{"id":371746,"date":"2026-09-02T23:23:12","date_gmt":"2026-09-02T23:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/371746\/"},"modified":"2026-09-02T23:23:12","modified_gmt":"2026-09-02T23:23:12","slug":"deutschlands-teures-gesundheitssystem-was-wir-von-europa-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/371746\/","title":{"rendered":"Deutschlands teures Gesundheitssystem: Was wir von Europa lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>\n        Die in diesem Artikel ge\u00e4u\u00dferten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.\n            <\/p>\n<p>Wer sich die Gesundheitssysteme unserer europ\u00e4ischen Nachbarn anschaut, stellt schnell fest, dass es den einen richtigen Weg nicht gibt. Manche L\u00e4nder setzen st\u00e4rker auf staatliche Steuerung, andere auf beitragsfinanzierte Versicherungen. Aber dort, wo Versorgung gut funktioniert, sind die Zust\u00e4ndigkeiten meistens klarer als bei uns. Patienten wissen, an wen sie sich zuerst wenden m\u00fcssen. \u00c4rzte verf\u00fcgen \u00fcber die notwendigen Informationen. Und digitale Anwendungen sind keine Modellprojekte, sondern Alltag. <\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>Mit \u00fcber zw\u00f6lf Prozent des Bruttoinlandsprodukts leistet sich Deutschland eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit. Es ist reich an Personal, Betten und Medizintechnik. Trotzdem warten Versicherte auf Termine, Befunde werden doppelt erhoben und Patienten m\u00fcssen sich h\u00e4ufig selbst darum k\u00fcmmern, dass Informationen von einer Praxis zur n\u00e4chsten gelangen. Das erleben wir als Krankenkasse immer wieder. Menschen werden vom Hausarzt zum Facharzt, von dort in die Klinik und sp\u00e4ter vielleicht noch in eine Pflegeeinrichtung geschickt. Jeder k\u00fcmmert sich um seinen Teil. Aber zu selten tr\u00e4gt jemand die Verantwortung f\u00fcr den gesamten Behandlungsweg. <\/p>\n<p>Geld fehlt nicht \u00fcberall. Es wird nicht immer sinnvoll eingesetzt<\/p>\n<p>Ein Beispiel sind vermeidbare Krankenhausaufnahmen. In Deutschland sind es rund 810 je 100.000 Einwohner. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 473. Das kann uns nicht zufriedenstellen. Wenn Patienten in einer Klinik landen, obwohl eine fr\u00fchere oder besser abgestimmte ambulante Behandlung ausgereicht h\u00e4tte, ist das f\u00fcr die Betroffenen belastend und f\u00fcr die Versichertengemeinschaft teuer. Ein Blick nach Europa zeigt mir, dass es anders gehen kann. <\/p>\n<p>Estland hat sein Gesundheitswesen \u00fcber Jahre konsequent digital vernetzt. Gesundheitsdaten und elektronische Verordnungen stehen dort wesentlich systematischer zur Verf\u00fcgung, und relevante medizinische Informationen k\u00f6nnen \u00fcber Versorgungsgrenzen hinweg genutzt werden. Das reduziert Reibungsverluste und erleichtert eine Versorgung. Denn nicht der Patient selbst wird zum \u00dcbermittler seiner medizinischen Informationen. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir diese Systeme nicht einfach kopieren. Deutschland hat andere Strukturen und eine andere Geschichte. Aber wir sollten auch nicht so tun, als h\u00e4tten wir aus den Erfahrungen unserer Nachbarn nichts zu lernen. <\/p>\n<p>Die Finanzreform reicht nicht<\/p>\n<p>Die von der damaligen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken auf den Weg gebrachte GKV-Finanzreform war angesichts einer drohenden L\u00fccke von knapp 19 Milliarden Euro notwendig. Ohne kurzfristige Stabilisierung w\u00e4re der Druck auf Beitr\u00e4ge und Leistungen noch gr\u00f6\u00dfer geworden. <\/p>\n<p>Trotzdem bleibt sie eine finanzielle Notma\u00dfnahme. Sie kauft Zeit, mehr zun\u00e4chst nicht. Ich halte es f\u00fcr einen Fehler, die Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung immer wieder mit h\u00f6heren Beitr\u00e4gen, zus\u00e4tzlichen Steuerzusch\u00fcssen oder neuen Sparvorgaben zuzudecken. Solange Patienten ungef\u00fchrt durch das System laufen und ambulante Versorgung, Krankenhaus und Pflege zu wenig miteinander verbunden sind, entstehen die n\u00e4chsten Finanzierungsl\u00fccken fast zwangsl\u00e4ufig. