{"id":4985,"date":"2026-02-21T12:45:07","date_gmt":"2026-02-21T12:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/4985\/"},"modified":"2026-02-21T12:45:07","modified_gmt":"2026-02-21T12:45:07","slug":"zwischen-potenzial-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/4985\/","title":{"rendered":"Zwischen Potenzial und Praxis"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcnstliche Intelligenz bietet der Industrie gro\u00dfe Chancen \u2013 doch oft scheitert es an der Umsetzung. Warum viele Betriebe vorhandene Technologien kaum nutzen, wie \u00c4ngste Ver\u00e4nderungen bremsen und was es braucht, um wettbewerbsf\u00e4hig zu bleiben, erkl\u00e4rt Benjamin Massow.<\/p>\n<p>Herr Massow, am Zentrum f\u00fcr Produktion, Robotik und Automatisierung am MCI besch\u00e4ftigen Sie sich intensiv mit der Frage, wo Automatisierung und KI in Betrieben sinnvoll eingesetzt werden k\u00f6nnen. Wie gehen Sie dabei grunds\u00e4tzlich vor?<\/p>\n<p>Benjamin Massow: Am Anfang steht immer ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis der betrieblichen Realit\u00e4t. Wir analysieren Abl\u00e4ufe sehr detailliert und pr\u00fcfen, an welchen Stellen Zeit, Ressourcen oder Qualit\u00e4t verloren gehen. Darauf aufbauend schauen wir, welche bestehenden L\u00f6sungen \u2013 sei es Digitalisierung, Teilautomatisierung oder punktueller KI-Einsatz \u2013 tats\u00e4chlich einen Mehrwert bringen k\u00f6nnen. Entscheidend ist dabei, nichts \u201e\u00fcberzust\u00fclpen\u201c, sondern ma\u00dfgeschneiderte Konzepte zu entwickeln, die zur jeweiligen Organisation passen.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft oft, in Tirol passiere alles zehn Jahre sp\u00e4ter. Gilt das auch f\u00fcr den Einsatz von KI in Industriebetrieben?<\/p>\n<p>Teilweise \u2013 das hat viel mit den jeweiligen Rahmenbedingungen zu tun. In Tirol gibt es durchaus viele Unternehmen, die sehr innovativ arbeiten. Der Unterschied liegt meist weniger in der Offenheit gegen\u00fcber neuen Technologien als in den verf\u00fcgbaren Ressourcen. Gerade kleinere und mittlere Betriebe, die hier stark vertreten sind, haben selten eigene Innovationsabteilungen. Im laufenden Tagesgesch\u00e4ft fehlt dann oft schlicht die Zeit, sich intensiv und strukturiert mit neuen M\u00f6glichkeiten zu besch\u00e4ftigen und diese in Unternehmensprozesse zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>Kann der Einsatz von KI dazu beitragen, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der heimischen Industrie langfristig zu sichern?<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ja \u2013 allerdings nicht von selbst. K\u00fcnstliche Intelligenz er\u00f6ffnet gro\u00dfe Potenziale, etwa bei Effizienz, Qualit\u00e4t oder Flexibilit\u00e4t. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass diese M\u00f6glichkeiten allen offenstehen. Auch internationale Mitbewerber nutzen sie. Wer zu lange wartet, ger\u00e4t ins Hintertreffen. Leider waren in Europa Entscheidungsprozesse in der Vergangenheit oft zu tr\u00e4ge. K\u00fcnftig wird es notwendig sein, schneller zu handeln, Dinge zu testen und auch Fehlschl\u00e4ge in Kauf zu nehmen. Wenn ein Gro\u00dfteil der Projekte erfolgreich ist, ist bereits viel gewonnen.<\/p>\n<p>Wo sehen Sie die entscheidenden Hebel f\u00fcr die kommenden Jahre?<\/p>\n<p>Meiner Ansicht nach braucht es weniger Fixierung auf immer neue, hochkomplexe Entwicklungen. Viel wichtiger ist es, vorhandene L\u00f6sungen endlich konsequent anzuwenden. Die L\u00fccke zwischen dem, was technisch l\u00e4ngst machbar w\u00e4re, und dem, was tats\u00e4chlich umgesetzt wird, ist enorm. W\u00fcrde man den aktuellen Stand einfach nutzen, h\u00e4tten wir f\u00fcr viele Jahre genug Potenzial. Der Fokus sollte daher auf Analyse, Begleitung und Realisierung liegen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Benjamin_Massow_MCI.jpeg\" alt=\"Benjamin_Massow_MCI.jpeg\" width=\"900\" height=\"600\"\/><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man die Kluft zwischen Potenzial und Umsetzung verringern?<\/p>\n<p>Der erste Schritt ist Orientierung. Betriebe m\u00fcssen nachvollziehen k\u00f6nnen, welche M\u00f6glichkeiten es \u00fcberhaupt gibt \u2013 und zwar praxisnah sowie auf ihren jeweiligen Bereich zugeschnitten. Allgemeine Diskussionen \u00fcber KI helfen wenig, wenn nicht klar ist, was das f\u00fcr Logistik, Fertigung oder Montage bedeutet.