{"id":379491,"date":"2026-09-06T22:55:16","date_gmt":"2026-09-06T22:55:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/379491\/"},"modified":"2026-09-06T22:55:16","modified_gmt":"2026-09-06T22:55:16","slug":"zum-beginn-des-neuen-schuljahrs-darf-man-sich-was-wuenschen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/379491\/","title":{"rendered":"Zum Beginn des neuen Schuljahrs darf man sich was w\u00fcnschen \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Erstens w\u00fcnsche ich mir: Mehr Fokus aufs Wesentliche. Die Schule wird zugesch\u00fcttet von Anspr\u00fcchen. Mit jeder technologischen Neuerung und jedem gesellschaftlichen Trend kommen neue hinzu. Ich hingegen f\u00e4nde es schon gro\u00dfartig, wenn alle 15-J\u00e4hrigen nach Ende der Schulpflicht die Grundfertigkeiten f\u00fcrs Leben beherrschen: Lesen, Schreiben, Basics auf Englisch, Schluss- und Prozentrechnung, Basiswissen \u00fcber \u00d6sterreich und unsere Demokratie. Plus: zuh\u00f6ren k\u00f6nnen, Fragen stellen, Argumente formulieren, h\u00f6flich sein. Wenn jeder junge Mensch in neun Jahren Schule ein Thema findet, das ihn brennend interessiert, ist schon viel erreicht.<\/p>\n<p>Zweitens: Befreit uns aus dem Stundenkorsett! Wer kam auf die Idee, Lehrkr\u00e4fte im 50-Minuten-Takt von einer Klasse in die n\u00e4chste zu hetzen? Wer meint tats\u00e4chlich, dass Kinder am besten lernen, wenn man alle 50 Minuten abrupt das Thema wechselt? Die 50-Minuten-Stunde steht in keinem Gesetz. Dennoch h\u00e4lt sie sich eisern im Schulalltag \u2013 weil Stundenplansoftware, Lohnverrechnung und Gewohnheit kaum etwas anderes zulassen. Wer traut sich, das endlich aufzubrechen?<\/p>\n<p>Drittens: Befreit die Kinder aus dem Klassenkorsett! Es ist eigentlich eine Zumutung: den ganzen Tag in einem Raum sitzen, unterbrochen von ein paar Sport- oder Freizeitstunden, mit stets denselben Kindern, oft jahrelang festgezurrt in der immer gleichen Gruppendynamik. Nur etwa die H\u00e4lfte der Kinder kommt gut damit zurecht. Die andere H\u00e4lfte leidet, jedes auf seine Art. Manchen ist es permanent zu laut, andere wissen nicht, wohin mit ihrem Bewegungsdrang. Die einen st\u00f6ren, andere klinken sich innerlich aus. Der einzige Fluchtweg ist der Gang aufs Klo. Ich bin fest \u00fcberzeugt, dass das besser geht \u2013 mit selbst gew\u00e4hlten Lernorten, R\u00fcckzugsr\u00e4umen, Time-out-Klassen. <\/p>\n<p>Viertens: H\u00f6rt endlich auf mit der AHS-Fixierung! In den Medien sind Gymnasium und AHS-Matura stets das Ma\u00df aller Dinge. Vermutlich liegt das an den pers\u00f6nlichen Biografien der Medienmenschen und den aktuellen Problemen ihrer Kinder. Dabei vergisst man: Die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen in \u00d6sterreich geht andere Bildungswege. Sie besucht berufsbildende Schulen, hat eine Lehre gemacht, lernt on the Job, findet manchmal \u00fcber Abendschule oder Berufsreifepr\u00fcfung Wege zu einem h\u00f6heren Abschluss. Die AHS-Fixierung erzeugt Stress, macht viele Familien ungl\u00fccklich, verstellt den Blick f\u00fcr sinnvolle Alternativen und verhindert manchmal sogar, dass Jugendliche jenen Beruf finden, der sie gl\u00fccklich machen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p class=\"u-ltp-xl\">         \u00bbBitte mehr Fokus aufs Wesentliche, Schluss mit der AHS-Fixierung und dem starren 50-Minuten-Unterricht!\u00ab     <\/p>\n<p>Parallel dazu w\u00fcnsche ich mir, f\u00fcnftens, ein Ende der voyeuristischen Gruselreportagen aus sogenannten Brennpunktschulen. Ja, es gibt Probleme, die man beschreiben und klar benennen soll. In \u00f6ffentlichen st\u00e4dtischen Pflichtschulen sind manche \u2013 nicht alle! \u2013 Probleme etwas anders gelagert als in Gymnasien am Land. Aber wir sind kein Zoo. \u201eUnsere\u201c Kinder sind einfach nur Kinder, in all ihrer Unterschiedlichkeit.<\/p>\n<p>Sechstens w\u00fcnsche ich mir eine Personalvertretung, die tats\u00e4chlich meine Interessen vertritt. Die sinnvolle Reformen unterst\u00fctzt (auch wenn sie ein bisschen Mehrarbeit bringen), die Modernisierung der Schule mitgestaltet, den Leistungstr\u00e4gern den R\u00fccken st\u00e4rkt. Leider tut die aktuelle Personalvertretung meistens das Gegenteil.<\/p>\n<p>Weiters w\u00fcnsche ich mir: einen Dienstvertrag. Sie d\u00fcrfen mich gern fragen, wie viel ich als Lehrerin verdiene. Ich w\u00fcrde auch gern antworten. Blo\u00df: Ich wei\u00df es nicht. Denn zu Beginn meines zweiten Schuljahrs bin ich immer noch nicht eingestuft. Mein Arbeitgeber, die Wiener Bildungsdirektion, br\u00fctet seit 16\u00a0Monaten \u00fcber meinen Unterlagen. Das sei v\u00f6llig normal, versichern Kolleginnen. Das k\u00f6nne Jahre dauern. Ob sich der Umstieg in den Lehrerberuf also auszahlt \u2013 und ob er sich finanziell \u00fcberhaupt ausginge, falls Sie eine gro\u00dfe Familie zu ern\u00e4hren haben\u00a0\u2013, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bekomme derweil das Mindestgehalt und hoffe, dass ich noch lebe, wenn die Nachzahlung kommt.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend w\u00fcnsche ich mir noch: Repariert bitte endlich unsere L\u00fcftung, die seit zwei Jahren kaputt ist. Der n\u00e4chste hei\u00dfe Sommer kommt bestimmt.<\/p>\n<p>Zur Autorin: Sibylle Hamann war 25 Jahre lang Reporterin (u. a. f\u00fcr \u201eKurier\u201c, \u201eProfil\u201c, \u201eFalter\u201c), Kolumnistin f\u00fcr die \u201ePresse\u201c, Buchautorin. Von 2019 bis 2024 war sie Nationalratsabgeordnete und Bildungssprecherin der Gr\u00fcnen. Heute ist sie Lehrerin an einer Wiener Mittelschule.<\/p>\n<p>Hinweis: Kolumnen von externen Autorinnen und Autoren m\u00fcssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/meinung\/quergeschrieben\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">\u2192 Mehr \u201eQuergeschrieben\u201c<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Erstens w\u00fcnsche ich mir: Mehr Fokus aufs Wesentliche. Die Schule wird zugesch\u00fcttet von Anspr\u00fcchen. 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