{"id":368777,"date":"2026-09-01T14:40:13","date_gmt":"2026-09-01T14:40:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/368777\/"},"modified":"2026-09-01T14:40:13","modified_gmt":"2026-09-01T14:40:13","slug":"im-kino-vaterland-mit-sandra-hueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/368777\/","title":{"rendered":"Im Kino: &#8222;Vaterland&#8220; mit Sandra H\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In einer der besten Szenen dieses Films dreht <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/thomas-mann\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Thomas Mann<\/a> durch. Im Thomas-Mann-Style nat\u00fcrlich, es ist also eher ein Echauffieren: \u00e4u\u00dferlich regungslos, im Anzug und mit wohlgesetzten Worten. Der Anlass: Wolfgang und Wieland Wagner setzen ihm zu. Sie wollen ihn im Auftrag ihrer Mutter Winifred als Gew\u00e4hrsmann gewinnen, um die Festspiele in Bayreuth nach dem Krieg wieder aufleben zu lassen. Sein Wort habe Gewicht, schmeicheln sie, er sei doch \u201eder ber\u00fchmteste Wagnerianer der Welt\u201c. \u201eSie meinen, nach dem Ableben eines gewissen Adolf Hitler\u201c, entgegnet Thomas Mann. Und als die beiden noch immer nicht begreifen, tauscht er das Florett gegen das Schwert: \u201eDie Musik ihres Gro\u00dfvaters wird immer Bestand haben. Was mich betrifft, so sollte Bayreuth dem Erdboden gleich- und ihrer Frau Mutter der Prozess gemacht werden.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eVaterland\u201c hei\u00dft die Produktion, Oscar-Preistr\u00e4ger Pawel Pawlikowski bekam daf\u00fcr den Regie-Preis bei den Festspielen in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/cannes\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Cannes<\/a>. Der Film erz\u00e4hlt von einer Heimkehr: <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/kultur\/buch\/150-jahre-thomas-mann-neuer-comic-ueber-seine-reise-nach-deutschland_aid-131156123\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Thomas Mann reiste im Juli 1949 nach 16 Jahren im Exil zur\u00fcck nach Deutschland.<\/a> \u201eGef\u00fchl, als ob es in den Krieg ginge\u201c, notierte er vor dem Aufbruch in sein Tagebuch. In <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/frankfurt-am-main\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankfurt am Main<\/a> und in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/weimar\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Weimar<\/a> wurde ihm der Goethe-Preis verliehen. Und der Nobelpreistr\u00e4ger, der inzwischen die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft angenommen hatte, fand ein \u00e4u\u00dferlich in Tr\u00fcmmer gebombtes und innerlich zerrissenes Land vor. Zw\u00f6lf Tage lang wurde er im Buick durch fremdgewordene Gebiete gefahren. Im Westen bezeichneten ihn einige als \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c, und sie konnten nicht fassen, warum er auch in die sowjetisch besetzte Zone fuhr. Dort wiederum muss er sich gegen die Vereinnahmung durch die Politik wehren.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hanns Zischler spielt Thomas Mann, und er macht das fabelhaft. Er hat vor ein paar Jahren die Tageb\u00fccher Thomas Manns als H\u00f6rbuch eingelesen, au\u00dferdem die Monografie \u201eMann am Meer\u201c von Volker Weidermann. Nun gen\u00fcgen ihm Andeutungen, Bewegungsskizzen. Sandra H\u00fcller spielt Erika Mann, \u00e4lteste Tochter und zugleich Assistentin, \u00dcbersetzerin, rechte Hand. Auch sie agiert zur\u00fcckhaltend und umso nachdr\u00fccklicher. Das sind zwei Menschen, in denen es arbeitet. Versehrte, die mit emotionaler H\u00e4rte auf die Umst\u00e4nde reagieren.