{"id":375038,"date":"2026-09-04T12:18:11","date_gmt":"2026-09-04T12:18:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/375038\/"},"modified":"2026-09-04T12:18:11","modified_gmt":"2026-09-04T12:18:11","slug":"ki-laesst-geschichtsforschung-aus-dem-vollen-schoepfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/375038\/","title":{"rendered":"KI l\u00e4sst Geschichtsforschung aus dem Vollen sch\u00f6pfen"},"content":{"rendered":"<p>\n        Manche sprechen von einer Revolution, die K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) der Geschichtsforschung beschert. Bei diesem Urteil zeigt sich der Mittelalterforscher Helmut Reimitz noch zur\u00fcckhaltend. Aber &#8222;wir k\u00f6nnen Fragen, die uns schon lange besch\u00e4ftigt haben, in einem vor zehn Jahren noch undenkbaren Ma\u00dfstab verfolgen&#8220;, sagte der designierte Direktor des \u00d6AW-Institutes f\u00fcr Mittelalterforschung und Uni-Wien-Professor zur APA. Das werde ver\u00e4ndern, welche Fragen Historiker stellen.\n      <\/p>\n<p>\n        04. 09. 2026,  06:03\u00a0Uhr<br \/>\n        Lesedauer:        3 Minuten<\/p>\n<p>Die Disziplin habe sich nat\u00fcrlich immer weiterentwickelt: &#8222;Bis 1960 haben sich Historiker kaum um die Geschichte der Frauen, Geschlechterverh\u00e4ltnisse, die sozialen Unterschichten oder verschiedene Randgruppen der Gesellschaft gek\u00fcmmert&#8220;, so der Forscher. Doch das Fach habe sich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts von einer &#8222;legitimatorischen Disziplin zu einer kritischen&#8220; entwickelt. Wie sich nun die Kommunikation mit den Maschinen auf die wissenschaftliche Methodik und Fragestellung auswirke, bleibe aber letztlich noch abzuwarten.<\/p>\n<p>&#8222;Konnte ja nicht 300.000 Handschriften durchlesen&#8220;<\/p>\n<p>Der Impakt sei jedenfalls gegeben: Bisher analysierten Historikerinnen und Historiker von ihnen ausgew\u00e4hlte einzelne Papyri oder bestimmte handschriftliche \u00dcberlieferungen aus fr\u00fcheren Zeiten. &#8222;Man konnte ja nicht 300.000 Handschriften durchlesen&#8220;, so Reimitz, der mit internationalen Kollegen des Netzwerkes &#8222;SCOOP &#8211; Source Codes of the Past&#8220; Anfang der Woche in Wien neue Methoden zur automatischen Texterkennung sowie Strategien im Umgang mit KI diskutiert.<\/p>\n<p>KI erm\u00f6gliche immer mehr, Archive in ihrer Gesamtheit zu erschlie\u00dfen &#8211; &#8222;ohne die individuelle Selektion, die immer eine ideologische, politische oder strategische ist&#8220;. Der Fokus auf ausgew\u00e4hlte Quellen habe Forschende bisher nur &#8222;exemplarisch&#8220; argumentieren lassen: &#8222;Mit dem Zugang zu mehr Material werden die Antworten auch komplexer.&#8220;<\/p>\n<p>Das kommt Reimitz gelegen. Ihn interessiert die Diversit\u00e4t in fr\u00fcheren Gesellschaften. Der Forscher, der sich mit Handschriftenkulturen besch\u00e4ftigt und in seiner Forschung der Entstehung Europas &#8211; in Abgrenzung zur byzantinischen und islamischen Welt zwischen dem 3. und 11. Jahrhundert &#8211; nachsp\u00fcrt, fragt sich etwa: Wer begriff sich bereits als Welt verschiedener V\u00f6lker? Wie ging man mit Minderheiten um? Welche Bedeutung hatten verschiedene religi\u00f6se Konfessionen? Er setzte sich schon in den USA, in seiner Zeit an der Princeton University, daf\u00fcr ein, die davon ausgehende Komplexit\u00e4t mit Hilfe von KI-Methoden erfassen zu k\u00f6nnen &#8211; und zugleich die Komplexit\u00e4t der handschriftlichen \u00dcberlieferung mit KI zu knacken.<\/p>\n<p>Von Princeton zur\u00fcck nach Wien<\/p>\n<p>Der 61-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige Wiener war rund 18 Jahre an der renommierten US-Hochschule t\u00e4tig. Seine wissenschaftliche Karriere startete er in Wien: Die hiesige Geschichtsforschung genie\u00dfe hohes Ansehen, &#8222;ohne diesen Hintergrund h\u00e4tte ich wohl nicht den Job in Princeton bekommen&#8220;. Mit der Emeritierung des renommierten Mittelalterforschers Walter Pohl ergab sich f\u00fcr Reimitz die M\u00f6glichkeit, als Professor f\u00fcr Geschichte des Fr\u00fchen Mittelalters der Universit\u00e4t Wien und \u00d6AW-Historiker zur\u00fcckzukehren. Mit Anfang 2027 wird er die Leitung des \u00d6AW-Institutes f\u00fcr Mittelalterforschung \u00fcbernehmen. Im Vorjahr leitete er bereits das dortige Digital Lab.<\/p>\n<p>&#8222;Diese Zeit des \u00dcbergangs hat uns mehr M\u00f6glichkeiten gegeben, die Br\u00fccke zwischen Princeton und Wien weiter auszubauen.