{"id":463,"date":"2026-02-19T12:58:11","date_gmt":"2026-02-19T12:58:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/463\/"},"modified":"2026-02-19T12:58:11","modified_gmt":"2026-02-19T12:58:11","slug":"kosmischer-gluecksfall-koennte-raetsel-um-expansionsrate-loesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/463\/","title":{"rendered":"Kosmischer Gl\u00fccksfall k\u00f6nnte R\u00e4tsel um Expansionsrate l\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>Das Universum dehnt sich aus \u2013 aber wie schnell? Auf diese Frage gibt es bisher widerspr\u00fcchliche Antworten. Ein kosmischer Gl\u00fccksfall k\u00f6nnte jedoch dazu beitragen, diese Widerspr\u00fcche zu kl\u00e4ren. Denn Astronomen haben einen besonderen Messhelfer entdeckt: eine der seltenen superleuchtstarken Supernovae, die die direkt hinter einer Gravitationslinse steht. Zwei Vordergrundgalaxien verst\u00e4rken und verzerren dabei durch ihre Masse das Licht der rund zehn Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie. Anhand der dabei entstehenden Mehrfachbilder und ihrer Merkmale k\u00f6nnen Astronomen die Expansionsgeschwindigkeit des Kosmos messen. Damit verf\u00fcgen sie \u00fcber eine von bisherigen Verfahren unabh\u00e4ngige Methode, um diesen strittigen Wert genauer zu bestimmen.<\/p>\n<p>Dass sich das Universum ausdehnt, ist seit fast hundert Jahren bekannt. Das Tempo dieser Expansion und der genaue Wert der Hubble-Konstante H0, die dieses Verhalten beschreibt, sind jedoch strittig. Denn je nach gew\u00e4hlter Messmethode ergeben die Messungen abweichende Werte. Der erste Messansatz beruht auf der komischen Hintergrundstrahlung, einem Relikt der Strahlung, die rund 380.000 Jahre nach dem Urknall erstmals frei wurde. Dieser schwache Mikrowellenhintergrund ist \u00fcberall im Kosmos pr\u00e4sent. Er enth\u00e4lt Merkmale, aus denen man auf Basis theoretischer Modelle der kosmischen Entwicklung die Expansionsgeschwindigkeit ableiten kann. Diese auf dem kosmologischen Standardmodell beruhenden Messungen kommen f\u00fcr die Hubble-Konstante auf Werte von rund 67 Kilometer pro Sekunde pro Megaparsec. Der zweite Ansatz nutzt die Entfernungen und Rotverschiebung von kosmischen Objekten wie Supernovae, ver\u00e4nderlichen Sternen oder Roten Riesen, um diesen Wert zu bestimmen. Diese Messungen ergaben Hubble-Konstanten von im Mittel 73 Kilometer pro Sekunde pro Megaparsec \u2013 und damit einen deutlich h\u00f6heren Wert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wissenschaft.de\/wp-content\/uploads\/2\/6\/26-02-19-supernova2.jpg\" rel=\"attachment wp-att-341028 nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-341028\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26-02-19-supernova2-300x200.jpg\" alt=\"Large Binocular Telescope \" width=\"300\" height=\"200\"  \/><\/a>Das Large Binocular Telescope in Arizona lieferte genauere Aufnahmen und Daten zu den als Gravitationslinse wirkenden Vordergrundgalaxien. \u00a9 Christoph Saulder \/ Max-Planck-Institut f\u00fcr extraterrestrische Physik<br \/>\nUnabh\u00e4ngige Messmethode gesucht<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diese sogenannte Hubble-Spannung ist bisher unbekannt, ebenso, welcher Wert der korrekte ist. Im Extremfall k\u00f6nnte dies jedoch bedeuten, dass das kosmologische Standardmodell falsch ist und damit auch die Grundannahmen zu Struktur und Entwicklung des Universums. Entsprechend wichtig w\u00e4re es, eine Messmethode zu finden, die unabh\u00e4ngig von den beiden existierenden Ans\u00e4tzen funktioniert. Einen Ansatz daf\u00fcr k\u00f6nnten Supernovae bieten, die in direkter Linie hinter einem massereichen Vordergrundobjekt stehen. Dieses Vordergrundobjekt wirkt dann wie eine Gravitationslinse, die die Raumzeit kr\u00fcmmt. Dadurch wird das Licht der fernen Supernova auf spezielle Weise gebeugt, die Strahlen legen unterschiedlich lange Wege zum Beobachter zur\u00fcck. Als Folge erscheint das Abbild der Supernova verzerrt und in mehreren, ein winziges bisschen zeitversetzten Kopien. Aus den Zeitverz\u00f6gerungen zwischen den einzelnen Bildern k\u00f6nnen Astronomen dann die Expansionsrate des Universums bestimmen. \u201eIm Gegensatz zur kosmischen Entfernungsleiter ist dies eine Messung in einem Schritt mit weniger und v\u00f6llig anderen Quellen systematischer Unsicherheiten\u201c, erkl\u00e4rt Erstautor Stefan Taubenberger von