{"id":354695,"date":"2026-08-25T07:11:07","date_gmt":"2026-08-25T07:11:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/354695\/"},"modified":"2026-08-25T07:11:07","modified_gmt":"2026-08-25T07:11:07","slug":"enorme-verluste-tausende-tote-als-die-magdalenenflut-durch-europas-fluesse-schoss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/354695\/","title":{"rendered":"\u201eEnorme Verluste, Tausende Tote\u201c\u00a0\u2013 als die Magdalenenflut durch Europas Fl\u00fcsse schoss"},"content":{"rendered":"<p>Die Magdalenenflut 1342 gilt als Jahrtausend-Ereignis. Forscher sehen das verheerende Hochwasser in Mitteleuropa mittlerweile als Teil einer dramatischen Serie von \u00dcberschwemmungen. Die Katastrophe wirkt bis heute nach.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Zerst\u00f6rte Br\u00fccken, verw\u00fcstete Siedlungen, Ernteausf\u00e4lle, Hunger: Die Magdalenenflut vom Juli 1342 gilt als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend \u2013 mit Rekordpegelst\u00e4nden an vielen Fl\u00fcssen wie Rhein und Main. \u201eDas Ausma\u00df der \u00dcberschwemmungen ging weit dar\u00fcber hinaus, was wir heute kennen\u201c, sagt der Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut f\u00fcr Geschichte und Kultur des \u00f6stlichen Europa (GWZO) in Leipzig.<\/p>\n<p>Jetzt hat ein internationales Forschungsteam im Fachjournal \u201eNature\u201c das damalige Geschehen rekonstruiert \u2013 mit \u00fcberraschendem Befund. Demnach ist das Extremhochwasser im Mittelalter zwar bis heute beispiellos, aber es war kein Einzelereignis.<\/p>\n<p>Vielmehr bildete es den besonders verheerenden H\u00f6hepunkt einer Reihe von insgesamt 16 Hochwasserereignissen \u00fcber einen Zeitraum von knapp zwei Jahren. Und: Die Katastrophenserie leitete den Beginn des modernen Hochwasserschutzes ein.<\/p>\n<p>M\u00f6glich wurde die detaillierte Rekonstruktion durch das Zusammentragen von mehr als 1000 zeitgen\u00f6ssischen Dokumenten. \u201eWir k\u00f6nnen Monat f\u00fcr Monat rekonstruieren, wann welche Gegenden Europas betroffen waren\u201c, sagt Erstautorin Andrea Kiss von der Technischen Universit\u00e4t (TU) Wien.<\/p>\n<p> \u201eSo sieht man ganz klar: Wie eine Perlenkette zieht sich eine Serie von Hochwasserereignissen durch die Jahre 1341 bis 1343\u201c, sagt Kiss. \u201eNicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber doch alle in einem klar erkennbaren Zusammenhang.\u201c<\/p>\n<p>Bisher lag der \u00f6ffentliche Fokus auf jenem Hochwasser, das auf die Zeit um den St.-Magdalenentag am 22. Juli 1342 fiel. \u201eIn Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut \u00fcblicherweise als die gr\u00f6\u00dfte Flut des vergangenen Jahrtausends und als schlimmstes Erosionsereignis w\u00e4hrend des Holoz\u00e4ns\u201c, schreibt das Team unter Verweis auf die enorme Menge an abgetragenem Bodenmaterial, die f\u00fcr die vergangenen etwa 12.000 Jahre beispiellos ist. <\/p>\n<p>Zentrum der Niederschl\u00e4ge waren damals S\u00fcddeutschland, \u00d6sterreich und die Schweiz, wie Co-Autor Bauch erl\u00e4utert. Doch sp\u00fcrbar waren die Auswirkungen weit dar\u00fcber hinaus \u2013 entlang der gro\u00dfen Abfl\u00fcsse von Rh\u00f4ne, Rhein, Weser und Elbe bis nach Schlesien. \u201eIn W\u00fcrzburg stand das Wasser auf den Stufen des mittelalterlichen Doms, in Frankfurt waren Kirchen \u00fcberflutet\u201c, beschreibt Bauch das verheerende Geschehen. \u201eSolche Wasserst\u00e4nde gab es seitdem nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Verursacht wurde die Katastrophe vermutlich durch eine sogenannte Vb-Wetterlage, bei der feuchte Luftmassen vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa geleitet werden und sich dort abregnen. \u201eDie Verluste waren enorm, mit Tausenden Toten. Die meisten Br\u00fccken und Siedlungen entlang der Hauptfl\u00fcsse waren zerst\u00f6rt, und die landwirtschaftlichen Sch\u00e4den verursachten eine Hungersnot\u201c, schreibt das Autorenteam.