&#8220; So wird auch die Tagung von &#8222;SCOOP&#8220; gemeinsam von der \u00d6AW, der Uni Wien und Princeton organisiert. Das Netzwerk hat sich unter ma\u00dfgeblicher Initiative von Reimitz gebildet und vereint Forschende im Bereich der &#8222;Digital Humanities&#8220;. Ziel sei es, KI-Werkzeuge besser f\u00fcr die Arbeit &#8222;an der Vielfalt und Vielgestaltigkeit handschriftlicher \u00dcberlieferungen zu trainieren&#8220;. Also fit zu machen im Umgang mit unterschiedlichen Orthografien, mehreren Sprachen, begleitenden Randnotizen oder auch Illustrationen: &#8222;Diese Handschriften sind sehr individuell. Eine Handschrift ist fast wie ein Kunstwerk gestaltet. Man muss Modelle trainieren, die in der Lage sind, diese Verschiedenheiten zu bew\u00e4ltigen und trotzdem den Text einigerma\u00dfen richtig zu lesen. Wenn das gelingt, sind wir sehr weit!&#8220;<\/p>\n<p>Als gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr sein Fach sieht Reimitz, die vom Tun der KI ausgehende &#8222;Black Box&#8220; zu \u00fcberwinden und wissenschaftliche Ergebnisse trotz KI-Einsatz transparent, nachvollziehbar und \u00fcberpr\u00fcfbar pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen &#8211; ein Grundsatz wissenschaftlichen Arbeitens.<\/p>\n<p>Um die M\u00f6glichkeiten der KI ausspielen zu k\u00f6nnen, brauche es zudem digitalisierte Best\u00e4nde: &#8222;Vor 20 Jahren sind Digitalisierungsprojekte sehr gut finanziert worden. Heute wird vor allem die Entwicklung von KI- oder Machine-Learning-Tools gef\u00f6rdert.&#8220; Gleichzeitig stellen sich die Fragen, wie man mit der Anh\u00e4ufung gro\u00dfer Datenmengen umgehen soll, die \u00f6konomisch wie \u00f6kologisch auch Belastungen darstellen.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfen LLMs kommunizieren<\/p>\n<p>Auch das Werken der gro\u00dfen Large Language Models (LLMs) d\u00fcrfe man nicht aus den Augen verlieren: &#8222;Unser Wissen wird st\u00e4ndig abgesaugt von den KI-Assistenten von Google und Co. Und ja, sie er\u00f6ffnen wunderbare Ressourcen. Mit Gemini 3.5 erh\u00e4lt man eine eigentlich ganz gute Transkription einer historischen Handschrift, wenn sie nicht zu kompliziert ist&#8220;, so Reimitz. Hier brauche es &#8222;gute Quellenkritik&#8220;, &#8222;historische Kompetenz&#8220; sowie Strategien, \u00fcber die Qualit\u00e4t des pr\u00e4sentierten Materials entscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Etablierung der KI als Kommunikationspartner des Menschen sei unaufhaltsam. Reimitz sieht die eigene Zunft in der Pflicht, hier in die Kommunikation hineinzugehen. Er habe erst j\u00fcngst mit einem KI-Assistenten diskutiert: &#8222;Ich habe nach einem Paper eines Kollegen gesucht, und das ist mir dann dargestellt worden &#8211; mit einer Erkl\u00e4rung, warum es wichtig ist. Doch die angef\u00fchrte Bedeutung der Erforschung von ethnischen Identit\u00e4ten ist zuf\u00e4llig eines meiner Spezialgebiete. Und sie war vollkommen falsch. Da habe ich mich als Forscher zu erkennen gegeben und einen Vorschlag gemacht, wie die Erkl\u00e4rung besser wird &#8230; Es war gro\u00dfartig!&#8220; Gleichzeitig trainiere man eben auch die KI.<\/p>\n<p>Als k\u00fcnftiger \u00d6AW-Institutsdirektor will er an der Schnittstelle von KI und Mittelalterforschung neue Akzente setzen. F\u00fcr seine R\u00fcckkehr habe auch gesprochen, dass es in der hiesigen Forschungskultur &#8222;mehr Offenheit f\u00fcr Investitionen in digitale Infrastruktur&#8220; gibt. Die Entscheidung f\u00fcr Wien fiel schon vor Beginn der zweiten Amtszeit von US-Pr\u00e4sident Donald Trump und seiner stark kritisierten Forschungspolitik. Zur\u00fcck lie\u00df Reimitz &#8222;viele Freunde und gute Kollegen&#8220;. Aber: &#8222;Ich habe nun lange den Ball \u00fcber den Atlantik aus Princeton hin und her gespielt, warum kann ich das nicht auch aus Wien machen?&#8220;<\/p>\n<p>(Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Lena Yadlapalli\/APA)<\/p>\n<p>(S E R V I C E &#8211; Tagung &#8222;2nd International Exchange Meeting: SCOOP: Source Codes of the Past&#8220; am 7. und 8. September in Wien: <a href=\"https:\/\/go.apa.at\/r16o9xqu\" target=\"_blank\" title=\"https:\/\/go.apa.at\/r16o9xqu\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">https:\/\/go.apa.at\/r16o9xqu<\/a> )<\/p>\n<p>(Quelle: APA)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Manche sprechen von einer Revolution, die K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) der Geschichtsforschung beschert. 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