{"id":376873,"date":"2026-09-05T10:18:11","date_gmt":"2026-09-05T10:18:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/376873\/"},"modified":"2026-09-05T10:18:11","modified_gmt":"2026-09-05T10:18:11","slug":"zahn-op-mit-doppelten-handschuhen-wie-alte-aengste-vor-hiv-noch-heute-patienten-treffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/376873\/","title":{"rendered":"Zahn-OP mit doppelten Handschuhen: Wie alte \u00c4ngste vor HIV noch heute Patienten treffen"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Ein Patient hat einen Termin f\u00fcr eine Zahn-OP. Doch etwas ist anders an diesem Tag. Das medizinische Personal zieht sich vor der Operation \u00fcber die \u00fcblichen Handschuhe noch ein weiteres paar Handschuhe. Und alle sind komplett vermummt. \u201eVerwiesen wird in solchen F\u00e4llen dann auf vermeintliche Hygienevorschriften, die es so aber gar nicht gibt\u201c, sagt Brigitte Str\u00f6bele, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Vereins Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen mit Sitz in T\u00fcbingen. Sein Einzugsbereich erstreckt sich \u00fcber die gesamte Region Neckar-Alb, also auch \u00fcber den Zollernalbkreis. Der Grund f\u00fcr die doppelte Vorsicht w\u00e4hrend der Zahn-OP: Der zu behandelnde Patient ist HIV positiv. Zugetragen hat sich diese Zahnarzt-Episode nicht in den 1980er-Jahren, sondern erst vor ein paar Wochen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">R\u00fcckblick: Im Jahr 1983 entdeckten Forscher das HI-Virus Typ 1, drei Jahre sp\u00e4ter Typ 2. Der \u201eSpiegel\u201c titelte seinerzeit: \u201eDie t\u00f6dliche Seuche Aids\u201c. Was folgte, waren viele Jahre der Stigmatisierung. Vor allem homosexuelle M\u00e4nner und drogenabh\u00e4ngige Menschen waren dieser allgemeinen (Vor-)Verurteilung ausgesetzt.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/997c6be0-cfbc-4d18-b7e2-f60aed818e24.jpg\" alt=\"Beim Christopher-Street-Day (CSD) in Balingen im Jahr 2025 war die Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen auch mit einem Stand vor Ort.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Beim Christopher-Street-Day (CSD) in Balingen im Jahr 2025 war die Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen auch mit einem Stand vor Ort. (Foto: Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Und \u00fcber 40 Jahre sp\u00e4ter? \u201eW\u00e4hrend Medizin und Forschung in den vergangenen 26 Jahren enorme Fortschritte in der Behandlung von HIV gemacht haben, sind diese Errungenschaften im gesellschaftlichen Umgang mit HIV-positiven Menschen weniger zu erkennen\u201c, so Melanie Eisele, die in der Aidshilfe f\u00fcr den Bereich Pr\u00e4vention und Bildungsangebote zust\u00e4ndig ist. Aids ist heute l\u00e4ngst nicht mehr die \u201et\u00f6dliche Seuche\u201c, wie der \u201eSpiegel\u201c einst titelte. Das hei\u00dft gleichwohl nicht, dass sie f\u00fcr Betroffene nicht auch weiterhin t\u00f6dlich enden kann. Fr\u00fchzeitig erkannt und behandelt, kann man das Fortschreiten der Krankheit medikament\u00f6s aber mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit aufhalten und die Virenlast unter die Nachweisgrenze bringen.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">\u201eUm auch mal etwas die Panik aus der \u00f6ffentlichen Debatte herauszunehmen, ist es wichtig zu wissen, dass das HI-Virus in <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Deutschland\" data-rtr-id=\"6c48d7d5b099c64b41367070a52ae27833560fd5\" data-rtr-score=\"11.103751392843877\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"20\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/deutschland\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a> gar nicht so weitverbreitet ist, wie h\u00e4ufig vermutet wird\u201c, sagt Str\u00f6bele. Bei rund 95 Prozent der derzeit etwa 97.000 mit dem HI-Virus infizierten Menschen in Deutschland liege die Virenlast unter der Nachweisgrenze. \u201eSie gelten damit als nicht mehr ansteckend.