{"id":375590,"date":"2026-09-04T17:57:11","date_gmt":"2026-09-04T17:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/375590\/"},"modified":"2026-09-04T17:57:11","modified_gmt":"2026-09-04T17:57:11","slug":"fledermaeuse-tragen-als-einzige-saeugetiere-zwei-antikoerpersaetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/375590\/","title":{"rendered":"Flederm\u00e4use tragen als einzige S\u00e4ugetiere zwei Antik\u00f6rpers\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tAngeborene Virustoleranz<\/p>\n<p class=\"timeinfo\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\u00a004. September 2026  19:10<br \/>\n\t\t\t\t\t\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/autor\/Dennis-Lenz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dennis Lenz<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/fledermaeuse-tragen-als-einzige-saeugetiere-zwei-antikoerpersaetze.jpg\"   alt=\"Flederm\u00e4use tragen als einzige S\u00e4ugetiere zwei Antik\u00f6rpers\u00e4tze\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild) Glattnasenflederm\u00e4use bilden mit \u00fcber 500 Arten die artenreichste Familie unter den Fledertieren und besiedeln jeden Kontinent au\u00dfer der Antarktis. Ihre F\u00e4higkeit, zahlreiche Viren zu beherbergen, ohne selbst schwer zu erkranken, besch\u00e4ftigt die Immunologie seit Jahrzehnten. Bislang richtete sich der Blick vor allem auf die schnelle, unspezifische Abwehr. Eine neue Genomanalyse verschiebt die Aufmerksamkeit auf jenen Teil des Immunsystems, der ma\u00dfgeschneiderte Antik\u00f6rper herstellt.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>Flederm\u00e4use beherbergen zahlreiche Viren, die bei anderen S\u00e4ugetieren schwere Erkrankungen ausl\u00f6sen, und bleiben dabei selbst meist gesund. Eine Genomanalyse liefert nun einen bisher \u00fcbersehenen Baustein f\u00fcr die Erkl\u00e4rung dieses R\u00e4tsels. Bei der artenreichsten Fledermausfamilie fanden sich zwei vollst\u00e4ndig getrennte Gensysteme f\u00fcr die schweren Ketten von Antik\u00f6rpern, eine Anordnung, die bei keinem anderen S\u00e4ugetier bekannt ist. Beide Systeme arbeiten offenbar nach unterschiedlichen Prinzipien und erg\u00e4nzen sich dabei.<\/p>\n<p>Antik\u00f6rper sind Y-f\u00f6rmige Eiwei\u00dfmolek\u00fcle, mit denen das erworbene Immunsystem Krankheitserreger erkennt und markiert. Jedes dieser Molek\u00fcle besteht aus zwei schweren und zwei leichten Proteinketten, die zusammen die Bindungsstelle bilden. Damit ein Organismus auf praktisch jeden denkbaren Erreger reagieren kann, werden diese Ketten nicht fertig vererbt, sondern bei jeder heranreifenden Abwehrzelle neu zusammengesetzt. Daf\u00fcr liegt im Erbgut ein Vorrat an Genabschnitten bereit, die nach dem Baukastenprinzip kombiniert werden. Bei Flederm\u00e4usen sowie bei allen anderen bislang untersuchten S\u00e4ugetieren, vom Menschen \u00fcber die Maus bis zum Wal, stammt dieser Baukasten f\u00fcr die schweren Ketten aus einem einzigen Genort auf einem einzigen Chromosom. Diese Regel galt als so verl\u00e4sslich, dass sie kaum je \u00fcberpr\u00fcft wurde.<\/p>\n<p>Ein Forschungsteam der Tulane University hat sie gemeinsam mit Kollegen der Stanford University und der amerikanischen Seuchenschutzbeh\u00f6rde dennoch getestet und daf\u00fcr das Erbgut von Glattnasenflederm\u00e4usen durchsucht. Diese Familie umfasst mehr als 500 Arten und kommt auf allen Kontinenten au\u00dfer der Antarktis vor, in Mitteleuropa geh\u00f6ren unter anderem Zwerg-, Wasser- und Abendsegler dazu. Ihre evolution\u00e4re Erfolgsgeschichte ist seit Langem ein eigenes Forschungsthema. Untersucht wurde exemplarisch die in Nordamerika weit verbreitete Gro\u00dfe Braune Fledermaus. Der Befund fiel deutlicher aus als erwartet: Statt eines einzigen Genorts f\u00fcr die schweren Ketten fanden sich zwei, auf zwei verschiedenen Chromosomen, beide funktionsf\u00e4hig und beide in Gebrauch.