<\/p>\n<p>Doch die Analyse verschiedenster Dokumente aus jener Zeit \u2013 etwa Chroniken, Rechnungsb\u00fccher, Urkunden und Briefe \u2013 zeigt die Flut nun in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Die Zahl der ausgewerteten Dokumente entspricht nach Angaben von Studienleiter G\u00fcnter Bl\u00f6schl von der TU Wien etwa dem Zehnfachen der in fr\u00fcheren Studien verwendeten Quellen. Diese enorme Datenmenge hat eine hohe zeitliche Aufl\u00f6sung der Ereignisse erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Abrupte Schneeschmelze lie\u00df Fl\u00fcsse enorm anschwellen<\/p>\n<p>Demnach gab es von Ende 1341 bis Herbst 1343 insgesamt 16 gro\u00dfe Hochwasserereignisse in Europa. 1342 war das Jahr mit der gr\u00f6\u00dften Anzahl von \u00dcberschwemmungen auf dem Kontinent w\u00e4hrend der vergangenen 700 Jahre. Das Folgejahr 1343 liegt auf Platz 3 dieser Liste.<\/p>\n<p>Bereits der Herbst 1341 war ausgesprochen feucht; \u00dcberflutungen trafen im November und Dezember das \u00f6stliche Mitteleuropa sowie Teile von S\u00fcdosteuropa. Darauf folgte ein schneereicher Winter mit einer abrupten Schneeschmelze, die im Februar 1342 die Fl\u00fcsse enorm anschwellen lie\u00df. <\/p>\n<p>Von diesem sogenannten Lichtmess-Hochwasser \u2013 benannt nach dem christlichen Fest \u2013 waren insbesondere die Einzugsbereiche von Donau und Elbe betroffen. In Prag zerst\u00f6rte das Hochwasser die aus dem 12. Jahrhundert stammende steinerne Judithbr\u00fccke \u00fcber die Moldau \u2013 die Vorg\u00e4ngerin der heutigen Karlsbr\u00fccke.<\/p>\n<p>Nach mehreren weiteren Hochwassern im Fr\u00fchjahr traf dann die Magdalenenflut weite Teile des heutigen Deutschlands. \u201eDie Magdalenenflut zerst\u00f6rte die meisten Siedlungen und alle Br\u00fccken, Stra\u00dfen und M\u00fchlen entlang des Mittelrheins, Mains und ihrer Zufl\u00fcsse\u201c, schreiben die Forscher. Ein Jahr sp\u00e4ter \u2013 im Juli und August 1343 \u2013 hatten die Jakobs- und die Bartholom\u00e4usflut einen \u00e4hnlichen Effekt am Rhein zwischen Schaffhausen und Basel.<\/p>\n<p>An der Elbe lie\u00dfen die Wassermassen in jenen Jahren die Br\u00fccken in Dresden und Mei\u00dfen einst\u00fcrzen, in Th\u00fcringen rissen sie in Erfurt die \u00dcberg\u00e4nge \u00fcber die Gera und bei Vacha, Meiningen und Eisenach die Br\u00fccken \u00fcber die Werra fort. In der Lausitz zerst\u00f6rten sie die Spreebr\u00fccke in Bautzen.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend dieser zwei Jahre wurden die Br\u00fccken \u00fcber die europ\u00e4ischen Hauptfl\u00fcsse besch\u00e4digt, und Stra\u00dfen waren auf kontinentaler Ebene gest\u00f6rt, was fundamentale Auswirkungen auf die europ\u00e4ischen Transport- und Reisem\u00f6glichkeiten hatte\u201c, schreibt das Team. Dies hatte steigende Lebensmittelpreise zur Folge und eine Hungersnot, vor allem in S\u00fcddeutschland, der Schweiz und \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Gerade die H\u00e4ufung dieser Ereignisse in der dicht besiedelten Region sorgte f\u00fcr enorme Verunsicherung. So passierte der Scheitel des gr\u00f6\u00dften Hochwassers Frankfurt am 20. Juli 1342, zwei Tage vor dem Magdalenentag. Die Fluten lie\u00dfen die steinerne Br\u00fccke \u2013 damals die einzige Frankfurter Br\u00fccke \u00fcber den Main \u2013 einst\u00fcrzen, erz\u00e4hlt Co-Autor Bauch. <\/p>\n<p>Danach zogen j\u00e4hrliche Bu\u00dfprozessionen fast 200 Jahre lang \u2013 bis zur Reformation \u2013 entlang der damals \u00fcberfluteten Kirchen. \u201eDie Route war eine topografische Visualisierung des \u00dcberflutungsgebietes\u201c, sagt Bauch.<\/p>\n<p>Zwar sahen viele Menschen die Fluten als Strafe Gottes. Doch gleichzeitig wappnete man sich gezielt gegen solche Gefahren: Nun wurden gro\u00dfe Br\u00fccken \u2013 etwa in Dresden und S\u00e4ckingen \u2013 zumindest teilweise aus Stein errichtet und verst\u00e4rkt. Die Prager Karlsbr\u00fccke, deren Vorl\u00e4uferin im Februar 1342 zerst\u00f6rt worden war, wurde mit eisbrechenden Pfeilern versehen. <\/p>\n<p>Die Stadtmauer etwa von Stra\u00dfburg wurde gezielt gegen Hochwasser befestigt, der Niederrhein wurde bei Kleve durch kollektive Arbeiten eingedeicht. Der gewundene Lauf der Donau wurde am niederbayerischen Kloster Oberalteich bei Straubing mit einem Durchstich begradigt, um den Fluss auf Abstand zu halten.