohne greifbares Ergebnis anhalten, w\u00fcrde dies eher jene Kr\u00e4fte st\u00e4rken, die argumentieren, die USA verst\u00fcnden nur die Sprache der St\u00e4rke und jede Konzession f\u00fchre zu weiteren Forderungen. Zeit allein f\u00fchrt also nicht zwangsl\u00e4ufig zu Krieg oder Eskalation. Aber je l\u00e4nger die neue Machtstruktur braucht, um sich zu konsolidieren, desto h\u00f6her wird der politische Preis eines Kompromisses.<\/p>\n<p>Entscheidend ist deshalb weniger, welchen au\u00dfenpolitischen Kurs die neue F\u00fchrung heute bevorzugt, als vielmehr, wie sich die innenpolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern. Je st\u00e4rker sich die neue Machtordnung konsolidiert und je mehr Gewicht dabei die Sicherheitsapparate gewinnen, desto schwieriger wird es f\u00fcr dialogorientierte Akteure, Zugest\u00e4ndnisse gegen\u00fcber Washington innenpolitisch durchzusetzen. Das diplomatische Fenster schlie\u00dft sich also nicht zwangsl\u00e4ufig, weil Teheran Verhandlungen grunds\u00e4tzlich ablehnt, sondern weil der politische Preis eines Kompromisses steigt.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union sollte gerade in dieser \u00dcbergangsphase ihre Kommunikationskan\u00e4le ausbauen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Europa ist die Konsequenz klar: Es sollte nicht warten, bis sich die neue Machtstruktur in Teheran vollst\u00e4ndig gefestigt hat, bevor es diplomatisch handelt. Die Europ\u00e4ische Union sollte gerade jetzt, in dieser \u00dcbergangsphase, ihre Kommunikationskan\u00e4le zur Regierung Pezeshkian, zum Parlament und zu anderen einflussreichen Entscheidungszentren aufrechterhalten und ausbauen.<\/p>\n<p>Dabei sollte es nicht nur um eine kurzfristige \u00dcbereinkunft zur Deeskalation gehen. Europa sollte versuchen, einen Rahmen zu schaffen, in dem die iranischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen mit einem berechenbareren Verh\u00e4ltnis zum Westen verbunden werden k\u00f6nnen. Dazu braucht es neben politischen Gespr\u00e4chskan\u00e4len auch konkrete Anreize, die den verhandlungsbereiten Kr\u00e4ften in Teheran zeigen, dass Kompromisse einen politischen und wirtschaftlichen Ertrag bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, die Augen vor dem iranischen Raketenprogramm, der regionalen Politik Teherans oder anderen sicherheitspolitischen Bedenken zu verschlie\u00dfen. Im Gegenteil: Diplomatie gewinnt gerade dann an Bedeutung, wenn die Differenzen gr\u00f6\u00dfer werden. Die gegenw\u00e4rtige Gelegenheit ist das Ergebnis einer \u00dcbergangssituation: Die neue F\u00fchrung ist noch nicht vollst\u00e4ndig konsolidiert, mehrere Machtzentren konkurrieren weiterhin um Einfluss, und zumindest ein Teil der politischen Elite sieht Verhandlungen noch als m\u00f6glichen Ausweg aus der Krise.<\/p>\n<p>Doch diese Situation ist nicht von Dauer. Jeder Monat, der ohne konkrete diplomatische Fortschritte verstreicht, beg\u00fcnstigt die Festigung einer Machtstruktur, in der Kompromisse einen h\u00f6heren politischen Preis haben und sicherheitspolitische Akteure mehr Gewicht bei der Entscheidungsfindung gewinnen.<\/p>\n<p>Europa kann diesen Prozess noch beeinflussen. Wer jedoch wartet, bis sich die neue Ordnung in Teheran vollst\u00e4ndig herausgebildet hat, findet m\u00f6glicherweise kein offenes Fenster mehr vor. Noch ist das Fenster offen. Aber es schlie\u00dft sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sechs Monate sind vergangen seit dem gemeinsamen Luftschlag der USA und Israels, der am 28. 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