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tZwei Genorte mit sehr unterschiedlicher Arbeitsweise<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist nicht allein die Verdopplung, sondern die Arbeitsteilung dahinter. Der eine Genort enth\u00e4lt 33 Antik\u00f6rpergene, der andere 99. Damit stehen insgesamt deutlich mehr Ausgangsbausteine zur Verf\u00fcgung als bei anderen S\u00e4ugetieren, was allein schon die Zahl m\u00f6glicher Kombinationen erh\u00f6ht. Entscheidend ist jedoch, dass beide Systeme ihre Produkte unterschiedlich weiterverarbeiten. Der kleinere Genort betreibt eine intensive Nachbearbeitung: Die entstehenden Antik\u00f6rper werden gezielt mutiert und verfeinert, bis sie sehr genau auf ein bestimmtes Ziel passen. Der gr\u00f6\u00dfere Genort startet dagegen mit weit mehr Vorlagen, ver\u00e4ndert sie anschlie\u00dfend aber weniger stark, was zu einem breiten Repertoire von Antik\u00f6rpern f\u00fchrt, die viele Ziele eher lose erkennen. Damit deckt das Tier zwei Anforderungen gleichzeitig ab, die sich sonst gegenseitig ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Warum das die Toleranz gegen\u00fcber Viren erkl\u00e4ren k\u00f6nnte<\/p>\n<p>F\u00fcr ein Tier, das st\u00e4ndig mit einer gro\u00dfen Zahl unterschiedlicher Viren in Kontakt kommt, ist diese Kombination bemerkenswert n\u00fctzlich. Breit bindende Antik\u00f6rper erlauben eine sofortige, wenn auch grobe Reaktion auf einen bislang unbekannten Erreger. Pr\u00e4zise Antik\u00f6rper sorgen anschlie\u00dfend f\u00fcr die gezielte Bek\u00e4mpfung. Denkbar ist, dass Flederm\u00e4use damit Infektionen fr\u00fch so weit eind\u00e4mmen, dass es gar nicht erst zu jener \u00fcberschie\u00dfenden Entz\u00fcndungsreaktion kommt, die bei vielen Virusinfektionen den eigentlichen Schaden verursacht. Bislang konzentrierte sich die Forschung fast ausschlie\u00dflich auf die angeborene Immunabwehr dieser Tiere, etwa auf dauerhaft aktive Interferonsysteme. Die vorliegende Untersuchung lenkt den Blick erstmals auf die erworbene Abwehr und ist als <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/sciadv.aeb6714\" title=\"Science Advances, Immunoglobulin Heavy Chain Locus Duplication in Bats\">Fachartikel in Science Advances vollst\u00e4ndig zug\u00e4nglich<\/a>, einschlie\u00dflich der Genomdaten.<\/p>\n<p>Was der Befund nicht bedeutet<\/p>\n<p>Wichtig ist eine n\u00fcchterne Einordnung. Der Nachweis zeigt eine bislang unbekannte genetische Ausstattung, er belegt aber nicht, dass genau diese Ausstattung die Virustoleranz verursacht. Beides zusammenzubringen erfordert Versuche, in denen die Antik\u00f6rperantwort tats\u00e4chlich infizierter Tiere im Detail verfolgt wird. Zudem sind Flederm\u00e4use keineswegs immun: Sie erkranken an Tollwut, und die durch einen Pilz ausgel\u00f6ste Wei\u00dfnasenkrankheit hat in Nordamerika ganze Populationen einbrechen lassen. Auch bleibt offen, ob die Verdopplung nur bei Glattnasenflederm\u00e4usen vorkommt oder ob andere Fledermausfamilien \u00e4hnliche L\u00f6sungen entwickelt haben. Die Untersuchung erfasste zun\u00e4chst eine Familie, wenn auch die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte. Weitere Arten