der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Das Problem jedoch: Solche kosmischen Gl\u00fccksf\u00e4lle sind extrem selten. Bisher sind weniger als zehn solcher stark gelinsten Supernovae bekannt. Deshalb haben die Astronomen nun noch einmal gezielt Durchmusterungsdaten nach solchen Ereignissen durchsucht. \u201eWir haben sechs Jahre damit verbracht, eine Liste vielversprechender Gravitationslinsen zusammenzustellen und dort nach einem solchen Ereignis zu suchen\u201c, sagt Taubenbergers Kollegin Sherry Suyu. Im August 2025 wurde der Aufwand belohnt \u2013 die Astronomen wurden f\u00fcndig. Die Zwicky Transient Facility (ZTF) in Kalifornien detektierte am 27. August 2025 das helle Aufleuchten einer Supernova. Diese SN 2025wny getaufte Sternexplosion ereignete sich in rund zehn Milliarden Lichtjahren Entfernung und geh\u00f6rte zur Klasse der superleuchtkr\u00e4ftigen Supernovae. Diese setzen besonders viel Strahlung frei, sind aber selten. Die Aufnahmen zeigten zudem, dass das Abbild dieser Supernova gleich f\u00fcnfmal erscheint, weil sie hinter einer Gravitationslinse steht.<\/p>\n<p>\u201eChance von eins zu einer Million\u201c<\/p>\n<p>Damit ist diese Entdeckung ein echter Gl\u00fcckstreffer der Astronomie: \u201eDie Wahrscheinlichkeit, eine superleuchtkr\u00e4ftige Supernova zu finden, die sich genau hinter einer Gravitationslinse befindet, liegt unter eins zu einer Million\u201c, erl\u00e4utert Suyu. \u201eEs ist ein extrem seltenes Ereignis, das f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis des Kosmos eine Schl\u00fcsselrolle spielen k\u00f6nnte.\u201c Die Astronomen gaben dieser gelinsten Supernova den Spitznamen SN Winny \u2013 in Anlehnung an ihre offizielle Bezeichnung SN 2025wny. N\u00e4here Analysen der Aufnahmen enth\u00fcllten, dass SN Winny noch in einer zweiten Hinsicht besonders ist: \u201eWenn wir bisher Supernovae durch Gravitationslinsen gesehen haben, waren die Linsen zumeist massive Galaxienhaufen, deren Massenverteilungen komplex und schwer zu modellieren sind\u201c, erkl\u00e4rt Co-Autor Allan Schweinfurth von der TU M\u00fcnchen. Doch als das Team die gelinsten Abbilder der SN Winny mithilfe des Large Binocular Telescope in Arizona genauer untersuchte, zeigte sich etwas anderes: Zu sehen sind f\u00fcnf bl\u00e4uliche Abbilder der Supernova sowie zwei weitere helle Lichtflecke im Zentrum des Ensembles.<\/p>\n<p>Die Astronomen schlie\u00dfen daraus, dass die Gravitationslinse in diesem Fall nur aus zwei einzelnen Vordergrundgalaxien besteht. \u201eWir finden insgesamt sehr glatte und regelm\u00e4\u00dfige Licht- und Massenverteilungen, was darauf hindeutet, dass diese Galaxien trotz ihrer scheinbaren N\u00e4he zueinander bislang nicht miteinander kollidiert sind\u201c, berichtet Schweinfurth. Damit bietet SN Winny die Chance, die verzerrenden Massen und Massenverteilung weit pr\u00e4ziser zu kartieren und zu messen als bei komplexeren Gravitationslinsen der Fall. \u201eDiese relative Einfachheit des Systems bietet eine hervorragende Gelegenheit, die Expansionsrate des Universums besonders pr\u00e4zise zu messen\u201c, so Schweinfurth weiter. Die seltene Kombination von superleuchtkr\u00e4ftiger Supernova und einfacher, aus gut aufl\u00f6sbaren Vordergrundgalaxien bestehender Gravitationslinse hat das Potenzial, einen von bisherigen Verfahren unabh\u00e4ngigen und dennoch pr\u00e4zisen Wert f\u00fcr die Hubble-Konstante zu ermitteln. \u201eMit der Entdeckung dieser ersten gelinsten und f\u00fcr die Kosmografie geeigneten Supernova treten wir in eine neue und aufregende \u00c4ra ein\u201c, schreiben die Astronomen. Wenn noch ein paar mehr solcher Ereignisse gefunden werden, k\u00f6nnte dies schon reichen, um die Expansionsrate des Kosmos mit weniger als einem Prozent Messunsicherheit zu bestimmen.<\/p>\n<p>Quelle: Stefan Taubenberger (Technische Universit\u00e4t M\u00fcnchen) et al., Astronomy &amp; Astrophysics accepted, Preprint <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2510.21694\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">doi: 10.48550\/arXiv.2510.21694<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-meta meta-small\"> \u00a9 wissenschaft.de &#8211; Nadja Podbregar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Universum dehnt sich aus \u2013 aber wie schnell? Auf diese Frage gibt es bisher widerspr\u00fcchliche Antworten. 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