<br \/>Darauf folgt eine detaillierte und systematische Betrachtung der eigenen Abl\u00e4ufe: Wo entstehen Verz\u00f6gerungen, wo binden Routinen unn\u00f6tig Personal? F\u00fcr diese Phase braucht es oft externe Unterst\u00fctzung. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssen intern Freir\u00e4ume geschaffen werden, etwa durch entsprechende Innovationsprojekte, in denen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg an diesen Themen gearbeitet wird. In diese Projekte sollten alle betroffenen Abteilungen eingebunden sein.<\/p>\n<p>Ein sensibles Thema ist die Angst vor Jobverlust. M\u00fcssen Besch\u00e4ftigte angesichts zunehmender KI-Anwendungen tats\u00e4chlich um ihre Zukunft bangen?<\/p>\n<p>Diese Diskussion gab es bereits vor rund 20 Jahren, als die klassische Automatisierung aufkam. Heute erleben wir ein \u00e4hnliches Muster \u2013 nur unter einem neuen Schlagwort. Gerade in Produktionsbetrieben ist die Skepsis oft gro\u00df. Begriffe wie \u201eDark Factories\u201c haben \u00fcber Jahre hinweg das Bild gepr\u00e4gt, dass technologische Entwicklungen Menschen verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Problematisch wird es dann, wenn genau diese Sorge Ver\u00e4nderungen in den Betrieben ausbremst. Wir haben mehrfach erlebt, dass Mitarbeitende nicht alle Arbeitsschritte offenlegen, aus Angst, durch eine Maschine ersetzt zu werden. Dabei kann man hier klar Entwarnung geben: Die Praxis zeigt, dass neue Technologien vor allem ungeliebte, monotone T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen. Menschen bleiben ein zentraler Bestandteil \u2013 \u00fcbernehmen aber andere, sinnvollere und wichtigere Aufgaben.<\/p>\n<p>Wie sollten Unternehmen unsicheren MitarbeiterInnen begegnen?<\/p>\n<p>Entscheidend ist, die Betroffenen fr\u00fch mitzunehmen und offen zu kommunizieren, was geplant ist und warum. Die zentrale Botschaft sollte dabei immer lauten: Es geht um Entlastung, nicht um Ersatz. Unternehmen, die das ernst nehmen, sprechen Sorgen offen an und investieren gezielt in Weiterbildung.<\/p>\n<p>Akzeptanz entsteht vor allem dann, wenn Mitarbeitende eine klare Perspektive erkennen und aktiv in den Prozess eingebunden sind. KI- und Automatisierungsprojekte sind daher immer auch Ver\u00e4nderungsprozesse \u2013 und sollten genauso bewusst und professionell begleitet werden.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen, wo gerade die Implementierung einer KI im Gange ist?<\/p>\n<p>Seit rund einem Jahr arbeiten wir mit dem Gartenger\u00e4te-Hersteller STIHL Tirol aus Langkampfen an mehreren Anwendungsf\u00e4llen. Wir sind bereits an dem Punkt, an dem wir sagen k\u00f6nnen: Die Konzepte funktionieren und m\u00fcssen jetzt in professionelle L\u00f6sungen \u00fcberf\u00fchrt werden. Aktuell geht es vor allem darum, die L\u00f6sungen sauber in die bestehende IT-Landschaft zu integrieren.<\/p>\n<p>Ein Beispiel sind Montagelinien, an deren Ende Pr\u00fcfstationen stehen. Dort wird kontrolliert, ob technische Parameter oder die visuelle Qualit\u00e4t der Produkte passen. Diese Daten werden ausgewertet, um automatisch Hinweise zu geben, wenn etwas aus dem Toleranzbereich l\u00e4uft. Zust\u00e4ndige Mitarbeitende bekommen dann konkrete Handlungsempfehlungen, etwa den Hinweis, einen Prozess nachzujustieren oder eine Ursache genauer zu pr\u00fcfen. So m\u00fcssen Mitarbeitende weniger manuell suchen, klicken oder vergleichen und gewinnen dadurch Zeit \u2013 etwa f\u00fcr strategische Entscheidungen oder komplexere Fragestellungen, f\u00fcr die im Alltag oft kein Raum bleibt. Schon zehn oder zwanzig Minuten Zeitersparnis pro Tag machen einen gro\u00dfen Unterschied. Zudem sinkt die Fehleranf\u00e4lligkeit, weil das System kontinuierlich alle relevanten Parameter \u00fcberwacht.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zur Person: <\/p>\n<p>Benjamin Massow ist ausgebildeter Industriemechatroniker und studierter Mechatronikingenieur. Am MCI leitet er das Zentrum f\u00fcr Produktion, Robotik und Automatisierung, wo er praxisnahe Forschung, industrielle Anwendungen und den Wissenstransfer zwischen Hochschule und Wirtschaft verantwortet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"K\u00fcnstliche Intelligenz bietet der Industrie gro\u00dfe Chancen \u2013 doch oft scheitert es an der Umsetzung. 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