{"id":36236,"date":"2026-03-10T09:47:07","date_gmt":"2026-03-10T09:47:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/36236\/"},"modified":"2026-03-10T09:47:07","modified_gmt":"2026-03-10T09:47:07","slug":"das-gschnasfest-beim-kaiser-titus-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/36236\/","title":{"rendered":"Das Gschnasfest beim Kaiser Titus \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Von Premierenspannung war an diesem Abend keine Spur. Es ist aber auch schwer mit dieser \u201eClemenza di Tito\u201c, der \u201eMilde\u201c eines Kaisers, der jede Gelegenheit nutzt, auch noch dem \u00fcbelsten Verr\u00e4ter zu verzeihen. Daran musste sich sogar ein Mozart die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen. Man vergleiche den \u201eDon Giovanni\u201c, dessen Liebesabenteuer und die H\u00f6llenfahrt. Und dann wird am Premierenabend bei Auftakt des Dirigenten auch noch das Licht ausgeknipst. Schlafenszeit? Jetzt schon?<\/p>\n<p>Kaum wird es hell, gibt es dann kein richtiges B\u00fchnenbild zu sehen. Auf einem schlichten Podium sorgt Regisseur <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/jan-lauwers\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" an=\"\" der=\"\" staatsoper:=\"\" das=\"\" gschnasfest=\"\" beim=\"\" kaiser=\"\" titus=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jan Lauwers<\/a> allerdings vom ersten Ton an f\u00fcr hektische Bewegung, auch wenn diese nicht erkennbar viel mit dem St\u00fcck zu tun hat. Weil in dieser Oper bekannterma\u00dfen nicht viel los ist, werden die Figuren der Handlung nahezu unentwegt vom Ballett umtanzt und umsprungen. Und wenn es beim Auftritt des g\u00fctigen Kaisers repr\u00e4sentativ zugehen muss, t\u00e4nzelt sogar der Chor herein wie eine Faschingsgilde.<\/p>\n<p>Das Historiendrama als Gschnasfest? Auch. Aber Lauwers, der die Akteure in Christbaumkugel-Glitzerkost\u00fcme h\u00fcllt, kann sich nicht entscheiden f\u00fcr eine durchg\u00e4ngige \u2013 und sei es parodistische \u2013 Erz\u00e4hlweise. Er w\u00fcrfelt heterogene stilistische Elemente durcheinander. Zwischendurch f\u00e4hrt auch einmal eine Kinoleinwand herunter und bringt mit den cineastischen Bildern Sergej Eisensteins die gro\u00dfe Szene vor dem Putschversuch auf dem Kapitol um ihre Wirkung. Starke Bilder aus einem anderen Genre ersticken die schwachen Triebe operngerechter Personenf\u00fchrung, die an diesem Abend hie und da aufkeimen. <\/p>\n<p>Die Leidtragenden sind die S\u00e4nger, die von den zwischenmenschlichen Konflikten erz\u00e4hlen sollten, die Mozart komponiert hat. Emily d\u2018Angelo zum Beispiel ringt sich als Sextus in diesem Moment aus Liebe zur machtgierigen Vitellia zum Verrat an seinem kaiserlichen Freund durch. Beeindruckend f\u00fcr alle, die solche Augenblicke aufzusp\u00fcren verm\u00f6gen unter dem szenischen Krimskrams; und denen es gelingt, mit gespitzten Ohren durch das z\u00e4hfl\u00fcssige orchestrale Klangkontinuum zur Essenz von Mozarts Dramaturgie vorzudringen.<\/p>\n<p>Dirigent <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/pablo-heras-casado\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" an=\"\" der=\"\" staatsoper:=\"\" das=\"\" gschnasfest=\"\" beim=\"\" kaiser=\"\" titus=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pablo Heras-Casado<\/a> demonstriert n\u00e4mlich nur ganz zu Beginn der Ouvert\u00fcre Gestaltungswillen: Da zerdehnt er die ersten Takte, als geh\u00f6rten sie zu einer langsamen Introduktion, um gleich darauf rasant davonzust\u00fcrmen. Aber dieser Elan erlahmt mangels liebevoll f\u00fchrender, vorw\u00e4rtstreibender Durchgestaltung des Stimmengeflechts, die auch die S\u00e4nger gut gebrauchen k\u00f6nnten. Ist doch der B\u00fchnenraum wieder einmal nach oben hin offen geblieben, was die Stimmen empfindlich an ihrer Entfaltung hindert.