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen deshalb grunds\u00e4tzlicher werden. Als IKK \u2013 Die Innovationskasse haben wir gemeinsam mit dem Institut f\u00fcr Mikrodaten-Analyse ein Drei-S\u00e4ulen-Modell entwickelt. Es beantwortet eine aus meiner Sicht l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Frage: Welche Leistungen muss die Gemeinschaft verl\u00e4sslich absichern, was geh\u00f6rt zur normalen Alltagsversorgung und wo beginnt die pers\u00f6nliche Wahlfreiheit? <\/p>\n<p>Erste S\u00e4ule: Gro\u00dfe Risiken gemeinsam absichern<\/p>\n<p>Station\u00e4re Behandlungen, Pflege, Notfallstrukturen und hochkomplexe medizinische Leistungen geh\u00f6ren in eine verl\u00e4ssliche solidarische Absicherung. Wer schwer erkrankt oder pflegebed\u00fcrftig wird, darf nicht davon abh\u00e4ngig sein, was er sich zus\u00e4tzlich leisten kann. Das muss dann allerdings auch ehrlich finanziert werden. Wenn der Staat der gesetzlichen Krankenversicherung gesamtgesellschaftliche Aufgaben \u00fcbertr\u00e4gt, muss er daf\u00fcr ausreichende Steuermittel bereitstellen. Es ist nicht akzeptabel, solche Leistungen dauerhaft \u00fcber die Beitr\u00e4ge der Versicherten und Arbeitgeber mitzufinanzieren. Auch die Pflege geh\u00f6rt f\u00fcr mich in diesen Bereich. Pflegebed\u00fcrftigkeit ist kein privates Sonderrisiko. Sie kann jede Familie treffen. <\/p>\n<p>Zweite S\u00e4ule: Kosten der Alltagsversorgung sichtbar machen<\/p>\n<p>Hausarztbesuche, Arzneimittel, Vorsorge und die \u00fcbrige ambulante Versorgung bilden den medizinischen Alltag. Dieser Bereich sollte einfacher organisiert und nachvollziehbarer finanziert werden. Unser Modell sieht daf\u00fcr eine einheitliche Gesundheitspauschale von etwa 150 Euro im Monat vor. Wer diesen Betrag nicht oder nicht vollst\u00e4ndig tragen kann, erh\u00e4lt einen steuerfinanzierten Sozialausgleich. Das ist solidarisch, verschleiert aber nicht l\u00e4nger, was die laufende Versorgung kostet. \u00dcber eine solche Pauschale kann und muss man diskutieren. Entscheidend ist der Grundgedanke: Wir brauchen mehr Transparenz und weniger politische Trickserei bei der Finanzierung. <\/p>\n<p>Dritte S\u00e4ule: Mehr Freiheit bei zus\u00e4tzlichen Leistungen<\/p>\n<p>Nicht jede denkbare Leistung muss Teil der solidarisch finanzierten Grundversorgung sein. Besondere Komfortangebote, h\u00f6herwertige L\u00f6sungen beim Zahnersatz oder zus\u00e4tzliche Serviceleistungen k\u00f6nnen freiwillig abgesichert werden. Hier darf es Wettbewerb geben, auch in Zusammenarbeit mit privaten Anbietern. Die Grenze muss klar bleibe. Medizinisch notwendige Behandlungen d\u00fcrfen weder vom Einkommen noch von einem Zusatzvertrag abh\u00e4ngen. Wer krank ist, muss die erforderliche Hilfe bekommen. Wer dar\u00fcber hinaus zus\u00e4tzliche Leistungen w\u00fcnscht, soll sie frei w\u00e4hlen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Innovation muss bei den Versicherten ankommen<\/p>\n<p>Eine neue Gesundheitsordnung darf sich nicht in Finanzierungsmodellen ersch\u00f6pfen. Sie muss auch Raum f\u00fcr medizinische Innovation schaffen und daf\u00fcr sorgen, dass wissenschaftlicher Fortschritt schneller bei den Patientinnen und Patienten ankommt. Genau hier k\u00f6nnen und sollten Krankenkassen k\u00fcnftig mehr leisten, als Rechnungen zu pr\u00fcfen und Beitr\u00e4ge einzuziehen. Medizinische Innovationen m\u00fcssen in Deutschland schneller verf\u00fcgbar werden. Daf\u00fcr brauchen wir k\u00fcrzere Entscheidungswege und mehr Mut, Verantwortung dorthin zu geben, wo Versorgung konkret gestaltet wird. <\/p>\n<p>Deshalb fordern wir die Abschaffung des Gemeinsamen Bundesausschusses in seiner heutigen Form und deutlich mehr Freiheit f\u00fcr die Krankenkassen, auf Grundlage wissenschaftlicher Evidenz selbst \u00fcber innovative Versorgungsangebote zu entscheiden. Qualit\u00e4t und Patientensicherheit bleiben dabei unverzichtbar. Aber sie d\u00fcrfen nicht als Argument f\u00fcr Strukturen dienen, die Fortschritt unn\u00f6tig verz\u00f6gern. <\/p>\n<p>Auch Krankenkassen m\u00fcssen sich bewegen<\/p>\n<p>Eine Reform ist nicht glaubw\u00fcrdig, wenn alle Beteiligten Ver\u00e4nderungen immer nur von den jeweils anderen verlangen. Wer effizientere Strukturen und mehr Verantwortung fordert, muss deshalb auch bereit sein, die eigenen Strukturen infrage zu stellen. Das gilt ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr uns Krankenkassen. Deutschland braucht aus meiner Sicht keine ann\u00e4hernd 100 gesetzlichen