\u201c Und selbst wenn man auch einmal ungesch\u00fctzten Sex mit einem infizierten Partner oder einer infizierten Partnerin habe, komme es dabei in den allermeisten F\u00e4llen nicht zu einer \u00dcbertragung des Virus.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Da es aber auch nicht ausgeschlossen ist und es noch einige andere sexuell \u00fcbertragbare Infektionen gibt, \u201eist unsere Pr\u00e4ventionsarbeit so wichtig\u201c, betont Melanie Eisele. Die beginnt bei Siebtkl\u00e4sslern in Schulen in der gesamten Region, reicht \u00fcber diverse Infoveranstaltungen und -st\u00e4nde und endet bei pers\u00f6nlichen Beratungsgespr\u00e4chen und Hilfestellungen in den R\u00e4umen der Aidshilfe in der Herrenberger Stra\u00dfe in T\u00fcbingen, an die auch das vom Verein organisierte Caf\u00e9 Rote Schleife angeschlossen ist.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Es sei wichtig, das Thema HIV und Aids auch immer in Relation zu stellen. \u201eDenn es ist viel wahrscheinlicher, dass man sich bei einem One-Night-Stand ohne Kondom mit Chlamydien, Gonorrhoe oder etwas anderem ansteckt\u201c, erkl\u00e4rt Str\u00f6bele. \u201eWir versuchen dann immer, die Panik herauszunehmen, irgendwo aber auch die Scham aufzufangen und erstberatend zur Seite zu stehen.\u201c<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/bd6c8345-de85-455f-ab38-7214ccc6e067.jpg\" alt=\"Hilfe und Beratung seit 40 Jahren\" width=\"100\" height=\"100\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/>Aidshilfe T\u00fcbingen-ReutlingenHilfe und Beratung seit 40 Jahren<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Seit 1986 unterst\u00fctzt die Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen Menschen mit HIV\/Aids sowie Menschen mit Suchterkrankungen (mit und ohne HIV). Mit Beratung, Begleitung und niedrigschwelligen Angeboten setzt sich die Beratungsstelle f\u00fcr ein w\u00fcrdevolles Leben ohne Ausgrenzung ein. Unter dem Namen Checkpoint gibt es verschiedene Testangebote auf HIV und andere sexuell \u00fcbertragbare Infektionen. In Schulen und Einrichtungen im Gesundheitswesen machen zwei Sozialarbeiterinnen Workshops und Vortr\u00e4ge zu HIV\/STIs, Rausch und Risiko sowie sexueller Gesundheit. Die Aidshilfe ist zudem eine Anlaufstelle f\u00fcr queere Menschen.<br \/>Regul\u00e4re Checkpoint-Termine:<br \/>Jeden ersten Dienstag im Monat von 18.30 bis 21 Uhr; jeden Montag 15 bis17 Uhr; Anmeldung zu den Sprechzeiten Montag 15 bis 17 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10 bis12 Uhr<br \/>Herrenberger Stra\u00dfe 9; 72070 T\u00fcbingen; 07071 44490<br \/>weitere Informationen www.aidshilfe-tuebinngen-reutlingen.de<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Dieser Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen zeigt, wie sich der Verein seit seiner Gr\u00fcndung vor 40 Jahren gewandelt hat. Seinerzeit gegr\u00fcndet von einer Gruppe schwuler M\u00e4nner steht Aids zwar \u201ewegen der Bekanntheit in der \u00d6ffentlichkeit\u201c (Str\u00f6bele) nach wie vor plakativ im Vereinsnamen. \u201eAber wir sind l\u00e4ngst zu einer allgemeinen \u201aBeratungsstelle f\u00fcr die sexuelle Gesundheit\u201b geworden. Und bieten in diesem Zusammenhang auch Tests auf die unterschiedlichen Geschlechtskrankheiten an.\u201cEine Anlaufstelle, die im vergangenen Jahr von 604 Menschen aufgesucht wurde. Bei ihnen wurden insgesamt 1431 Tests \u2013 etwa auf HIV, Chlamydien und Syphilis durchgef\u00fchrt.\u00a0\u00a0\u201eDabei ist es uns wichtig, unser Angebot niederschwellig zu halten\u201c, sagt Str\u00f6bele, \u201ekonkret hei\u00dft das, man kann sich bei uns anonym und kosteng\u00fcnstig testen lassen.