{"id":373271,"date":"2026-09-03T18:16:11","date_gmt":"2026-09-03T18:16:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/373271\/"},"modified":"2026-09-03T18:16:11","modified_gmt":"2026-09-03T18:16:11","slug":"einmal-kotti-und-zurueck-monopol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/373271\/","title":{"rendered":"Einmal Kotti und zur\u00fcck | Monopol"},"content":{"rendered":"<p>Die Immigranten in Deutschland kamen, um zu arbeiten \u2013 aber auch, um Kunst zu machen. Die Ausstellung &#8222;Kreuzberg&#8220; im Gropius Bau zeigt erstmals diesen besonderen Teil der Berliner Kunstgeschichte<\/p>\n<p>See the English version of the article <a href=\"https:\/\/www.monopol-magazin.de\/baw-kotti-and-back\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">here<\/a>.<br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Die 1970er- und 1980er-Jahre waren die Zeit, als in Westdeutschland alles auf einmal passierte: RAF, \u00d6lkrise, Willy Brandts Kniefall in Warschau, feministische und schwule Emanzipation, die Auseinander setzung mit NS-Zeit und Holocaust. Eine Zeit, als die Leute noch unbeschwert &#8222;Kanake&#8220; sagen konnten. Als in Kreuzberg am Kotti noch Kriegsruinen standen, die Oranienstra\u00dfe voller Brachen war, in denen t\u00fcrkische Kinder spielten. Als das Bethanien besetzt wurde und Ton Steine Scherben sangen: &#8222;Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da \/ Und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tr\u00e4nengas \u2026&#8220;<\/p>\n<p>In genau diese \u00c4ra f\u00fchrt die Ausstellung &#8222;Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960&#8220;. Und alle, die sich gerne \u00fcber &#8222;woke&#8220; Kunst aus dem globalen S\u00fcden erregen und finden, das sei aktivistischer Kram, k\u00f6nnen sich hier gleich weiter aufregen. Denn die von G\u00fcrsoy Do\u011ftas und Patrizia Dander kuratierte Schau bringt realistische Kunstformen in den Gropius Bau, auf die schon in den 1980er-Jahren die wei\u00dfe Postmoderne etwas ver\u00e4chtlich herabblickte. Etwa auf die politisch engagierte Kunst von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern aus Griechenland, der T\u00fcrkei oder dem Iran, die in den 1970er- und 1980er-Jahren als Dissidenten und Arbeitsmigranten nach West-Berlin kamen.<\/p>\n<p>Das war nichts f\u00fcr die Fans von Kippenberger oder Jeff Koons. Denn diese Werke thematisierten, v\u00f6llig ironiefrei, oft in \u00d6l gemalt und in Stein gemei\u00dfelt, Migration und Exil, Rassismuserfahrungen, Wohnungsnot, die sozialen und \u00f6konomischen Bedingungen sogenannter &#8222;Gastarbeiter&#8220;. Und die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler wollten, dass ihre Bilder, Skulpturen oder Installationen von m\u00f6glichst vielen Menschen verstanden werden. Was man also in dieser Ausstellung sieht, sind vor allem Alltagsszenen, Moment aufnahmen von Lebenswirklichkeiten: Szenen aus der Oranienstra\u00dfe, der U-Bahn, aus Fabriken und Werken, wie &#8222;Gruppenbild mit Siemensarbeitern&#8220; (1973) von der linken Berliner K\u00fcnstlerin Monika Sieveking. Oder Sohrab Shahid Saless\u2019 einflussreicher Film &#8222;In der Fremde&#8220; (1975), der das Leben eines migrantischen Arbeiters zeigt.