m\u00fcssen entsprechend gepr\u00fcft werden, bevor sich verallgemeinern l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Interessant ist der Befund dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die Grundlagenforschung am Immunsystem allgemein. Wenn eine so fundamentale Anordnung wie der Aufbau des Antik\u00f6rperbaukastens bei einer gro\u00dfen S\u00e4ugetiergruppe abweicht, ist die bisherige Annahme einer festen Regel nicht mehr haltbar. F\u00fcr die Entwicklung von Impfstoffen und Antik\u00f6rpertherapien ist relevant, welche Bauprinzipien \u00fcberhaupt m\u00f6glich sind, denn sie liefern Vorlagen f\u00fcr technische Nachbildungen. Dass Tierarten mit ungew\u00f6hnlicher Lebensweise wiederholt zu unerwarteten Einsichten f\u00fchren, zeigt sich auch anderswo, etwa bei Beobachtungen dazu, was <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/biologie\/koenigspinguine-zeigen-was-ein-leben-im-ueberfluss-mit-dem-koerper-macht-133712581\" title=\"K\u00f6nigspinguine zeigen was ein Leben im \u00dcberfluss mit dem K\u00f6rper macht\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ein Leben im Nahrungs\u00fcberfluss mit dem K\u00f6rper von K\u00f6nigspinguinen anstellt<\/a>.<\/p>\n<p>Flederm\u00e4use bleiben ein Sonderfall der Evolution<\/p>\n<p>Die Gruppe vereint ohnehin mehrere biologische Ausnahmen. Sie sind die einzigen S\u00e4ugetiere mit aktivem Flugverm\u00f6gen, viele Arten orientieren sich per Echoortung, und sie erreichen im Verh\u00e4ltnis zu ihrer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe ein au\u00dfergew\u00f6hnlich hohes Alter. Der aktive Flug erfordert einen extrem hohen Stoffwechselumsatz und l\u00e4sst die K\u00f6rpertemperatur zeitweise auf Werte steigen, die bei anderen S\u00e4ugetieren Fieber entspr\u00e4chen. Eine verbreitete Hypothese lautet, dass die Anpassungen an diese Dauerbelastung zugleich das Immunsystem umgebaut haben. Die nun gefundene Verdopplung der Antik\u00f6rpergene f\u00fcgt sich in dieses Bild ein, ohne es zu beweisen. Sie zeigt jedenfalls, dass die Evolution bei dieser Gruppe an mehreren Stellen gleichzeitig von den gewohnten Baupl\u00e4nen abgewichen ist.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt ver\u00e4ndert der Befund auch die Perspektive auf ein oft einseitig gef\u00fchrtes Thema. Flederm\u00e4use werden in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung \u00fcberwiegend als Virusreservoir behandelt, obwohl sie als Insektenvertilger und Best\u00e4uber erhebliche \u00f6kologische Leistungen erbringen und in Mitteleuropa durchweg unter Schutz stehen. Dass gerade ihr Immunsystem Bauprinzipien enth\u00e4lt, die kein anderes S\u00e4ugetier besitzt, macht sie eher zu einer Wissensquelle als zu einer Bedrohung. Wie viel sich aus konsequenter Beobachtung einzelner Tiergruppen gewinnen l\u00e4sst, zeigt auch die Arbeit daran, wie <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/biologie\/kuenstliche-intelligenz-entschluesselt-die-sprache-der-wale-133712231\" title=\"K\u00fcnstliche Intelligenz entschl\u00fcsselt die Sprache der Wale\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">sich die Struktur in der Lautkommunikation von Walen entschl\u00fcsseln l\u00e4sst<\/a>. In beiden F\u00e4llen liefert eine einzelne Tiergruppe Antworten auf sehr allgemeine Fragen.<\/p>\n<p>Science Advances, Immunoglobulin Heavy Chain Locus Duplication in Bats; doi:10.1126\/sciadv.aeb6714<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Angeborene Virustoleranz \u00a004. 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