\u201c<\/p>\n<p class=\"tw-text-secondary tw-mb-0 tw-text-base sm:tw-text-base\">Dabei ist es uns wichtig, unser Angebot niederschwellig zu halten, konkret hei\u00dft das, man kann sich bei uns anonym und kosteng\u00fcnstig testen lassen.<\/p>\n<p>Brigitte Str\u00f6bele, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Doch die bei der Aidshilfe besch\u00e4ftigten Sozialp\u00e4dagogen und Psychologen f\u00fchren nicht nur Pr\u00e4ventionsveranstaltungen und Tests durch, der Verein ist auch eine Anlaufstelle f\u00fcr die unterschiedlichsten Gruppen. \u00a0Etwa jene Gruppen, die auch heute noch tagt\u00e4glich von Teilen der Gesellschaft (sexual-)gesundheitlich stigmatisiert werden. Seien es Drogenabh\u00e4ngige, Homosexuelle oder Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. \u201eIn den Anf\u00e4ngen der Aidshilfe haben wir uns augenzwinkernd als \u201aAllianz der Schmuddelkinder\u201b bezeichnet\u201c.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Man k\u00f6nne aus Sicht der Aidshilfe jetzt nicht sicher sagen, dass sich die allgemeine Stimmung diesen Gruppen gegen\u00fcber in der Gesellschaft, ob der zunehmenden, gesellschaftlichen Spaltung und des zu sp\u00fcrenden Rechtsrucks, verschlechtert hat. \u201eWas wir aber feststellen, dass sich gerade auch unter jungen Menschen die Ablehnung dieser Gruppen immer wieder einmal auch in verbaler Aggression \u00e4u\u00dfert\u201c, sagt Eisele. Man versuche dann selbst argumentativ dagegenzuhalten. \u201eWenn \u00c4u\u00dferungen aber beispielsweise in einem Aufruf zur Gewalt m\u00fcnden, suchen wir nach dem Besuch der Schulklasse, der extra ohne Lehrkr\u00e4fte stattfindet, auch das Gespr\u00e4ch mit Schulsozialarbeitern.\u201c<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/935ec3ef-d13a-4f3f-8313-d16264712976.jpg\" alt=\"Im Checkpoint der Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen k\u00f6nnen sich Menschen auf unterschiedliche Geschlechtskrankheiten testen lassen.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Im Checkpoint der Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen k\u00f6nnen sich Menschen auf unterschiedliche Geschlechtskrankheiten testen lassen. (Foto: Aidshilfe T\u00fcbingen-Reutlingen)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Das Stigma, dem die \u201eSchmuddelkinder\u201c ausgesetzt sind, weist, so die Erfahrung von Str\u00f6bele, Eisele und Co. auch ein gro\u00dfes Stadt-Land-Gef\u00e4lle auf. \u201eWir haben explizit auch schon Infoveranstaltungen auf der Schw\u00e4bischen Alb organisiert, da sind nur wenige gekommen.\u201c Und das liege mit Sicherheit nicht daran \u201edass die Menschen auf der Alb weniger Sex haben, sondern wohl daran, dass die Sichtbarkeit des einzelnen nat\u00fcrlich viel gr\u00f6\u00dfer ist, als in einem urbaneren Umfeld wie in T\u00fcbingen oder Reutlingen.\u201c<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Was Stadt und Land eint, ist hingegen die Tatsache, dass die finanziellen Mittel f\u00fcr die Aidshilfe aus den \u00f6ffentlichen Haushalten vielerorts zur\u00fcckgefahren werden. \u201eWir machen unsere Arbeit und setzen hierf\u00fcr die Mittel ein, die uns zur Verf\u00fcgung stehen,\u201c so Str\u00f6bele. \u201eWenn tats\u00e4chlich gek\u00fcrzt werden sollte, m\u00fcssen wir unsere Angebote entsprechend einschr\u00e4nken.\u201c Eine Arbeit, die gleichwohl nicht weniger wird, auch wenn das die Wunschvorstellung von Melanie Eisele und Brigitte Str\u00f6bele w\u00e4re. \u201eDer beste Fall w\u00e4re doch, dass sich unser Verein aufl\u00f6sen k\u00f6nnte, weil es f\u00fcr uns nichts mehr zu tun gibt.\u201c Dass dies eine Utopie bleiben wird, ist allen Beteiligten aber auch klar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Patient hat einen Termin f\u00fcr eine Zahn-OP. 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