{"id":355963,"date":"2026-08-25T19:46:15","date_gmt":"2026-08-25T19:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/355963\/"},"modified":"2026-08-25T19:46:15","modified_gmt":"2026-08-25T19:46:15","slug":"irrwege-oder-die-alchemie-der-tusche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/355963\/","title":{"rendered":"\u201eIrrwege\u201c oder die Alchemie der Tusche"},"content":{"rendered":"<p>Die Einzelausstellung \u201eIrrwege\u201c des Imster K\u00fcnstlers Leonhard Knabl ist noch bis zum 20. September im Mesnerhaus in Mieming zu sehen. Jeweils Samstag und Sonntag von 15 bis 19 Uhr. Foto: Hirsch<\/p>\n<p>\tLeonhard Knabl aus Imst \u00fcberzeugt nicht nur mit seinen detailliert gearbeiteten Tuschezeichnungen, sondern auch mit Digitaldrucken und Radierungen. F\u00fcr seine Einzelausstellung in Mieming hat der K\u00fcnstler eine Retrospektive seiner Arbeiten aus den letzten sechs Jahren zusammengestellt. Knabl verbindet in seiner k\u00fcnstlerischen Arbeit Literatur, Bildsprache und historische Recherche. Mit einem akademischen Hintergrund in Geschichte und Vergleichender Literaturwissenschaft sowie einem laufenden Masterstudium in Medien an der Universit\u00e4t Innsbruck entwickelt er eine k\u00fcnstlerische Praxis, die sich zwischen Text, Druckgrafik und konzeptuellen Formaten bewegt. In der Auswahl der 47 gezeigten Werke finden sich Bildmotive aus Film, Geschichte und Literatur mit narrativer Dramaturgie wie bei Herr der Ringe. \u00dcber die H\u00e4lfte der gezeigten Werke sind Tuschzeichnungen und Radierungen \u2013 seine bevorzugten Techniken.<\/p>\n<p>Irrwege in Tusche. Der Titel der Ausstellung h\u00e4lt, was er verspricht, und f\u00fchrt den Betrachter zun\u00e4chst auf eine kunstvolle F\u00e4hrte. Aus der Ferne betrachtet, pr\u00e4sentieren sich die Tuschezeichnungen als meisterhafte, fast beruhigende naturalistische Landschaften. Doch diese visuelle Orientierung ist tr\u00fcgerisch. Tritt man n\u00e4her an die Arbeiten heran, bricht die landschaftliche Ordnung auf. Das Auge verf\u00e4ngt sich in einem hyperfeinen, filigranen Mikrokosmos. Was eben noch als Horizontlinie oder Baumkrone erschien, entpuppt sich in der Nahansicht als ein dichtes, autonomes Geflecht aus feinsten Tuschelinien. Diese Linien weisen nun keinen festen Weg mehr auf. Sie werden zu echten ,Irrwegen\u2018 auf dem Papier, die sich jeder eindeutigen Zuschreibung entziehen und den Betrachter in einen freien Raum der Interpretation entlassen. Wie ein optisches Cham\u00e4leon ver\u00e4ndert das Werk seine Identit\u00e4t mit der Schrittl\u00e4nge des Betrachters. Leonhard Knabl entzieht dem Auge die Orientierung, f\u00fchrt in Irrwege. Die Linien werden zu Pfaden, auf denen sich das Auge buchst\u00e4blich \u201everlaufen\u201c kann, wenn man zu nah herantritt. Seine Zeichnungen und Radierungen f\u00fchren an Orte, an denen man nicht sein sollte, und auf Wege, die zu Zielen f\u00fchren, die man vielleicht nie erreichen wollte und nach denen man \u00fcberhaupt nicht gesucht hat. \u201eWer sich auf Irrwege begibt, entdeckt vielleicht sich selbst\u201c, so Eva Maria Huter (Obfrau Kunst-Werk-Raum Mesnerhaus) in ihren einf\u00fchrenden Worten.\u00a0<\/p>\n<p>Koordinaten. Leonhard Knabls Inspirationsquellen sind Formen und Orte in der Natur, nach denen er bei langen Wanderungen Ausschau h\u00e4lt. Er fotografiert sie und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem genau dieser Ort oder diese Form zeichnerisch umgesetzt wird. Beim genauen Betrachten der Zeichnungen fallen einem zun\u00e4chst verwirrende Zahlenkombinationen auf. Am Bildrand, dort, wo die Signatur steht, tauchen sie auf. Es sind dies die Koordinaten des Referenzortes der Zeichnungen. Ein weiterer Irrweg, der einen glauben l\u00e4sst, man w\u00fcsste nun, wo sich die Vorlage befindet. Ohne weitere Recherche zu den Koordinaten l\u00e4uft man ins Leere. Ort und Vorlage k\u00f6nnten sich, ohne eine aufw\u00e4ndige Spurensuche, \u00fcberall auf der Erde befinden, sogar in der Welt der Fantasie und Tr\u00e4ume.\u00a0<\/p>\n<p>Befreiung durch Diskrepanz. Es ist genau diese fundamentale Diskrepanz, die den Kern dieser Ausstellung ausmacht und dem Titel \u201aIrrwege\u2018 seine konzeptionelle Wucht verleiht: die Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach Ordnung und der Wirklichkeit des Chaos. Diese Diskrepanz zwischen dem beruhigenden Gesamtbild und der radikalen Abstraktion im Detail spiegelt die menschliche Erfahrung des Verirrens wider. Aus der Ferne wirkt ein Weg oft klar und logisch, im Dickicht der Realit\u00e4t verliert man jedoch die \u00dcbersicht. Das gelungene Wagnis dieser Ausstellung liegt darin, das Verirren nicht als Scheitern, sondern als \u00e4sthetischen Gewinn zu inszenieren. Die Werke zeigen, dass der vermeintliche &#8218;Irrweg&#8216; in der Kunst oft der lohnendere Pfad ist, da er die Fantasie befreit.\n            \t<\/p>\n<p>\t\t<a href=\"https:\/\/www.rundschau.at\/img\/Irrwege_oder_die_Alchemie_der_Tusche_02-6a7e95e5-1200-1200.jpg\" data-fancybox=\"gallery2\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"colrounded\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Irrwege_oder_die_Alchemie_der_Tusche_02-6a7e95e5-1000-2000.jpg\" alt=\"\u201eIrrwege\u201c oder die Alchemie der Tusche&lt;br \/&gt;&#13;&#10;\"\/><\/a><\/p>\n<p>\u201eSilberspitze\u201c von Leonhard Knabl aus einer Perspektive gezeichnet, die vermuten l\u00e4sst, dass man sich verlaufen hat. Foto: Hirsch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Einzelausstellung \u201eIrrwege\u201c des Imster K\u00fcnstlers Leonhard Knabl ist noch bis zum 20. 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