<\/p>\n<p>Gegen die Ignoranz<\/p>\n<p>Saless (1944\u20131998) war ein iranischer Filmregisseur, der nach seiner Emigration auch den Neuen Deutschen Film mitpr\u00e4gte. Es gibt auch noch viele andere weg weisende Positionen in der Schau. Etwa Vlassis Caniaris (1928\u20132011), einer der ber\u00fchmtesten griechischen Nachkriegsk\u00fcnstler. Seine aus Maschendraht geformten, kopflosen Figuren reduzieren die migrantische Existenz auf Koffer, ein paar Klamotten. Seine bahnbrechende Ausstellung &#8222;Gastarbeiter \u2013 Fremdarbeiter&#8220;, die er 1975 in der neuen Gesellschaft f\u00fcr bildende Kunst (nGbK) zeigte, reagierte auf die Wende in der deutschen Migrationspolitik.\u00a0<\/p>\n<p>1973 trat ein Anwerbestopp f\u00fcr Gastarbeiter in Kraft, 1975 wurde in Berlin ein Zuzugsstopp f\u00fcr drei Bezirke verh\u00e4ngt. Die Stimmung gegen Ausl\u00e4nder wurde feindlicher. Daraufhin zeigte die nGbK im K\u00fcnstlerhaus Bethanien 1975 die Ausstellung &#8222;Mehmet Berlin\u2019de \/ Mehmet kam aus Anatolien&#8220;, die die t\u00fcrkischen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler selbst gestalteten. Sie thematisierten erstmals ihre eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen als Einwanderer. Zur Vermittlung geh\u00f6rte, dass auf dem Mariannenplatz gegrillt und gefeiert wurde.<\/p>\n<p>Das Tolle an der Ausstellung im Gropius Bau ist, dass Do\u011ftas Migrationsgeschichte als Kunstgeschichte erz\u00e4hlt und versucht, eine Leerstelle zu f\u00fcllen \u2013 auch formal. Do\u011ftas, der schon mehrere Ausstellungen zu diesem Thema gemacht hat und als kreativer Vermittler <a href=\"https:\/\/www.monopol-magazin.de\/manifesta-16-ruhr-this-is-not-a-church-review\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">gerade die Manifesta 16 mitkuratiert hat<\/a>, nennt diese vergessene Str\u00f6mung &#8222;vor-postmigrantisch&#8220;. Und erz\u00e4hlt, dass sie in seinem Studium einfach nicht vorkam.<\/p>\n<p>Ende der Ignoranz?<\/p>\n<p>Als ich gestehe, dass ich diesen Realismus selbst gruselig fand, erz\u00e4hlt er, dass er seiner Mutter, die Akkordarbeiterin war, 2024 eine Ausstellung im Marta Herford gewidmet hat. Es war ihr erster Museumsbesuch \u00fcberhaupt. Als sie sich vor dem &#8222;Gruppenbild mit Siemensarbeitern&#8220; mit der deutschen K\u00fcnstlerin \u00fcber ihre Eindr\u00fccke zum Gem\u00e4lde unterhielt, \u00fcbersetzte er. Ein unglaublich toller Moment sei das gewesen, sagt er, &#8222;weil sie sich in den gemalten Arbeiterinnen wiedererkannte und begriff, dass auch ihr eigenes Leben es wert war, dargestellt zu werden&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>In diesem Moment wird mir klar, dass diese Kunst mit einem Publikum sprechen konnte, das die Museen vergessen haben. Bis heute sind die meisten Leben und die Arbeit der meisten Leute nicht bildw\u00fcrdig. Du siehst keine Gem\u00e4lde von Kassiererinnen oder Amazon-Kurieren im Museum, nichts \u00fcber Produktionsverh\u00e4ltnisse oder Armut. Ich fand das selbst lange okay, ohne meinen Kunstbegriff zu hinterfragen, der immer privilegiert auf die Welt schaute. Vielleicht ist diese Ausstellung ein erster Schritt, dieser Ignoranz ein Ende zu setzen.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Berlin Art Week 2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Immigranten in Deutschland kamen, um zu arbeiten \u2013 aber auch, um Kunst zu machen. 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