<\/p>\n<p>Klaus Mann starb bereits Wochen zuvor      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der ersten Szene des Films begegnet man Klaus Mann (August Diehl) in Cannes. Er telefoniert mit seiner Schwester, der er eng verbunden ist. Sie bittet ihn, nach Deutschland zu kommen, man m\u00f6ge die Reise gemeinsam machen. Doch in Frankfurt empf\u00e4ngt der Vater Erika im Hotelzimmer mit der Nachricht vom Selbstmord des Bruders: \u201eIch habe mit deiner Mutter gesprochen. Klaus ist tot.\u201c \u2013 \u201eSollten wir nicht nach Cannes fahren?\u201c \u2013 \u201eWir fahren morgen fr\u00fch weiter nach Weimar, bevor die Presse davon erf\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Film ist weitestgehend genau in der Nacherz\u00e4hlung der historischen Fakten. In zwei grundlegenden Punkten weicht er jedoch ab. Klaus Mann hatte sich bereits am 21. Mai 1949 das Leben genommen, also einige Wochen zuvor. Der Vater reiste nicht zur Beerdigung. Und: Die Deutschlandreise unternahm Thomas Mann in Wirklichkeit mit seiner Frau Katia, die hier nicht vorkommt. Durch diesen Eingriff zeigt Pawlikowski, wie stark die Kriegserfahrung in die n\u00e4chste Generation hineinwirkt. Der Film wird zum Drama einer Familie, in der sich die Krise der Welt spiegelt. \u201eWie kannst du so weitermachen?\u201c, fragt Erika im einzigen emotionalen Ausbruch dem Vater gegen\u00fcber. \u201eEs geht hier um Gr\u00f6\u00dferes als um den Selbstmord eines drogenkranken Menschen\u201c, entgegnet er. \u201eDu hast dir ein Schloss aus W\u00f6rtern gebaut, darin versteckst du dich jetzt.\u201c<\/p>\n<p>Joachim Meyerhoff spielt Gustaf Gr\u00fcndgens      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Bilder sind gro\u00dfartig komponiert. Das Schwarzwei\u00df gl\u00e4nzt. Das reduzierte Spiel kommt in den komprimiert wirkenden, fast quadratischen Ansichten besonders gut zur Geltung. Eindrucksvoll sind die Gesichter der Zuh\u00f6renden w\u00e4hrend der Reden Thomas Manns. In ihnen erblickt man die existenzielle Verunsicherung, die Entbehrungen der letzten Jahre, die Sorge vor dem, was nun kommen mag. Joachim Meyerhoff spielt in einer Nebenrolle Gustaf Gr\u00fcndgens, der sich von seiner Ex-Frau Erika Mann einer Ohrfeige einf\u00e4ngt. Fritzi Haberlandt tritt als Kellnerin auf, <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/devid-striesow\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Devid Striesow<\/a> als Johannes R. Becher.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eWo meine Heimat ist? Das ist eine schwierige Frage\u201c, sagt Thomas Mann bei der Pressekonferenz zur Verleihung des Goethe-Preises in Frankfurt, die wie ein Gerichtsprozess anmutet. Und darum geht es in diesem Film: dass jemand nicht mehr wei\u00df, wohin er geh\u00f6rt. R\u00e4umlich, aber auch zeitlich. Alte Welt, Neue Welt? Verloren an einer Bruchstelle der Historie.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Als Thomas Mann wieder in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/kalifornien\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kalifornien<\/a> ist, in seinem Haus in Pacific Palisades, schreibt er in sein Tagebuch: \u201eGl\u00fcck des Zuhause, des Gerettet- und vor der Welt Geborgenseins, die drau\u00dfen schreien mag.\u201c Die Distanz zu den USA der McCarthy-\u00c4ra wuchs jedoch. 1952 zog Mann in die Schweiz. Drei Jahre sp\u00e4ter starb er in Z\u00fcrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In einer der besten Szenen dieses Films dreht Thomas Mann durch. 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