<\/p>\n<p>Cecilia Molinari als Annio hat freilich das n\u00f6tige gro\u00dfkalibrige Format, um die doch immer wieder ins Dramatische gehenden Anforderungen des sp\u00e4ten Mozart zu meistern. Ihr gelingt auch zu Beginn das Duett mit Servilia, die Florina Ilie singt, wohllautend und geschmeidig. Solch gute Eigenschaften vermisst man im \u00dcbrigen an diesem Abend \u00fcber weite Strecken. Katleho Mokhoabane bringt f\u00fcr den Titus zwar imposante Statur, aber nur vergleichsweise schlanke Tenort\u00f6ne mit. In denen schwingt die titelgebende Milde des Herrschers mit, nicht aber dessen ehrfurchtgebietende Machtf\u00fclle. <\/p>\n<p>Fehlt diese Fallh\u00f6he, dann ist \u201eLa Clemenza di Tito\u201c Dokument eines Schw\u00e4chezustands, keine \u201evera opera\u201c, wie Mozart meinte, mit Menschen aus Fleisch und Blut auf der Szene, von denen sich vielschichtige Charakterportr\u00e4ts zeichnen lie\u00dfen. Etwa das der ehrgeizzerfressenen Vitellia. Aber da hat das Besetzungsb\u00fcro Hanna-Elisabeth M\u00fcller wieder einmal gebeten, \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse ihres zartgliedrigen Soprans zu leben. Die t\u00fcckische Partie geht in allen Lagen an die Substanz: In der Tiefe w\u00e4hrend der undankbaren Primadonnenarie vor dem Finale, in der H\u00f6he schon eingangs, im hektischen Terzett beim Augenblick des Erkennens, dass man einen kapitalen Fehler begangen hat. Die M\u00f6glichkeiten einer sch\u00f6nen lyrischen Stimme werden da von beiden Enden her aufgezehrt, durch schier unerf\u00fcllbare Anspr\u00fcche \u2013 auch an pr\u00e4zis definierte Koloraturt\u00f6ne.<\/p>\n<p>Und ob Matheus Fran\u00e7a die vokalen \u00c4u\u00dferungen des Publio wirklich mit dem Freistilringer-Gehabe zur Deckung bringen sollte, das ihm die Regie abverlangt \u2013 jeder Zoll kein w\u00fcrdiger r\u00f6mischer Pr\u00e4fekt \u2013 bleibt offen, wie viele Fragen an diesem Abend. Etwa auch, ob es Mikola Majtanova als (f\u00fcr diese Produktion hinzuerfundene) Berenice, von ihren T\u00e4nzerkollegen schon w\u00e4hrend der Ouvert\u00fcre in atemberaubenden Figuren gehoben und geworfen, gelingen wird, in keiner der folgenden Auff\u00fchrungen in den Orchestergraben zu fallen. <\/p>\n<p>So l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich auch Spannung erzeugen. Dabei l\u00e4sst sich leicht \u00fcbersehen, dass zwischendurch vor allem in den undankbaren, weil gr\u00f6\u00dftenteils aus Zeitnot nicht von Mozart selbst komponierten Rezitativen durchaus im Sinne des Librettos Theater gespielt wird. Wenn auch immer nur so lange, bis im entscheidenden Moment dann doch wieder in Richtung des Dirigenten und nicht des Dialogpartners gesungen wird. Dergleichen zu vermeiden, reichen offenbar weder die Kompetenz des Regisseurs noch die der musikalischen Einstudierung und Leitung. <\/p>\n<p>Sicherheit vermittelt an diesem Abend nur der Mann am Hammerklavier. Bleiben ein sch\u00f6nes Bassethorn- und vor allem ein eloquentes Klarinettensolo als Erinnerung an Zeiten eines ungetr\u00fcbten wienerischen Mozartverst\u00e4ndnisses. Bei unseren Musikern ist es offenbar nicht ausgestorben. So sehr man sich auch sonst bem\u00fcht, es nach allen Regeln der (<a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/uno\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" an=\"\" der=\"\" staatsoper:=\"\" das=\"\" gschnasfest=\"\" beim=\"\" kaiser=\"\" titus=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Un<\/a>)kunst vergessen zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Von Premierenspannung war an diesem Abend keine Spur. 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