Krankenkassen. Diese Position ist f\u00fcr mich als Vorstand einer bundesweit ge\u00f6ffneten Krankenkasse alles andere als bequem. Eine deutliche Verringerung der Kassenzahl k\u00f6nnte schlie\u00dflich auch uns selbst betreffen. Gerade deshalb halte ich diese Diskussion f\u00fcr notwendig. <\/p>\n<p>Ich kann nicht auf der einen Seite effizientere Strukturen im Gesundheitswesen fordern und auf der anderen Seite die eigene Organisation davon ausnehmen. Wenn wir ein leistungsf\u00e4higeres System wollen, m\u00fcssen wir bereit sein, auch dort Strukturen zu ver\u00e4ndern, wo es uns selbst betrifft. Es darf nicht darum gehen, Vorstandsposten oder Verwaltungsapparate zu sichern. <\/p>\n<p>Aufgaben und Finanzierungswege neu ordnen<\/p>\n<p> ist, was den Versicherten nutzt. Weniger Krankenkassen k\u00f6nnten Kompetenzen b\u00fcndeln, Verwaltungskosten senken und die Verhandlungsposition gegen\u00fcber Kliniken, Pharmaunternehmen und anderen Leistungserbringern st\u00e4rken. Die Zahl allein sagt allerdings wenig aus. Aus knapp 100 Kassen f\u00fcnf schwerf\u00e4llige Gro\u00dforganisationen zu machen, w\u00e4re noch keine Reform. Deshalb erwarte ich vom neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann mehr als neue Sparlisten. Er sollte den Mut haben, die Aufgaben und Finanzierungswege im Gesundheitswesen neu zu ordnen. <\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren die Rolle des Staates, die Steuerung der Patienten, die Verantwortung der Leistungserbringer \u2013 und eben auch die Struktur der Krankenkassen. Die Reform von Nina Warken hat der gesetzlichen Krankenversicherung wom\u00f6glich etwas Luft verschafft. Bei der n\u00e4chsten Finanzl\u00fccke aber wieder nur \u00fcber h\u00f6here Beitr\u00e4ge zu reden, kommt f\u00fcr mich einer Kapitulation gleich. Es w\u00fcrde diejenigen best\u00e4rken, die meinen, dass unser Gesundheitssystem nicht mehr reformiert werden kann. Wir leiden in allen Bereichen unter zu vielen Einzelinteressen und zu wenig Verantwortung f\u00fcr das Ganze und damit das Gemeinwohl. <\/p>\n<p>Verkrustete Strukturen, auch die eigenen, konsequent reformieren<\/p>\n<p>Der Blick auf internationale Vorreiter zeigt mir, dass erfolgreiche Gesundheitssysteme nicht vom Himmel fallen, sondern durch den Mut zur Ver\u00e4nderung entstehen. Wenn wir die Versorgung zukunftssicher machen wollen, d\u00fcrfen wir uns nicht l\u00e4nger im Systemerhalt ersch\u00f6pfen. Wir m\u00fcssen bereit sein, verkrustete Strukturen, auch die eigenen, konsequent zu reformieren und zugleich Innovationen schneller in die Versorgung zu bringen. Europa bietet daf\u00fcr keinen fertigen Bauplan, aber viele \u00fcberzeugende Beispiele. Deutschland sollte daraus seinen eigenen Weg entwickeln, mit klaren Verantwortlichkeiten, einer st\u00e4rkeren ambulanten Versorgung und Krankenkassen, die nicht nur verwalten, sondern medizinischen Fortschritt f\u00fcr ihre Versicherten nutzbar machen. <\/p>\n<p>Ralf Hermes ist hauptamtlicher Alleinvorstand der IKK \u2013 Die Innovationskasse. Er ist seit mehr als 40 Jahren im Gesundheitswesen t\u00e4tig und ber\u00e4t auch Politik und Wirtschaft. Die IKK \u2013 Die Innovationskasse mit Sitz in L\u00fcbeck ist eine bundesweit ge\u00f6ffnete deutsche Krankenkasse mit rund 270.000 Mitgliedern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die in diesem Artikel ge\u00e4u\u00dferten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":371747,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3],"tags":[6163,76,75,74,11607,124,938,937,231],"class_list":["post-371746","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-europa","tag-aerzte","tag-eu","tag-europa","tag-europe","tag-euroviews","tag-gesundheit","tag-gesundheitssystem","tag-gesundheitswesen","tag-krankenhaus"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/117204026106661811","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/371746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=371746"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/371746\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/371747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=371746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=371746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=371746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}