<\/p>\n<p>Dies k\u00f6nne man durchaus als Beginn des modernen Hochwasserschutzes betrachten, sagt Bl\u00f6schl. \u201eSiedlungen werden nicht nach einem einzelnen Hochwasser aufgegeben\u201c, erl\u00e4utert der Wiener Hydrologe. \u201eEs waren die Mehrfachereignisse, die zu einem Umdenken im Hochwassermanagement gef\u00fchrt haben.\u201c<\/p>\n<p>Zwar habe es auch in der j\u00fcngeren Geschichte \u00dcberschwemmungen in Mitteleuropa durch Vb-Wetterlagen gegeben, schreibt das Team und nennt unter anderem die Jahre 1999 und 2005. \u201eAllerdings war die r\u00e4umliche Ausdehnung der Magdalenenflut viel gr\u00f6\u00dfer als bei den j\u00fcngeren \u00dcberschwemmungen.\u201c <\/p>\n<p>Die Flutjahre 1342 und 1343 seien so au\u00dfergew\u00f6hnlich, als ob die gro\u00dfen europ\u00e4ischen Hochwasserereignisse von 1999, 2002, 2005, 2006 und 2013 sowie ein Dutzend anderer \u00dcberschwemmungen in weniger als zwei Jahren aufgetreten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Zur Ursache der geh\u00e4uften Hochwasser stellt das Forschungsteam Vermutungen an: Ein Faktor k\u00f6nnten etliche Vulkanausbr\u00fcche um 1340 gewesen sein, hei\u00dft es unter Verweis auf das Global Volcanism Programm (GVP) der US-amerikanischen Smithsonian Institution. <\/p>\n<p>F\u00fcnf der acht dort f\u00fcr den Zeitraum 1340\/41 gelisteten au\u00dfertropischen Eruptionen entfallen auf Island, darunter die des Vulkans Hekla im Mai\/Juni 1341. M\u00f6glicherweise k\u00f6nne der Aussto\u00df von schwefelhaltigen Aerosolen in die Stratosph\u00e4re eine starke Klimareaktion auf der Nordhalbkugel hervorgerufen und zu Abk\u00fchlung beigetragen haben, mutma\u00dft das Team.<\/p>\n<p>Ein weiterer m\u00f6glicher Faktor k\u00f6nne die geringe Meereisbedeckung in der Arktis seit den 1330er Jahren gewesen sein. Dies k\u00f6nne durch die fehlende Albedo die Temperatur an der Meeresoberfl\u00e4che erh\u00f6ht und so zu st\u00e4rkeren Niederschl\u00e4gen beigetragen haben, hei\u00dft es weiter. Diese Kombination, so Bl\u00f6schl, habe vermutlich entscheidend zu der H\u00e4ufung der Hochwasser beigetragen. <\/p>\n<p>\u201eDas ist die wahrscheinlichste Erkl\u00e4rung, die wir finden konnten\u201c, betont er. \u201eGanz sicher l\u00e4sst sich das zwar nicht sagen \u2013 doch die neuen Erkenntnisse bringen uns dem Verst\u00e4ndnis dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Serie ein gutes St\u00fcck n\u00e4her.\u201c<\/p>\n<p>Als Konsequenz aus der Analyse pl\u00e4diert das Team daf\u00fcr, Sequenzen mehrerer Extremhochwasser binnen weniger Monate im heutigen Risikomanagement st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen, zumal der Klimawandel H\u00e4ufungen von \u00dcberschwemmungen k\u00fcnftig wahrscheinlicher mache.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist, dass von den vielen Hochwassern nur die Magdalenenflut in der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit \u00fcberlebt habe. \u201eDie Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Ged\u00e4chtnis pr\u00e4sent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch j\u00e4hrlich wiederholte Bittprozessionen\u201c, sagt Bauch. \u201eDass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, ist \u00fcber die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten.\u201c<\/p>\n<p>Dazu k\u00f6nnte auch beigetragen haben, dass die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 14. Jahrhunderts damals unmittelbar folgte: Wenige Jahre nach der Flut brach die Pest aus. Der Schwarze Tod war in Europa die schwerste Seuchenwelle des vergangenen Jahrtausends.<\/p>\n<p>Walter Willems, dpa\/dia<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Magdalenenflut 1342 gilt als Jahrtausend-Ereignis. 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