{"id":378347,"date":"2026-09-06T08:11:29","date_gmt":"2026-09-06T08:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/378347\/"},"modified":"2026-09-06T08:11:29","modified_gmt":"2026-09-06T08:11:29","slug":"menschen-mit-adhs-entwickeln-messbar-mehr-kreative-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/378347\/","title":{"rendered":"Menschen mit ADHS entwickeln messbar mehr kreative Ideen"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tAnderes Denken<\/p>\n<p class=\"timeinfo\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\u00a006. September 2026  09:57<br \/>\n\t\t\t\t\t\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/autor\/Dennis-Lenz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dennis Lenz<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/menschen-mit-adhs-entwickeln-messbar-mehr-kreative-ideen.jpg\"   alt=\"Menschen mit ADHS entwickeln messbar mehr kreative Ideen\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild) Rund acht Prozent aller Kinder weltweit sind von ADHS betroffen, und die Diagnose wird meist ausschlie\u00dflich \u00fcber ihre Defizite beschrieben. Eine im Fachjournal iScience erschienene Arbeit der Neurowissenschaftlerin Radwa Khalil von der Constructor University in Bremen zeichnet ein anderes Bild: Dieselben Aufmerksamkeitsmuster, die den Alltag erschweren, beg\u00fcnstigen demnach das Erkunden ungew\u00f6hnlicher Ideenverbindungen. Kreative T\u00e4tigkeiten wie Kunst, Musik und Tanz k\u00f6nnten dieses Potenzial gezielt nutzbar machen.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>ADHS gilt im Alltag vor allem als Belastung: Konzentration f\u00e4llt schwer, Impulse lassen sich kaum bremsen, Routineaufgaben werden zur Geduldsprobe. Zugleich finden sich die typischen Merkmale auff\u00e4llig oft bei erfolgreichen K\u00fcnstlern, Musikern und Erfindern. Eine im Fachjournal iScience erschienene Arbeit unter Leitung der Neurowissenschaftlerin Radwa Khalil von der Constructor University in Bremen l\u00f6st diesen scheinbaren Widerspruch auf und zeigt, warum genau die zerstreute Aufmerksamkeit von Menschen mit ADHS messbar mehr neuartige Ideen hervorbringt.<\/p>\n<p>Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung, kurz ADHS, z\u00e4hlt zu den h\u00e4ufigsten neurologischen Entwicklungsbesonderheiten \u00fcberhaupt. Sch\u00e4tzungen zufolge sind weltweit rund acht Prozent aller Kinder betroffen, und bei vielen bleiben die Merkmale bis ins Erwachsenenalter bestehen. Typisch sind Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit \u00fcber l\u00e4ngere Zeit auf eine einzelne Aufgabe zu richten, dazu kommen h\u00e4ufig Impulsivit\u00e4t und ein starker Bewegungsdrang. In Schule, Studium und Beruf, wo anhaltende Konzentration st\u00e4ndig gefordert wird, f\u00fchrt das zu handfesten Nachteilen, weshalb Diagnostik und Behandlung traditionell fast ausschlie\u00dflich auf die Defizite blicken. Genau diese einseitige Sichtweise stellt die Forschung zunehmend infrage, denn dieselbe Diagnose findet sich auch in den Biografien au\u00dfergew\u00f6hnlich erfolgreicher Kreativer, als Beispiele nennt die beteiligte Hochschule etwa den Musiker Justin Timberlake und die Turnerin Simone Biles.<\/p>\n<p>Khalil und ihre Koautoren, darunter Forscher mehrerer franz\u00f6sischer Einrichtungen, haben f\u00fcr ihre Arbeit den Stand der Neurowissenschaft zu Aufmerksamkeit und Kreativit\u00e4t systematisch zusammengef\u00fchrt. Ihr zentrales Bild ist das eines Scheinwerfers: Die meisten Menschen k\u00f6nnen den Lichtkegel ihrer Aufmerksamkeit eng auf eine Sache b\u00fcndeln. Bei ADHS ist der Scheinwerfer dagegen deutlich weiter aufgezogen, das Gehirn nimmt mehr Informationen gleichzeitig auf. F\u00fcr Routineaufgaben, die einen engen Fokus verlangen, ist das hinderlich. F\u00fcr kreatives Denken kehrt sich der Nachteil jedoch um, denn der breite Blick erleichtert das Erkunden entfernter Ideen und das Kn\u00fcpfen unerwarteter Verbindungen, aus denen originelle Einf\u00e4lle entstehen. Fachleute sprechen von defokussierter Aufmerksamkeit und frei assoziierendem Denken.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tWas ADHS und Kreativit\u00e4t im Gehirn verbindet<\/p>\n<p>Auf neuronaler Ebene \u00fcberlappen sich die Netzwerke f\u00fcr Aufmerksamkeitssteuerung und f\u00fcr sch\u00f6pferisches Denken erheblich, wie die im Journal <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.isci.2026.115387\" title=\"iScience-Studie zur Verbindung von Aufmerksamkeit, ADHS und kreativem Denken im Gehirn\">iScience<\/a> ver\u00f6ffentlichte Analyse im Detail nachzeichnet. Kreativit\u00e4t entsteht demnach aus einem Wechselspiel zweier Modi: einem ausschweifenden, assoziativen Denken, das viele Rohideen erzeugt, und einem kontrollierten, bewertenden Denken, das die brauchbaren darunter erkennt und ausarbeitet. Menschen mit ADHS verbringen von Natur aus mehr Zeit im ersten Modus, ihr Gedankenstrom springt leichter zwischen Themen und aktiviert dabei auch weit entfernte Ged\u00e4chtnisinhalte. Eine gro\u00dfe Vorg\u00e4ngeruntersuchung mit rund 750 Teilnehmern hatte diesen Zusammenhang bereits empirisch gest\u00fctzt und das spontane Gedankenwandern als Bindeglied zwischen ADHS-Merkmalen und Kreativit\u00e4t identifiziert.<\/p>\n<p>Mehr neuartige Ideen und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die besten<\/p>\n<p>Auch in Leistungstests wird der Effekt sichtbar. In Untersuchungen mit Gestaltungsaufgaben erzeugten Teilnehmer mit ADHS mehr neuartige Ideen als Vergleichsgruppen, auch wenn nicht jeder Einfall den Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4ben gen\u00fcgte. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund: Dieselben Personen erwiesen sich als \u00fcberdurchschnittlich gut darin, aus der eigenen Ideenflut genau jene Vorschl\u00e4ge auszuw\u00e4hlen, die sowohl originell als auch brauchbar waren. Das Bild des chaotischen Kopfes, der nur Unfertiges produziert, greift damit zu kurz. Zutreffender erscheint das Bild eines Ideengenerators mit hoher Schlagzahl, der von einem funktionierenden inneren Auswahlprozess begleitet wird. Voraussetzung ist allerdings, dass die weit gestreute Aufmerksamkeit in produktive Bahnen gelenkt wird, und genau an diesem Punkt setzt der Vorschlag der Autoren an.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tKunst, Musik und Tanz als m\u00f6gliche Therapie<\/p>\n<p>Khalil und ihr Team sehen in kreativen T\u00e4tigkeiten ein bislang untersch\u00e4tztes Werkzeug f\u00fcr den Umgang mit ADHS. Malen, Musizieren, Tanzen, Schreiben oder auch das Gestalten von Spielen geben dem breiten Aufmerksamkeitsscheinwerfer einen strukturierten Rahmen: Die Gedanken d\u00fcrfen ausschweifen, m\u00fcssen aber immer wieder zum Werk zur\u00fcckkehren, was zugleich die Hirnsysteme f\u00fcr Fokus und Selbstkontrolle trainiert. Solche Ans\u00e4tze k\u00f6nnten Medikamente nicht ersetzen, aber als nichtmedikament\u00f6se Erg\u00e4nzung dienen, wie die Constructor University in einer begleitenden <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/constructor.university\/news\/attention-unleashed-how-creative-therapy-may-help-rewire-adhd-brain\" title=\"Mitteilung der Constructor University Bremen zu ADHS, Kreativit\u00e4t und kreativer Therapie\">Mitteilung<\/a> erl\u00e4utert. Gerade f\u00fcr Kinder, bei denen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Medikamenten besonders sorgf\u00e4ltig abgewogen werden m\u00fcssen, w\u00e4re das ein bedeutsamer Zugewinn an Behandlungsoptionen.<\/p>\n<p>Warum die Forschung jetzt umdenken will<\/p>\n<p>Damit aus der Idee belastbare Therapie wird, fordern die Autoren einen systematischen Forschungsrahmen. N\u00f6tig seien L\u00e4ngsschnittstudien, die Betroffene \u00fcber Jahre begleiten, einheitliche Messverfahren f\u00fcr Kreativit\u00e4t sowie eine enge Zusammenarbeit von Neurowissenschaftlern, Kunsttherapeuten und Klinikern, die bislang weitgehend nebeneinanderher arbeiten. Die Botschaft der Arbeit reicht dabei \u00fcber die Behandlung hinaus, denn sie ver\u00e4ndert den Blick auf die Diagnose selbst. Wer bei ADHS ausschlie\u00dflich fragt, was fehlt und repariert werden muss, \u00fcbersieht nach Einsch\u00e4tzung von Khalil die andere Seite derselben neurologischen M\u00fcnze. Ein Gehirn, das die Welt mit weitem Scheinwerfer abtastet, zahlt im Alltag einen Preis, bringt aber genau die Denkweise mit, aus der neue Ideen entstehen. F\u00fcr Millionen Betroffene und ihre Familien ist das mehr als ein Trost, es ist eine wissenschaftlich begr\u00fcndete Aufwertung.<\/p>\n<p>iScience, Attention unleashed: Creative therapy for thoughtful transformation; doi:10.1016\/j.isci.2026.115387<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anderes Denken \u00a006. 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